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Vor drei Jahren führte ich dieses Gespräch, nachdem ich meiner Hausärztin von meiner damaligen Agoraphobie mit Panikattacken erzählt hatte:

“Ich verschreibe Ihnen ein Antidepressivum”, sagte meine Hausärztin. “Aber ich möchte keine Antidepressiva nehmen”, antwortete ich. “Ich verschreibe Ihnen welche, die nur ganz leicht wirken.” Meine Hausärztin blieb am Ball. Sie wollte unbedingt, dass ich Tabletten gegen Angst nehme. “Antidepressiva absetzen ist nie leicht. Bitte, ich…” Sie unterbrach mich. Ihre Meinung stand fest. Angst, Panikattacken und jede Lebenssituation, die für sie nach Depression roch, konnte und durfte in ihren Augen nur mit Medikamenten behandelt werden. Beim Stichwort Selbstwirksamkeit und Zuversicht in Verbindung mit Angststörungen hatte sie keine gute Meinung. “Ich verschreibe Sie Ihnen trotzdem erst einmal. Sie können ja statt der empfohlenen zwei Tabletten pro Tag nur abends eine halbe nehmen. Das macht schön schäfrig.”

Ich schätzte sie bis zu dem Zeitpunkt für ihre Fähigkeit, jede Krankheit sofort richtig behandeln zu können. Nur in diesem Moment schrie alles gegen ihre Einschätzung. Ich holte mir die Tabletten zwar, aber rief danach gleich meine Psychologin an. Sie warnte mich und bat mich gleichzeitig, sie nicht einzunehmen: “Wenn Sie die Tabletten nehmen, werde ich kaum noch merken können, ob in Ihnen wirklich ein heilender Wandel stattgefunden hat. Ich werde nicht mehr unterscheiden können, ob es Ihre Symptome sind oder die Ursachen Ihrer Symptome, die sich gemindert haben”, klagte sie. Auch sie war der Überzeugung, dass mein “Störung”sbild allein mit meiner geballten Willenskraft und Zuversicht bald wieder bereinigt sein würde, wenn ich endlich einmal einige Brücken in meinem Leben abbrach. Ich probierte die Tabletten aus, nahm für genau zwei Tage abends je eine halbe Tablette Opipramol. Dann hörte ich damit auf. Keine einzige Woche wollte ich Antidepressiva nehmen, sie nicht mehr absetzen zu können (oder zu wollen). Dass diese Entscheidung nicht jedem selbst überlassen ist, weiß ich.

Viele Menschen profitieren von der Einnahme von Antidepressiva. Sie ermöglichen ihnen, ein einigermaßen akzeptables Leben ohne die Symptomatik zu führen. Im schlimmsten Falle halten sie sie am Leben. “Nach einer OECD-Studie von 2013 nehmen fünf Prozent der Deutschen Antidepressiva – doppelt so viele wie zehn Jahre zuvor. Zudem hat sich die eingenommene Tagesdosis von 2000 bis 2013 verdreifacht”, erklärt Mischa Miltenberger. Doch der Schritt am Ende des Weges ist immer derselbe: Irgendwann müssen sie sich den Schwierigkeiten beim Antidepressiva absetzen stellen.

Antidepressiva absetzen

Erfahrungen und Tipps

Dass das gelingen kann und vor allem, wie, beschreiben die Autoren Mischa Miltenberger und Melanie Müller in ihrem eBook Antidepressiva absetzen. Dein Wegbegleiter mit unseren Erfahrungen und wertvollsten Tipps.

melanie-antidepressiva-absetzenMelanie litt einige Jahre unter wiederkehrenden Depressionen, begleitet von Panikattacken. Erst durch achtsamkeitsbasierte Übungen, ernährungsbezogenen Erkenntnissen und nötigen Veränderungen in ihrem Umfeld gelang es ihr, die Antidepressiva abzusetzen. Heute ist sie dankbar dafür, dass sie medikamentenfrei leben kann. “Inzwischen habe ich mit mir und meinen Ängsten Freundschaft geschlossen”, schreibt sie.

Mischa ist vielen Menschen bereits durch seinen Blog Adios Angst - Bonjour Leben bekannt, auf dem er von mischa-antidepressiva-absetzenseinem Leben nach der Angst berichtet, voll mit positiven und inspirierenden Erlebnissen. “Dazu musste ich allerdings erst am Tiefpunkt meines Lebens ankommen, bis ich verstanden habe, wie viel ich selbst zu meiner psychischen Gesundung beitragen kann”, schreibt er einsichtsvoll. Die zwei Jahrzehnte zuvor waren geprägt von Depressionen, Panikattacken und teilweise mehreren Antidepressiva gleichzeitig.

In Deutschland ist das Eingeständnis, dass man psychologische Hilfe benötigt, noch immer ein Schweigethema. Sieht man sich dann noch gezwungen, Antidepressiva einnehmen zu müssen, wird es nicht leichter. Hinzukommt, dass es viele Irrtümer in den Köpfen der Menschen darüber gibt, ob man “psychische Störungen” überhaupt je wieder heilen könne. Aus Angst davor, man könnte scheitern oder würde sich erneut in die schwarzen Tiefen begeben, nehmen viele Betroffene zu lang oder für immer Medikamente. Sie trauen sich selten zu, ein Leben ohne Tabletten gegen Angst, Panik und Depressionen führen zu können. Melanie kenne ich nicht, aber dafür Mischa. Und wir haben zwei Gemeinsamkeiten. Eine davon ist: Wir halten vieles, aber selten den Mund. Besonders wenn es um solche tabuisierte Themen geht, sprechen wir lieber, als zu schweigen.

Endlich Antworten: Was kann beim Antidepressivum absetzen auf dich zukommen?

Ob Medikamente wie Venlafaxin oder SSRI-Medikamente wie Citalopram: Ganz vereinfacht lässt sich sagen, dass es durch die vorherige Einnahme zu einem Ungleichgewicht im Gehirn kommt, welches mit Begleiterscheinungen einhergeht. Diese können u. a. vermeintliche Gefühle eines Rückfalls, innere Unruhe und Reizbarkeit, Schlafstörungen und Albträume, grippeähnliche Beschwerden und Magen-Darm-Probleme sein. Jedoch sind die Symptome derart individuell und vor allem unspezifisch, dass es keine exakte “Liste” von Beschwerden gibt. Eines steht jedoch fest: Dem Gehirn fällt es leichter, ein neues Gleichgewicht herzustellen, wenn Antidepressiva schleichend abgesetzt werden.

Einige Experten bestehen zudem darauf, dass es keine solchen Absetzsymptome gebe, während  andere von einer 35-68 prozentigen Wahrscheinlichkeit sprechen. Ähnliche Spannen zeigten sich bei der Dauer: Im Durchschnitt berichten Betroffene, die Absetzsymptome würden nur Tage bis wenigen Wochen andauern.

Bei einer so “schwammigen” und Unsicherheit schürenden Angelegenheit den Mut aufzubringen und aufrechtzuerhalten, ist verständlicherweise schwer. Aber es wäre nicht Mischa Miltenberger, würde er nicht erneut den Kampf gegen die Angst, in diesem Fall der Betroffenen, aufnehmen. Mischas und Melanies Buch Antidepressiva absetzen ist mit so viel Liebe für alle Mitstreiter und Betroffenen geschrieben. Sie verbringen viel Zeit damit, den Menschen sanft Mut zu machen - für die ersten Schritte auf dem Weg in ein medikamentenfreies, symptomfreies Leben.

Das Buch soll aber nicht nur Mut machen, es bietet Betroffenen auch Antworten auf ihre Fragen:

  • Was kommt auf mich zu?
  • Kann es trotz Jahre voller Antidepressiva gelingen, sie abzusetzen?
  • Ist die Zeit reif? Bin ich bereit?
  • Mit welchen Absetzsymptomen habe ich zu rechnen (z. B. bei Citalopram oder Venlafaxin)?
  • Wie viele Wochen wird es dauern?
  • Wie kann das sog. “Ausschleichen” (Verringerung der Dosis) funktionieren?
  • Kann ich das auch allein, ohne Arzt?
  • Welche Erfahrungen haben andere gemacht?
  • Welche Strategien zur Selbsthilfe können beim Absetzen von Antidepressiva helfen?
  • Kann ich Absetzerscheinungen mit gezielter Ernährung oder durch Bewegung lindern?
  • Welche weiteren Risikofaktoren (z. B. das Umfeld) gilt es zu beachten?
  • Wie kann mir mein Umfeld helfen?

antidepressiva-absetzen-buchNeben ihren eigenen Erfahrungen liefern Melanie Müller und Mischa Miltenberger interessante Antworten einiger Experten auf dem Gebiet: 

Sie interviewten den Psychiater Dr. Jan Dreher (Chefarzt eines Krefeldes Fachkrankenhauses für Psychiatrie, Neurologie und Psychotherapie, Betreiber des Blogs Psychiatrie to go und Podcasts PsychCast), der zur Verordnung und Wirksamkeit von Psychopharmaka forscht. “Inzwischen ist klar, dass an dem, was die Patienten immer wieder über Absetzerscheinungen berichten, schon etwas dran ist und man das differenzierter sehen muss.” Auch die Wiener Psychologin Monika Szelag kommt zu Wort, die auf ihrem Blog my free mind über Alternativen zu Psychopharmaka schreibt. Das Team des Selbsthilfeforums ADFD (früher: Antidepressiva Forum Deutschland) rundet die geballte Ladung Wissen ab.

Sie alle ermöglichen einen tiefen Einblick in ihre professionellen Erfahrungen, um es den Leser/-innen des Buches Antidepressiva absetzen erstens leichter zu machen und zweitens mit fundierten, hilfreichen Informationen weitere Antworten auf die häufigsten Fragen zu geben.

Um Betroffenen den Weg in ein antidepressivafreies Leben zu erleichtern, haben die Autoren dem E-Book drei Bonus-Interviews mit weiteren Expertinnen hinzugefügt. Sie behandeln darin die folgenden Themen

  • Absetzen und Ernährung allgemein,
  • Absetzen und Ayurveda sowie
  • Absetzen und Heilpflanzen.

Besonders schön sind Melanie und Mischa die Arbeitsblätter in Form eines “Mutmacher-Wochenplan”s gelungen. Die sieben Wochenplanvordrucke sind mit liebevollen Zitaten versehen und sollen dein täglicher Begleiter während des Absetzens sein.

Hier geht’s zum Buch Antidepressiva absetzen >>

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