Betroffene von Angst, Panik, Burnout und Depression machen oft mehr als nur eine Therapie und dennoch scheint keine zu funktionieren. So tragen sie sich teilweise Jahrzehnte mit Panikattacken oder Angststörungen und depressiven Verstimmungen herum. Sie lernen, irgendwie damit zu leben, in dem Wissen, dass sie – oder ihre Therapie – versagt haben. Denn während bei einigen auch nachhaltige Erfolge zu sehen sind, springt bei anderen die Angst, Panik oder Depression auf etwas Anderes über. Oder sie verbessern mittels Antidepressiva die Symptome ihrer Depression, bekommen aber als Nebenwirkung Panikattacken. Bei wiederum anderen fällt das leidvolle Gefühl kurze Zeit nach Therapieende/Klinikaufenthalt wie aus dem Nichts erneut vom Himmel – und alles beginnt von vorn.

Woran liegt es, dass Therapien manchmal nur bedingt oder gar nicht funktionieren? Liegt es am Therapeuten? Sind die Krankenkassen mit ihren Restriktionen schuld? Geben sie dem Individuum nicht genug Raum, um in seinem Tempo zu heilen? Sind einige Patienten nur therapieresistent (sprechen nicht auf die eine Therapie an)? Mangelt es ihnen – wie an vielen Stellen vermutet – an der Motivation, wieder zu heilen? Oder sind sie austherapiert, wenn sie auf keine der Therapiemöglichkeiten ansprechen? Was geschieht, wenn keine Therapieform funktioniert?

 

An wem oder was liegt es, wenn die Therapie versagt?

austherapiert therapieresistent wenn die therapie nicht funktioniertViele Betroffene von Angststörungen und Depressionen erhalten eine kognitive Verhaltenstherapie. In ihr lernt der Patient, wie er sich in Momenten der Angst, Scham, Schuld, Panik und Depression davon befreien kann, zum Beispiel durch körpertherapeutische Interventionen wie Atemtechniken und  Konfrontationsstrategien. Er lernt, dass ihn seine Gefühle nicht umbringen und wie er sie steuern kann. Eine legitime Herangehensweise. Weniger angebracht finde ich, dass der Patient lernt, wieder zu funktionieren. Es geht der Verhaltenstherapie verstärkt um die Zukunft, nicht um die Vergangenheit und Erkenntnis jener Ursachen, die zur psychischen Belastung geführt haben.

Es muss also am Patienten liegen, wenn diese Therapie scheitert, oder? Er erhält doch alles, was er braucht und im Alltag umsetzen kann. Denn Therapeuten verfahren streng nach Vorschrift und Expertise. Sie haben ihr Fach von der Pike auf gelernt und wissen psychische Störungen und Belastungen einzuschätzen. In den probatorischen Sitzungen (jene zwei bis vier Stunden vor Beginn der Therapie) stellten sie eine Diagnose und beschlossen ein geeignetes Therapieverfahren, schätzten die ausreichende Therapiemotivation des Patienten und die Therapeuten-Patienten-Beziehung als ggf. tragfähig ein. Anschließend gaben sie ihr Wissen weiter, um dem Patienten bei der Umsetzung seines Anliegens zu unterstützen.

Und trotzdem kamen die Panikattacken, Depressionen oder Ängste zurück. Davon erfährt der Therapeut selten. Ich habe mit vielen Betroffenen gesprochen, die z. B. in der Therapie vorgaben, es würde ihnen besser gehen. In Wahrheit aber wollten sie nur nicht getadelt werden, weil sie die Strategien nicht umsetzen konnten. Sie wollten den Therapeuten nicht enttäuschen, wollten nicht als Versager dastehen und für ihre “Schwäche” be- bzw. verurteilt werden. Dass sich die Betroffenen häufig die Schuld geben, wenn ihre Therapie nicht funktioniert, ist eine Denke, die auch Therapeuten mitunter haben: Immerhin kennen sie die Erfolge anderer Patienten und glauben an die Wirksamkeit der Therapie(form).

 

Therapien, wie sie im Lehrbuche stehen: Die Kluft zwischen Theorie und Praxis

therapie nach lehrbuchTherapeuten sind vor allem Experten auf ihrem Gebiet – einer bestimmten Therapieform, die eigene Verfahrensweisen bereithält. Sie haben ein Repertoire an Interventionen, die Betroffenen helfen könn(t)en. Müssen sie aber nicht – auch wenn das der Idealfall wäre. Besonders Krankenkassen halten einige Therapieformen für wirksamer, immerhin beenden die Patienten die Therapie oft mit dem Vermerk: erfolgreich geheilt. Dass die Betroffenen aber, wie oben erwähnt, danach entweder rückfällig werden, neue Belastungen entwickeln oder in Wahrheit gar nicht geheilt worden sind, erfassen die Statistiken nicht. Entsprechend hanebüchen ist die Grauzone.

Einige Betroffene sehen die Verantwortung bei Therapeuten. Sie haben jahrelange Berufserfahrung und wissen, was sie tun. Unter ihnen gibt es natürlich auch welche, die glauben, per definitionem zu wissen, was dem Patienten guttäte und was nicht. Sie wollen ihm ihr Wissen aufzwingen. Andere hingegen versuchen, ein Lehrbuch an jedem Menschen und jeder Lebenssituation anwendbar zu machen. Beide Auffälligkeiten übersehen das Individuum Mensch hinter dem Patienten. (Natürlich gibt es Therapeuten, die den Menschen hinter dem Patienten erkennen und würdigen.)

In meinen Augen ist weder der Patient noch der Therapeut “schuld”. Ich glaube vielmehr, dass sich die Therapielandschaft ändern muss. Jeder Mensch hat seine eigene Geschichte und der fachlich unwissende Patient kann in seiner Notlage nicht verstehen, welche Therapieform für ihn die beste wäre. Es braucht jemanden, der genau hinschaut. Die Kassen erlauben zwei bis vier Sitzungen für die Diagnostik und das Kennenlernen, Einschätzen, Beziehung aufbauen, Entscheidungen treffen usw. Es braucht zudem einen Therapeuten, der offen sagen kann, dass sein Spezialgebiet weniger wirksam sein könnte. Es braucht einen Patienten, der bei einem unguten Bauchgefühl sagen kann, dass ihm der Therapeut oder die Therapie nichts ist. Gäbe es nicht so lange Wartezeiten auf einen Therapieplatz, weniger verkomplizierte Bürokratiehindernisse bei der Kostenübernahme nicht zugelassener Therapeuten und schulmedizinische Engstirnigkeiten, könnte vielen Betroffenen schneller und effektiver geholfen werden. Besonders dann, wenn die eine Therapieform nicht die passende war.

 

Boom “Selbsthilfe”: So verändert sich der Umgang mit psychischen Herausforderungen

Es ist für mich keine Überraschung, dass das Thema Selbsthilfe so boomt. Jeder versucht, sich zuerst selbst zu helfen, solange er noch kann. Wir kaufen uns stapelweise Bücher und belesen uns, um noch andere Möglichkeiten zu finden. Wir sprechen im Internet mit anderen Betroffenen, um von ihrem Weg zu erfahren. Du liest Blogger und Autoren wie mich, die über ihre Zeit sprechen und holst dir Einsichten, Ansichten und Impulse. Einige meiner Kollegen bieten eigens erstellte Angstbewältigungsangebote an, so zum Beispiel Sebastian in seiner Anti-Angst-Akademie gegen Angst- und Panikattacken.

Wir verbinden uns mittlerweile auf einer Ebene, die fern ab jeder Krankenkasse und Therapieform Halt und Unterstützung bieten. Wir werden selbstwirksamer und lernen voneinander. Das ist nicht nur ein gutes Zeichen. Es signalisiert vor allem, dass sich die Therapieformen endlich mischen dürfen, dass die Gesetzeslage und Krankenkassen wieder Menschlichkeit zulassen, neue (bzw. bislang nicht anerkannte) Heilverfahren zugelassen werden und Menschen eben nicht (immer) nach Buch therapiert werden können.

Falls du ebenfalls seit Jahren nach einem Ausweg aus deiner Belastung suchst, möchte ich dir meinen damaligen Ansatz mit auf den Weg geben. Er ist nicht ganz schmerzfrei, aber hat bei einigen große Erkenntnisse nach sich gezogen.

 

Was wäre, wenn dir deine psychische Störung in Wahrheit etwas erlaubt…

das geschenk in einer psychischen störung bei angst depressionen panikattackenAlles hat seine guten und schlechten Seiten, auch Angst. An deiner Angst ist es dran, das dir etwas erlaubt bzw. dich von etwas abhält. Darin liegt ein “Geschenk”, das dein Geist für wichtig, schön und erleichternd empfindet. Dein Geist möchte dieses Geschenk nicht loslassen. Hinter jeder “Störung” steckt damit etwas, was dir vermeintlich Gutes tut.

Bei mir war es so, dass ich mit meiner Agoraphobie und Panikstörung sowie den Burnout-Symptomen erwirken konnte, stets zu arbeiten, Zuhause, wo ich noch stückweit Distanz zu anderen Menschen hatte. (Ich kann in lauten Büros nur schwer arbeiten und kaum kreativ sein.) Ich konnte mich Zuhause auch gut verstecken. Da ich anfangs keine sehr gesunde Auseinandersetzung mit Konflikten und meiner wahren Größe hatte, ermöglichte mir meine Angst, dass ich nicht auf Menschen traf, bei denen ich diese Kompetenzen gebracht hätte. Panik gab mir außerdem die Erlaubnis, dass ich meine Wut nicht an meinen Kollegen auslassen musste, sondern verschweigen durfte. Die inneren Explosionen richteten sich gegen mich. Ich ging damals auch davon aus, dass ich diejenige sei, die Fehler beging, nicht etwa andere. Ich dachte: Andere müssen in Ordnung sein, sonst wären sie nicht hier. Wenn sie also sauer sind oder mich beschuldigen, muss es wohl an mir liegen. Dass es auch Menschen gibt, die in ihrem Verhalten mehr als zweifelhaft sind, einem einfach nicht guttun bzw. kaum jemandem, war mir nicht so klar. Dass ich wütend sein durfte und ihnen meine Wut zumuten durfte, wusste ich auch nicht so recht.

Agoraphobie erlaubte mir, dass ich drinnen sein konnte, wo mich niemand ablehnte. In der Zeit hatte ich zudem eine heimliche Liebschaft, die mir das Gefühl gab, dass mich niemand entdecken durfte und meine wahren Gefühle verheimlicht werden mussten. Just dasselbe Gefühl begleitete mich auch im Job, in dem ich große Angst hatte, der Herausforderung nicht gerecht zu werden. Stattdessen war ich gefügig – anfangs jedenfalls – und versuchte mein Bestes, nirgends anzuecken und MICH nicht zu zeigen. Ich wollte nicht versagen. Arbeit gab mir das Gefühl, dass ich dagegen steuern konnte. Währenddessen lief mein Privatleben gen Null. Die Symptomatik festigte sich. Ab Start meiner Therapie gab es dann kein Zurück mehr: Ich musste auch meine nicht so bequemen Seiten zeigen. Ich musste lernen, dass es okay ist, Nein zu sagen und Menschen auf ihre Fehler hinzuweisen. Ich musste lernen, dass nicht alles sofort und perfekt geht, wie ich es von mir gewohnt war. Und viele andere, wertvolle Lektionen steckten in dem Geschenk.

 

Dein Geschenk

zu viel input zu wenig output reize außen panikattacken angstEs kann sein, dass du wegen deiner Panik rund um die Uhr für deine Kinder da sein kannst, damit du sie nicht enttäuscht – so wie du enttäuscht worden bist, weil deine Eltern zu wenig Zeit mit dir verbrachten. Oder dass du dadurch eine nicht verarbeitete Trennung oder einen Verlust nicht erneut erleben musst (etwas, das geschah, als du dich trenntest, einmal nicht anwesend warst usw.). Deine soziale Angst meint dich davon zu befreien, eine gefürchtete Ablehnung zu erfahren – so wie du in deiner Kindheit oder Jugend abgelehnt worden bist. Es kann sein, dass dein Burnout dich aus einem miesen Job befreien möchte. Es kann sein, dass dir deine Belastung helfen möchte, deine Selbstaufopferung endgültig abzulegen, damit du den Blick frei für dich hast. Es kann sein, dass deine Agoraphobie dich befähigen möchte, dass du alles zusammenhältst, was sonst zu zerbrechen drohen würde, z. B. deine Familie oder Partnerschaft. Es kann sein, dass sie dich davon abhält, noch mehr Verantwortung schultern zu wollen – fremde Verantwortung, die du nicht tragen kannst, weil sie nicht deine ist. Vielleicht trägst du auch eine Schuld, die sich auf die Taten einer anderen Person bezieht.

Solch ein Nutzen findet sich oft in psychischen Herausforderungen – es ist eine Hilfe deines Körpers. Gleichzeitig – und das weißt du sicher – zeigt dir dein Körper, dass genau da etwas nicht stimmt. Viele sind es gewohnt, wie in ihrer Kindheit und Jugend, der/die Stärkere zu sein. Viele sind ebenso plötzlich mit dem Erwachsensein und der Bedeutung überfordert, weil sie bestimmte Fähigkeiten nicht gelernt haben, zum Beispiel an sich und ihre Stärke zu glauben oder an ihr Recht, Fehler zu machen oder Nein zu sagen. Viele verbinden mit Erwachsensein eine Verantwortung, die sie sich scheuen, in ganzer Größe in Besitz zu nehmen.

Umso wichtiger erscheint es mir, dass alle, die weniger gut auf Therapien ansprachen, in sich selbst nach den möglichen Ursachen suchen. Mit den vielen Erfahrungen aus dem therapeutischen Repertoire kannst du selbst in zwei Jahren noch in dich gehen und entscheiden, welche Therapie am ehesten helfen könnte. Es ist nie zu spät, sich durch neue Erkenntnisse eine größere Wahrscheinlichkeit des Erfolges zu ermöglichen.

Wenn du dich gefunden hast und weißt, womit du (und deine Angst) es zu tun hat.

Alles Liebe,
Janett Menzel

Janett Menzel Angst Blog

 

 

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