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„Wir brauchen Männer, Netti! Lass uns tanzen gehen!“ erklärte mir neulich eine meiner engsten Freundinnen in einer Sofabar am Ostkreuz.

Seit Lena wieder Single war, hatte ich mehrfach die Idee fallen lassen, dass wir ja jetzt endlich mal die alten Tage aufleben lassen könnten - mit Tanzen. Nur Tanzen. Als Berlin noch nicht so extrem mit gezwungenem Elektro und überzogener Garderobe bügelte, hatten wir einen Mordsspaß in Berlins Clubs. Damals war für Lena und mich die Welt aber noch in Ordnung, wenn wir einfach nur die ganze Nacht durchtanzen konnten, ohne uns Gedanken über die richtigen Schuhe machen zu müssen. Zeiten, in denen wir noch dachten, dass wir den einen Mann finden würden, mit dem wir bis in alle Ewigkeit zusammenblieben. Ohne “Ich muss mich finden!” und “Es liegt nicht an dir!”-Gerede. Eine Zeit, in der ich mehr oder minder ungeniert nach 30 Minuten schweißtreibendem Tanzen meine Haare zu einem Dutt hochband - ohne mir Gedanken über Abstriche an meiner Attraktivität zu machen - und trotzdem noch Drinks ausgegeben bekam.

Also andere Zeiten als die heutigen.

In einer Stadt wie Berlin, die sich weder vor Singlebörsen, noch vor Singlepartys retten kann, ist das Suchen und Finden von wahrer Liebe mit einigen Herausforderungen verbunden. Ich selbst gehöre zur vorsicht-gebotenen Sorte: Ich bin nun schon mehrere Jahre freiwillig Single und arbeite brav meine Ex-Beziehung auf. Bislang hatte ich alle Männerversuche erfolgreich mit einem „Achtung! Hier liegen zu viele Messer rum!“ abweisen können. Der Gedanke, sich erneut ins Getümmel zu stürzen und dort was finden zu können – egal was – überforderte mich. Zwischen Männern, die nach Müttern statt Frauen suchen, solchen, die Vögeln mit Gefühl verwechseln, jenen, die zu leer sind für wolkenverhangene Tage und welchen, die im Clubnebel verheißungsvoll sind, aber plötzlich unerwartet viel zu tun haben, gucken Frauen wie Lena und ich schnell doof aus der Wäsche. Natürlich wissen wir, dass wir auch keine leichte Partie sind, aber dafür roh und direkt.

„Ich sag dir: Das ist genau das Problem!“

Mir war das Problem ziemlich schnuppe.

„Ich weiß nicht, ob ich das schon wieder kann. Können wir nicht einfach nur tanzen?“

Doch ich erinnere mich an eine Doku, in der eine Dauer-Single-Frau auf der Suche nach einem Partner begleitet wurde und schlussendlich bei einem Psychologen saß. Ganz im Sinne von Fords Zitat: „Wenn du Erfolg haben willst, musst du die Fehlerquote verdoppeln!“, führte er folgendes Gespräch mit ihr:

„Wie viele Männer lernen Sie im Jahr kennen?“

„Drei!“

„Also wenn sie pro Jahr drei Männer kennenlernen, könnten sie laut Statistik bis zu 10 Jahren brauchen, um einen geeigneten Partner zu finden.“

Denn im Schnitt wäre nur einer von Hundert passend. Er riet ihr, sich die anderen 99 anzutun und die Hoffnung nicht aufzugeben, dass irgendjemand der hundert Männer zufällig das Einhorn in seinem Garten zu stehen hatte.

„Weißt“, erklärte mir Lena trocken, „du darfst dich nur nicht zu lange mit den Falschen aufhalten!“

Ich bin ohnehin schon hoffnungslos überfordert mit Männern und Liebe. Eine Stadt wie Berlin macht es da nicht einfacher. Ich hasse sie zum Beispiel wegen dem Datingkodex. Denn nur hier lernt man, an welchen Tagen man „busy“ und „available“ sein darf und an welchen man „needy“ erscheint. Es zählt, gesund und erwachsen zu wirken, unproblematisch, locker und ohne Erwartungen. Man hat Angst, anderen Angst zu machen, weil man Gefühle hat oder sie sich zwischen einem ehrlichen Lächeln und dem erstem Café Latte entwickeln könnten. Hier muss man einfach aufpassen, nicht zu echt zu sein, außer man verwechselt Authentizität mit pinkfarbigen Strumpfhosen und billigen Turnschuhen. Man darf nicht zu viel reden, nicht zu wenig lächeln, nicht zu emotional sein, aber muss dennoch sofort anspringen, wenn einer zwinkert – sonst ist der Moment verstrichen und die Chance sitzt schneller, als man Scheiße rufen kann, zwischen eloquenten Single-Marketingfachfrauen mit Mojito an der Bar.

Kaum einer hinterfragt diesen Kodex. Für Lena und mich problematisch: Wir sind eben die Sorte Frau, die auf H&M Basics, Dutts und Sonntage auf dem Sofa stehen, wenn die Sonne nicht scheint. Wir haben ein Leben und würden darin Platz machen, wenn wir einen Mann fänden, den wir lieben könnten, ohne es gänzlich über den Haufen zu werfen. Wir hassen 24 Stunden am Tag-WhatsApp-Gespräche, Geklammere und haltlose Charaktere.

Während Lena dringend kalkfreie Armaturen und heile Klamotten braucht, um sich wohl zu fühlen, hatte ich mein Leben in den vergangenen Jahren so eingerichtet, dass kein Mann je bei mir bleiben würde. Ich bin der „dreckigere“ Typ, wenn es um Wohnungen geht, und definitiv der problematischere in Bezug zu diesem Ding namens Vertrauen. In kalten Jahreszeiten liebe ich meine Wollpullover mehr als meine Katzen. Ich will nicht heiraten, weil mir die Statistik den Wind aus meinen romantischen Segeln genommen hat. Ich mag Tiere so sehr, dass ich oft kein Fleisch esse. Ich bin laktoseintolerant, was meine Küche ziemlich regional frisch und konservierungsstofffrei macht. Für mich beginnt Treue beim Küssen und hört erst auf, wenn man getrennt ist. Ich kann falsche Kompromisse nicht ausstehen, erst recht nicht, weil man keine Lust hat, sich mit seinen Wunden zu beschäftigen, statt sie auf andere Schultern zu legen. Als waschechter Schreiberling benötige ich eine Menge Zeit für mich und das in Stille, was für den einen Mann ein Ausschlusskriterium ist und für den anderen ein Segen. Kurzum: Ich suche jemanden, der sich sehr wahrscheinlich selten in die Berliner Clubnächte stürzt.

„Oder du suchst dir nur was für eine Nacht!“ schlug mir Lena vor ein paar Tagen vor.

Aber genauso so ein Typ war ich eben auch nicht – noch nie. Ich stehe auf die Gefühle vor dem ersten Café Latte und der Angst beim ersten Kuss und Sex. Mir gefällt der Gedanke, dass es so etwas wie wahre Liebe gibt. Ich bin mir nur unsicher, wo man sie in Berlin finden kann.

Und so ging der Beschluss, abends “mal” in einem Club tanzen zu sagen und eventuell beim anderen Geschlecht nach so was wie Zukunft zu suchen, nicht ganz unproblematisch los.

Wir beschlossen, in der Kalkscheune bei 80er und 90er Jahre-Musik in den Mai zu tanzen. Wir tanzten uns eine Stunde vor dem Spiegel warm, um das passende Outfit zu finden, das uns weder underdressed, noch aufgetakelt wirken ließ. Ich band mir meine Haargummis für den Dutt ums Handgelenk und packte den Wollpulli für den Nachhauseweg in die Tasche.

Wir wussten, dass dieser Sommer aufregend werden würde – denn wir wollten nicht eher aufhören nach der Liebe in Berlin zu suchen, bis sie uns fand oder wir sie. Also legten wir das Enddatum der Suche fest: 30. September 2017. Klar, es würde nicht leicht werden, aber dafür witzig und beizeiten sicher kopfschüttelnd desillusionierend.

Irgendwo zwischen dem Schlimmsten und vielleicht Schönstem entschieden wir, Berlins Singleattitüden und Regulatoren abzusagen und uns treu zu bleiben – trotz Angst, den Geistern alter Beziehungen und metaphorischen Messerblöcken. Der Dutt würde bleiben und kommen, wann er will. Lena würde weiterhin so direkt sein wie sonst, auch wenn es dem einen oder anderen Muffensausen bereitete. Wir würden beide dem Datingkodex unsere Mittelfinger zeigen und weglaufen, wenn nötig. Und wir machten ein Codewort für die schweren Fälle aus: Bratwurst. Denn als meine Freundinnen und ich das letzte Mal auf einer Singleparty waren, versuchte ich schon kurzer Zeit, die Enttäuschung und Genervtheit des Abends zu kompensieren: eben mit Bratwurst, ein ungesunder, aber damals höchst befriedigenderer Kompromiss. Seither sind Clubs, in denen es im Außenbereich Gegrilltes mit Senf und Ketchup gibt, für mich ein sehr sicherer Hafen.

Ob wir diese Sicherheit brauchen werden?

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