Angst und Panik loswerden: Tipps und was du unbedingt wissen musst

Angst und Panik loswerden: Tipps und was du unbedingt wissen musst

 

Als ich schon mehr als zwei Jahren keine Panikattacken mehr hatte und auch meine Agoraphobie überwunden hatte, hatte ich einen kurzen Moment der Angst vor der Angst. Ich hatte mich mit meinem damaligen Partner heftig in den Haaren gehabt. Das führte zu einer ähnlich heftigen Stressreaktion, wie ich sie in Situationen der Angst und Panik erlebt hatte. Bei meiner ersten Panikattacke hatte ich alle wohl bekannten Symptome von Herzrasen, Schluckbeschwerden, weiche Knie, Enge in der Brust, Verdauungsstörungen, Muskelschmerzen und vieles mehr. Aber darüber hinaus erlebte ich noch eine körperliche Empfindung, die selten in Verbindung mit Angst und Panikattacken erwähnt wird: Ich hatte das Gefühl, als ob mir jemand aus dem Inneren meines Kopfes mit einem Hammer gegen die Schädeldecke schlägt. Der Schlag fühlte sich so echt an, dass ich dachte – berechtigterweise -, etwas würde mit meinem Gehirn nicht stimmen. Also suchte ich das ganze Internet ab, um herauszufinden, auf welche Ursache dieses Symptom zurückzuführen war. Ich war nicht auf der Suche nach einer Krankheit. Ich wollte nur wissen, was gerade mit mir geschehen war oder was ich getan hatte, um diese körperliche Empfindung hervorzurufen. Wie immer, wenn man im Internet Symptome googelt, stellt man spätestens bei der dritten Seite fest, dass man entweder bereits halb tot ist oder kurz davor. Aber ich fand keine medizinische Erklärung, die lautete: Panikattacke oder Panikstörung. Nirgends tauchte exzessives Grübeln und dadurch entstehender Spannungskopfschmerz durch anhaltenden Stress auf. Auch der Neurologe, den ich auf Rat meiner Allgemeinmedizinerin aufsuchte, bestätigte mir beste Gehirngesundheit.

Es sind oft die einfachsten Dinge, die wir vergessen zu erwähnen, zu sehen, zu leben und zu verstehen. So wie ich noch nie auch nur ein Wort im Blog über dieses eine Symptom verloren habe. Und das obwohl es der eine Grund war, wieso ich diese Website als Projekt ins Leben rief: Weil ich wollte, dass Menschen, die es ebenso erlebt hatten, eine Antwort fanden.

 

Integrale (ganzheitliche) oder funktionale Therapie? Was ich heute über Angst und Panikattacken weiß

In meinen Augen sind Angst und Panik nur Reaktionen, Muster, auf etwas Einfaches, das sie lieber verdrängen oder schönreden, weil alles andere – nämlich die reine, pure Wahrheit – unbequeme Konsequenzen nach sich zöge. Konsequenzen sind Veränderungen und denen stehen alle Menschen mit Verzagen gegenüber.

Mir half meine selbst bezahlte Gesprächstherapie kurzfristig nicht. Doch ich war keine der Auserwählten, die einen Therapieplatz für Verhaltenstherapie erhalten hatte. Mittel- und langfristig war die Gesprächstherapie dafür das Beste, was mir hätte passieren können. Heute bin ich dankbar dafür. Ich hätte auch zu große Angst gehabt, mich meiner Angst in einer Verhaltenstherapie stellen zu müssen. Das lag auf der einen Seite daran, dass ich meine Angst brauchte, um mein Leben so weiterleben zu können, wie es war. Auf der anderen Seite war der Gedanke, dass ich wieder „funktional“ gemacht würde, grausam und erschreckend. Genau das hielt ich nämlich für „meine Ursache“, gepaart mit hormonellen und ernährungsbezogenen Aspekten, die häufig bei Frauen Angst, Panik und Depressionen (in allen Formen) auslösen.

Während der Gesprächstherapie wurde mir zwar auf beste Weise mein Kopf und bestehende Strukturen zurechtgerückt. Aber ich musste selbst an meiner Panik und Angst arbeiten. Ich musste das Prinzip der Selbstverantwortung und Selbstwirksamkeit neu erkennen und umsetzen. Niemand nahm mich an die Hand, ging mit mir spazieren oder wäre da gewesen, wenn ich eine Panikattacke gehabt hätte. Ich war nicht in einer Klinik und nahm auch keine Medikamente. Ich hatte zu dem Zeitpunkt keinen Partner und die wenigen Freunde, die zu mir gehalten hatten, wollte ich nicht belasten. Ich wollte niemanden merken lassen, dass ich plötzlich wieder vier Jahre jung war und nicht allein einkaufen gehen konnte. Auch wenn ich all das bis heute nicht bereue, so brachte es doch einige Herausforderungen mit sich, zum Beispiel, was ich alles nicht wusste, weil es mir niemand sagte: Aspekte, die ich gern in einem Buch gelesen hätte, bevor ich mich auf den Weg aus meiner Angst und Panik heraus mache.

 

Was muss ich wissen, wenn ich Angst und Panikattacken habe?

Erstens: Angst ist oftmals (wenn nicht spezifisch) diffus und setzt sich fest, irgendwo im Körper. Eine Attacke ist wie der graue, dunkle Himmel vor dem eigentlichen Gewitter. Was die Menschen mit Attacken spüren, ist nur der schwarze Himmel. Das Gewitter bleibt sehr häufig aus – wie üblich in der Natur. Heißt: Die Attacke kommt meistens nicht. Der dunkle Himmel weist nur darauf hin, dass sich dein seelisches Wetter gerade verschlechtert hat, z. B. nach zu viel Hitze (zu viel emotionalen, psychischen, körperlichen Stress, verursacht durch X).

Zweitens: Das menschliche Gehirn reagiert nicht mit Angst, um uns eine reinzuhauen oder weil wir etwas falsch gemacht haben. Es reagiert so, um uns zu schützen. Das ist der Sinn des Gehirns: Schutz des Lebens. Dafür ergreift es Maßnahmen, die hart und eindringlich genug sind, damit der Mensch und sein Körper verdammt nochmal reagiert. Wäre eine Panik- oder Angstattacke wie ein zartes, duftendes Röschen ohne Dornen, würdest du lächeln und weiterhin machen, was dein Leben oder Überleben in dem Konstrukt, das du Leben nennst, gefährdet. Eine wahre Gefahr besteht übrigens nicht nur, wenn wir auf die vielbefahrene, vierspurige Autobahn rennen. Eine Gefahr ist es für unser Gehirn auch dann, wenn bestehende Meinungen (Denkmuster) infrage gestellt werden, die wiederum einen wichtigen Wert in unserem Leben anzweifeln, bedrohen oder uns vor etwas Unbequemes, Lästiges oder Schmerzhaftes stellen, womit wir nicht umgehen gelernt haben. Unsere Gedanken lösen Gefühle aus, die wiederum unser Verhalten lenken können. Wir können diese Muster jederzeit verlernen, aber in dem Moment der Angst wissen wir nichts davon. Unser Gehirn reagiert einfach entsprechend und sagt: STOPP! Das darf jetzt nicht sein, denn sonst müsstest du deine Meinung, deine Einstellung, deine Gedanken ändern. Haderst du auch nur kurz damit, werde ich (dein Gehirn) weiter dagegen angehen und versuchen, dich auf meine Seite zu ziehen – dort, wo du geschützt und sicher bist, ohne etwas ändern zu müssen.

Wir haben alle gelernt, individuell, was für uns sicher und deshalb wertvoll ist. Es sind einstudierte, etwas Wichtiges aufrechterhaltene, Lektionen, z. B. Harmonie, Teilsein/Zugehörigkeit, Bedeutung, Sinn usw. Das haben wir gelernt, weil wir nicht wussten, wie wir mit dem Verlust eines Wertes und die daraus entstehenden Gefühle umgehen sollen. Wenn uns unsere Eltern oder ihre Situationen Angst gemacht haben und sie uns nicht beigebracht haben, damit umzugehen (mit der Situation und mit dem Gefühl in uns), dann wissen wir es nicht besser. Dasselbe lässt sich auf andere Lebensbereiche und -herausforderungen beziehen.

Drittens: Wie häufig im Leben, geben wir bei schlimmen Erfahrungen entweder uns selbst die Schuld oder anderen. Wir konstruieren selten Mischvarianten aus ungünstigen Umständen oder Fehlentscheidungen – geschweige denn geben wir zu, dass die Tatsache, dass wir eben keine Entscheidung getroffen haben, die Ursache für eine Herausforderung war. Was meine ich mit bequem? Es ist bequem, in einer Beziehung, die sich nicht mehr erfüllt anfühlt, zu bleiben oder nichts zu ändern, statt durch die Trennungsphase zu gehen, neu anzufangen oder mit dem Partner ernsthafte und ehrliche, wiederauflebende Entscheidungen für die Zukunft zu treffen. Es ist bequem, den ganzen Tag über den Arbeitsgeber zu meckern, statt sich unter das arbeitssuchende Volk zu mischen, Dutzende Bewerbungen zu schreiben, in der Hoffnung, zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen zu werden und eventuell mehrmals abgelehnt zu werden.

Die Gefühle, die gegenteilige, mutige Entscheidungen auslösen, sind unbequem. Sie bedeuten Schmerz, Versagen, Reue, Neid, Angst und Ungewissheit, um nur einige zu nennen. Für manche bedeuten sie auch Schuld und Scham – große Leitgefühle, die Angst zu vermeiden versucht.

Viertens: Je nachdem, wie und ob wir gelernt haben, mit unbequemen Gefühlen umzugehen, gestaltet sich unsere Reaktionskette. Normal läuft es so ab, dass wir etwas denken, oft hervorgerufen durch einen unbemerkten Gefühlsimpuls, der zu bestimmten Gedanken führt, die uns wiederum zu entsprechenden Handlungen veranlassen oder uns davon abhalten. Dementsprechende Ergebnisse – positiver oder negativer Natur – werden in unserem Leben sichtbar. Ich zum Beispiel war ein Mensch, der, wenn etwas nicht funktionierte oder ich einmalig Kritik oder Verachtung für etwas erfuhr, es sofort niederlegte und nie wieder tat. Ich hinterfragte nicht die anderen, die eventuell überreagiert oder weniger Kompetenz hatten oder denen ich unabsichtlich auf die Füße getreten war, weswegen sie mit Verachtung feuerten, um ihre eigene Angst abzuwehren. Ich hinterfragte auch mich nicht, konnte eigene Fehler nicht eingestehen, wollte nicht „noch mehr machen müssen“, hatte keine Geduld, keinen Glauben, wusste nichts über Lernprozesse.

ganzheitliche therapie oder funktionale therapieHeute weiß ich, dass meine Entscheidungen aufgrund der Reaktionen anderer auf mein Verhalten und Denken völliger Blödsinn waren. Wenn man nur bedenkt, wie viele Menschen es mit wie vielen unterschiedlichen Meinungen auf der Welt gibt! Es hätte gut und gern sein können, dass niemanden genau das, was X kritisiert hatte, aufgefallen wäre oder es nicht kritisch gesehen hätte oder nichts dazu gesagt hätte, es sogar gefallen hätte. Aber mein nicht erlernter Umgang mit Fehlern und Kritik führte damals dazu, dass ich dieses Reaktionsmuster abspulte. Dadurch verhinderte ich auch die erwünschten Ergebnisse in meinem Leben. Als Ergebnis hatte ich stattdessen viele angefangene Projekte, viele Ideen, die nie zum Leben erwachten, viele Meinungen, die ich für mich behielt, minder gute, eher übergriffige und fremdgesteuerte Verbindungen, viele Eigenschaften und Talente, die ich ebenso verheimlichte – nur aus Angst vor Kritik und Ablehnung. Ablehnung bedeutete: keine Zugehörigkeit, keinen Sinn, keine Bedeutung, keine Wertschätzung und Aufmerksamkeit. Macht jedem Angst, der ein Herz hat.

Fünftens: Je mehr Angst man hat, desto mehr ändert sich deine Frequenz, deine Energie. Angst ist eine sehr starke und überwältigende Energie. Anfangs sind es kleine Funken wie die eines Lagerfeuers. Aber, wenn nur genug Stroh in der Nähe liegt, wird es nicht lange dauern, mit jedem neuen Funken, der springt, bis sich das Stroh lichterloh entfacht. So ist es auch bei Angst und Panik: Es wird zur Explosion kommen bzw., wie ich immer sage, zur Implosion. Es wird durch die anhaltende Angst, den Stress, dem dein System ausgesetzt ist, so unendlich viel Energie produziert und nicht freigelassen, dass diese irgendwo gebunkert wird. Im Körper. Im Geist. Im Herzen. In der Seele. Irgendwo muss sie hin. Deshalb: Sei vorsichtig, was du denkst. Überlege dir während deiner Grübeleien genau, ob du einen mentalen Waldbrand riskieren willst. Du solltest ihn nur dann riskieren, wenn du damit umgehen kannst. Jeder negative Gedanke ist so ein Funke, der alle anderen Gedanken entfachen kann, um mit ihm gesunde Fläche des Lebens zu verbrennen.

Ich hatte zweimal Agoraphobie mit Panik und zwei weitere Episoden mit ausschließlichen Panikattacken, die einmal kamen und dann wieder verschwanden. Wenn ich eins weiß, dann: Halte deine anderen Gedanken sauber. Komme nicht auf die Idee, dass Attacken oder psychische Belastungen ewig bleiben würden. Verliere nie deine hoffnungsvollen Gedanken, nie deine dankbaren für den Rest deines Lebens und der Menschen darin. Verliere nie deinen Mut und nie deine Selbstwirksamkeit, so angeschlagen sie auch sein mag.

Sechstens: Alles hat zwei Seiten. Auch Angst und Panik. Es gibt Situationen, in denen Angst sinnig ist und welche, in denen Angst nur eine Reaktion, ein gewohntes Reaktionsmuster auf etwas ist. (Mehr dazu in Punkt 7.)

Siebtens: Der eingangs erwähnte, nicht erlernte Umgang mit unbequemen Gefühlen wird deshalb gern mit anderen Gefühlen ersetzt. In der Psychologie spricht man dann von Ersatzgefühlen. Viele Menschen reagieren zum Beispiel mit Verachtung, wenn sie sich verletzt fühlen. Manchmal sind wir aber auch wütend und reagieren statt mit offener Wut mit stiller Angst. Gefühle, wenn wir sie nicht fühlen wollen, springen also gern über. Wut finden wir häufig in solchen Ersatzmomenten, besonders, wenn wir verletzt werden. Statt zu weinen oder unsere Traurigkeit über die Verletzung auszudrücken, brüllen wir oder werfen Kaffeetassen an die Wand. Viele sagen nicht: „Du hast mich verletzt. Du tust mir gerade weh. Hör auf damit!“ Auch zeigen sie keine Schwäche oder Verwundbarkeit. Sie verbieten sich stattdessen ihre Verletzlichkeit und demonstrieren mit (offener oder stiller) Wut z. B. ihre Härte, ihre Stärke, ihre Unverwundbarkeit und gehen in die Offensive. Sie entziehen demjenigen die Sympathie, schlagen zurück oder behaupten sich lautstark. Wut ist eben eines der wirksamsten Instrumente der Selbstbehauptung – außer, sie richtet sich gegen dich selbst, wenn du still wütend bist, ohne die Energie herauszulassen, z. B. weil du Angst vor deiner Wut und ihren Konsequenzen hast.

Sei achtsam und bewusst im Umgang mit dir und deinem Leben. Verarsche dich nicht selbst. Manchmal sind eiskalte, aber klare Worte an sich selbst der beste und leichteste Weg, um wieder zurück zu seinem wahren Ich zu kommen.

In diesem Sinne wünsche ich dir viel Erfolg auf dem Weg raus aus deiner Angst und Panik!

Janett

 

Welcher Lebensbereich löst Angst in dir aus? Finde deine wahre Belastung

Welcher Lebensbereich löst Angst in dir aus? Finde deine wahre Belastung

Dieser Beitrag ist Teil 2 des Artikels Was, wenn starke Angst ein Aufruf zu Veränderung und Rückzug ist?

Womit fotografierst du? Nimm dir dein Mobiltelefon oder deine Kamera bzw. die Menschen vor, die in bestimmten Situationen Fotos von dir gemacht haben, und sie sie dir an. Siehst du mit deinen Freunden, deinem Partner, deiner Familie oder deinen Kollegen glücklich aus? Schau dir auch die Fotos an, die du von anderen gemacht hast: Welche Gefühle steigen in dir auf, wenn du sie anschaust? Oder siehst du deren befreiende/entlastende Gefühle, weil du dich um ihr Glück kümmerst? Spürst du, dass du dich mit deren Glück nicht wohlfühlst? Oder entlastet es dich, DASS du sie glücklich machen kannst und bist deshalb ebenfalls glücklich? Oder merkst du positive, beglückende Gefühle nur auf Selfies?

Ich habe in meinen damaligen Zeiten stets entgegengesetzte Gefühle gespürt, ambivalente Gefühle. Waren andere glücklich, aber sah ich nicht so aus bzw. fühlte ich mich abgestoßen von deren Zufriedenheit oder kam Verachtung, Missgunst oder der Impuls des Nicht-Teil-sein-Wollens in mir hoch, wusste ich: Ich will da nicht hingehören. Ich fühle mich nicht nur nicht zugehörig. Ich hatte, auch den Drang, mich nicht mehr um deren Zufriedenheit (einseitig) auf meine Kosten zu kümmern.

Der Fairness halber möchte ich anmerken: Wir können uns auch ungut oder nicht zugehörig fühlen, obwohl wir jeden Grund dazu hätten. Aber dann gilt es zu hinterfragen,

  • wozu (nicht warum!) wir nicht dazugehören wollen
  • Welche Gründe gibt es, dass dieser soziale Raum dir nicht gibt, was du dir wünschst?
  • Gewinnen nur die anderen an Wohl dazu, aber du nicht oder zu wenig?
  • Was hindert dich am eigenen Wohl?
  • Kannst du das, was dir geschenkt wird (falls du etwas erhältst, was dir Wert stiftet), nur nicht anerkennen, die Liebe annehmen, dich lieben lassen oder gibt es triftige Gründe deines Unwohlseins?

Es ist nicht weit hergeholt, dass viele kämpfen müssen, sich stets ungenügend und nicht gut genug fühlen müssen, um sich beweisen zu können. Sie spielen dann etwas, was sie in der Kindheit/Jugend/ersten autonomen Lebensjahren erfuhren, nach. Sie wiederholen es, um den Moment der Genugtuung zu erfahren, wenn sie es geschafft haben, sich zu beweisen. Ihr Kampf ist der Beweis, dass sie es wert sind, geliebt, gesehen und gehört zu werden, Teil sein zu dürfen. Kommt es ihnen einfach so zuteil, erscheint es in ihren Augen zu leicht, zu unglaubhaft, um wahr zu sein. So war es ja noch nie vorher. Wieso sollten ausgerechnet sie jetzt vom Gott, Universum, Zufall reich beschenkt werden, wenn es nicht einmal ihre Eltern, ersten Partner, Freunde oder X konnten? Das kann nicht sein. Hier kann etwas nicht stimmen. (Angst kommt auch dann, wenn solche Verhaltens- und Denkmuster existieren, die wegmüssen.)

 

Der menschliche Drang, dazuzugehören und akzeptiert, anerkannt und wertgeschätzt zu werden

Zugehörigkeit und soziale Kontakte sind wichtig, aber nur dann gesund, wenn sie unsere Gesundheit durch Ausgeglichenheit fördernAber warum versuchen wir so sehr, uns anzupassen? Weil Zugehörigkeit und sozialer Kontakt uns oft wichtiger ist, als der Kontakt zu unserem wahren Ich. (Wissenschaftlich wurde auch bewiesen, dass soziale Kontakt die Gesundheit fördern und Krankheiten in ihrer Entstehung lindern.) Doch sozialer Kontakt und Teilsein sind nur dann gesund, wenn sie unsere Ausgeglichenheit fördern statt mindern. Das ist vielen nicht bewusst, weil sie Alleinsein (und damit verbunden) Einsamkeit fürchten.

Wir alle zielen darauf ab, Teil von etwas zu sein, das Sicherheit und Harmonie in allen Gefilden des Lebens aufrechterhält. Wir tendieren dazu, so und so zu sein oder unreflektiert zu tun, was andere von uns erwarten. Nur die, die dagegen steuern und Nein sagen, nehmen sich raus aus der Rechnung (und bekommen sehr oft noch die Schuld dafür).

Wenn ich meine Panik-Episoden hatte, habe ich mich (die ersten drei Male) distanziert – von allem und jedem. Ergebnis: Die Episoden waren sofort weg oder nach wenigen Wochen vorbei. Nicht einmal die „Schuld“, die mir gegeben wurde, weil ich nicht mehr so sein wollte, wie andere es brauchten, interessierte mich damals. Die Panik wich und das Leben wurde wieder leicht. Einzelne Disziplinen der Psychologie hätten versucht, mein Verhalten in Bezug zur Angst zu verändern und ich wäre danach wieder in dieselben Situationen zurückgekehrt, die erst diese Angst in mir ausgelöst hatten. Meine Reaktion auf den empfundenen Stress (mein inneres Warnsystem) wäre kuriert worden, nicht aber das Problem an sich. Es lag also nur an meinen Reaktionsmustern bei Stress. Nur das eine Mal, als ich mich nicht zurückzog, als ich mich für gestört, abnorm, kindisch und problematisch hielt, an meinem Ich herumdoktorn lassen wollte, blieb die Panik über sieben Monate. Wieso sie dann trotzdem wich?

Weil ich erkannte, dass es nicht mein Verhalten (nicht meine Gedanken, die zu Verhalten wurden) war, was umprogrammiert werden musste, sondern meine Ziele. Sie mussten/durften individuell werden. Ich hatte nämlich keine eigenen. So etwas wie: „Ich will nicht allein sein!“ oder „Ich bleibe Teil einer Unternehmsstruktur, die schändlich mit ihren Mitarbeitern umgeht, weil ich sonst arbeitssuchend würde.“ oder „Ich will die weltbeste Mutter, ambitionierteste Karrierefrau und geliebte Partnerin sein!“ sind keine eigenen Ziele, sondern Abwehr der Angst, etwas falsch zu machen oder „falsch“ zu sein (Schuld und Scham sind dann die Herausforderungen). Wer aber lernt, sich weder schuldig noch beschämt zu fühlen, wenn er seine eigenen Ziele definiert und verfolgt, der wird beide Gefühle nicht mehr wahrnehmen. Wer Ziele hat und sie verfolgt, ist niemals allein, sondern dichter an sich selbst, als so manch anderer. Wer sich herauszieht aus unbewussten Unternehmen, die einen Pfiff auf das Mitarbeiterwohl geben, lernt, einen Pfiff auf solche Unternehmen zu geben und handelt nach den Maßstäben solcher, die sich sehr wohl um ihre Mitarbeiter kümmern – weil sie wissen, dass diese der Kern des unternehmerischen Erfolgs sind. Wer alles sein und können will, mit den besten Erfolgen, ist für alle alles und kann für alle alles, aber lebt sehr wahrscheinlich in mindestens einem Lebensbereich an sich selbst vorbei.

 

Es ist okay.

sei mutig und unbequemEs ist völlig okay, nicht alles zu sein, was andere erwarten, und nicht alles zu können. Das macht uns Menschen aus: nicht alles wuppen zu können, sondern kleine Experten in einem oder wenigen Bereichen zu sein. Oder wie es in der Wissenschaft um Selbstständigkeit so schön heißt: Die Welt braucht keine Generalisten, sondern Spezialisten. Bei großen Institutionen, in der Wissenschaft oder der Politik arbeiten ja auch keine Generalisten an weltverbessernden und menschheitsfördernden Schritten, sondern hochrangige Gelehrte, die besten Experten der Welt. Sie liefern ihre individuelle Expertise und tragen so bestmöglich zu einem Ziel bei.

Wenn du nun mit deiner Lebensexpertise nicht in eine soziale Gruppe, ein bestimmtes Unternehmen, deine Familie, deine Partnerschaft passt, und Angst oder Panik erlebst, wann immer du trotzdem versuchst, dich ein- und anzupassen, dann lebst du dort für andere, weil du glaubst, eine tieferliegende Angst auf diese Weise abwehren zu können: nicht Teil zu sein, sozial ausgegrenzt zu werden, Einsamkeit, Schuld, Scham und tiefe Bestürzung (Traurigkeit) über gesellschaftliche und kulturelle Standards, die viel über die Werte der beängstigenden Gruppe aussagen, aber nichts über dich. Da dir bislang kein anderer Weg angeboten wurde oder du ihn noch nicht gesucht hast, bleibst du.

Besser wäre es, den Mut zu entwickeln, dich abzugrenzen, wenn deine Angst dich dazu aufruft. Je stärker sie wird, desto dringlicher ist ihre Absicht, ihre Nachricht an dich. Lass dich von einem Therapeuten dabei unterstützen, diese/n Weg/e zu gehen, damit du währenddessen emotionale Sicherheit und Halt spüren lernst. Veränderungen machen vielen Menschen Angst, weil Unberechenbarkeit und Unwissenheit gegenüber der Zukunft mitunter schwer auszuhalten sind. Aber in Gesprächstherapien, Psychoanalysen oder – wenn deine Angst noch nicht klinisch ist – auch in Coachings kannst du Bestätigung und professionelle Anleitung zum Umgang mit Veränderungen finden.

Mit den besten Grüßen,
Janett Menzel

Janett Menzel Angst Blog

 

Was, wenn starke Angst ein Aufruf zu Veränderung und Rückzug ist?

Was, wenn starke Angst ein Aufruf zu Veränderung und Rückzug ist?

 

Vor Kurzem sagte mir jemand: „Janett, du sprichst noch immer eine Handvoll an Wahrheit nicht aus – absichtlich, aus Angst davor, dass deine LeserInnen es nicht hören möchten.“ Ich fand das anfangs befremdlich, aber musste mir bald eingestehen, dass die Person völlig Recht hatte.

Eine dieser Wahrheiten ist mein Glaube, teils gegen die Psychologie und ihre Wert- und Glaubensvorstellungen, dass Angst ein Weckruf ist, um sich zu trennen: von etwas, von jemandem, von alten, ausgedienten Denk- und Verhaltensmustern. In solchen Fällen brächte eine Verhaltenstherapie nur eine kurzzeitige, graduelle Besserung, denn nur die Symptome würden zu kurieren versucht. Nicht aber der Auslöser der Angst- und Panik-Symptome. In diesem Gedanken, entsteht Angst im mentalen Gefecht. Angst wird zum einen Schutz, zur einen Nachricht des Geistes in Bezug auf das, was gerade in deinem Leben am dringlichsten ist. In welcher Scheiße du auch stecken magst, Angst sagt: Zieh dich da raus. Angst kann also eine Aufforderung sein, ein Hilfeschrei deines Geistes, nötige Veränderungen in Angriff zu nehmen. Und zwar schleunigst. Falls dir das allein schwerfällt, nutze die therapeutischen Hilfsangebote deiner Stadt. Aber gehe den Weg deiner – in diesem Falle – wohlwollenden und deshalb alarmierten Gefühle.

 

Die Angst (kommt) vor der Gefahr als Hinweis und Signal

Was wollen dir Angst und Panikattacken sagen?Wenn Angst auftritt, reagieren wir. Wie die Reaktion auch aussehen mag. Wir nehmen unsere körperlichen Empfindungen wahr. Und reagieren. Dummerweise eher mit Abwehr, indem wir uns tot stellen. Aber viele schafften es, einen Schritt zurückzugehen und sich die angstauslösende Situation näher anzuschauen. In den meisten Fällen erkannten sie, dass das, was sie ängstigte, eine viel legitimere und reale Gefahr (und somit Angst) mit sich bringen könnte.

Ein Bespiel: Mein Onkel (er verstarb 1990 im Alter von 29) half sich mit Alkohol über seine Ängste, nichts wert zu sein, hinweg. Er fühlte sich weder zugehörig noch geliebt. Mein mittlerweile verstorbener Großvater war damals häuslich gewalttätig und weit entfernt davon, ein guter Vater zu sein. Mein Onkel wurde als Reaktion auf diesen familiären, emotionalen Stress alkoholabhängig, schloss sich einer Gruppe “Gleichgesinnter” an, geriet oft in Prügeleien, aber steuerte mithilfe von Alkohol seine Selbstwertprobleme und Ängste (wenn auch fehlgerichtet). Wie es damals in der DDR so war, kam man schnell ins Gefängnis, wenn man sich abnorm verhielt. So auch mein Onkel. Interessant war, dass er jedes Mal, wenn er einsaß, keinen Impuls zum Trinken hatte. Er holte sogar im Gefängnis mehrere Teilfacharbeiter nach. Kurioserweise fühlte er sich im Gefängnis geschützt; dort brauchte er keine Angst zu haben. Seine Angst funkte weder “Vorsicht!” noch hatte sie Grund, sich über das Reaktionsmuster Alkoholismus auszudrücken. Kaum war er jedoch wieder draußen, in der Realität, kam seine Angst erneut hoch, weil er sich nicht sicher fühlte. (Verständlich für die, die sich mit der Stasi und ihren Auflagen bei antisozialem Verhalten auskennen. So wurden meiner Großmutter und Mutter verboten, Kontakt zu ihm zu haben. Er sollte noch weiter ausgegrenzt werden, sich noch weniger liebenswürdig fühlen, als Bestrafung für seine Reaktion auf die Tyrannei seines Vaters.)

Ein Beispiel aus dem Panikalltag: Wann immer ich in einen bestimmten Supermarkt ging, bekam ich Panikattacken. Ging ich aber in einen anderen, hatte ich keine. Ich merkte erst Jahre später, dass nicht meine Panik problematisch war, sondern DIESER Discounter. Nur dort wollten alle zuerst rankommen, nahmen sich wichtiger, drängelten vor, hatten keine Ruhe, keine Zeit und waren gestresst – von den Kunden bis zu den Einzelhandelsverkäufer*innen. Im anderen Supermarkt aber war es ruhig: Die Kunden schlendern entspannt durch die Gänge und die Menschen an der Kasse warten geduldig, bis die, die kassieren, fertig sind. Keiner muckt. Völlige Akzeptanz. Hätte ich nicht gewusst, dass ich mich am Verhalten der gestressten, sich benachteiligt fühlenden und hektischen Menschen innerlich anzupassen versuche – mit demselben Stress reagiere – hätte mir eine Verhaltenstherapie nur bedingt etwas gebracht. Denn was geändert werden musste, war die Wahl meines Supermarktes, die Menschen, denen ich begegne. Denn meine Panikattacken dort waren eine Schutzfunktion meiner Angst und sie funkte „Weg hier!“. Die Angst vieler Hochempathen reagiert so.

Ähnliche Beispiele kenne ich aus der Partnersuche (wenn ich keine Nähe von und zu jemandem ertragen konnte) oder von Begegnungen mit Menschen, bei denen ich sofort ein schlechtes Gefühl hatte. Mein Bauchgefühl ist zwar stark, aber manchmal, wenn ich etwas unbedingt will oder bequem werde, ignoriere ich meine Intuition unbewusst und unbemerkt. Höre ich nicht auf sie, kommt in 90 Prozent aller Fälle Angst in mir hoch, als würde sie meine Intuition unterstützen wollen und sagen: „Lass. Ich erledige das!“

 

Zusammengefasst:

Angst und Panikattacken sind Hilfeschreie deines Unterbewusstseins, mit etwas aufzuhörenIn meinen Augen ist das Gefühl Angst, das jedes Lebewesen kennt, um Einiges schützender im positiven Sinne, als wir uns bislang erlauben, anzuerkennen. Angst ist ein Zeichen, mit etwas aufzuhören, sei es Grübeln, Kontakt zu einem bestimmten Menschen oder der Kampf um Liebe. Ich nehme an, dass es stark mit der Gesellschaft und ihrer Prägung, vor nichts Angst haben zu dürfen, was nicht wahrhaftig physisch bedrohlich ist, zusammenhängt. Wir sind, und sollen darauf trainiert sein, vor nichts und niemanden Angst haben zu müssen, was nicht unseren körperlichen Tod herbeiführen könnte. Aber eine Gesellschaft mit leistungsorientierten Maßstäben gab der westlichen Psychologie diese Standards, nicht etwa das Individuum. Betrachtet man den Tod an sich, so existiert er auch mental, herzlich und seelisch, nicht nur auf medizinischer Ebene, sondern auf spiritueller – oder für die, die allein vom Wort Spiritualität abgeschreckt sind (weil unsere Kultur ihre volle Arbeit geleistet hat), holistisch.

Ganzheitlich betrachtet ist es auch ein Tod, sich mit falschen Menschen in einem sozialen Umfeld auseinandersetzen zu müssen (oder zu wollen) oder in lieblosen Partnerschaften zu bleiben oder dem Chef den Arsch zu küssen. Jeder noch so kleine Verrat an uns selbst (meint: Körper – Geist – Herz -Seele) lässt etwas in uns sterben, im Mindesten aber unsere Authentizität, unsere Wahrheit. Sind wir aufgrund von Umständen nun aber dazu gezwungen, den Chef geil finden zu müssen oder Unternehmensziele zu befürworten oder dem Partner/der Partnerin das Gefühl zu geben, man wäre fein mit den Bedingungen, Idealen, Werten und Grenzverletzungen, löst das völlig berechtigt Angst aus. Dennoch definiert die Psychologie es als „gestört“, wenn der Körper/Geist mit Angst- oder Panikattacken reagiert. Aber viele sind so konditioniert (ich bin eines der besten Beispiele), dass sie keine feinen Sensoren mehr für Stresszustände oder Fremdsteuerung besitzen. In meinem Kopf ist es logisch, dass der Körper mit einer ausgefeilten, treffsicheren Variante daherkommt. Wer die kleinen Signale schon überhört hat (oder musste/wollte), der braucht vielleicht einen lauteren Knall.

Doch dieser unüberhörbare Knall deute im Denken der Menschen dennoch ein krankheits- und behandlungswürdiges Muster an, etwas, das uns vom definierten Normalen der Kultur unterscheidet und ausgrenzt. Aber dass eben Angst ein Weckruf der Aus- bzw. Abgrenzung ist und sagen will: „Weg da!“, verkennen wir selbst in den kleinsten Momenten. Angst ermahnt zur Vorsicht, weil wir es mit Schmerz, Belastung, vielleicht sogar Tod in Verbindung bringen. Das verbindende Element ist Angst. Das auslösende Momentum aber ein ganz anderes. Das muss kuriert werden. Und weil wir nicht trainiert sind im Umgang mit schweren, belastenden und schmerzhaften Gefühlen – sie seitens der Gesellschaft immer so schnell “therapiert” werden sollen, damit wir wieder funktionieren, glauben viele, dass etwas mit ihnen nicht stimme, wenn sie Panikattacken haben. Das liegt nur daran, dass wir mit unseren Gefühlen nach den eingeflößten, blind geglaubten Standards anderer versuchen zu leben und unser Versagen dabei „falsch“, „abnormal“, „klein“ oder „kindisch“ betitelt wird. Es gibt viele kulturell und gesellschaftlich definierte SOLL-Werte, die wir bewusst nicht mehr wahrnehmen, aber unserem Körper-Geist-Herz-Seele-System durchaus ein Dorn im Auge sind.

Wenn wir uns nur mit Menschen zusammentun, denen wir nicht ausreichen, die uns stets zu ihren Zielen drängen wollen, während sie unsere ignorieren (und wir dieses einseitige Verhalten nicht mit Rückzug bekämpfen, sondern befürworten und nachahmen), ist es doch logisch, dass der Geist irgendwann mindestens mit Angst reagiert. Es wäre ja an seiner Funktion vorbei, wenn er es nicht täte. Dennoch seien nach gesellschaftlichen Standards die Reagierenden das Problem und ihr Verhalten müsse nur umstrukturiert, umprogrammiert oder wieder auf Trab gebracht werden.

Mit jedem Menschen, der nicht mehr Teil meines Lebens sein wollte, wenn ich gerade wieder eine Panikepisode hatte, wurde mein Leben leichter. Klar waren der Verlust und die anfängliche Irritation schwer für mich. Aber ihre Abwesenheit bereinigte viel Unauthentisches in meinem Leben.

 

Angst-Riecher: Man muss den Mist riechen wollen, um ihn erkennen und beseitigen zu können

was macht dir wirklich Angst?Menschen sind meisterhaft darin, sich die noch so übelsten Situationen und Umstände schönzureden. Augenwischerei von früh bis spät ist die Agenda vieler. Es lebt sich sicher leichter, getreu dem Bibelvers: “Denn bei viel Weisheit ist viel Unmut, und häuft einer Erkenntnis, so häuft er Schmerz.”, das Äquivalent für “Ignoranz ist ein Segen.” Hauptsache ist und bleibt, dass X in unserem Kopf doch so wunderbar funktionieren könnte. Wenn wir nur daran glauben, wenn wir uns nur noch mehr bemühen. Deshalb gibt es Angst nicht nur als Signal, sondern auch als Hinweis auf: “Hier liegt das Problem.” Um nichts in deinem Leben zu bedrohen, keinen Verlust zu erleiden, steht Angst für dich auf und ein. Deshalb reagieren Menschen zum Beispiel mit Panik, wenn

  • ihnen jemand droht (Achtung: Gefahr!) und frieren im Totstell-Modus ein (Konditionierung: Jetzt tu nichts. Bloß nicht auffallen. Verhalte dich still.)
  • beginnen durch stille Wut (unausgefochtener Kampf) und Panik (Energie für den Kampf, die sich entladen will, denn wenigstens im Kopf muss gekämpft werden) auf z. B. Ungerechtigkeit oder eingeschränkte persönliche Freiheiten (Auslöser, für den sie keinen Umgang gelernt haben)
  • nehmen den Kampf auf (auch reine Angstenergie), um Verluste wichtiger Werte zu vermeiden oder
  • wollen fliehen, wieder zurück (durch Panikattacken), wenn sie z. B. jemanden vermeintlich zurücklassen, im Stich lassen (womit sie Schmerz desjenigen verbinden: häufig zu sehen bei ambitionierten Müttern) und opfern sich oder
  • wollen nur noch “raus” aus einer Situation oder sozialen Gruppe, wenn deren Reize Überhand nehmen, weil sie sie nicht verarbeiten können (öffentliche Verkehrsmittel, enge Räume, laute Umgebungen, die keine Rückzugsorte darstellen)

Es sind Reaktionsmuster (Totstellen, Flucht, Kampf) auf etwas, das wir fürchten oder aber im Umgang noch nicht gelernt haben. Wie dir vielleicht auffällt, dominieren Flucht und Totstellen. Kampf ist eher selten bei Angst/Panik-Symptomatiken, da es Teil des Problems ist, dass sie für sich behalten wird, statt ausgesprochen, wahrgenommen, ausagiert (also das, was du wirklich willst) und akzeptiert.

Doch bei manchen ist die Situation so verworren, dass sie nicht wissen, woher die Angst/Panik rührt. Falls du dazugehörst und keinen Anhaltspunkt besitzt, welcher Lebensbereich dich belastet – Liebe/Partnerschaft, Familie, Beruf, Freundeskreis – möchte ich dir einen kleinen Trick aus meiner damaligen Zeit verraten.

Welcher Lebensbereich belastet dich wirklich? Finde es heraus >>

 

Macht Studieren krank? Mehr Studierende leiden unter Existenzängsten

Macht Studieren krank? Mehr Studierende leiden unter Existenzängsten

 

Die Zahl der Krankschreibungen aufgrund psychischer Krankheiten nimmt unter Studierenden drastisch zu. Dazu gehören auch eine Reihe an Angststörungen sowie Panikattacken. Rund eine halbe Million Studenten in Deutschland leidet aktuell unter einer psychischen Erkrankung. Laut Barmer-Arztreport 2018 sei der Anteil der psychischen Diagnosen bei 18- bis 25-Jährigen allein in den Jahren 2005 bis 2016 um 38 Prozent gestiegen. Depressionen nahmen in diesem Zeitraum bei der Zielgruppe sogar um 76 Prozent zu. Somit leidet statistisch gesehen jeder sechste Student an einer psychischen Erkrankung.

 

Je älter ein Student bzw. eine Studentin, umso größer die Ängste

Auffallend ist, dass ältere Studenten besonders häufig von einer psychischen Erkrankung betroffen sind. Es scheint demnach eine Korrelation zwischen dem Alter des Studenten beziehungsweise der Studentin und der psychischen Verfassung zu geben. Während mit 18 Jahren nur 1,4 Prozent der Studierenden unter einer Depression leiden, sind es mit 28 Jahren bereits 3,9 Prozent. Die Gründe dafür liegen auf der Hand: Die Ursachen dieser Angststörungen, Depressionen, Minderwertigkeitsgefühlen und weiterer psychischer Erkrankungen während dem Studium liegen vor allem in Existenzängsten begründet und genau diese nehmen zu, je älter die Studierenden sind. Macht Studieren also krank?

 

Welche Gefahren hat ein Studium für die psychische Gesundheit?

Kraftlosigkeit, Müdigkeit und Erschöpfung beim Lernen während des Studiums aufgrund von Leistungsdruck

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Natürlich macht ein Studium nicht prinzipiell krank, dennoch triggert es viele im Menschen verankerte Ängste. Nicht jeder Student und jede Studentin kann damit (auf Dauer) umgehen und so kann sich das Studieren förderlich auf die Entwicklung einer psychischen Erkrankung auswirken. Dass die Zahlen aktuell so stark ansteigen, liegt nämlich nur einerseits in der verbesserten Diagnostik und der höheren Akzeptanz psychischer Erkrankungen in der Gesellschaft, sodass mehr Betroffene den Mut finden, sich Hilfe zu suchen und eine Diagnose stellen zu lassen.

Andererseits liegt die Ursache vermehrt in dem steigenden Zeit- und Leistungsdruck an deutschen Hochschulen sowie Universitäten. Mehr und mehr Studenten leiden unter Existenzangst, welche sie mit anhaltender Dauer des Studiums und zunehmendem Lebensalter immer stärker belasten, bis unter Umständen eine Depression, Angst- oder ähnliche Störung entsteht.

 

Ursachen: Existenzangst als Sammelbegriff

Jeder Mensch leidet unter Existenzängsten. Diese sind als Urinstinkt fest verankert und überlebenswichtig. Wäre da nicht die Angst vor dem Tod, würden viele Menschen waghalsig durch ihr Leben gehen. Zukunftsängste im Sinne der Unberechenbarkeit des Lebens, wie die Angst vor dem Verlust eines geliebten Menschen, stellen die Grundlage des modernen Versicherungssystems und auch der Institution der Ehe dar. Es ist also völlig natürlich, dass der Mensch nach vermeintlicher Sicherheit strebt. Dennoch ist es interessant, den Sammelbegriff der Existenzangst einmal in seine verschiedenen Bestandteile zu zerlegen. Welche Ängste sind es also wirklich, die deutsche Studierende so belasten, dass sie eine halbe Million Betroffene in die psychische Erkrankung treiben?

 

Leistungsdruck

Seit der Einführung das Bachelor-Master-Systems (Bologna-Prozess) im Jahr 2010 ist der Leistungsdruck in vielen Hochschulen sowie Universitäten stetig angestiegen. Mit dem Wissen, dass nur die besten Absolventen anschließend attraktive Stellenangebote erhalten werden, sind sie einem ständigen Konkurrenzkampf ausgesetzt. Dies äußert sich in einer zunehmenden Vereinsamung der Studenten und Studentinnen. Partys, WG-Leben, Freizeit – Faktoren, die früher selbstverständlich zu einem Studium gehörten, werden immer mehr zur Ausnahme. Als Resultat steigen die Zahlen der Studienabbrecher. Rund ein Viertel der Studierenden an deutschen Universitäten geht ohne Abschluss. An Fachhochschulen sind es sogar 39 Prozent. Neben diesem Konkurrenzkampf setzen sich die Studierenden deshalb vermehrt selbst unter Druck. Sie haben hohe Ansprüche an sich selbst, nicht selten zu hoch. Der Anstieg im Leistungsdruck resultiert also sowohl aus inneren als auch aus äußeren Faktoren, das Ergebnis bleibt jedoch dasselbe: Stress, Hektik und die Angst davor, eigene sowie Ansprüche Dritter nicht erfüllen zu können.

 

Zeitdruck

Aufgrund des Bologna-Prozesses steigt auch der Zeitdruck während des Studiums. Langzeitstudierende mit 20 oder mehr Semestern, das ist heutzutage mit den strengen Regularien des Bachelor-Master-Systems nicht mehr möglich. In vielen Fällen gilt: Wer zweimal durch die Prüfung rasselt, ist raus! Wer bis zum vierten Semester kein Praxissemester absolviert hat, ist raus! Wer nach dem fünften Semester nicht das Grundstudium erfolgreich abgeschlossen hat, ist raus! So oder so ähnlich lauten die Studien- und Prüfungsordnungen an vielen Hochschulen und Universitäten. Während temporärer Zeitdruck in der Regel weniger problematisch ist, wird er auf Dauer zum Problem. Zieht sich der Stress also über mehrere Semester bis Jahre hin, kann er zum Auslöser für psychische Erkrankungen wie Panikattacken werden. Dies stellt eine Erklärung dar, weshalb das Risiko einer entsprechenden Diagnose mit zunehmenden Alter der Studierenden steigt.

 

Versagensängste

Angesichts dieser hohen Ansprüche ist es kein Wunder, dass sich immer mehr Studierende überfordert fühlen. Die Angst vor dem „Versagen“, also davor, das Studium überhaupt nicht oder schlechter als gewollt abzuschließen, steigt. Das erhöht wiederum den Druck, die Leistungen verschlechtern sich, die Versagensängste nehmen zu und mit ihnen erneut der Druck, wodurch sich eine Abwärtsspirale bildet, welche geradewegs in die psychische Erkrankung führen kann.

 

Prüfungsangst

Zu diesen Versagensängsten gehört in erster Linie die Prüfungsangst, unter welcher zahlreiche Studierende an deutschen Hochschulen und Universitäten leiden. Dazu gehören sowohl schriftliche als auch mündliche Prüfungen. Auch Vorträge vor den Kommilitonen oder Fremden treiben vielen Menschen Schweißperlen auf die Stirn. Hinzu kommen hohe Anforderungen bei Seminar- und Abschlussarbeiten.

 

Finanzielle Sorgen

Doch damit nicht genug: Immer mehr Studierende müssen trotz BAföG neben dem Studium arbeiten, um ihren Lebensunterhalt finanzieren zu können. Und selbst, wenn dies aus finanziellen Gesichtspunkten nicht notwendig wäre, entscheiden sich viele Studentinnen und Studenten für den Nebenjob, um in möglichst kurzer Zeit möglichst viel Berufserfahrung zu sammeln. Diese Doppelbelastung aus Arbeit und Studium frisst zunehmend die verfügbaren Entspannungszeiträume auf und setzt Körper sowie Psyche unter Dauerstress.

 

Zukunftsängste

Gute Noten, eine kurze Studiendauer, mehrere Jahre Berufserfahrung und gut ausgebildete Soft Skills: Es ist kein Geheimnis, dass die Ansprüche an Absolventen auf dem Arbeitsmarkt in den letzten Jahren gestiegen sind. Dem Fachkräftemangel zum Trotz, haben Studierende in den meisten Branchen sowie Fächern nach wie vor Angst, diese Ansprüche nicht erfüllen zu können und dadurch keinen oder zumindest keinen attraktiven Job zu finden. Die Angst vor einer Arbeitslosigkeit steigt und damit auch wieder das bereits erwähnte Konkurrenzdenken mit der daraus resultierenden Vereinsamung während des Studiums. Auch hier entsteht demnach eine gefährliche Abwärtsspirale, die zur psychischen Erkrankung führen kann. 

 

Gesundheitliche Sorgen

Neben solch allgemeinen Zukunftsängsten spielen auch gesundheitliche Sorgen häufig eine Rolle. Spätestens, wenn sich erste Beschwerden einer Depression, einer Angststörung oder anderen psychischen Diagnosen bemerkbar machen, ziehen diese häufig die Angst nach sich, zukünftig nicht am Arbeitsmarkt bestehen zu können. Schließlich sind psychische Erkrankungen eine der häufigsten Ursachen einer Arbeitsunfähigkeit. Eine Arbeitsunfähigkeit oder sogar Berufsunfähigkeit durch Krankheit kann unter Umständen den Job kosten oder eine Lücke in den Lebenslauf reißen, welche die Arbeitssuche anschließend erschwert. Zudem kann es für Studenten mit psychischer Erkrankung schwierig werden, eine Versicherung für den Fall einer Berufsunfähigkeit abzuschließen, sodass ein Leben von Sozialhilfe droht. Eine Perspektive, die in einer ohnehin schwierigen Situation oft noch zusätzlich belastet.

 

„Quarterlife Crisis“

studentische Beratungsstellen und Therapeuten können Studierende bei psychischen Belastungen und Störungen weiterhelfen

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Zuletzt ist die Studienzeit auch eine Zeit des Umbruchs. Der Auszug aus dem Elternhaus, eventuell eine neue Stadt, neue Freunde, neue Anforderungen in der Universität oder Hochschule, zu kaum einem anderen Zeitpunkt im Leben ändern sich die äußeren Umstände so schnell und drastisch wie zum Studienbeginn. Gerade in den 20ern befinden sich viele Studierende inmitten ihrer „Quarterlife Crisis“. Die Eingewöhnungsphase ist dank Bachelor-Master-System häufig zu kurz oder sie zweifeln an ihrer Studienwahl, schließlich ist der Beruf eine Entscheidung für das ganze Leben. Es ist daher typisch, dass sich an einem solchen Wendepunkt eine Krise entwickelt und mit ihr auch Angststörungen, Panikattacken, Depressionen oder andere psychische Erkrankungen.

Schlussendlich gibt es also viele Gründe, welche im Studium zu Existenzängsten in ihren unterschiedlichen Ausprägungen und damit auch zu psychischen Diagnosen führen. Allein das Wissen darum, mit diesen Ängsten nicht alleine zu sein, kann bereits Trost bedeuten. Glücklicherweise finden zudem immer mehr Studierende den Mut, sich rechtzeitig professionelle Hilfe zu suchen, anstatt das Studium ohne Abschluss zu beenden.

 

Der Artikel entstand in Kooperation mit der externen Redakteurin Aline Schommer.

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Introversion: Sind introvertierte Menschen unsozial? Nein. Nur introvertiert.

Introversion: Sind introvertierte Menschen unsozial? Nein. Nur introvertiert.

 

Ich liebe Zeiten des Alleinseins. Am Wochenende mal nicht unterwegs zu sein, sondern mit einem guten Buch oder Film die Zeit zu verbringen. Ausspannen, entspannen, Frieden und Verbindung zu mir selbst spüren. Ist das unsozial? Nein. Nur introvertiert. Mich kümmert die Umwelt und ich liebe es, allein in der Natur zu sein, allein am Meer zu sitzen, allein spazieren zu gehen, am liebsten dort, wo niemand sonst ist. Um mit mir zusammen zu sein. Ich will dort keine Gesprächspartner. Bin ich deshalb ein Menschenhasser? Nein. Nur introvertiert. So ist das eben mit Introversion.

Ich habe mit Menschen nur ein Problem, wenn sie unnötig laut sind und mir im wahrsten Sinne des Wortes auf die Nerven gehen. Am liebsten sind mir leise Menschen. Deshalb lege ich mich auch nicht in überfüllte Berliner Parks, wo niemand so recht seinen Platz hat, wo man kaum mehr sein eigenes Wort versteht oder sich nicht ausruhen kann. Deshalb kann ich Flüge nicht leiden, weil meistens kreischende Personen mitfliegen. Ich brauche manchmal einfach Stille. Menschen, die unnötig laut sind, unnötig Aufmerksamkeit wollen oder sich um die Bedürfnisse anderer nicht so kümmern, sind in meinen Augen rücksichtslos. Unnormal? Nein. Nur introvertiert.

Ein Plädoyer für die Introversion, bestückt mit meinen Erfahrungen und Erkenntnissen. Vielleicht helfen sie auch dir!?

 

Introvertierte Menschen sind zwar anders, aber keineswegs schlechter als extravertierte

Introvertierte Menschen sind zwar anders, aber keineswegs schlechter als extravertierteViele extravertierte Menschen rollen über introvertierte Menschen die Augen. Nicht nur im Beruf, auch bei der Partnersuche, scheiden sich hier zumeist die Geister. Mittlerweile hat sich zwar der Begriff „ambivertiert“, also die Mischung aus beiden, etabliert. Aber das hat leider wenig an den Vorurteilen und Bewertungen geändert. Witzigerweise kommen die immer nur von den extravertierten Menschen.

  • „Sei nicht so sensibel.“
  • „Geh doch mal mehr unter Menschen.“
  • „Geh mehr raus.“
  • „Sei nicht so unsozial.“
  • Sei nicht dies, sei nicht jenes.

Ich habe mir in den letzten Monaten schon fast angewöhnt, zu ihnen zu sagen: „Sei nicht ständig unter Menschen.“ „Lerne doch mal, allein zu sein.“ „Schenke dir doch mal selbst die Aufmerksamkeit, die du dir wünschst.“ Aber ich werde komisch beäugt. Sie glauben noch immer, dass ich das gesellschaftliche Problem sei.

„Ich finde, dass meine Art richtig ist und du bist falsch, wenn du nicht so bist. Also ändere dich“, schreien sie innerlich.

Was sie aber nicht verstehen, ist, dass sich introvertierte Menschen nicht nur nicht ändern können. Ihre Gehirne sind anders strukturiert. Sie wollen sich auch in den meisten Fällen gar nicht anpassen. Sie sehen keinen Sinn darin.

Ich aus meiner Warte kann sagen, dass es schon einige Dinge gibt, die ich gern wollen würde, wenn ich sie nur könnte. Ich habe es einige Male ausprobiert, aber bin stets gescheitert. Ich würde gern mal auf ein Konzert in der Waldbühne, wo Tausende Menschen hineinpassen und mich null um die Energie anderer scheren, einfach weil ich sie gar nicht bemerke. Ich würde gern in der Oper ohne Ohropax sitzen, weil es mir nicht zu laut wäre, sondern je lauter, desto besser. Ich wäre gern völlig entspannt damit, wenn mein Nachbar hustet, 200 Flugzeuge am Tag über meinen Kopf hinwegrauschen, draußen die Anwohner grölen und in den Öffis eine Art Privattreffen stattfindet – immerhin weiß ich über einige Fahrgäste nach der Fahrt mehr als über meinen Nachbarn. Ich hätte am liebsten keine Probleme damit. Habe ich aber. Manchmal kann ich mich zwar ablenken und nicht hinhören, aber nur wenn ich gerade im Flow mit mir bin.

 

Introvertierte Sensitivität und Sensibilität

Leben mit extrovertierten und introvertierten Partnern

Die Angst vor Lautstärke (die übrigens, Achtung!, bei ALLEN Menschen angeboren ist), scheint bei introvertierten Menschen stärker ausgeprägt zu sein. Nicht zuletzt weisen sie eine erhöhte Sensitivität auf, was wir spätestens seit Elaine Arons Entdeckungen im Bereich der Hochsensibilität wissen und wissenschaftlich bewiesen anerkennen durften. Unsere Sinne sind schärfer. Das ist eine Wahnsinnssache, wenn man beruflich sinnlich (visuell, auditiv, haptisch, gustatorisch, olfaktorisch) unterwegs ist. Höhen und Frequenzen in der Musik nehmen wir ganz anders wahr. Wir können Tiefgänge in so manchem auch viel tiefer und intensiver wahrnehmen, wo sich andere nur wundern. Deshalb sind Großraumbüros oder ständig klingelnde oder piepsende Handys, Pings der E-Mailprogramme, grelles Licht, abartige Gerüche, die bestimmte Konsistenz eines Nahrungsmittels oder kratzende, zwickende und enge Kleidungsstücke nichts unseres.

Auch in der Sparte der psychischen und emotionalen Sensibilität haben wir andere Vorstellungen als extravierte. Als King Kong im gleichnamigen Film auf dem Empire State Building minutenlang von Flugzeugen beschossen wurde, habe ich zwei Taschentuchpackungen verheult. Wenn ich wütend bin, ist man lieber woanders. Wenn ich brülle, steht die Uhr nicht auf 5 vor 12, sondern auf halb 1. Wenn ich einmal Nein sage, heißt das klar Nein, nicht Vielleicht, nicht „Versuche mich noch weiter zu überzeugen. Ja, bitte! Geh mir auf den Keks!“ Essen, Parfums und Temperaturen können bei mir Wunder bewirken oder eines nötig machen. Freunde sind Familie. Stundenlange, gute Gespräche können Wochen voller Stress wegzaubern. Eine Umarmung oder ein „Wie geht es dir?“ hat eine Bedeutung. Und Sex ist weit mehr als „nur Sex“.

Nicht selten dachte ich, dass Introvertierte per se „komplex“ seien, auch wenn sie wenig oder weniger von sich preisgeben. Sie brauchen einfach ihre Zeit, um Vertrauen zu schöpfen und sich bei jemandem zurücklehnen zu können.

 

Introversion: Sinne und Emotionen in Verbundenheit

Wir haben zudem eine außergewöhnliche Neigung dazu, unsere Sinne mit den Emotionen in Einklang zu einer wahren Pracht zu bringen: Wir fühlen Farben, riechen Angst (oft modrig, schlammig), sehen anderen ihre geheimen Gedanken an der Nasenspitze an und wissen, wie die Jahreszeiten schmecken. In Gesprächen mit Konfliktnatur nehmen wir alles wahr und saugen es auf, speichern es ab und können es später mit unseren Gefühlen und Emotionen erneut in uns aufrufen, wie ein Buch, das wir wieder an einer bestimmten Seite aufschlagen.

Wir fallen oft erst zwei bis drei Tage später aus allen Wolken, weil unser Gehirn erst dann alles verarbeitet hat, bis hin zu kleinsten Notlügen und versteckten Gemeinheiten. Wir brauchen aber nicht aus Unfähigkeit länger; wir haben mehr Informationen aufgenommen und hatten deshalb mehr zu verarbeiten. Ausgeblendet wird bei uns gar nichts. Eine wunderbare Sache, wenn man sich in Gefilden befindet, die von Informationsverarbeitung, -aufarbeitung, Mustererkennung und -verbindung befindet. Wir sind eben die für das große Ganze, während extravertierte meist nur einen Teil bearbeiten. Wir sind – in den meisten Fällen – auch empathisch, wenn nicht sogar hochempathisch, was extravertierte Menschen selten sind. Wir stehen für Gegenseitigkeit, Ehrlichkeit, Freiraum, Individualität.

 

Das nicht so Schöne an der Introversion

Introvertierte Menschen sind oft hochsensibel und empathischAber natürlich gibt es auch Seiten, die wir deshalb weniger draufhaben: Unsere Ideen sind weniger schnell aufrufbar. In Brainstormings brillieren wir entweder nicht schnell genug, gar nicht oder aber sind total genervt, weil wir schon wissen, was zu tun wäre. Weil wir in manchen Dingen unser eigenes Tempo haben, können wir uns in Liebesdingen schnell überrannt fühlen. Extravertierte lassen sich schneller auf jemand Neues ein, wo wir noch darüber nachdenken, wie derjenige wohl diesen einen Satz gemeint haben könnte.

Wir stehen ungern im Mittelpunkt, was bei einigen bis hin zu Prüfungsangst, Redeangst oder Auftrittsangst geht. Wir sind kritischer in Hinblick auf unsere Leistungen, was uns zwar zu wandelnden SWOT-Analytikern (Stärken-Schwächen-Chancen-Risiken-Analysen) macht. Aber wir vertrauen uns oftmals nicht genug. Wir brauchen deshalb auch etwas länger, bis wir zu einer Entscheidung kommen. Besonders im emotionalen Bereich kann oftmals wie Misstrauen oder gar Misanthropie aussehen. In Wahrheit aber grooven unsere Gehirne noch, sind noch nicht fertig mit der Bearbeitung der Situation oder Herausforderung. An überfüllten oder lauten Plätzen findet man uns eher selten. Wir können mitunter Oberflächlichkeit ertragen – kurz. Aber am liebsten sind uns tiefsinnige, weil interessante Gespräche. Gute Small talker sind wir deshalb auch nicht von Beginn an.

Einige dieser Herausforderungen lassen sich antrainieren. Ich habe es ausprobiert. Andere wiederum – schon erwähnt – lassen sich nur ertragen lernen. Das funktioniert am besten, je weniger gestresst man ist. Außenumstände können besonders lästig werden, wenn Introvertierte in ihre Gedanken versunken sind, zum Beispiel arbeiten, schreiben, kreativ sind, sich bewusst entspannen wollen, ihren Gedanken freien Lauf lassen wollen. Jede Unterbrechung kann schnell an die Grenze zum Genervtsein schlagen. Mit Melancholie hat nichts zu tun. Wir empfinden eben alle Gefühle und Emotionen tief und schwimmen da auch gern einmal drin.

Mir fiel in meiner bisherigen Arbeit mit Menschen auf, dass gestresste Introvertierte noch sensitiver und sensibler reagieren auf ihnen leidige Umstände, wenn sie allgemein gerade gestresst waren oder bislang noch keine Möglichkeit hatten, sich wieder herunterzufahren.

Auf Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Treffen zum Beispiel brauchen sie bewusste Zwischendrin-Pausen, bevor sie sich wieder ins Getümmel werfen. Auch mit der neurologisch sinnvollen Frequenz von 90min je Arbeitseinheit, gefolgt von einer Minipause, kommen sie oft nur schwer zurecht. Je nach individueller Konstitution brauchen sie alle 30 oder 45, spätestens aber 60 Minuten eine Pause von mindestens 10-20 Minuten.

Eine noch leidigere Sache bei der Introversion ist, dass introvertierte Menschen es nicht so sehr mögen, zu warten. Sie sind es aufgrund ihres Lebensstils gewohnt, dass sie sich so wenig wie möglich externen Umständen und Menschen anpassen müssen. Bekommen sie also nicht wie üblich schnell Zugriff auf etwas, können sie leichter nervös und gestresst werden. Wenn es zum Beispiel alles, was ich zum Leben brauche, auch in den Berliner Spätis zum selben Preis gäbe, würde man mich nie wieder in einem Riesensupermarkt sehen. Aber zwischen Introvertierten gibt es auch „Niveaustufen“, also Ebenen der Intensität, wie ich erfahren durfte. Einige sehen Umstände, die ich so gar nicht abkam, entspannter als ich, während andere noch viel kritischer sind. In eine einzige Schublade passen wir also nicht.

 

Was Introvertierte noch wissen dürfen

Ich mag etwas extrem sein, wenn es um Anpassung geht. Dennoch habe ich für mich seit langer Zeit einen beiderseits guten Weg gefunden. Wenn zwei sich in ihrer -iertheit unterscheiden und partout keine Kompromisse finden, schadet es der Seele desjenigen, der sich „deshalb“ freiwillig ändert oder anpasst. Lieber Alles Gute wünschen und sich so sein lassen, wie man ist. Auch wenn es bedeutet, dass derjenige dann nicht Teil des Lebens ist oder du Teil seines Lebens, so ist es auf lange Sicht gesünder und wohltuender, weil vorprogrammierte Konflikte gar nicht erst entstehen konnten.

Auf der anderen Seite können Introvertierte einiges von Extravertierten lernen (umgekehrt auch). Begib dich deshalb lieber nicht so schnell in dieselbe Vorurteils- und Bewertungsschublade wie andere. Sondern beobachte, was dir am extravertierten Lebensstil zugute käme. Studiere die Menschen, die mit Bravur und Leichtigkeit etwas können, was du beneidest oder bräuchtest. Schau, ob dein Körper, Geist und deine Seele das willkommen heißt oder ob es sich, wie bei mir und der Lautstärke, um eine Duldungssache handelt. Frage bewusst deine extravertierten Freunde oder Familienmitgliedern, wie sie es machen. Gehe ihn auf den Nerv, bis sie es ausspucken. Oft machen sie es so intuitiv und unbewusst, dass sie nur schwer sagen können, wie sie es tun. Aber wenn man ihnen erklärt, wieso man das wissen möchte oder gar muss, dann öffnen sich viele schnell und gehen in sich.

Beide Seiten bewusst anzugleichen, macht einen zwar noch lange nicht ambivertiert. Denn das hieße in meinen Augen, dass beide inneren Tendenzen eigens als Impulse in dir auftauchen. Aber es ermöglicht auf jeden Fall eine Entwicklung deiner Persönlichkeit und deiner Kompetenzen im beruflichen und/oder sozialen Kontakt. Es bewusst auszubalancieren, bedeutet ja nicht zwingend, dass wir etwas vom Überwiegenden wegnehmen, sondern nur, dass man es ergänzt.

 

Wie man sich selbst als Introvertierter sieht, ist entscheidend

Gott weiß: Ich habe lange Jahre mit meiner Natur gekämpft und meine Introversion nicht selten zum Teufel jagen wollen. Ich wollte alles können, was andere konnten – der Anpassung wegen und um nicht aufzufallen, um alles das zu bekommen, was andere hatten, um immer Teil sein zu können statt allein. Aber ich merkte schnell, dass meine Introversion ihre Vorteile hatte, dass Exklusion und Alleinsein Gutes innehatte. Allein im Erleben und Erfahren des Lebens, innerer Weisheit, Achtsamkeit (wir können das eher) und menschlicher Gefühle, bergen einzelne, wenige Anker so viel Kraft, dass sie dich nähren und über einiges hinwegtragen können.

Nur wenn es sich um Angst, Scham und Schuld handelte, habe ich Schwierigkeiten, mich dort hineinfallen zu lassen. Aber zum Glück durfte ich lernen, dass auch Extravertierte ihre Probleme damit haben. Manchmal sogar mehr als die, die die Weiten ihres Bewusstseins nicht scheuen, sondern lieben. Wenn man sie denn lieben gelernt hat: Eine unbedingte Empfehlung für alle Introvertierten.

Leise Grüße,
Janett Menzel