Was du wissen solltest, bevor du dein Hobby zum Beruf machst

Was du wissen solltest, bevor du dein Hobby zum Beruf machst

 

Ich habe seit langer Zeit keinen Text mehr nur für mich geschrieben. Seit ich mein Hobby, das Schreiben, zum Beruf gemacht habe, schreibe ich, um damit auch meinen Lebensunterhalt in Form von Geld und beruflicher Anerkennung zu verdienen. Ich dachte ernsthaft, das sei eine hervorragende Idee. Und um es vorwegzunehmen: Ich denke das noch immer. Aber seit einigen Wochen fällt mir auf, dass mir mein Traum gewaltig um die Ohren fliegt. Es sind mit meiner Selbstständigkeit leider Elemente mit zum Schreiben hinzugekommen, die ich jetzt als lästig empfinde. Sie rauben mir nicht selten eine große Portion Motivation. Nicht etwa, weil mir mein früheres Hobby und jetziger Beruf keinen Spaß mehr machen. Sondern weil das Ausleben meines Hobbys/Berufs nun einen Nutzen, Zweck und damit eine Verwertbarkeit für andere Personen haben sollte (jedenfalls, wenn ich erfolgreich sein möchte).

 

Vom Traum, sein Hobby zum Beruf zu machen

sein hobby zum beruf machen berufungHobbys und Leidenschaften sind deshalb so nährend, weil sie uns erlauben, wir selbst zu sein oder etwas zu erreichen, was für uns von Wert ist. Das kann ein Gefühl oder eine Form der Anerkennung von außen sein. Doch in Zeiten der flächendeckend propagandierten Selbstverwirklichung und Potenzialentfaltung á la “Schau, wie einfach es ist, dich zu verwirklichen! Become an Influencer!“-Facebook Posts, Instagram Stories und Youtube Stars ist es leicht, sich von der Verwirklichung eines Traums, sein Hobby zum Beruf zu machen, anstecken zu lassen.

Es sieht beinahe so aus, als ob die Zeitqualität festangestellte Menschen ausgrenzt und abstempelt. Denn nur wenn man selbstbestimmt, in seiner wahren Größe lebt, “seine vollen PS auf die Straße” bringt und mit sich und seinen Talenten Geld verdient, sei man von Wert und führe ein lebenswertes Leben.(Allesamt Verkaufssprüche, bei denen mir das Würgen kommt.) Wir alle wollen, dass unser Wert erkannt und geschätzt wird. Und ja, ich weiß es ja selbst aus meiner Angestelltenzeit, dass es sehr unliebsame Zeitgenossen gibt, die einem wiederholt eben diesen Wert absprechen und oft auch noch glauben, sie wüssten es besser. Und eben weil wir das alle kennen, erzählen dir etliche Menschen im Internet, wie schön Selbstständigkeit und das Ausleben deiner Berufung ist, wie leicht und wie viel Geld du damit verdienen kannst… Und hier der Haken: Sie versprechen dir, wie leicht es ist, wenn…du ihr Produkt kaufst, damit du bestimmte Anfangsfehler vermeidest oder…wenn du dich noch in ihren Newsletter einträgst, um die fünf wichtigsten Kniffe zum Erfolg kennenlernst oder…wenn du nur an ihrem Webinar teilnimmst, an dessen Ende alles verkauft wird, damit du dein “Business” starten kannst (noch so ein Würgewort).

Damit verdienen sie ihr Geld, nicht etwa mit ihrem Traum.

Seinen Traum zum Beruf zu machen, ist tatsächlich nicht schwer. Man kündigt entweder und legt los oder man baut es langsam als Nebenselbstständigkeit auf und wartet auf den rechten Zeitpunkt mit der Kündigung. Gerade wenn man denkt, dass es nun losgehen kann, stellen sich aber schon die ersten Hürden ein: blöde und lästige Existenzängste, fehlende Marketingkenntnisse, geringe Kundschaft oder viel zu wenige Menschen, die von deinem Produkt/deiner Dienstleistung Kenntnis haben. Das sind nur die halbschlimmen Dinge. Die in meinen Augen wirklich schmerzenden Nebenprodukte sind emotionaler Natur und kommen nicht selten einem Raubbau an deiner Seele gleich. Man muss wissen, wie man damit umgehen wird, wenn es soweit ist. Denn treffen werden dich diese (oder ähnliche) Schläge über kurz oder lang ganz sicher:

 

Dein Hobby gehört nicht mehr nur dir. Vielleicht brauchst du sogar ein neues.

bewusstsein der anderen achtsamkeitMach dir eines bewusst: Alles hat einen Nutzen. Jedes Hobby gibt dir ein Gefühl, zum Beispiel grenzenlose Freiheit der Gedanken, Selbstausdruck, Kontakt zu deinen Gefühlen, Kreativität, Dingen eine Form geben, Zeit, Flow, Dinge in Ordnung bringen, körperliche Aktivität, die Erfahrung der körperlichen/geistigen/emotionalen Stärke, um nur einige zu nennen. Für mich bedeutete Schreiben früher Selbstausdruck und Kontakt zu meinen Gefühlen, Bedürfnissen und wahren Wünschen zu haben und auszuleben.

Es geschieht sehr schleichend, dass du das, was dir früher so viel Spaß machte und Halt gab, plötzlich zu einem Instrument deines Erfolges wird. Dein Erfolg stiftet den Wert, nicht mehr nur das Gefühl, das dein Hobby dir stiftete. Wollen deine Kunden das Instrument nicht, wirst du dich beizeiten sehr erfolglos, versagend oder gar wertlos fühlen. Der Perfektionismus schleicht sich von hinten an. Denn wenn du nur X tätest oder bei Y besser wärst, dann…würde alles besser werden. Dann weiterzumachen und durchzuhalten, nicht aufzugeben, das Vertrauen in sich selbst zu bewahren und die Hoffnung aufrechtzuerhalten, ist eine Kunst.

 

Das Resultat muss nicht mehr nur dir gefallen, sondern vor allem anderen.

Sonst läufst du Gefahr, dass du nicht gefällst. Und kein Mensch kauft etwas, was ihm nicht gefällt oder was ein nicht wünschenswertes Ergebnis für ihn bringt. Wenn du ein Online Business starten willst, Blogger, Influencer oder sonstwas im Internet werden möchtest, hat vieles mit der Anzahl der Likes, Shares und Kommentare, Seitenaufrufe, monatlichen Besucherzahlen, Verweildauer, Absprungrate undgefallen müssen hobby zum beruf machen was tunAnzahl der besuchten Seiten zu tun, Reichweite und Beitragsinteraktionen. Begriffe, die du lernen musst, an denen du mitunter deinen Wert messen wirst. In jedem Fall hat deine Leidenschaft plötzlich den Anspruch, schön, wertvoll, informativ, inspirierend, begehrenswert, Neid erregend oder wenigstens Sehnsucht erweckend zu sein. Es muss Gefühle in deinen Kunden ansprechen. Tut es das nicht, hat es keinen Wert gestiftet. Stiftet es für andere keinen Wert, verdienst du kein Geld und bekommst keine Anerkennung.

Nichts schmerzt mehr, als für das, was man tut und liebt, keine Zuwendung zu erhalten. Wenn dich deine Leidenschaft nachts nicht schlafen lässt, weil du damit nicht deinen Lebensunterhalt verdienen kannst, wird es fatal. Ich habe mich mehrfach dabei ertappt, wie ich alles infragestellte, wie ich an meinem Traum zweifelte und vor allem: an mir. Das andere Extrem, zwar Aufmerksamkeit zu bekommen, aber eben negative, in Form von Kritik, destruktive Meinungen, Neid, Eifersucht, Shitstorms oder Menschen, die sich angegriffen fühlen oder glauben, es besser zu wissen, ist eine weitere, soul-sucking Seite der Medaille. Für mich am schlimmsten ist die Verachtung, die einem beizeiten entgegengebracht wird. Man weiß, man hat sich etwas Großes getraut und wird dennoch (oder deshalb) dafür belächelt. Vor allem dann, wenn die eigene Versagensangst mehr als präsent ist. Dann kann echt jedes Wort eines unbedachten und unachtsamen Menschen wie Messer in deine Haut schneiden.

 

Berufung ist nicht immer schön, sondern bedeutet auch Stress und Leistung.

Also genau das, was man eigentlich hinter sich lassen wollte, als man alles über den Haufen warf und sein Hobby zum Beruf machte. Berufung bedeutet, dass die Themen zu dir kommen. Aber wenn dein Hobby zum Beruf wurde, dann musst du dich zwangsläufig nach Themen und Bedürfnissen deiner Kundschaft umschauen, damit diese zu dir kommen. Wer in den sozialen Medien präsent ist und dort eine Followerschaft hat, die einen großen Teil des monatlichen Verdienstes ausmachen oder als wiederkehrende Besucher auf deine Website kommen, um dort zu barem Geld zu werden, der spielt nicht selten den fähigen, gut gelaunten Entertainer á la “Nichts tut weh und alles ist wunderschön!” - schon einmal vorab, um die Leute bei Stange zu halten, weil man im Hinterkopf sein Seminar plant, den Launch seines Produktes oder Release seines sonstwas’es.

Auch die, die ihr Leid(en) zum Produkt machen, haben schlicht das Problem, dass sie das aufrechterhalten müssen, um für die LeserInnen interessant zu bleiben, auch wenn sie mal so richtig Bock auf grundlose Freude hätten.

 

Schöne, einsame Welt

negative seiten online business berufung hobby zum beruf machenWer Einzelunternehmer ist, dieses heiß begehrte Ding namens Solopreneurship durchzieht, der ist vor allem eines: SOLO, zumindest zu Beginn: Allein für alles verantwortlich, schießt man von der Umsatzsteuervoranmeldung über das Social Media Marketing bis hin zur Erstellung wirksamer Landingpages, dem Korrektorat seiner Werbetexte und dem Ideenmanagement einfach alles ALLEIN.

Schön, weil einem niemand hineinredet und man alles endlich allein entscheiden kann, oder? Leider nicht immer. Wie oft wünschte ich mir jemanden, mit dem ich über eine Idee und mögliche Umsetzung sprechen konnte oder der mir erklärt, wie Videos aufnehme, welche Hardware die beste für Podcasts ist usw. Wenn es ganz dumm läuft, sitzt man daheim allein vor seinem PC und arbeitet im Home Office, was auf lange Sicht sehr einsam machen kann.

ABER:

Wenn du bereit bist, mit all dem umzugehen und ein paar individuelle Dinge, die ich sicher vergessen habe, dann kann es sehr befriedigend und wunderschön sein. Allein morgens aufzustehen und zu wissen, dass der heutige Tag mit dem erfüllt sein wird, was man liebt und was man kann, wofür man Geld bekommt und lobende Worte, trägt zumindest mich über viele nicht so schöne Momente hinweg. Ich kann mich heute leiten lassen, wo ich früher geleitet wurde.

Das langsame Hineinwachsen in seine Berufung wünsche ich jedem, besonders denen, die sich nach oder wegen ihrer psychisch belasteten Zeit ihrer Berufung zuwenden möchten - und ja, wenn nötig, auch die Kraft, um sich seinetwegen durchzuboxen!

Alles Liebe,
Janett Menzel

Janett Menzel Angst Blog

 

 

Hypochondrie: Ein Erfahrungsbericht über Symptome und Auswege

Hypochondrie: Ein Erfahrungsbericht über Symptome und Auswege

Hypochondrie wird auch Krankheitsangst oder hypochondrische Störung genannt und ist eine somatoforme Störung.

Dabei stehen neben Allgemeinsymptomen wie Müdigkeit und Erschöpfung Schmerzsymptome an vorderster Stelle, gefolgt von Herz-Kreislauf-Beschwerden, Magen-Darm-Beschwerden, sexuellen und pseudoneurologischen Symptomen. Somatoforme Symptome treten bei circa 80 Prozent der Bevölkerung zumindest zeitweise auf, gehen in der Regel von selbst vorüber und werden kaum beachtet. Bei einigen Personen (die Angaben über die Häufigkeit schwanken zwischen 4 und 20 Prozent) können sich diese Beschwerden aber chronifizieren und eine zentrale Rolle im Leben einnehmen. (Wikipedia)

Etwa 1 Prozent der Bevölkerung sind schwere Hypochonder; hingegen leiden etwa 11 Prozent aller Menschen, die keine Ursachen für eine Beschwerde finden, vermutlich an der Angst vor Krankheiten, wie Hans-Christian Deter, Professor für Psychosomatik an der Charité Berlin, in einem Interview äußerte.

ich bin krank aber mein arzt sagt ich sei gesund hypochondrieAuch Sebastian D. Kraemer, Gründer des Psyche Blogs PSOG vermutete “bei jedem Kribbeln, Stechen und Zwicken, bei jeder Veränderung des Herzschlages und dem kleinsten Ziehen” sofort das Schlimmste. “Und ich hatte eine Vielzahl von Beschwerden, einige einmalig oder selten. Andere immer wieder. Herzstolpern, Stiche in der Brust, Flimmern vor den Augen, Müdigkeit, Ohrgeräusche und ein dumpfes Gefühl im Kopf waren die häufigsten. Bevor ich wusste, dass ich an den typischen Symptomen einer Hypochondrie, der Angst vor Krankheiten, litt, recherchierte ich nahezu täglich im Internet, um einen Hinweis für die Ursache meiner Symptome zu finden, oftmals stundenlang. Eigentlich erhoffte ich mir eine Beruhigung. Tatsächlich trieben meine Recherchen die Angst auf die Spitze.”

Hypochondrie kommt mit einschlägigen Symptomen daher:

  1. Man ist felsenfest davon überzeugt, krank zu sein, auch wenn Ärzte nichts finden können.
  2. Entsprechend hoch ist die Anzahl von Arztbesuchen: um sich tiefgründig untersuchen zu lassen, an freiwilligen Tests teilzunehmen oder Gegenmeinungen einzuholen.
  3. Wenn der eine Arzt nichts findet, wechselt man ihn. Vielleicht täuscht er sich oder man hat bereits das Vertrauen in denjenigen verloren.
  4. Man recherchiert im Internet und anderen Quellen nach Ursachen, Möglichkeiten, unerkannten und unbekannten Symptomen und Krankheitsbildern.
  5. Gesundheitliche Themen werden im privaten Umfeld immer mehr zum Gesprächsthema Nummer 1.
  6. Man stellt eigene Untersuchungen an, denn heutzutage kann man sich von umfangreichen Allergietests, Blutuntersuchungen bis hin zu medizinischen Geräten wie Blutdruckmesser Vieles bestellen, und ohne Arzt wirksam werden.
  7. Die kleinsten Anzeichen einer gesundheitlichen Beeinträchtigung werden überspitzt und als etwaiges Symptom für eine untergründige, größere Krankheit angesehen. So kann ein Herzrasen ein Signal für eine Herzerkrankung, Kopfschmerzen für einen Gehirntumor, Blutdruckschwankungen für eine Herz-Kreislauf-Schwäche und Stechen und Schmerzen in den Gliedmaßen als Herzinfarkt missinterpretiert.
  8. Um die eigenen Bedenken schnell und wirksam auszuschalten bzw. zu minimieren, werden viele zu einem Gesundheitsfanatiker und vermeiden alles, was die Symptome stärken würde. Die Angst davor, krank zu sein, kann bis zur Paranoia führen.

Sebastian war so nett und hat für mich einen Erfahrungsbericht über Hypochondrie verfasst, den du im Folgenden lesen kannst.

 

Ich und die Hypochondrie: Die Angst vor Krankheiten

bin ich krank werde ich sterben hypochondrie die angst vor krankheitenBesser eine Kontrolle zu viel, als zu wenig und so machte ich mich oftmals auf den Weg zum Arzt oder ins Krankenhaus. Klar kam ich mir dabei irgendwie doof vor. Schließlich ging auch ich davon aus, dass nichts Ernstes dahinter steckt. Und ich wusste, dass meine Reaktion übertrieben war. Ich war ja kein Idiot. Ich litt an einer ausgeprägten Hypochondrie, auch hypochondrische Störung genannt. Das war mir schmerzlich bewusst. Allerdings konnte auch ein Hypochonder tatsächlich krank werden.

Meine Hypochondrie beschränkte sich übrigens nicht nur auf die Angst vor einem Herzinfarkt. Große Angst hatte ich auch vor Krebs und neurologischen Erkrankungen wie Schlaganfall, Multiple Sklerose und ALS.

Ich hatte damals nicht „nur“ eine Hypochondrie. Auch eine Panikstörung und eine generalisierte Angststörung wurden diagnostiziert. Vielleicht war die Hypochondrie auch Teil der generalisierten Angststörung. Die Experten waren sich da nicht ganz einig und mir war es egal. Ich wusste nur, dass ich verdammt große Angst vor Krankheiten hatte.

Vor ernsthaften Krankheiten. Ein Magen-Darm-Virus oder eine Erkältung waren allenfalls unschön. Wirklich Angst hatte ich davor nicht. Ich war auch nicht wehleidig. Andererseits konnten vermeintliche Erkältungssymptome im Einzelfall auch Vorboten schwerer Krankheiten sein. So ganz gelassen konnte ich daher auch mit einer banalen Erkältung nicht umgehen.

Das Stechen in meiner linken Brust rührte vermutlich von Verspannungen im Rücken. Das hatte ich auf diversen „Gesundheitswebseiten“ gelesen. Aber dort war auch von Fällen zu lesen, in denen solche Stiche einen Herzinfarkt ankündigten. Unwahrscheinlich bei einem Hungerhaken wie mir im Alter von 27 Jahren, der eher zu einem niedrigen als eine, hohen Blutdruck neigte. Diverse Untersuchungen wie normale EKG’s, Langzeit- und Belastungs-EKG’s, Ultraschall und unzählige Blutdruckmessungen machten einen Herzinfarkt sicher nicht wahrscheinlicher. Schließlich wurde nichts gefunden.

https://www.youtube.com/watch?v=YdpvlAJslmIDoch unwahrscheinlich ist nicht unmöglich. Als BWL-Student kannte ich mich ganz gut in Wahrscheinlichkeitsrechnung aus. Ich war kein großer Mathefan, doch als leidenschaftlicher Pokerspieler mochte ich Statistik und Stochastik. Und ich schätzte die Wahrscheinlichkeit, dass dieses Stechen in der Brust KEINEN Herzinfarkt ankündigte, auf etwa 98 %. Ich war also relativ „safe“. Beim Pokern habe ich allerdings schon mit Händen verloren, die eine höhere Siegchance als 98 Prozent garantierten. Ich wusste also aus Erfahrung, dass auch unwahrscheinliche Ereignisse manchmal eintreten. Unwahrscheinlich bedeutet schließlich nicht unmöglich.

 

War die Ursache meiner Hypochondrie die Angst vor dem Tod?

Ich entschloss mich damals zu einer psychosomatischen Reha. Der Chefarzt stellte die These auf, dass meine Hypochondrie aus der Angst vor dem Tod resultierte.

Hatte ich Angst vor dem Tod? Klar! Wer hat das nicht? Ich wusste nicht, wie das sein würde und ob da überhaupt etwas sein würde oder ob es das dann insgesamt gewesen ist. Der Tod, die große Unbekannte. Das Ende? Ein Anfang? Anfang für was? Natürlich hatte ich Angst vor dem Tod!

Auf den Vorschlag des Chefarztes hin stellte ich mich dieser Angst, indem ich mich gedanklich in die Situation versetzte, nur noch drei Tage zu leben zu haben. Letztlich stellte sich heraus, dass die Angst vor dem Tod nicht oder nicht allein für meine Hypochondrie verantwortlich war, doch ich gewann für mich extrem wichtige Erkenntnisse, die zur Überwindung meiner Hypochondrie beitrugen.

Ich wusste nämlich überhaupt nicht, was ich mich meinem Leben anfangen sollte. Was wollte ich arbeiten? Wie wollte ich leben? Frau und Kinder oder Singleleben und Party? Haus oder Junggesellenbude? Ich hatte diese Fragen noch nicht abschließend beantwortet. Wegweisende Entscheidungen, die ich bis zu diesem Zeitpunkt nicht zu treffen gewagt habe. Ich wusste überhaupt nicht, was ich mit meinem Leben anfangen wollte. Den baldigen Tod hypothetisch vor Augen erkannte ich, was mir wirklich wichtig war. In der Kurzfassung: Freundin, Familie, Freunde. Ich wollte Kinder. Und beruflich wollte ich mein eigenes Ding machen.

Das Todesritual und die dabei gewonnenen Erkenntnisse beschreibe ich detailliert in meinem Buch „Exfreundin Angst“.

 

Hypochondrie ist oft nur eine willkommene Ablenkung

Wie gesagt: Ich hatte verschiedene Ausprägungen einer Angststörung. Und aus meiner Sicht tragen immer auch verschiedene Faktoren zur Überwindung einer Angststörung bei. Wenn ich aber einen Faktor herausstellen müsste, der mehr als die anderen dazu beigetragen hat, speziell die Hypochondrie hinter mir zu lassen, dann würde ich sagen, dass es dieser war:

Ich musste herausfinden, was ich mit dem Rest meines Lebens anfangen wollte.

Denn seien wir mal ehrlich: Wenn man nichts mit seine Leben anzufangen weiß oder insgesamt unzufrieden ist, dann kommt eine Hypochondrie doch irgendwie ganz gelegen. Manchmal ist die zeitintensive Beschäftigung mit möglichen Krankheiten eine willkommene Ablenkung. Wenn wir davon ausgehen, schwer krank zu sein, vermeiden wir es, uns unangenehmen Fragen und schwierigen Entscheidungen zu widmen. Was würde das auch für einen Sinn machen? Und wenn dem so ist, dann müssen wir uns doch zunächst diesen Dingen widmen.

Sonst halten die unbeantworteten Fragen die Hypochondrie aufrecht.

 

3 Tipps, um eine Hypochondrie zu überwinden

Tipp 1: Lass die Recherchen im Internet sein. Du wirst dabei immer auch auf ernsthafte Erkrankungen stoßen. Auch wenn diese unwahrscheinlich sind, werden die gefährlichen Sachen bei dir hängen bleiben und die Angst steigern. Dann solltest du lieber zum Arzt gehen.

Tipp 2: Blicke auf dein Leben und sei ehrlich zu dir selbst: Was gefällt dir momentan nicht (unabhängig von der Hypochondrie)? Wie möchtest du stattdessen leben? Triff wichtige Entscheidungen!

Tipp 3: Vernünftige Vorsorge und Arztbesuche machen Sinn. Wenn man an einer Hypochondrie leidet oder gelitten hat, steht man vor der Herausforderung, abzuwägen, ob ein Arztbesuch anzuraten oder übertrieben ist. Ich habe für mich entschieden, dass ich dann zum Arzt gehe, wenn (neue, bislang nicht bekannte) Beschwerden auftreten, die sich schnell verschlimmern oder längere Zeit nicht verschwinden. Bei bestimmten schwerwiegenden Symptomen wird man wohl ohnehin zum Arzt gehen. Warte also nicht zu lange, wenn du aus den Ohren blutest, nicht mehr richtig sprechen kannst oder der Arm abfällt. 😉

Ich hoffe, dass dir dieser Beitrag eine etwas andere Sicht auf die Hypochondrie verschafft. Denn wenn ich eines in den letzten Jahren gelernt habe, dann, dass es bei der Suche nach der Lösung Sinn macht, die Angst an sich mal ein wenig in den Hintergrund zu schieben, um die Angststörung überwinden zu können.

 

Mehr von Sebastian und seinem Weg raus aus der Angststörung, kannst du auf seiner Website www.psog.de lesen. Sebastian hat aufgrund seiner Erfahrungen mit Hypochondrie, Panikattacken und der generellen Angst eine eigene Akademie ins Leben gerufen: Die Anti-Angst Akademie, auf der sich Betroffene anonym helfen lassen können. Mehr Informationen dazu findest du hier >> Sebastian D. Kraemers Anti-Angst Akademie

 

Das kleine Mädchen Muss: “Du brauchst einen Mann!” (Nr. 2)

Das kleine Mädchen Muss: “Du brauchst einen Mann!” (Nr. 2)

 

Das Kleine Mädchen Muss ist eine Erfindung von Janett Menzel (und daher auch urheberrechtlich sowas von geschützt, dass es saumäßigen Ärger gibt, wenn sie jemand in Auszügen oder vollständig klaut oder gar auf die Idee kommt, ihre Energie zu stehlen). Die Episoden beruhen auf eigenen Erlebnissen und Auseinandersetzungen mit ihrem inneren Kind, dem man nicht immer alles erlauben und schon gar nicht alles glauben muss. So zickig, wie sie auch sein kann: Sie meint es nur gut mit der erwachsenen Janett, auch wenn sie oftmals vergisst, dass wir mittlerweile erwachsen sind. Kurzum: Die Regeln der „Großen“ gelten heute einfach nicht mehr. Aber erklär‘ das mal einer 12jährigen, die stets versucht, brav und gehorsam zu sein, um ihre Ziele zu erreichen! 


Freitag, 11:28 Uhr. Die Sonne schien durch mein Balkonfenster und tauchte mein Wohnzimmer in ein warmes, und vor allen Dingen, stilles Licht. Ich saß seit Tagen am Abschluss meines Buches über Einsamkeit und korrigierte die letzten Kapitel.

Mein kleines Mädchen Muss hatte es sich seit kurz nach neun auf dem Sofa gemütlich gemacht und überprüfte die Liste meiner Lebensauflagen, wie jeden Tag. Ich lachte leise, als ich mir meine leere Kaffeetasse schnappte und auf dem Weg in die Küche war.

„Lach nicht! Bei so vielen Aufgaben, muss man gründlich arbeiten. Stell dir nur mal vor, was passieren würde, wenn ich etwas vergesse!“

„Nicht auszumalen!“ rief ich aus der Küche und grinste weiter in mich hinein.

„Solltest du auch mal probieren!“ blubberte sie lautstark. „Ach, und übrigens: Du brauchst einen Mann!

Mit Entsetzen im Gesicht eilte ich so schnell es ging zurück ins Wohnzimmer.

„Bidde?“

„Das heißt: Bitte! Mit t, nicht mit d!“ korrigierte sie mich.

„Ich wohne in Berlin! Da werde ich jawohl noch berlinern dürfen!“

„Du kommst aus MECKLENBURG-VORPOMMERN!“

„Könnten wir dieses nutzlose Gespräch lassen? Ich will heute noch was schaffen!“ sagte ich, setzte mich wieder an den Schreibtisch und korrigierte weiter mein Manuskript.

„Welches Ziel verfolgst du, wenn du einen Mann kennenlernst? Daten, One Night Stands, eine lockere Beziehung, Freundschaft oder die Liebe fürs Leben?“ las sie mit ernster Stimme vor. In ihren kleinen Händchen hielt sie mein Smartphone.

„Was ist denn das für eine Frage?“ Ich blickte kurz von meinem Laptop auf.

„Ich lese gerade einen Beitrag, in dem steht, dass man sich vier Fragen stellen muss, wenn man Liebe finden will. Das ist die erste“, sagte sie ruhig.

„Und genau deswegen dürfen kleine Kinder nicht mit den Sachen der Großen spielen!“ antwortete ich, rollte mit meinem Schreibtischstuhl zur Couch, riss ihr mein Handy aus den Händen und rollte wieder zurück.

„Hey! Ich lese gerade“, schrie sie wütend. Das kleine Mädchen Muss sprang vom Sofa auf und stellte sich provokant neben mich.

„Es handelt sich hierbei um ernste Angelegenheiten. Wir müssen das besprechen! Du kannst nicht ewig vor einer neuen Beziehung davonlaufen!“

„Ich laufe doch gar nicht davon!“ protestierte ich.

„Im Juli 2015 hattest du das letzte Mal…“

„OKAY! OKAY! Ich erinnere mich. Aber entspann dich…“, versuchte ich sie zu beruhigen. „Ich werde schon irgendwann jemanden kennenlernen!“

„Irgendwann? I R G E N D…WANN?“ Ihre Stimme wurde wütend, ihr Atem tief und laut, ihre Stirn schmiss sich in Falten. Ich wusste, das hieß nichts Gutes und lenkte deshalb ein:

„Wie lauten eigentlich die anderen drei Fragen?“

Etwas besänftigt hob sie ihr Kinn:

„Zweitens: Welche Eigenschaften und Verhaltensweisen sind absolut inakzeptabel? Drittens: Welche machen dich stutzig und vorsichtig? Und die letzte Frage lautet: Welche findest du anziehend und begehrenswert?“

Mein kleines Mädchen Muss war hervorragend darin, sich eben Gelesenes perfekt einprägen zu können. Sie starrte mich noch immer mit böser Miene an. Nach gefühlten drei Minuten voller Schweigen und prüfendem Gucken, gab ich nach. Es würde ja doch nichts nützen.

„Ist ja gut!” Ich dachte nach. „Also ich will definitiv niemanden, der mir den ganzen Tag über sinnlose Nachrichten schreibt, weil ihm langweilig ist. Und ich will auch niemanden, der nie Zeit hat oder nur für Sex vorbeikommt.“

„Das beantwortet meine Frage nicht!“ totterte sie zurück. „Willst du eine lockere, oberflächliche Beziehung oder willst du eine Freundschaft oder willst du nur mal gucken, was es da so gibt oder suchst du nach der Liebe fürs Leben?“

„Muss ich das jetzt entscheiden?“ fragte ich überrascht.

„Selbstverständlich!!! Wann denn sonst?“ antwortete sie wütend.

„Wenn es so weit ist?“, erwiderte ich vorsichtig. Zum Glück erinnerte ich mich an meine Überzeugungen und Werte. „Manchmal lernt man jemanden kennen und verliebt sich einfach nicht. Dafür gibt man aber wunderbare Freunde ab. Und manchmal, wenn man glaubt, nur Freundschaft zu wollen, findet man Liebe. Ich habe noch nie gehört, dass große Erwartungen große Ergebnisse nach sich zogen. Guck dir doch die ganzen Online Dating Singlebörsen an! Immer wenn ich irgendwo angemeldet war, dauerte es nicht einmal 24 Stunden, bis ich mich wieder abmelden wollte.“

„Weil du einfach kein Durchhaltevermögen hast!“

„Warum muss immer ich schuld sein? Manchmal sollen Dinge einfach nicht sein!“ verteidigte ich mich.

„Vielleicht hättest du den Mann deines Lebens getroffen, wenn du nur zwei Tage länger dort geblieben wärst. Aber wenn du immer gleich aufgibst, dann kann das ja nichts werden.“

„Ach, schau dir doch die Männer an, die sich dort tummeln. Die Hälfte ist nackt, weil sie glaubt, dass ein schöner Oberkörper alles sei, wonach eine Frau suchen würde.  Und die andere Hälfte ist so sehr damit beschäftigt, irgendjemanden zu finden, damit sie nicht mehr allein sind, dass sie vollkommen vergessen, dass dieser irgendjemand auch zu ihnen passen sollte. Und beim ersten kleinen Problemchen machen sie sich ins Hemd und dann aus dem Staub!“

Erstaunlicherweise wusste mein kleines Mädchen Muss dazu nichts zu sagen.

„Wie dem auch sei: Wenn du einmal im Jahr für 24 Stunden nach einem Mann suchst, wirst du für den Rest deines Lebens allein bleiben. Wir sollten das schleunigst ändern! Am besten noch heute!

„Wir?“

„Ja, ich werde dir natürlich helfen!“

„Natürlich“, wiederholte ich mit Schrecken in der Stimme.

Ihre rehbraunen Augen begannen zu leuchten und auf ihren kleinen Lippen zauberte sich ein Lächeln.

„Wir legen dir erst einmal ein neues Profil auf allen Singlebörsen an. Und dann musst du einfach nur ein paar simple Regeln befolgen. Erstens: Du…“

„Auf gar keinen Fall!“ Noch mehr Regeln ertrug ich nicht. „Wenn ich mich auf jemanden einlasse, dann weil er mir gefällt und weil ich ihm gefalle, so wie ich bin. Lass uns die traditionellen Wege nehmen.“

„Ach! Und die wären?“ entgegnete sie überheblich.

„Na draußen, du weißt schon, an der frischen Luft, unter dem Nachthimmel, bei einem lauen Lüftchen im Sommer. Im Sommer ist den Menschen vielmehr nach Liebe, als im Winter.“

„Aber es ist Winter!“ antwortete sie lautstark.

„Morgen ist Frühlingsanfang!“ korrigierte ich sie. „Und übrigens ist Alleinsein kein Weltuntergang“, klärte ich sie auf.

Natürlich wusste ich, dass man durch Rückzug keine neuen Menschen kennenlernen würde, aber ich war auch kein Fan vom krampfhaften Suchen nach der großen Liebe.

„Die meisten lernen sich im Job oder durch gemeinsame Freunde kennen. Du arbeitest Zuhause und durch deine Freunde wird das auch nichts. Also scheidet beides aus. Nun dann…“  Sie räusperte sich. „Ich bin gespannt auf deine Vorschläge!“

Dann schnappte sie sich einen Stift vom Schreibtisch, flitzte mit ihrer Papierrolle voller Regeln in der Hand zurück zur Couch und war bereit für Notizen.

„Äh… Okay. Also…“ Ich dachte nach. „Speed Dating, Veranstaltungen aller Art, neue Kneipen oder Restaurants ausprobieren, neue Kontakte knüpfen in der Freizeit, an Kursen teilnehmen oder sich für einen guten Zweck engagieren“, schlug ich vor. „Oder neue Hobbys natürlich und…“ Mir fiel nichts mehr ein. „Und so weiter eben…“

„Und was davon willst als Erstes du tun?“ fragte sie mich gespannt.

Auf nichts davon hatte ich wirklich Lust. Ich atmete tief ein und schaute sie erbarmungsvoll an. Doch ihr Blick blieb ernst und fordernd. Ich schluckte meine Bredouille herunter.

„Speed Dating?“ fragte ich schließlich ängstlich. „Annette und ich hatten letztens überlegt, ob wir das mal ausprobieren.“

Die Augen des kleinen Mädchens Muss wurden groß und füllten sich mit jeder Sekunde, die ich auf ihre Antwort wartete, mit noch mehr optimistischer Vorfreude.

Dann sagte sie ruhig, während sie belehrend ihren Stift in der Luft hin- und herfuchtelte: „Aber das ist kein Spaß! Jemanden kennenzulernen und ihn für sich zu gewinnen, muss gut vorbereitet sein!“ erklärte sie mir. „Du musst einige Regeln einhalten. Ich werde umgehend welche zusammenstellen!“

„Gibt es etwa noch keine Regeln dafür?“ fragte ich überrascht. Ich würde natürlich jede einzelne ignorieren. Aber Manipulation meiner kleinen Kritikerin erschien mir sinnvoll. Immerhin wollte ich heute noch mein Buch fertigstellen.

„Doch, doch! Natürlich! Regel Nummer 1: Du musst immer hübsch aussehen. Regel Nummer 4: Du musst dich anstrengen. Regel Nummer 5: Du musst Sven vergessen. Regel Nummer 11: Du musst…“

„Okay, okay!“ unterbrach ich sie. „Das…sind ziemlich viele Regeln, findest du nicht?“

„Es gibt noch mehr! Oh, aber das hier ist die wichtigste von allen“, sagte sie und schaute ehrfürchtig von ihrer Papierrolle zu mir auf. „Du darfst keine Angst haben!“

„Jeder hat Angst, jemandem, den man mag, nicht zu gefallen!“ korrigierte ich sie.

„Nun, das mag sein, aber sonst ergibt doch Regel 29: Du darfst keine Fehler machen! gar keinen Sinn!“

„Perfektion ist Sache der Götter. Jeder Mensch macht Fehler.“

Sie schaute mich missmutig an.

„Aber Regel Nummer 31: Du musst immer stark sein oder wenigstens so wirken!“

„Wer will denn jemanden, der immer stark ist? Dann muss man ja auch immer stark sein!“

Wieder schaute sie mich perplex an.

„Aber Regel Nummer 36: Du musst immer die Kontrolle behalten!“

„Kontrolle zerstört Liebe. Liebe und Ketten vertragen sich nicht!“

„Aber…“ Sie schaute mich durcheinander an. „Regel 40“, schrie sie. „Du musst Menschen beeindrucken! und Regel 68: Du musst immer lieb, brav und nett sein.“

„Ich glaube, es ist besser, wenn man authentisch ist…“

„Jetzt ergibt ja gar nichts mehr Sinn!“ Sie schien traurig und enttäuscht und ging bestürzt ihre Liste durch.

„Vielleicht solltest du deine Regeln überdenken!“ schlug ich vor.

„Das würde alles durcheinanderbringen! So geht das nicht!“ sagte sie.

„Aber das ist die Realität. In der Liebe ist alles erlaubt! Wir alle fürchten uns, anderen Menschen nicht zu gefallen, nicht zu genügen oder verlassen zu werden. So ist die Welt nun mal.“

Ich hatte mich in meinen Schreibtischstuhl zurückgelehnt und beobachtete mit Freude, wie das kleine Mädchen Muss versuchte, sich darauf einen Reim zu machen.

„Das ist…in der Tat…problematisch“, stotterte sie.

Ich lächelte und wartete geduldig auf ihre Reaktion.

„Und was macht man dagegen?“ fragte sie hektisch, während sie mich mit ihren weit aufgerissenen Augen anstarrte.

Ich zuckte mit den Achseln. „Nichts. Nur durchstehen, hoffen und vertrauen.“

„Nun, vielleicht wäre es gut, wenn ich…einige Anpassungen der Regeln vornehme!“ schlussfolgerte sie und sah mich hilfebedürftig an.

„Das klingt mir nach einer sehr guten Idee!“ grinste ich, drehte mich um und widmete mich endlich wieder meinem Buch.

Das kleine Mädchen Muss starrte noch eine Weile Löcher in die Luft, bevor sie sich mein Smartphone nahm und drei Wörter bei Google eintippte:

Hoffnung und Vertrauen.

P. S. Aus dem Speed Dating kam ich zwar nicht mehr raus. Aber mein Buch habe ich fertiggestellt.

© Janett Menzel, 2017

Bild: New York Zoos and Aquarium

Hier geht’s zur ersten Episode des kleinen Mädchens Muss: >> Das kleine Mädchen Muss: Episode 1 - Der innere Kritiker

Fremdgehen und die Gründe: Warum geht mein Partner fremd?

Fremdgehen und die Gründe: Warum geht mein Partner fremd?

Ein paar Tage ist es her, dass mich ein Mann kontaktierte und Gründe für das Fremdgehen seiner Frau suchte: Was bedeutet es, wenn sie mich betrügt? Will sie nur etwas sexuell Neues ausprobieren? Steckt da mehr hinter? Wie sind deine Erfahrungswerte? Muss ich da etwas hineininterpretieren? Soll ich ihr vertrauen? Wie soll ich mich verhalten?

Er hatte sie nicht auf frischer Tat ertappt, aber war anders dahintergekommen. Wie es eben mit einem heimlichen Seitensprung so ist: Es sind immer dumme Zufälle, die es aufdecken. Dabei spielt es keine Rolle, wer wen betrügt und mit welchem Geschlecht in welchem Alter.

Er hatte – symptomatisch bei aufgeflogener Untreue – seine eigenen Gefühle und Bedürfnisse völlig aus den Augen verloren. Er stand wegen dem Seitensprung, der zu einer heimlichen Affäre geworden war, so unter Schock. Er war nur damit beschäftigt, herauszufinden, ob die Affäre bestehen bliebe, seine Partnerschaft gefährden könnte oder eben nichts zu bedeuten hätte. Er mutmaßte und interpretierte viel, zum Beispiel, dass

  • es nur sexuell wäre
  • seine Frau in ihrer Ehe etwas vermissen könnte
  • es aber auch nicht an ihm liegen könnte
  • seine Frau dazu ermuntert worden sei, sie den sexuellen Kontakt und die nun heimliche Beziehung aber eigentlich gar nicht gewollt hätte, also die Geliebte „schuldig“ sei
  • der bestehende Altersunterschied etwas heißen könnte
  • er selbst – wenn es nur etwas Sexuelles war – Verständnis haben sollte
  • er nicht wusste, ob dies eine Konkurrenzsituation war (und er sich bedroht fühlen sollte).

Und doch beunruhigte es ich ihn massiv. Er spürte seine Verlustangst wie eine Walze, die immer näher rückte und war mit den Gefühlen der Hilflosigkeit und des Kontrollverlusts gänzlich überfordert. Er konnte nichts tun, außer seiner Frau ihre wenigen Worte glauben zu wollen:

 

„Es ist einfach so passiert. Aber es hat nichts zu bedeuten!“

Doch „glauben“ fiel ihm verständlicherweise sehr schwer.

Kann man so einen Ausspruch überhaupt glauben? Kann man annehmen, dass Untreue und besonders mehrfaches Fremdgehen unabsichtlich und bedeutungslos geschehen kann, vor allem sich „einfach so“ zu einer heimlichen Beziehung oder heimlichen Affäre auswachsen kann?

Die Detektei A Plus listete vor einigen Jahren 55 Gründe und Begründungen, weshalb Frauen und Männer fremdgehen. Was den Mann anging, dessen Ehefrau mit einer Frau fremdging, so rangiert der Wunsch nach gleichgeschlechtlichen Erfahrungen auf Platz 19.

Die restliche Liste enthält Fremdgehgründe, bei denen der eine oder andere sicher die Stirn runzelt:

  • Ich wurde so umschwärmt und habe schlussendlich nachgegeben.
  • Ich wurde überrumpelt. Ich konnte nichts dagegen tun.
  • Mein Sextrieb ist einfach sehr groß. Ich war gerade scharf. Meine Hormone waren völlig außer Kontrolle.
  • Ich wollte nichts verpassen. Ich bin doch noch so jung! Ich muss mein Leben leben.
  • Ich war total betrunken und wusste nicht, was ich tat.
  • Die Gelegenheit bot sich einfach und ich habe sie ergriffen.
  • Ich brauchte mal wieder Abwechslung.
  • Untreue gibt mir ein gutes Selbstwertgefühl und stärkt vor allem mein Selbstbewusstsein.
  • Mein Partner hat stark zugenommen und ist nicht mehr attraktiv für mich.
  • Ich wollte einfach meinen Marktwert testen, schauen, ob ich noch jemanden abkriege.
  • Es ging mir bloß um Spaß.
  • Ich wollte mit der Untreue einen ganz besonderen Anlass zelebrieren.
  • Ich wollte mich durch die Untreue und den Sex bei demjenigen bedanken.
  • Ich wollte eine Beförderung und versprach mir berufliche Vorteile dadurch.
  • Es war ein Aufnahmeritual.
  • Ich will reich und berühmt werden und dachte, so ginge es schneller.
  • Durch den Seitensprung glaubte ich, meinen Partner eher schätzen zu lernen.
  • Mein Partner ist beruflich viel unterwegs und oft weit von mir entfernt. Ich konnte und wollte nicht warten, bis mein Partner zurückkommt.
  • Es ist einfach passiert. Ich bin doch auch nur ein Mann.

Ich bin willenlos geworden. Ich wollte mir nicht sagen lassen, was ich erleben darf und was nicht. Ich wollte mich nicht schon wieder kontrollieren. Man muss nehmen, was man bekommt. Langeweile bestimmt meine eigentliche Beziehung. Ich war es leid. Mein Selbstwert und –bewusstsein ist schon allgemein schlecht. Ich dachte, jemand anderes konnte mir ein besseres Gefühl geben. Mein Partner gefällt mir nicht mehr. Ich wollte mich belohnen und wertschätzen. Ich schätze meinen Partner auch nicht mehr. Er ist mir fast egal geworden. Aber das alles liegt nicht an mir persönlich. Ich konnte nicht anders.

meine-frau-betruegt-mich-mit-einer-anderen-frauDie Psychodramatherapeutin Maja Storch, gleichzeitig Autorin des Bestsellers Die Sehnsucht der starken Frau nach dem starken Mann, begründet solche „Ausbrüche“ und plötzliche Härte, Einforderung der Bedürfnisse und ihrer Befriedigung mit dem menschlichen Schatten. Das Wort Schatten stammt von C. G. Jung, Sigmund Freuds Schüler, zudem Vater der Analytischen Psychologie, der ebenso die Tiefenpsychologie weiterentwickelte. Unter Schatten verstehen wir das Unbewusste, Verdrängte und Verbotene, das, was in uns allen schlummert – und irgendwann seinen Weg nach oben sucht. Das Unbewusste ist eine Macht, die als gefährlich empfunden wird, weswegen bestimmte Eigenschaften im Unbewussten auch in den Schatten verbannt werden.

Doch es gibt einen teuflischen Teil in uns, der den Ausbruch plant. Sie schreibt, dass in jedem Feuerwehrmann ein Brandstifter stecke. „Im Schatten … finden sich diejenigen Persönlichkeitsanteile, die im Laufe des Heranwachsens verdrängt oder abgespaltet wurden, weil sie in dem Umfeld, in dem der betreffende Mensch aufwuchs, nicht erwünscht waren. Ein Mensch, der dazu erzogen wurde, immer fleißig und pflichtbewusst seine Arbeit zu erfüllen, hat im Schatten einen pflichtvergessenen Faulenzer.“ (2000, S. 33)

Wie wir sehen, hat das Schattenthema gar nichts mit Geschlecht zu tun. Männer und Frauen verdrängen einige ihrer Seiten. Das alte Klischee, dass die Frauen wegen dem männlichen Sextrieb die betrogenen und leidigen Wesen seien, sind ohnehin lang überholt. Denn auch Frauen haben die obigen Gründe angeführt, um sich für ihren Seitensprung zu rechtfertigen.

Lässt der Schatten die vorhandene Liebe zum Partner und zur Familie schwinden? Oder stellt sich plötzlich das so hochgelobte Thema Selbstliebe von allein ein? Fehlte die Liebe zu sich selbst vorher ganz?

 

Fremdgehen, um sich wieder zu spüren und zu erfahren

Bei den oben genannten Gründen scheint es eher um den Menschen, statt um die Umstände innerhalb der Partnerschaft und die Schwierigkeiten damit zu gehen. Die Ursachen winken bereits mit einem Mangel oder aber sprechen davon, dass Mangel befürchtet, aber Fülle erwünscht ist. Interessant finde ich vor allem, dass sich die Menschen scheinbar in einer Rolle verloren haben, welche gründe gibt es für fremdgehendie sie durch Fremdgehen wieder korrigieren wollen. Als hätten sie den Kontakt zu sich und ihren Wünschen verloren, gehen sie absichtlich einen Schritt, der den Partner oder die Partnerin verletzen wird, dafür aber vermeintlich richtig für sie sei.

Man liest die Lust auf Veränderung, sich körperlich (neu und wieder) erfahren zu wollen, Angst vorm Alleinsein, Begehrtwerden in Form einer wohl dringend nötigen Anerkennung als Frau oder als Mann mit Bedürfnissen, aber auch sich selbst wieder als Frau und als Mann zu erleben, mit Bedürfnissen, die gesehen und erfüllt, statt eingeklagt werden zu wollen.

Auch der starke Drang nach Selbsterfahrung im Sinne von Grenzerfahrungen und Selbstverwirklichung sticht hervor, als Form der verbotenen Frucht und Belohnung, gleichwohl aber auch als Instrument für eigene Kontrolle über sein Leben. Haben sie ihr Gefühl für sich an jemand anderen abgegeben oder sich im Alltag aus den Augen verloren? Schwingt da eine leise, aber dennoch hörbare Beschuldigung des Partners an dem eigenen Leid und der Farblosigkeit des Lebens mit?

 

„Ich wollte nicht fremdgehen! Das hätte alles nicht geschehen müssen! Aber mein Partner…“

Besonders interessant erscheinen mir die restlichen Begründungen, die allesamt eine Unzufriedenheit, Überdruss und Angst in Bezug auf die Partnerschaft zeigen:

  • In der Beziehung hatte es gekriselt.
  • Der Sex und die Lust waren mit der Zeit abgeklungen.
  • Ständige Streitigkeiten belasten die Partnerschaft.
  • Man war sich nicht sicher, ob der Partner wirklich der Richtige war.
  • Man war sexuell unzufrieden mit dem partnerschaftlichen Sexleben, wollte neue Techniken und neue Partner ausprobieren.
  • Man wollte mal etwas Neues im Bett (mit jemand anderem) ausprobieren.
  • Die Frau oder der Mann hatte keinerlei Lust mehr auf Sex. (Die genauen Worte waren hier interessanterweise „frigide“ und „impotent“ geworden, was sehr viel Wut zeigte.)
  • Man empfand Monogamie als überholt und unangemessen.
  • Der Partner war selbst fremdgegangen.
  • Man wollte sich an der Untreue des Partners rächen.
  • Man fühlte sich einsam.
  • Die Beziehung (und rückschließend) das eigene Leben war farblos geworden.
  • Man kannte den Partner schon in- und auswendig. Es gab nichts mehr zu entdecken. Man hätte nur einen Ausweg gesucht.
  • Man brauchte einen Grund, um seine Beziehung zu beenden.
  • Der Partner hätte keine Aufmerksamkeit mehr geschenkt. Durch das Fremdgehen wollte man sich die wiederholen oder dem Partner auf seinen Wert hinweisen.
  • Man wollte nicht selbstverständlich sein.

gibt-es-wege-aus-der-depressionIch frage mich, ob es Gespräche gegeben hatte, um den Partner auf seine Unzufriedenheit hinzuweisen. Weshalb bleiben Menschen in unzufriedenen Beziehungen statt sich zu trennen? Weshalb erträgt man und schweigt, statt zu sprechen und zu handeln? Anscheinend hatte es auch Menschen gegeben, die nur fremdgegangen waren, weil sie selbst durch die Untreue des Partners noch zutiefst verletzt waren.

Verletzen Menschen lieber heimlich, als offen über ihre Wunden zu sprechen und ihnen die Bedeutung zu geben, die sie haben? Ich meine in etlichen Gesprächen rund um das Thema heimliche Affären ein leises “Ich bin mir selbst fremd geworden und habe mich selbst betrogen.” gehört zu haben. Damit wäre die Untreue ein Ausdruck der verletzenden Untreue sich selbst gegenüber.

Oder ist es beängstigend, seine wahren Gefühle und Bedürfnisse auszusprechen, besonders die, die mit „Schwäche“ besetzt sind? Doch weshalb wollten diese Menschen unbedingt vor ihren Partnern ihr wahres Gesicht verbergen? Und wenn ja, wozu? Meinten sie, die Partner würden sich dann trennen, wenn die Rollen innerhalb der Partnerschaft nur noch für einen von beiden in Ordnung waren?

 

Beziehungsidentität und dein wahres Gesicht

Denn auch das Ablegen der Partnerschafts-Rolle – das, was man in der Beziehung mimt oder zu sein hat, um Harmonie aufrechtzuerhalten – findet sich fremdgehen als suche nach sich selbstals Ursache. Einer gab als Grund an, er hätte degradiert und benutzt werden wollen, was u. a. zeigen könnte, dass er in der Beziehung der Starke zu sein hatte: eine Rolle, der er entkommen wollte.

Ich finde es sehr spannend, dass es anscheinend viele Menschen gibt, die ihre Eigenwirksamkeit und ihre Handlungskompetenz aus den Augen verlieren. Viele der Punkte schreien förmlich danach, dass man dem Partner die Schuld, Verantwortung und Pflicht gibt, die man sich selbst gegenüber trägt.

Ist Trennung eigentlich aus der Mode gekommen? Ist die heimliche Geliebte oder der Geliebte die Lösung für alle Beziehungsprobleme? Wie passt die Generation SINGLE da rein und vor allem: Weshalb fällt es Menschen so schwer, sich zu trennen, aber leicht, fremdzugehen?

  • „Was hätte ich sonst tun sollen?“
  • „Die Enge in der Partnerschaft wurde so belastend, dass das Fremdgehen eine Art Flucht und Ausbruch war.“

Maja Storch schreibt passend dazu, ein Rollenspielender „lebt im ständigen Bemühen, sich dem … gesetzten Rahmen anzupassen. [Er] muss in der Rolle zwar vieles erdulden, aber … [sein] Gewinn ist die Reinheit und die Unschuld. Die Schuld für alles, was schief läuft, haben dann immer die anderen.“ (2000, S. 66)

Ich erinnere mich an einen anderen Mann, der ebenfalls fremdging. Als ich ihn fragte, wieso er seine Partnerin nicht einfach verließe, wenn er sich so unwohl mit ihr fühlen würde, meinte er: “Ich will einfach nicht schuld sein.”

Man könnte meinen, dass Untreue eine Strategie gegen Angst vor Selbstverlust und Trennung sei.

 

Plötzlich Liebe – Wenn aus einem Seitensprung mehr wird

Einige Gründe für Untreue zeigten zum Glück noch das romantische Hollywood-Ideal: Man trifft sich, es knistert, lernt sich näher kennen, landet im Bett – und bevor man sich versieht, hat man sich verliebt. Auch die unwiderstehliche Anziehungskraft des neuen Menschen wurde genannt.

Bei den Eigenschaften, die am attraktivsten wirkten, standen Intelligenz, körperliche Schönheit und entgegengesetzte Charaktermerkmale zum eigentlichen Partner übrigens ganz weit oben. Aber haben sie sich deshalb vom eigentlichen Partner getrennt?

Wir werden es nie erfahren.

 

Frauen und Selbstbehauptung

Frauen und Selbstbehauptung

Durch meine Arbeit treffe ich viele Frauen, die sich scheuen, sich zu trennen: von ihrem Partner, ihrer Partnerin, ihrem Job, ihren Ansprüchen als gute Mutter und als tadellose Freundin. Sie betreiben zehrende Selbstversuche zwischen Familie, Partnerschaft, Haushalt und Job, um allen und allem gerecht zu werden. Sie beklagen mangelnde Anerkennung, Leere, Kraftlosigkeit, Freudlosigkeit und vor allem: Angst.

Bevor ich mit meinen Erlebnissen fortfahre: Es ist höchstwahrscheinlich, dass sich im folgenden Blogpost das Wort „Frauen“ spielend leicht mit dem Wort „Männer“ austauschen lässt.

 

Das leidige Loslassen und seine verborgenen Hiebe

„Los! Lass es sein!“ Welche Angst dahintersteckt, ist ihnen klar: Trennungsangst. Die sitzt so tief und ist gleichzeitig so verbunden mit der Angst davor, allein zu sein. Nicht zwingend, weil sie dann niemanden bei sich hätten, sondern weil sie sich allein behaupten müssten. Mit der Angst davor, zu scheitern, einen Fehler zu begehen, unterzugehen, sich mit sich selbst auseinandersetzen zu müssen. Auch eine sehr große Frage ist:

Was bleibt denn von dem, was man sich schuf, wenn man sich davon wieder trennt?

Einige Frauen beklagten fehlende Lösungskompetenz und ein geringes Selbstvertrauen. Weil sie es nicht gelernt hatten. Oder auch, weil sie es im Laufe der letzten Jahre wieder verlernt haben oder gar sollten.

Sie beklagten vor allem, dass sie die Angst, sich selbst zu entdecken, nicht aufgeben möchten, weil sie tatsächlich sich und ihr Selbst entdecken könnten: mit allem, was sie die letzten Jahre freiwillig ertrugen und wogegen sie nicht angingen. Und dann die Reue. Schuld sich selbst gegenüber. Depressive Momente als Antwort auf ein tiefes Loch (was auch vorher da war).

“Ja, du darfst dich mit dir selbst beschäftigen. In dir gibt es sicher mehr, als das, was dir überdrüssig geworden ist, z. B. echte und eigene Gefühle. Echte Bedürfnisse. Echte Ziele. Eigens gewollte Handlungen, manchmal auch Kampf.”

„Aber diese Unwissenheit, Ziellosigkeit und Angst!“ sagten sie meist.

„Du traust dich nicht, etwas für dich zu wollen?“

„Es würde X verletzen.“

Stille.

 

Vom lästigen Alltag und seligen Schein

Doch nicht nur die Angst, jemanden, der sie liebt, zu verletzen, nagt an ihnen. Es ist die Wucht und die der Konsequenz der kleinen Dinge, die auf ihnen lasten:

Ehen, die mit viel Mühe und Not ertragen werden, um die Familie zu erhalten; Familienmitglieder wie Mütter und Väter, aber auch Geschwister, die geschont werden, um nicht die echten Gefühle auf den Tisch packen und Tacheles reden zu müssen; die unbefriedigenden Jobs, die nur ein wenig Geld einbringen, aber die Seele zerfressen, weil die Anerkennung ausbleibt; heimliche Affären, die im Hintergrund die wahre Nahrung für das weibliche Herz liefern.

Die Frauen, die ich treffe, lassen eine Art Gefängnis zu, einen ganz heftigen, engen Wirkungskreis mit entsprechend enger Eigenwirksamkeit und geringem Erfolg, nehmen Panikattacken in Kauf, die nur vom Kampf gegen sich die eigenen Werte berichten, sind müde und kraftlos, leer und oft gleichgültig, weil nichts hineinkommt, was nährend ist. Sie haben gelernt, dass es so sein muss, wenn X erhalten werden soll.

Und die Ängste ihrer Arbeitgeber, Partner, Partnerinnen, Kinder sagen: „Erhalte X!“

Ja, sie haben Angst, sich selbst zu behaupten, einen Strich unter die aktuelle Rechnung zu ziehen und das Eine zu machen, wonach sie sehnen: ein Leben zu leben, das ihnen Freude bereitet, anstatt Kopfzerbrechen und Angst, um jemand anderen nicht zu verletzen, nicht die Böse zu sein, nicht die Unartige und Maßlose, Unbequeme oder Eigensinnige oder schlechte __________ (Platz für deinen eigenen Gedanken).

Und dann merkte ich:

Ihre Angst sagte auch:

Erhalte dich! Ich bin nur da, damit du merkst, an welcher Stelle es eng für uns beide wird! Die Panik ist nur da, um dich zurückzuhalten, im Guten, wie im Schlechten. Sie kommt, wenn du nicht gegen X angehen sollst. Als wäre sie ein Zeichen deines Mannes, deines Jobs, deiner Familie, deiner Mutter und so weiter. Sie leben in dir. Sie sind das unsichtbare Band, das aus Panik dafür sorgt, dass du im gewohnten Kreisel bleibst. Sie kommt, wenn du trotzdem gegen X angehen willst. Und sie wird erst gehen, wenn du mit erhobenem Kopf, Brust raus, Schultern zurück, lächelnd sagst: Ich mach’s trotzdem. Ich gehe. Zu mir.

Erstaunlicherweise kennen alle Frauen, mit denen ich Kontakt hatte, ihre Hürden und Herausforderungen sehr genau. Sie haben die Lage erkannt und die Notwendigkeiten eruiert. Sie haben ihre Situation und die Zukunft haarscharf durchleuchtet und die kleinsten Ecken und Kanten ausgemacht. Ich traf jedoch keine Frau, die den letzten Schritt ging und die Katze aus dem Sack ließ, sanft lächelnd sagte:

 

„Ich habe nachgedacht: Die letzten Jahre waren ein guter Versuch, aber ich mag nicht mehr!“

Sich zu trennen, ohne einer anderen Partei die volle Schuld zu geben, braucht viel Eigenreflexion und Mut. Vor allem aber benötigt es Liebe. Wenn die nicht mehr vorhanden ist, weil man alle Grenzen um Kilometer überschritt, bleibt einem nur noch der selbstsichere Weg, der - wie ein Stoßgebet gesprochen - wiederholt werden muss:

Ich habe es versucht, aber ich schaffe es nicht mehr. Weil ich mir etwas anderes gewünscht hatte. Weil das, was ich eigentlich wollte, nie um die Ecke kam. Weil ich mich aus dem Blickfeld verloren habe. Weil es nur noch um XYZ geht, aber nie mehr um mich. Ich mag nicht mehr. Weil ich wieder möchte, dass es in meinem einzigen Leben (auch) um mich geht.

Sie wissen: Sich zu trennen, heißt nicht: Ab jetzt wird es geil!

Sich zu trennen heißt auch: Trotzdem trauern und nach der Trauerarbeit den Kopf heben und die Welt mit ihren Möglichkeiten neu erkennen. Und sich an dem, was war, erfreuen können, so wie sich an dem, was sein wird, zu nähren.

Man braucht Träume, um Stoßgebete sprechen zu können. Man braucht Liebe, um den Weg zu sich zu gehen. Liebe zu sich selbst.

 

Man muss sich mögen.

Die meisten Frauen, die ich traf, möchten sogar das Wort „mögen“ mit „können“ ersetzen. Die meisten Frauen nahmen (und nehmen) lieber eine Depression, eine Angst- oder Panikstörung in Kauf, damit nicht der Eindruck entstünde, dass sie eigene Bedürfnisse haben, die sie sich zugestehen und verwirklichen möchten. Der Gedanke, dass viele Frauen die Beziehung, den Job usw. als Garanten ihres Selbstwertgefühls sahen, rief die Erinnerung an die Worte der tollen Psychologin Verena Kast wach:

Viele Menschen reagieren auf dieses Gefühl des Unwertseins mit einer Depression. Wenn Menschen uns Schutz bieten [Anmerkung von mir: auch der Job, Besitz, Geld, für uns wichtige Werte usw.] und wir diese […] verlieren, dann reagieren wir mit einer Panikstörung. Wenn ein Mensch uns aber den Selbstwert garantiert hat und wir diesen Menschen verlieren oder wir fantasieren, ihn zu verlieren, dann reagieren wir mit einer Depression.

Ich konnte jede einzelne Frau verstehen. Jede mit jeder noch so kleinen Angst, die sich dahinter verbirgt. Ich kenne die Angst davor, allein zu sein, allein zu bleiben, Fehler zu machen, zu scheitern, zu versagen (vor sich und den anderen), niemanden zu haben, der einem Rückhalt bietet und das doppelte Netz mit fünffachem Boden gesichert hat (oder jederzeit könnte), völlig selbstverantwortlich tagtäglich sein Leben zu leben, niemanden mehr beschuldigen zu können, wenn es einem schlecht geht und auch nur sich selbst reflektieren und interpretieren zu können, anstatt jemand anderem umzuerziehen, in der Hoffnung, dass es einem dann besser ginge. Ich kenne die Angst vor Arbeitslosigkeit, Armut, Abhängigkeit und alles, was einem das Leben so an Lästigem mitgegeben hat.

Und was damit in Verbindung steht: die Angst vor Selbstbestimmung, finanzieller Freiheit, emotionaler Unabhängigkeit, völliger Selbstkontrolle und tiefem Bewusstsein, Macht und Eigenständigkeit. Totale Freiheit. Denn meist ist das im Kopf verknüpft mit Schuld und Scham, als dürften wir es nicht wollen, als ginge nun X auf unser Karmakonto.

 

Was schlummert da in dir?

Lies die folgenden Sätze und fühle in dich hinein, was mit dir geschieht und wo am meisten Widerwille in deinem Körper hochkommt. Und wo huscht dir ein heimliches Lächeln über die Lippen? An den Momenten wirst du merken, was du dir wirklich (insgeheim) wünschst und auch, wie viel Wut in Form  von Rachegelüsten du in dir trägst:

Ja, ich brauche dich nicht. Ich habe nur so getan.

Der Preis ist zu hoch. Ich wollte, dass es funktioniert. Aber ich werde diesen Preis nicht mehr zahlen.

Ja, ich bin besser dran ohne dich.

Nein, es tut mir nicht leid.

Ja, ich liebe mein Leben jetzt. SO sollte es sein.

Ja, es fühlt sich gut an, niemanden zu haben, der mir die Welt erklärt. Ich kann es ALLEIN.

Ich bin erwachsen. Ich brauche nicht mehr wie ein Kind behandelt zu werden. Ich treffe meine eigenen Entscheidungen.

Ja, es ist schön, mal von niemandem gebraucht zu werden. Ich brauche mich selbst so sehr.

Ich weiß ganz sicher, dass ich toll bin. Ich wünsche mir Menschen und Umstände in meinem Leben, die mich täglich daran erinnern.

Ja, ich weiß, dass dich das verletzt, aber ich tue es für mich.

Ja, das war/ist Absicht.

So wie du, bin ich ein Mensch, der Freude und Zufriedenheit verdient.

Ja, ich habe Angst, aber weißt du was? Ich mache es trotzdem.

Nein, ich will dich nicht verletzen, aber ich habe die Wahl zwischen MIR und DIR. Ich kann dich nicht schonen. Ich schone mich. Und deshalb wähle ich auch mich. Das ist die beste Wahl, die ich treffen kann.

Ich verstehe deine Lage, aber ich fühle mich dafür nicht verantwortlich. Es ist nicht meine Aufgabe, dich zufrieden zu machen. Dein Glück ist deine Aufgabe. Mein Glück ist meine.

Nein, jetzt ist Schluss mit Opferrollen und Kleinhaltetaktiken. Ich weiß, was ich kann. Ich weiß, was ich brauche.

 

Diese Sätze ließen sich auf alle Lebenslagen übertragen. Auch auf Jobs. Je nach Situation steht und fällt es mit seinem eigenen Anspruch, es anderen oder sich selbst rechtzumachen.

Wie schonungslos bist du? Lebst du das Leben, das ein anderer Mensch für dich möchte (und damit für sich)? Oder lebst du das Leben, was du immer für dich wolltest, auch wenn das hieß, dass du unweigerlich jemanden verletzen musstest, aber dafür dich retten konntest? Hast du einen ehrlichen und offenen Weg gefunden, beides miteinander zu vereinbaren? Ich freue mich über deinen Kommentar!

 

Liebe Grüße,
Janett

Janett Menzel Angst Blog

 

 

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