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Jeder hat oder bekommt in bestimmten Situationen einmal Angst. Sei es, dass eine schwierige oder wichtige Prüfung ansteht, ein Date mit einem tollen Menschen, den man unbedingt für sich gewinnen möchte oder eine Rede vor großem Publikum, ein Bewerbungsgespräch für eine Stelle, die man unbedingt bekommen möchte oder aus existentiellen Gründen bekommen ‚muss‘, eine lange Autofahrt allein, eine Trennung nach vielen Jahren Beziehung. Besonders bei krankhaft gewordener Angst zeigt sich die Angst vor der Angst: Schon im Vorfeld einer nahenden Situation fühlt man Angst, dass man wieder Angst bekommen könnte.

Insofern die Angst nicht krankhaft wird, man sein Privat- und Berufsleben nicht um die Angst und Vermeidungsverhalten herumdrapiert, man nicht unter erheblichen Schlaf-, Ess- oder Panikstörungen leidet, helfen bereits kleine Schritte, um sich zu beruhigen. Affirmationen, Schreibtherapie, Malen, Stressmanagement, Entspannungsmethoden wie Sport, Spazierengehen, gute Ernährung, ein harmonischer Abend mit Freunden oder dem/der Partner/-in oder ein offenes Gespräch, in dem man seine Ängste aussprechen kann.

Zu leicht und zu plötzlich aber kann aus diffuser, vollkommen normaler Angst eine krankhafte Angst werden, die dazu führt, dass man allen angstbesetzten bzw. angstauslösenden Situationen schlichtweg aus dem Weg geht. Genauso einfach kann es geschehen, dass man psychosomatische Erscheinungen entwickelt, um die Angst in einer Situation nicht spüren zu müssen, sich ihr nicht stellen braucht. Die Angst macht es uns ja leicht. Sie will uns etwas zeigen und gleichzeitig davor schützen.

Nicht jeder benötigt eine Therapie, aber an dieser Stelle sollen alle Extreme, von leichter Ängstlichkeit, reiner Nervosität bis hin zu Fluchtverhalten und krankhafter Angst dargestellt werden.

So kommen viele Menschen schnell in die Lage, dass sie spezifischen Umständen schlichtweg aus dem Weg gehen:

  • Die Beziehung wird ernster, ein Zusammenziehen steht an, die Familienplanung ist im vollen Gange oder der erste gemeinsame Urlaub steht kurz vor der Tür? Du wirst vielleicht krank oder etwas anderes “erlaubt” dir, etwas nicht machen zu müssen/brauchen. Vielleicht verletzt du dich oder ein Projekt im Job “wird gegen die Wand gefahren” oder ist erheblich in Gefahr, sodass du nicht …. musst. Oder dir fällt plötzlich auf, dass du einen anderen Menschen viel lieber magst, dein/e Partner/-in eigentlich gar nicht so liebenswert in deinen Augen ist wie damals, als noch alles frisch und rosa war?
  • Die mündliche oder schriftliche Prüfung, die zu 50 Prozent über die Endnote entscheidet, naht. Du versuchst noch alles, was du lernen und tun kannst, zu pauken und traust dich nicht einmal mehr in den Supermarkt, um einzukaufen, schläfst schlecht oder sehr wenig, um noch mehr zu leisten? Oder du bist wie gelähmt, kannst gar nichts tun, machst lieber deine Wohnung sauber oder liegst lethargisch auf dem Sofa und schaust stumpf irgendetwas, um dich abzulenken, weil nichts mehr in deinen Kopf passt? Gleichzeitig steigt die Angst vor dem Versagen ins Unermessliche. Du bagatellisierst entweder alles oder aber machst dich selbst “irre”, aus lauter Angst vor allem, was Böses geschehen könnte. Der/Die Prüfer erscheinen plötzlich wie Monster, werden deine Sündenböcke, für den Fall der Fälle, dass das Negativste eintritt.
  • Ein wichtiges Meeting steht an. Die letzten Arbeitswochen war wahnsinnig anstrengend. Du hast vielleicht immer schon versucht, 300 Prozent zu geben oder als kompetent und wertvoll wahrgenommen zu werden, zu brillieren, vor allen anderen der/die Beste zu sein, perfekt zu sein, nichts falsch zu machen, immer zu Zufriedenheit aller zu handeln? Du hat vielleicht deshalb Überstunden noch und nöcher geleistet, arbeitest unentwegt in deinem Kopf an Lösungen und neuen Ideen, oder gerätst stets in Konflikte mit Kollegen, die genau so wie du der/die Beste sein wollen – ein Wettrennen gegen die Konkurrenz? Um den Job, deine Anerkennung, deinen Erfolg. Oder vielleicht warst du schon immer eher introvertiert, weißt sehr wohl, was du alles kannst und als wertvolles Wissen mitbringst, aber die anderen Kollegen ziehen immer an dir vorbei, reden lauter, schneller, trauen sich mehr, schleimen mehr oder kriechen besser?
  • Jemand, der dir sehr am Herzen liegt, erwartet etwas Bestimmtes von dir. Du willst den- oder diejenige/n nicht enttäuschen, willst es rechtmachen und Verantwortung für den- oder diejenige/n übernehmen, aber es will einfach nicht in deinen Kopf? Es will nicht klappen, obwohl du dich so sehr versuchst zu zwingen? Und erst im letzten Moment, wenn es schon eine Minute vor 12 ist, fasst du dir (an d)ein Herz und ziehst es doch noch durch? Deine Stimme zittert, du
  • Du stehst kurz vor einem wichtigen Arzttermin? Du kannst Ärzte nicht leiden? Hast vielleicht Angst vor Spritzen, Blutabnahme oder der Diagnose einer bestimmten Krankheit? Hast vielleicht Angst vor der Röhre oder der Untersuchung beim Neurologen, beim Zahnarzt oder HNO?

Angst schiebt sich – dankenswerter Weise! – vor die Situation, damit sie idealerweise nicht erlebt werden muss und löst eventuell auch (davor oder währenddessen) psychosomatische Beschwerden aus, wie ich sie oben zugenüge benannt habe oder äußert sich lediglich anderweitig, aber leicht bis mittelschwer physisch. An dieser Stelle zeigt dir deine Angst, was du fürchtest und was sie mit dir macht. Es sind wichtige Symptome für den Ursprung deiner Angst. Vieles lässt sich wunderbar an Redensarten wie “die Nase voll haben” erkennen. Etwas zerrt an unseren Nerven oder zieht uns jede Energie und Lebensfreude. Etwas führt dazu, dass wir uns nicht mehr fühlen, keinen Kontakt mehr zu unseren Emotionen hinter der Angst haben (müssen), weswegen wir es schlichtweg ignorieren können. Angst signalisiert uns also ein Uneinssein/ein Ungleichgewicht im Zusammenhang mit etwas Bestimmten.

Unsere Angst ist gleichzeitig AusDRUCK dieses Ungleichgewichts. Sie will uns vor einer möglichen Gefahr schützen und gleichzeitig uns warnen, indem sie uns das “problematisch Erlebte/Gefühlte/Interpretierte” aufDRÜCKT.

Wenn solche Situationen wie oben beschrieben bzw. ähnliche Umstände zu oft auftauchen, kann unsere Angst leicht ins Krankhafte rutschen bzw. sich so richtig einnisten und manifestieren. Wenn wir unsere Angst zu lange und zu intensiv einfach ignorieren, kann es genauso passieren, dass sie auf eine andere Situation umspringt.

Sie will gesehen und gefühlt, aufgelöst werden. Deshalb ist es wichtig, dass man sich selbst beobachtet und ehrlich zu sich (und idealerweise seinem Umfeld gegenüber) bleibt:

Ja, diese Situation macht mir Angst. Ich möchte herausfinden, wieso.

Ja, mit dir zusammenzuziehen löst blanke Panik aus. Ich will aus der Situation raus, nur noch fliehen. Ich möchte wissen, wieso ich mich so fühle.

Ja, ich habe panische Angst vor dem 19 Stunden-Flug oder der 15minütigen Rede vor den Messeteilnehmern. Ich möchte herausfinden, was genau mir daran soviel Angst einflößt.

Mal zu schauen, was einem Angst macht und wieso ist sehr wertvoll und muss niemand erfahren. Es dient nur dir. Es zieht keine Schritte nach sich. Aber indem du dich mit deiner Angst beschäftigst, gibst du ihr genug Raum, um sie ernst zu nehmen. Sie ist wie ein Tier, was Essen und Trinken braucht. Geh zu deiner Angst in den Käfig und gib ihr etwas Essen und Trinken. Bleib vielleicht ein paar Minuten und schau sie dir an. Lächele sie an, werde dir selbst und eurem Zusammengehören bewusst. Du kannst sie ohnehin nicht vergessen. Sie wird ansonsten soviel Lärm und Krawall veranstalten, bis du sie wahrnimmst.

Ist die Erkenntnis einmal gefallen, dass etwas nicht “stimmt” (nicht mehr stimmig für dich! ist), ist es mitunter leichter, und in deinem Interesse, mit deinem Hausarzt, soll heißen: einem Arzt deines Vertrauens, darüber zu sprechen. Es gibt viele Menschen, die jetzt sagen bzw. denken: Ich vertraue keinem Arzt bzw. habe keinen Arzt, dem ich das anvertrauen möchte. Ich weiß weder, was ich sagen soll, noch weiß ich, ob ich es dem Arzt sagen möchte.

Das Schöne an Deutschland ist, dass man sich seinen Allgemeinmediziner aussuchen darf und ihn beliebig oft wechseln darf, wenn man möchte. Solltest du dir hierbei weiter unsicher sein, ruf deine Krankenkasse an oder schreib eine E-Mailanfrage, um dir weitere Informationen einzuholen.

So kannst du vorgehen:

  1. Wähle dir einen Allgemeinmediziner oder einen mit psychotherapeutischer Zusatzqualifikation aus. Falls du dort zum ersten Mal bist, wirst du gebeten, einen Patientenbogen auszufüllen, in dem du deine Angstsymptome schreiben kannst, und alle zurückliegenden bzw. in der Familie aufgetretenen Krankheitsbilder, die du eventuell in Verbindung zu deinen stellen kannst.
  2. Wenn du das Arztzimmer betrittst, und Angst verspürst, weil du dich der Situation hingeben “musst”, erinnere dich daran, dass vor dir nur ein Mensch sitzt, mit eigenen Problemen, einem schweren Alltag, vielen schwer kranken und bestimmt auch nervenden oder simulierenden Patienten. mach dir bewusst, dass der Arzt keineswegs Gott in Weiß ist, sondern ein Arzt unter vielen möglichen Medizinern, den du jetzt ausprobierst. Halte dir als Plan B im Bewusstsein, dass du jederzeit gehen und dir einen anderen Arzt aussuchen kannst.
  3. Wenn der Arzt sich den Patientenbogen ansieht, wird er dir Fragen stellen. Falls er sich den Bogen nicht ansieht, erzähle ihm bzw. ihr in Ruhe, kurz und bündig!, was du als Symptomatik mitbringst und inwiefern du dir von ihm/ihr Hilfe erhoffst:
    – Ich habe in letzter Zeit auffällig starke Angst in ..(benennen)..Situationen. Ich hatte das a) früher bereits häufig, wenn… oder b) noch nie oder c) in der Vergangenheit nur minimal hin und wieder.
    – In solchen Situationen verspüre ich dann oft bestimmte Symptome (benennen) wie zum Beispiel…
    – Ich bekomme diese Situationen nicht mehr unter Kontrolle und glaube, dass es einfacher wäre, wenn ich mir von Experten helfen ließe.
  4. Sollte dir der Arzt Medikamente verschreiben wollen, was du aber nicht möchtest, dir Beruhigungsspritzen geben wollen, dir keine für dich verständliche Diagnose oder wertvolle Hilfestellungen geben, dann sprich dies bitte aus. Sag offen und ehrlich, dass du auf abhängigmachende Medikamente oder Injektionen verzichten möchtest.
  5. Sag ihm/ihr, dass du auf der Suche nach Therapeuten oder möglichen Anlaufstellen bzw. Wissenswertem zu deiner Situation bist.
  6. Bitte ihn/sie um eine Überweisung zu einem Fachspezialisten und möglichen Kollegen oder Kliniken mit Fachärzten, die er/sie dir empfehlen kann/würde.
  7. Krankschreibung: Frag dich im Vorfeld, ob du dir eine Woche Krankschreibung leisten möchtest, um Therapeuten zu kontaktieren, zu möglichen Helfern zu fahren, dir eine Auszeit zu gönnen, dein Privates in Ordnung zu bringen, für den Fall, dass du weniger Zeit oder Kraft haben wirst. Lass dich ruhig krank schreiben. Das ist eine wichtige Zeit, die einige, oder je nach Grad der Angst, viele Änderungen und nötige Ruhezeiten mit sich bringen wird. Nimm dir die Zeit für dich selbst.

Wenn du dann die Überweisung zu einem Fachspezialisten bekommen hast, musst du dir Zeit nehmen, um mögliche Therapeuten in deiner Nähe ausfindig zu machen. In Deutschland kann es bis zu 3-6 Monaten dauern, je nachdem, wo du wohnst. Je ländlicher du wohnst, desto länger kann es dauern (oder vielleicht auch nicht). Das ist abhängig von der Anzahl der lokal ansässigen Therapeuten in Relation zur Anzahl der Patienten, respective Wartelisten.

Häufig ist es so, dass du von einem Therapeuten, auch nach erfolgtem Erstgespräch, auf die Warteliste gesetzt wirst. Bitte suche trotzdem weiter und warte keineswegs darauf, dass du “bald” dran bist. Viele zugelassenen Ärzte haben ein derart hohes Aufkommen an Patienten, dass sie – menschlich wie sie sind – Sachen vergessen, Zettel verlegen oder schlichtweg keine Ressourcen mehr haben.

Vom Suchen und Finden

Dabei können entweder deine Krankenkassen helfen, Internettherapeutenverzeichnisse, Uni-Kliniken oder sogar Freunde/Bekannte, die jemanden kennen, den sie dir empfehlen würden.

Krankenkassen, Patientenberatung bei örtlichen Verbraucherzentralen

Jede Krankenkasse hat eine Hotline bzw. eine Not-Hotline. Mit Sicherheit hast du auch den Namen eines persönlichen Ansprechpartners, bei dem du dein Anliegen vorlegen kannst.

Beispiel: “Mein Name ist Claudia Müller (fiktiv). Mein Hausarzt hat mir heute empfohlen, dass ich mir psychotherapeutische Unterstützung suche, um mit meinen momentanen Belastungen besser umgehen zu lernen. Wie kann ich jetzt am besten vorgehen? Können Sie mir diesbezüglich weiterhelfen/Tipps geben, wie ich am ehesten und schnellsten einen passenden Therapeuten finde?”

Therapeutenverzeichnisse, örtliche Krisendienste

Unter https://www.therapie.de/psychotherapie/ findest du Therapeuten in deiner Nähe.
Die Akuthilfe 24 (Psychosozialer Dienst Deutschland) bietet Hilfe bei der Suche freier Plätze in deiner Nähe, sowie präventive Maßnahmen.
Aber auch lokale Krisendienste (zum Beispiel der Berliner Krisendienst) können weiterhelfen.

Universitätsambulanzen und -kliniken, Tageskliniken

Es gibt in vielen Kliniken Studentenprogramme, in denen Psychologiestudenten therapeutische Erfahrungen sammeln müssen und 1a Bilderbuch-Therapien leisten können, sei es in Selbsthilfegruppen oder Einzeltherapien. Es gehört zu ihrer therapeutischen Grundausbildung. Als Betroffener kann man sich dort melden und nach freien Plätzen nachfragen. Man kann aber auch bei den Kliniken selbst anrufen, für den Fall, dass man eine Tagesklinik oder aber eine Einweisung in eine Klinik für angemessener betrachtet.

Am Beispiel Berlin:

Hochschulambulanz FU Berlin

Psychotherapie-Ambulanz der HU Berlin

Jüdisches Krankenhaus Berlin, Fachabteilung Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie
Heinz-Galinski-Str. 1
13347 Berlin
Tel.: 030/4994-0
Web: www.juedisches-krankenhaus.de

Charite – Universitätsmedizin Berlin, Fachabteilung Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, CCM
Charitéplatz 1
10117 Berlin
Tel.: 030/450517-002
Web: http://psy-ccm.charite.de/

Ev. Krankenhaus Königin Elisabeth Herzberge gGmbH, Tagesklinik Boxhagener Straße
Boxhagener Str. 76-78
10245 Berlin
Tel.: (030) 29668485
Fax: (030) 29668486
http://www.keh-berlin.de/de/tagesklinik-boxhagener-strasse

Bewertungsforen

Auf der Website http://www.jameda.de/ stellen Patienten ihre Beurteilung von Ärzten online. Die Patienten, die bei einem Arzt eine Bewertung abgegeben haben, kannst du im Falle von Fragen ebenfalls anonym anschreiben.

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