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In Hollywoodfilmen landen wir nach einem turbulent-spannenden Start am Ende immer beim perfekter Partner, in einer perfekten Beziehung, mit Haus, Hund, lachend im Park, verliebt in den Moment für die Ewigkeit. Wohlgemerkt ohne irgendein Ach unter dem Dach. Während der Fernseher aus ist und die Drehbücher schweigen, suchen Millionen Menschen auf dieser Welt in diesem Augenblick online in Partnerbörsen oder in Apps auf dem Smartphone einen passenden Menschen, der sie mit Liebe nährt und bei ihnen sein will, bei ihnen bleibt und sie so annimmt, wie sie sind: mit Ecken und Kanten. Aber wir alle kennen Männer und Frauen, die wir als beziehungsunfähig und liebesunfähig bezeichnen, die unter Beziehungsangst bzw. Bindungsangst leiden. In den Medien werden sie als „emotional nicht verfügbar“ bezeichnet.

Doch was zeichnet Liebe und Liebesfähigkeit, Beziehungsfähigkeit, Bindungsangst und die Unfähigkeit, sich auf eine Beziehung einzulassen aus? Ist das wirklich eine ernsthafte emotionale Störung, so wie einige schreiben?

Es folgt Teil 1 der Artikelreihe über Liebe, das schönste (und schlimmste) Gefühl aller Zeiten, und wieso Liebe Angst machen kann. Folgende Themen spreche ich an:

  • Angst vor Gefühlen verhindern Beziehungen
  • Ghosting
  • 19 Merkmale von emotional nicht verfügbaren Menschen
  • Umgang mit Partnern, die Angst vor Beziehungen haben
  • Wenn man selbst Angst vor Beziehungen und/oder Gefühlen hat
  • Keine reine Männersache

 

Die Angst, sich auf Gefühle in einer Beziehung einzulassen

Wenn Angst vor Gefühlen Beziehungen verhindern oder einschränken

Sokol und Carter schreiben in ihrem Buch Nah und doch so fern, dass wenigstens 50 Prozent der emotional offenen Liebessuchenden einmal auf einen Menschen treffen (werden), der emotional nicht verfügbar sei. Die oben beschriebene Situation würde einem Menschen ähnlich, der passive Bindungsangst hat. Jemand mit aktiver Beziehungsangst hingegen ist häufig das Gegenteil:

woman-735758_1280Feuer und Flamme für den einen Menschen, den man gerade erst kennengelernt hat, sofort in die noch lockere Beziehung hineinspringen und die großen, überwältigenden Gefühle der anfänglichen Magie auskosten. Ständiger Kontakt auf allen Ebenen, rund um die Uhr, gemeinsame Stunden, die sich für die Ewigkeit anfühlen, die wohltuende Nähe, der tolle Sex, das Gefühl der innigsten Verbindung und die tiefen Gespräche, diese magische Verbundenheit… bis der Alltag kommt und derjenige bemerkt:

Verbundenheit beinhaltet das Wort Bund, und erinnert zu sehr an Gebundenheit. Und das macht Angst. Alte Ängste werden reaktiviert, Erfahrungen und Verletzungen kommen wieder hoch. Aus dem Bunde wird die ewig alte Wunde, die daran erinnert, dass sie noch nicht heil ist, nicht verarbeitet wurde, noch immer schmerzt. Um den Schmerz oder den, der kommen könnte, zu unterbinden, unterbindet der Mensch die Möglichkeit, dass es positiver laufen könnte, als in der Vergangenheit. Und ergreift die Flucht. Aus dem anfänglichen, innigen und verschmelzenden Moment wird Distanz, panische Reaktionen und ein Zusammengereime aus vermeintlichen Argumenten, die benutzt (und gebraucht) werden, um es sich und dem Partner so plausibel wie möglich und ohne Schuld zu erklären. Die wenigsten Personen möchten merken oder aussprechen, was in ihnen vor sich geht: „Ich habe eine Heidenangst vor dir, vor Liebe und vor Beziehungen!

Die meisten beziehungsängstlichen Menschen verschwinden einfach aus deinem Leben.

 

Ghosting: Nein, keine Nachricht von Sam.

Es gibt mittlerweile in der Psychologie den Begriff des Ghosting. Das bezeichnet das plötzliche Verschwinden eines Menschen, mit dem man sich seit meist kurzer Zeit in einer Beziehung befindet. Wie aus dem Nichts, verschwindet diese Person aus deinem Leben, meldet sich kaum noch, ist noch seltener erreichbar, antwortet nicht mehr oder nur noch knapp, sagt Treffen ab, ohne Ersatztermine vorzuschlagen, schiebt sein Leben als Entschuldigung vor, wenn denn Erklärungen abgegeben werden. Die Person wird zu einem Geist.

Für die Verlassenen bleibt das Gefühl, etwas falsch gemacht zu haben, liebensunwürdig zu sein, denjenigen nicht genug umsorgt oder aufmerksam betrachtet zu haben oder gar zu viel davon gemacht zu haben. Dabei sind sie nur an jemanden geraten, der emotional nicht verfügbar ist.

 

19 Anzeichen und Merkmale von Menschen, die (momentan) emotional nicht verfügbar sind

  1. Sie führen typische Hop-on-Hop-off-Beziehungen oder on-off-Beziehungen. Sie machen Schluss, stoßen dich weg, um dann wieder anzukommen und den Moment des Anfangs auszukosten, um dann wieder Schluss zu machen und sich dann wieder zu melden, so weiter und so weiter…
  2. Sie tun alles, um dich für sie zu gewinnen, auch wenn du anfänglich kein Interesse hast. Siecouple-919018_1920 sind am Anfang wie ein Orkan, der sich dann langsam in nichts auflöst, wenn sie dich erobert haben. Wenn die Spannung nachlässt, lassen sie nach.
  3. Sie sind meist nur zu ihren Bedingungen erreichbar oder verfügbar, sei es telefonisch, in Person, in Dauer oder Art und Weise des Kontakts. Sie bestimmen den Rahmen.
  4. Sie verlangen oft, dass du etwas für sie tust. Sie tun Dir wiederum wenige bis keine Gefallen oder nur widerwillig.
  5. Sie sind, obwohl ihr Zeit verbringt, mit anderen Menschen und Situationen beschäftigt, zum Beispiel mit Telefonieren, Facebook oder Gesprächen mit anderen, Alkohol oder Tieren oder sonstweder Kompensation des Moments.
  6. Sie verbieten sich selbst und dir das (öffentliche) Zeigen von Gefühlen: Es ist oft so, dass sie weder erlauben, ihre Hand zu halten, noch in der Öffentlichkeit als liebendes Paar aufzutreten; sie schließen selten die Augen beim Küssen und ziehen sich meist schnell aus der Situation, wenn es „zu nah“ wird, zum Beispiel durch gezielt gelegte Termine nach euren Treffen oder bei Distanzbeziehungen klare Festlegungen von Dauer des Aufenthaltes oder Zeitpunkten.
  7. Sie erklären sich und ihr Leben mit ihrer Vergangenheit. „Irgendeine“ Frau oder „irgendein“ Mann steht hinter ihnen, und trägt die Schuld. Dadurch vermeiden sie, sich selbst anzusehen und an sich selbst zu arbeiten, ihre Verantwortung für ihr Leben zu übernehmen und die Last der negativen Erfahrungen zu verringern. Sie wollen in den meisten Fällen so verhärtet und unnahbar bleiben, um die Gefahr, erneut verletzt zu werden und die Kontrolle zu verlieren, aus dem Weg zu gehen.
  8. Sie legen viel Wert auf eine Sache: Das kann Sex sein, ein Kind oder Geld/Beruf. So transportieren und kanalisieren sie Gefühle. Sie würden selten aus reinem Gefühl oder Liebe zum Partner handeln, sprechen oder bleiben.
  9. Sie lenken sich durch den Partner oder Liebe von ihren eigenem Seelenleben ab und „nutzen“ ihn, um sich nicht mit sich selbst auseinandersetzen zu müssen. So würden sie eher in Zeiten der empfundenen Einsamkeit, die schwer auf ihnen lastet, Treffen haben wollen, als in Zeiten, in denen sie mit ihren Sachen beschäftigt sind.
  10. Sie nähren deine Gefühle, in dem sie Aufmerksamkeit von dir verlangen und suggerieren so, dass du gebraucht wirst. Man selbst merkt erst spät, dass man mehr gibt und opfert - es ihnen eher recht macht - als man zurückerhält.
  11. Sie verlangen viel Freiraum oder Zeit für sich und ihr Leben. Jede ungewollte, gemeinsame Zeit wird von ihnen geahndet.
  12. Wenn du sie abweist oder Zeit für dich beanspruchst, nicht erreichbar bist oder dich um etwas kümmern musst, fühlen sie sich ausgeschlossen und bekommen Angst, unwichtig zu sein.
  13. Sie können sich nicht entschuldigen oder Fehler eingestehen und zugeben.
  14. Sie sagen eher, dass sie schlechte Partner sind, als dass sie euch und eurer Liebe/Beziehung eine Chance gäben oder sich bemühen würden, dass es funktioniert - für beide.chain-232930_1920
  15. Sie wollen höchstens Teil deiner Familie und deines Freundeskreises sein, sich lieber bei dir in deiner Wohnung aufhalten, als umgekehrt. Die Wahrscheinlichkeit, dass der emotional unverfügbare Mensch dir seine Familie oder enge!!! Freunde vorstellt, ist gering. So halten sie Distanz.
  16. Sie führen eher Fernbeziehungen oder haben Affären, um eine von vornherein natürliche Distanz und verständliche Erklärung für ihr Handeln zu haben.
  17. Sie strafen ohne Erklärung jede noch so kleine Kränkung und Verletzung mit Schweigen, Rückzug und passiver Aggression, anstatt in ein ehrliches und offenes Gespräch zu gehen, in dem sie den Partner auf seine Handlungen ansprechen würden.
  18. Sie tun sich schwer, ehrlich und reflektiert über ihre Gefühle zu sprechen und vermeiden Gespräche dieser Art, brechen sie abrupt ab oder lenken ab. Umgekehrt verbieten sie dir ebenfalls solche Gespräche.
  19. Sie sind in den meisten Fällen grandiose LiebhaberInnen, vermitteln Innigkeit und Leidenschaft, tiefe Verbundenheit beim Sex, aber im normalen sozialen Kontakt sind sie eher in sich gekehrt oder sogar abweisend.

Wenn einem zu viel Gefühl Angst macht

Ist man an einen emotional distanzierten oder nicht verfügbaren Menschen „geraten“, kann man versuchen, mit ihm ins Gespräch darüber zu gehen.  Beziehungsangst ist keine Pest, keine Seuche und auch keine ernsthafte psychische Störung, auch wenn sehr häufig ein ausgeprägter Narzissmus als Schutzmaßnahme genutzt wird.

Entgegen der weitläufigen Meinung gibt es durchaus Personen, die um ihre Angst wissen und bereit sind, diese anzusehen und anzugehen. Was definitiv weniger hilfreich bis kontraproduktiv ist, ist den beziehungsängstlichen bzw. gefühlsängstlichen Menschen zu drängen, zu zwingen, zu überrennen oder Deadlines bzw. Auflagen zu vergeben. Sie können Schritt für Schritt in Richtung „Sicherheit“ gehen, wenn man ihnen die Zeit lässt. Das werden sie aber aussprechen, wenn sie die Bereitschaft dazu haben. Die Ergebnisse werden sich auch in der Beziehung sichtbar machen. Sollten sich keine Ergebnisse einstellen, auch keine kleinen Schritte, so gibt es auch keine Bereitschaft. Wenn keine ehrliche und willige Absicht, an sich und seiner Angst - vor allem gemeinsam - zu arbeiten, die Angst zu bewältigen, ausgedrückt und gezeigt wird, dann gibt es auch keine Absicht.

by-wlodek-428549_1920Sich dann noch weiter auf den emotional distanzierten Partner zu konzentrieren, weiterhin zu hoffen, dass der- oder diejenige irgendwann doch noch bereit ist, ist eine Illusion. Es ist sehr viel sinnvoller, sich dann zurückzuziehen. Rückzug ist auch dann die richtige Wahl, wenn von ihm oder ihr die Beziehung beendet wird. So schmerzhaft es auch sein mag, wenn es zu einer Trennung aus Angst vor Beziehung oder Liebe kommt, gehe nicht blindlings zu der Person zurück, hoffe nicht ins Blaue, glaube nur, was du siehst und nicht, was schön klingt, aber vor allem: Renne demjenigen nicht hinterher. Das würde direkt in die Wunde und das Kontrollbedürfnis desjenigen spielen.

Es gibt leider keine angenehme oder leichte Art, einen beziehungsängstlichen Menschen oder emotional nicht verfügbaren Menschen dazu zu bekommen, einen zu lieben oder sich bereitwillig und vertrauensvoll auf eine Liebesbeziehung einzulassen. Die Person muss allein die Bereitschaft und den unbedingten Willen mitbringen, sich einzulassen und an sich zu arbeiten.

Was man tun kann, wenn man selbst Beziehungsangst oder Angst vor Gefühlen hat

Ertappt man sich dabei, dass man seine Gefühle oder die des anderen nur schwer aushält, kann es ein Hinweis darauf sein, sich seine Gefühle (auch die negativen, die Schattenseiten) anzusehen und zu reflektieren, woher sie kommen. Wir sind heutzutage zu schnell mit der Erklärung, es müsse zwingend am anderen liegen. Derjenige tut dies, was uns missfällt und das, was wir nicht leiden können oder schon von unseren vorherigen Partnern kennen (und nie wieder erleben möchten).

Beziehungs- und gefühlsängstliche Menschen haben Schwierigkeiten mit dem Normalen, dem Alltag, dem Unspannenden, dem Langweiligen, dem Monotonen, mit Fehlern am Partner oder vom Partner ausgehend sowie mit ihren eigenen. Sie ertragen das Zwischendrin nur schwer, sei es, aus Angst, sich selbst zu verlieren oder aber aus Angst vor dem Verlust des anderen. Sie müssen blue-eyes-237438_1920lernen, dass weder sie, noch sonst jemand perfekt ist. Jeder macht Fehler. Solange wir alle Menschen sind, das schrieb ich bereits im Artikel über 10 Erinnerungen an dich selbst, werden wir Fehler machen, auch wenn wir uns noch die größte Mühe gäben, keine zu machen. Das Gefühl, dass es immer Aufs und Abs gibt, nach Höhen Tiefen folgen können und auf Tiefen wieder Höhen, ist ihnen zwar theoretisch klar, aber schwer erträglich. Es macht ihnen einfach Angst. Unsicherheit ist eine Last und Qual zugleich. Sie leiden, wenn sie geben müssen, ohne nehmen zu dürfen. Sie leiden, wenn sie das Gefühl bekommen, weniger wichtig zu sein, als der Alltag und das Leben des Partners. Sie beziehen es auf sich und ihre vermeintliche Unzulänglichkeit. Auch, wenn sie das gern verdecken oder abstreiten. Es ist leichter, den anderen die Schuld zu geben oder wegzusehen.

Gefühle auszuhalten bedeutet für mich somit,

a) seine eigenen auszuhalten, unter anderem auch die eigene Angst, und

b) die fremden Gefühle auszuhalten, unter anderem auch fremde Angst.

Keine reine Männersache

Diese Anmerkung muss sein. Beziehungsangst oder Bindungsangst wird zu oft Männern angelastet, dabei sind zunehmend Frauen davon betroffen. Zudem gehen die Tendenzen, gerade in Bezug auf Untreue, immer stärker in die Richtung des weiblichen Geschlechts. Auch das Muster der „Ewigen Geliebten“ fällt in die Kategorie passive Bindungsangst.

Aber gleich, ob Mann oder Frau: Sich nicht fallen lassen zu können, heißt ganz menschliche Angst,

  • nicht angenommen zu werden,
  • aus Misstrauen oder aus Angst, nicht zu genügen,
  • aus Angst, verletzt zu werden oder verlassen zu werden und sich wieder aufrappeln zu müssen,
  • sich selbst nicht(s zu) trauen,
  • lieber die Kontrolle behalten zu wollen und eine Situation zu ihren Gunsten zu steuern, sodass es erst gar nicht zum schmerzhaften Fall kommt.

Man würde beispielsweise eher eine oberflächliche oder emotional distanzierte Beziehung führen, eine, in der der andere augenscheinlich verliebter ist, als man selbst oder eine abhängige Beziehung, in der man führen kann, statt einer emotionalen und erfüllten Liebesbeziehung.

Aber: Menschen mit Angst vor Beziehungen und Gefühlen sind nicht gestört. Sie sind (noch immer) verletzt und verängstigt. Wer bereit ist, sich diese Verletzungen aus alten Beziehungen anzusehen und an seiner Angst zu arbeiten, der kann in Zukunft bereit werden, in tiefe, innige und liebevolle Beziehungen zu gehen. Angstfrei.

LG
Janett

Janett

 

 

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