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Neulich beschloss ich, dass ich nur noch ein einfacher Mensch sein will und sein werde. Gleich, was andere davon halten. Genügsamkeit klang aber lange Zeit in meinen Ohren, als würde ich mich gegen Großes und Mehr wehren. Aber es hängen Erwartungen und damit auch Enttäuschungen an dem Wort. Ich habe die “böse Bedeutung” deshalb einfach gestrichen. Seitdem genügt mir von Tag zu Tag mehr.

 

Wir sind alle nur Menschen. Müssen wir daran erinnert werden?

Genügsamkeit bedeutet, dass man sich und das, was man hat, genug ist. Immer nur Zielen hinterherzurennen und sie strikt zu verfolgen, kann zwar auch erfüllen, aber es bringt erheblichen Stress. Besonders, wenn wir uns dem Perfektionismus hingeben und dann an unseren Ansprüchen scheitern. Bei sich selbst zu “versagen”, kenne ich auch zu gut. Daher: Ich werde mir keine Gedanken mehr machen, ob jemandem das, was ich tue und bin, reicht oder nicht. (Im Netz und bei oberflächlichen Verbindungen ist das ja immer so eine Sache.) Ich werde mich nicht mehr fragen, wie ich besser in X werde und bedeutungsvoller in Y, nur damit andere meinen Wert erkennen und ihn mir zeigen. Ich kenne meinen Wert. Dieser Entschluss fühlt sich gut an. Der Rest tut mir weh. Er pflanzt Gedanken in meinen Kopf, die mich verletzen und mir eine vermeintliche Bedeutungslosigkeit einimpfen wollen, die völliger Blödsinn ist.

Ein Bekannter von mir meinte einst nach unserem dritten Glas Wein auf meiner Couch, dass wir doch am Ende des Tages alle nur Menschen sind, die irgendwie versuchen, zurechtzukommen. Ich verstehe jetzt, was er meinte.

Auch ich habe mein ganzes Leben lang versucht, besser und größer zu leben, existenziell abgesichert und von allen gemocht - damit ich ja nie auf die Idee kommen würde, dass ich oder jemand anderes nicht ausreichen würde, dass mein Leben nicht lebenswert sei oder ich nichts für mich erreicht hätte. Es war ein ständiges Gedrehe im Kreis darum, zu funktionieren und nach außen hin so zu tun, als hätte ich einen Wert, den andere nur erkennen müssten. Eine Bedeutung.

Wozu muss heute alles so bedeutend sein? Was wurde aus einem einfachen Leben, in dem wir nur morgens aufstanden, uns auf den Tag vorbereiteten und ihn verbrachten?

 

Über das Schöne an einem einfachen Leben

Unsere Ahnen waren weder unzufrieden, wenn nichts geschah noch waren sie unzufrieden, wenn etwas geschah. Sie freuten sich noch über die kleinen Dinge. Sie arbeiteten zwar hart und viel, aber sie stellten um einiges seltener ihren Lebenssinn infrage. Sie warfen nicht alles sofort hin, nur weil es einmal schwer wurde. Sie kannten ihre Aufgaben, kamen ihnen nach und verbrachten damit ihr Leben. Als Leben noch fern ab von Selbstverwirklichung und -optimierung einfach nur „lief“, schien nichts mehr oder weniger bedeutungsvoll zu sein. Ein einfaches Leben hatte dieselbe Bedeutung wie ein komplexes.

Doch heute will jeder bedeutend sein - auch, wenn er es nicht zugeben mag. Menschen werden täglich durch die Medien daran erinnert, dass sie „gefälligst“ etwas aus ihrem Leben machen sollten, etwas erreichen müssten, etwas Erinnerungswertes schaffen und sich einen Namen machen sollten - sonst…ja, sonst wäre man wohl normal, in den Augen anderer nicht genug, würde still belächelt, verspottet oder ausgeschlossen…ein einfacher Mensch, der ein einfaches, unbedeutendes Leben führt.

Wann wurde das eigentlich verwerflich?

 

Weshalb Selbstoptimierung und Selbstwert so gar nicht zusammenpassen

weshalb selbstoptimierung so schädlich istMir wurde die letzten Tage bewusst, wie wir alle unser Leben und beinahe jede Aktivität als Pflichtkür bedeutungsschwängern. Wenn der Job einem keine Aufstiegschancen bietet oder wir schon lange meinen, dass wir etwas Besseres verdient hätten, müssten wir kündigen. Was sollen auch zukünftige Arbeitgeber sonst von unserem einfachen Lebenslauf denken? Wir wären nicht gut genug, wenn wir Loyalität, Integrität, Fokussierung und Genügsamkeit zeigten. Nein, heute muss man den ganzen Tag nur an sich denken und daran, wie man noch besser werden kann…weil man erst dann den Wert zugesprochen bekäme, etwas oder jemand zu sein.

Wenn wir auf einfache und eingesessene Art und Weise lieben, es nicht mehr kribbelt und wir nicht mehr tägliche Blumensträuße oder Aufmerksamkeit bekommen, kriegen wir Angst, beginnen Affären oder grübeln darüber, ob wir noch geliebt werden. Andere wiederum trennen sich sogar. Nicht täglich zu spüren, dass wir geliebt werden, so, wie wir meinen, es verdient zu haben, schmälert schon beim Gedanken unseren Wert für den Partner und den Wert des Partners. Weil es „einfach“ nicht mehr reicht.

All diese fiesen und verzeih, dummen Interpretationsansätze fingen erst damit an, dass uns jemand einredete, wir müssten besser sein (gut reicht nicht) und anders (so ist es nicht gut) und gesehen, gehört und erfolgreich - tagtäglich müssten wir im Außen unseren Wert bestätigt bekommen und fühlen. Und wir glauben es auch noch!

 

Sind wir uns nur dann wertvoll, wenn wir von anderen als wertvoll gesehen werden?

Was aussieht wie Zugehörigkeit, hat in Wahrheit nichts mit Wert zu tun. Es ist die Angst davor, normal und einfach zu sein. Im Vergleich stünden wir vor anderen „einfach“ (und) dumm da. Und weil uns deren Meinung wichtiger ist, als unsere, schneiden auch wir vor uns selbst schlecht ab.

gute böse menschen wieso in jedem ein arschloch steckt schatten karmaObwohl uns der Buddhismus schon seit Jahrzehnten verrät, dass es eben das Nicht-Anhaften ist, das uns Zufriedenheit schenkt, sind wir täglich auf der Suche nach eben dieser Sache oder dieser Person, die uns Bedeutung verleiht. Es schafft einen Sinn, der sich damals noch zu Oma- und Opazeiten einfach nur „Leben“ nannte. Das war der Sinn. Heute aber definieren wir unseren Selbstwert darüber, was wir sind, nicht sind, dürfen, nicht dürfen, können und nicht können. Jeder Gegenstand in unserem Leben verrät unseren vermeintlichen Wert. Haben wir aber vermeintlich zu wenig, z. B. kein Haus, sondern nur eine 2-Zimmer- Wohnung, keinen Partner, keinen mörderischen beruflichen Erfolg, keine B-Promi-Bedeutung, zu wenige Likes unter dem Facebook-Post oder Kommentare im Blog, sind wir angeblich nicht von Bedeutung. Wie viele ich kenne (und ich bis eben auch), die gleich darüber nachdachten, alles hinzuschmeißen, traurig oder wütend wurden, nur weil die erhoffte Anerkennung ausblieb und ihnen Bedeutungslosigkeit vorgaukelte.

 

Große Erwartungen

Ich frage mich ernsthaft, ob das ein Leben ist, das lebenswert ist. Ich verzettele mich ebenso ständig in allem, was ich soll und muss, dass ich in letzter Zeit immer mehr an meine Grenzen geriet. Sie zeigten mir deutlich, dass ich begrenzt bin - in dem, was ich will und in dem, was ich nicht will. Bedeutung baut Erwartungen auf und Erwartungen sind Ansprüche, die eine Verantwortung und Pflicht mit sich bringen. Wie viele an diesen brechen, sehen wir an der Zahl der psychischen Störungen wie Panik, Angststörungen, Depressionen und mehr. Sollte die einzige Verantwortung und Pflicht in einem Leben nicht die sein, dass man seine Lebenszeit gesund und dankbar erlebt?

Mir wäre es so viel lieber, wenn wir alle ganz entspannt dieselbe Bedeutung hätten und unsere Tage ebenso zufrieden in Gleichheit verbrächten, ohne uns Gedanken über unsere Bedeutungslosigkeit oder Bedeutung zu machen - ohne jede Handlung oder Nicht-Handlung, jedes Wort oder Schweigen und jede körperliche Regung gleich als Unwert zu interpretieren.

Was meinst du: Ist es heute noch möglich, zurück zu einem einfachen Leben zu kehren?

Mir liegt dieses Thema gerade sehr am Herzen und ich würde mich freuen, wenn du mich an deinen Gedanken dazu teilhaben lässt.

Liebe Grüße,
Janett

Janett Menzel Angst Blog

 

 

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