Seit einiger Zeit ist Mediation in aller Munde, wenn es darum, Konflikte im beruflichen Bereich beizulegen. Wenn es mit den Kollegen einfach nicht funktioniert oder sich zwei Parteien nicht einigen können, kann Mediation Wunder bewirken, so die Weinheimer Mediatorin und Familientherapeutin Terry Ann Larsen. Im Gespräch mit ihr befragte ich sie über die allgemeinen Chancen einer Mediation, wie man am Arbeitsplatz Mediation nutzen kann und wann sie definitiv scheitern würde.

 

Hallo Frau Larsen. Sie arbeiten als Mediatorin. Was genau kann man sich unter Mediation vorstellen?

Mediation ist eine Möglichkeit, Konflikte kreativ, individuell und eigenständig mit Hilfe einer neutralen, außenstehenden, unparteilichen Person (dem Mediator) zu lösen. Der Mediator vermittelt zwischen den Parteien bzw. er gibt dem Gespräch einen Rahmen, hält die Unterhaltung der Betroffenen im Fluss und deeskaliert die Situation, wenn es nötig ist. Die Vorschläge zu einvernehmlichen Lösungen werden von den Parteien in das Gespräch eingebracht.

 

Welche Chancen bringt Mediation?

Bei einer Mediation wird eine Win-Win-Lösung angestrebt, mit der sich die Parteien identifizieren können und sich keiner benachteiligt fühlt. Einvernehmen steht im Vordergrund, wodurch die Beziehung der Beteiligten erhalten und fortgeführt werden kann, da die Interessen beider Parteien berücksichtigt werden. Die Betroffenen können selbst handeln und eigene kreative Lösungen finden, z. B. können emotionale und wirtschaftliche Verhältnisse besser berücksichtigt werden. Die Mediation hat hohe Einigungs- und Erfolgschancen. Dies wiederum führt bei den Beteiligten zu weniger Stress und mehr Zeit, sich um wesentliche Angelegenheiten, wie z. B. innere Ausgeglichenheit, Gesundheit und Zukunftsperspektiven zu kümmern.

 

Es gibt doch sicher auch Situationen oder Umstände, in denen selbst die beste Mediation versagen würde. Welche Bedingungen müssen grundsätzlich erfüllt sein, damit eine Mediation wirken kann?

Beide Parteien sollten gesprächs- und kompromissbereit sein.

 

Sagen wir einmal, ich wäre ein geplagter Angestellter, der ganz dringend einen Konflikt mit einem Kollegen aus dem Weg räumen möchte, aber bislang im Alleingang nichts bewirken könnte. Wie kann ich als Arbeitnehmer Sie als Mediatorin gewinnen? Muss ich da zuerst mit meinem Vorgesetzten sprechen oder komme ich direkt zu Ihnen?

In diesem Fall müssen Sie zuerst mit ihrem Vorgesetzten sprechen, da dieser, wenn er der Chef des Betriebes ist, das Hausrecht hat und zustimmen muss, dass eine Mediatorin den Betrieb betreten darf. Lehnt ihr Vorgesetzter, der nicht Chef des Betriebs ist, die Mediation ab, können Sie einen Schritt weiter in der Hierarchieleiter gehen und den Chef auf die Mediation ansprechen. Lehnt der Chef die Mediation ab, können Sie auch privat zur Mediation gehen und sich Tipps geben lassen, wie Sie sich jetzt am besten im Betrieb verhalten sollen. Ist der Vorgesetzte nicht der Chef, muss er diesen aber zuerst fragen. Die Kostenfrage muss zudem geklärt werden.

Handelt es sich aber um einen großen Betrieb mit Personalvertretung, wenden Sie sich an den Personalrat. Vielleicht kann der Konflikt gelöst werden, indem der Personalrat die Position der Mediatorin einnimmt. Gibt es keinen Personalrat, können Sie möglicherweise den Konflikt mit ihrem Vorgesetzten und dem betreffenden Kollegen zusammen lösen. Gibt es keinen Personalrat, der Chef ist überarbeitet und will sich nicht selbst mit der Angelegenheit belasten, könnte er dem Vorschlag einer Mediation zustimmen. Jetzt muss der Chef nur noch Rücksprache mit dem betreffenden Kollegen halten und ihm den Vorschlag der Mediation unterbreiten. Stimmt der Kollege zu, steht der Mediation nichts mehr im Weg.

 

Und was geschieht, wenn der Kollege eine Mediation ablehnen würde?

Stimmt der Kollege dem Vorschlag nicht zu, wird aber per Dienstanweisung zur Mediation gezwungen, steht die Mediation unter schlechten Vorzeichen. Ihr Kollege sperrt sich gegen die Mediation, d. h. er ist zwar gezwungenermaßen körperlich anwesend, nimmt aber nicht am Gespräch teil. Hier kommt es auf das Geschick der Mediatorin an, ob sie Zugang zu Ihrem Kollegen finden kann und ihn zur Mitarbeit motivieren kann. Ich z. B. würde versuchen, ihm zu erklären, dass eine friedliche Beilegung des Konflikts nicht nur zu einem besseren Betriebsklima führt, sondern auch für ihn eine Entlastung ist, da er wieder entspannt arbeiten kann und sich besser auf seine Arbeit konzentrieren kann.

 

Wie lange dauert eine Mediation? Und läuft Sie nach bestimmten Schritten ab?

Die Mediation ist eine wissenschaftliche Methode und läuft in fünf Schritten ab.

  1. Auftragsklärung: Im ersten Schritt werden die formalen Voraussetzungen geregelt. Anschließend bekommen die Beteiligten den Ablauf der Mediation erklärt.
  2. Themensammlung: Im zweiten Schritt wird geklärt, welche Konfliktpunkte bestehen. Es wird also eine Bestandsaufnahme gemacht, um sich ein Bild von der Problematik machen zu können.
  3. Positionen und Interessen bzw. Sichtweisen und Hintergründe werden ausdiskutiert: Im dritten Schritt wird die Reihenfolge der zu bearbeitenden Themen festgelegt, die subjektiven Sichtweisen erörtert und die gemeinsamen Interessen besprochen.
  4. Sammeln von Lösungsvorschlägen und deren Auswertung: Im vierten Schritt werden zuerst die Lösungsvorschläge beider Parteien kommentarlos und wertfrei gesammelt. Anschließend werden zu den einzelnen Punkten der Lösungsvorschläge mit den Beteiligten einvernehmliche Lösungen erarbeitet.
  5. Abschlussvereinbarung: Im fünften Schritt werden die in den vorherigen Schritten erarbeiteten Vereinbarungen nochmals schriftlich festgelegt, um künftige Unstimmigkeiten zu vermeiden. Weiterhin wird vereinbart, falls es trotz der Abschlussvereinbarung wieder zu Problemen kommt, wie diese wieder einvernehmlich geregelt werden können.

Sind die Beteiligten kompromissbereit und für einvernehmliche Lösungen offen, verkürzt sich die Anzahl der Sitzungen. Für eine Mediationssitzung werden 90 bis 120 Minuten eingeplant. In den meisten Fällen kommt nach drei bis fünf Sitzungen eine Abschlussvereinbarung zustande.

 

Lässt sich Mediation auch außerhalb des beruflichen Bereichs anwenden?

Mediation kann in allen Lebensbereichen zur einvernehmlichen Konfliktlösung eingesetzt werden. Hier einige Beispiele:

  • bei Konflikten in der Familie
  • bei Ehe- und Paarproblemen
  • bei Problemen mit Nachbarn
  • bei Schwierigkeiten mit dem Vermieter
  • bei Konflikten in der Schule mit Lehrern, Eltern oder Klassenkameraden
  • bei Trennungs- und Scheidungssituationen
  • bei Umgangsregelung der Kinder
  • bei Erbangelegenheiten
  • bei konkurrierenden Firmen
  • in der Politik

Danke für Ihre Zeit, Frau Larsen!

 

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