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Der Verstand ist nicht immer unser Freund - besonders nicht in Sachen Liebe. Meine jüngsten Erlebnisse zeigten mir einmal wieder, was Beziehungsangst, Angst vor Nähe und vor allem die Angst vor Selbstverlust wirklich heißen. Vielleicht liegt es an meinem Alter, an Berlin oder meinem Leben, aber dann und wann, wenn ich auf Partnersuche gehe, klopft Bindungsangst an irgendeine Tür. Klar: Wir alle haben unsere Päckchen zu tragen, negative Einstellungen und Erfahrungen gesammelt, hadern hier und da mit der Zukunft, tun uns in Sachen Liebe nicht immer leicht oder gut. Während einige (über)vorsichtig sind, wen sie in ihr Leben lassen, und sich nicht selten wie Freiwild fühlen, gibt es auch welche, die aus tiefer Sehnsucht oder emotionalem Hunger heraus sofort “schießen” und einen potenziellen Partner mit ihren Wünschen und Bedürfnissen überrumpeln. Aber: An beiden sieht man, wie es um einen selbst bestellt ist.

 

Beziehungsangst, Angst vor Nähe und Angst vor Selbstverlust: Mythen, Arten und Formen

Beziehungsangst, auch Bindungsangst genannt, ist ein echtes Minenfeld. Jeder kleine, unbewusste oder gut gemeinte Schritt kann dazu führen, dass der bindungsängstliche Mensch sich zurückzieht, trennt oder aus Angst feuert. Ob es sich um die Angst vor zu viel emotionaler oder körperlicher Nähe handelt, der gefürchtete Selbstverlust, als Einschränkung der eigenen Freiheit und Bestimmung, geht oder ob es in Wahrheit die Angst vor Trennung ist: Bindungsängstliche Menschen haben Erfahrungen gemacht, die ihnen lehrten, dass Liebe, Beziehungen, Nähe oder Distanz gefährlich sind oder werden können. Ergo vermeiden sie diese in individuellen Tiefen.

Menschen mit Beziehungsangst, Angst vor Nähe und Selbstverlust verstehenWährend die einen schon beim Sex oder beim Kennenlernen der Eltern und Freunde vorsichtig, weil ängstlich, werden, gehen andere erst beim Zusammenziehen oder beim ersten Urlaub auf Distanz. Oder sie halten eine Weile durch, trennen sich dann, “weil es zu viel wird” oder “nicht ausreicht”, lassen ihre Angst abebben und kommen dann wieder an (on-off).

Es existieren etliche Mythen um Bindungsangst und Menschen, die vor Liebe flüchten. Es scheint, als wäre nur die Angst schuld, weshalb sie weggemacht werden muss. Hat man das einmal geschafft, so kann die Liebe glücklich und zufrieden werden.

Mythos 1: Du kannst deinem Traummann/deiner Traumfrau ihre Angst vor Beziehungen und der Liebe nehmen. FALSCH. Der einzige Mensch, der etwas gegen seine Angst tun kann, ist derjenige, der sie hat, erkennt und kennt. Der andere Part kann nur unterstützend wirken. Aber wenn man selbst tiefe Bedürfnisse hat, die nach Erfüllung drängen, dann wird man leicht ungeduldig und bezieht vieles auf sich. Doch wenn jemand Angst hat und nichts gegen die Angst tun will (oder etwas dagegen tun will, aber es nicht schafft), dann kannst du rein gar nichts dagegen tun.

Mythos Nummer 2: Nur Männer haben Beziehungsangst. Falsch. Deshalb schreibe ich im Folgenden “Menschen” und nicht Männer”. Ich kann einzelne Stimmen im Netz auch nicht mehr hören, wenn sie sagen, dass es hauptsächlich Männer treffen würde. Dafür kenne ich zu viele Frauen, die grundvorsichtig geworden sind und sich mit einer Beziehungsangst eben vor Enttäuschungen und Inbeschlagnahme schützen. Mehr zu den schützenden Seiten dieser Angst unten im Text.

Mythos Nummer 3: Nur ein Partner hat Bindungsangst, der andere ist völlig angstfrei in Sachen Liebe. Halb wahr, halb nicht. Denn Statistiken zufolge (vergleiche auch Sokol/Carter in ihrem Buch: Nah und doch so fern: Beziehungsangst und ihre Folgen) treffen nur 50 Prozent aller Liebenden auf einen Ängstlichen. Die anderen haben sehr sicher eine passive Beziehungsangst, die sie Dank dem aktiven Beziehungsängstlichen verdrängen und sich selbst gegenüber verneinen können. Ich lerne immer wieder Menschen kennen, die auf der Ebene Beziehungsangst das Gegenteil von dem sind, was wir darunter normalerweise verstehen: Menschen ohne Angst lehnen Beziehungen nur dann ab, wenn ihnen an dem Menschen etwas auffällt, was sie selbst in sich tragen, zum Beispiel das übersteigerte Bedürfnis nach Bindung und Nähe. Paradoxerweise halten sie sich dann an Menschen, die eben Nähe eher vorsichtig behandeln, was sich als Angst zeigt. Sie bemühen sich dann erst recht, denjenigen davon zu überzeugen, dass sie es wert sind und Liebe schön, geraten dabei in einen Strudel aus Selbstwertproblemen und Kampf um diese Liebe und diesen Menschen, um meistens am Schluss dem Anderen die “Schuld” zu geben. Andere wiederum üben von Anfang an sehr viel Kontrolle aus (‘love bombing’ oder gar ‘ghosting’), um den potenziellen Partner zu “bekommen” oder ihm zu entkommen. Die Ausprägungen von Beziehungsangst sind also vielfältig und beinhalten wertvolle, weil aufschlussreiche, Spiegelerlebnisse.

 

Das Gute an Beziehungsangst

Menschen mit Beziehungsangst, Angst vor Nähe und Selbstverlust verstehenDoch schlussendlich wollen alle Beziehungsängstlichen alte, noch schmerzende Erfahrungen vermeiden. Sie haben die Wunden ihrer Vergangenheit nicht vollständig geheilt und befinden sich noch immer in einer Abwehrhaltung, die dem Schutz ihres Lebens und ihres Herzens dient. Zu viel, zu wenig, nicht gut (genug), zu gut (im Vergleich): Liebe wird zu allem, aber ist kein Wunder mehr.

Diese Abwehr ist in Wahrheit auch ein GUTER Schutz. Immerhin halten sie so Menschen und Situationen von sich fern, die sie an die damaligen erinnern. Waren sie beispielsweise einmal mit einem Menschen zusammen, der sie betrogen hat oder haben sich leichtfertig in eine destruktive Beziehung gestürzt, zu viel in eine Beziehung investiert und dabei sich selbst aus dem Blick verloren, achten sie nun kleinlich darauf, dass so etwas nicht erneut geschieht.

Mythos 4: Eine Beziehung zu haben, ist gut. Deine Liebe wird ihn/sie nähren. Eine Beziehung zu haben, ist immer besser, als keine Beziehung zu haben. Menschen mit Bindungsangst sehen das gegenteilig. Nicht wegen dir oder weil etwas mit dir nicht stimmen könnte, sondern weil sie Liebe und Beziehung a) trennen und b) differenziert betrachten. So wägen sie beispielsweise deine Bedürfnisse und ihre Möglichkeiten, ihre Bedürfnisse und deine Möglichkeiten sehr genau ab. Sie schauen hin: Was wünscht er/sie sich von mir? Kann/Will ich das geben? Was kostet mich das (an Energie/Zeit/usw.)? Was wünsche ich mir und kann er/sie mir das geben? Wie würde er/sie reagieren, wenn ich darum bitte?

Hier zeigt sich oft, dass die Gegenseite es nicht erfüllen könnte/möchte: den gewollten Freiraum, die nicht stets stattfindenden Gespräche oder schriftliches Texten über WhatsApp und andere Messenger, nicht jeden Abend oder alle zwei Abenden beieinander sein und etwas Bestimmtes tun, nicht immer nur Fernsehen oder Weggehen.

Dem Bindungsängstlichen geht es um die negativen Aspekte einer Beziehung. Ich möchte das nochmal betonen. Beziehungen sind nicht, wie viele andere es sehen, prinzipiell GUT. Für Beziehungsängstliche halten sie Seitenhiebe und Enge bereit, denen sie ausweichen wollen. Eben gerade die Sicherheit gebenden Elemente erscheinen den Bindungsängstlichen z. B. monoton, langweilig und einschränkend. Er/Sie kann sich mehr fühlen, wenn z. B. mehr Spontanität oder Freiraum vorhanden sind, weniger Zweisamkeit und mehr Unabhängigkeit usw.

 

Das Schlechte an Beziehungsangst

was uns chancen bringen und was nicht kann keiner wissen, also ist reue unnötigMenschen sind immer unser direkter Spiegel. Deshalb treffen vermeintlich Liebesfähige auch so häufig auf vermeintlich Liebesängstliche und umgekehrt. Die kleinsten Ähnlichkeiten zu früheren Beziehungen oder aber Unterschiede zu dem, was sie kennen, machen sie dann nervös. Aus meiner Erfahrung heraus ist eine Nervosität leicht wegzustecken; doch der emotionale Stress steigt in den meisten Fällen und geht irgendwann in echte, sogar panische Angst über. Der Andere bleibt meist mit schierer Verwunderung und Verletzung zurück. Denn als Reaktion steht oft “noch mehr” oder “gar nichts mehr” unter der Rechnung beziehungsängstlicher Menschen. Auf der einen Seite fürchten sie, dass sie dich verlieren, während sie auf der anderen Seite fürchten, sich für dich zu verlieren. Während sie sich zwischen der Angst vor Verlust und Selbstverlust, Trennung und Alleinsein entscheiden müssen, fällt ihnen einmal mehr auf, wie schwierig Beziehungen doch sein kann. Eben weil Liebe und Beziehungen nicht dasselbe sind. Viele können sehr gut lieben, aber meiden Beziehungen. Der Gedanke, dass man heute, weil man sich liebt, eine Beziehung führen muss, ist auch der Grund, dass viele unter heimlichen Affären oder Dreiecksbeziehungen leiden.

Sind die Bindungsängstlichen einmal in den Strudel aus Liebe versus Beziehung geraten, wird alles negativ interpretiert. Der Berg, so fühlt es sich an, wird höher und höher. Das Fass läuft über. Die Luft wird stickiger. In der Brust wird es eng. Was vom anderen gut gemeint oder als Akt der Liebe, Zeichen der Zuneigung und Signal der Sympathie gemeint war, wird als Gefahrenzone umgedeutet. Überall lauern Stolperfallen und vermeintliche Abgründe. Aus Freundlichkeit wird Manipulation. Aus Interesse Kontrolle.

Sie vergessen zu leicht, zu vertrauen, sich und der Welt, den Anderen und ihren Fähigkeiten, sich durchzusetzen, Nein zu sagen und Grenzen zu schaffen. Sie glauben, sich aufgeben zu müssen, um dem Anderen zu gefallen und wissen dabei um die Konsequenzen für sich. Einziger Ausweg: Distanz (durch Trennung, Kontrolle, Fremdgehen usw.).

Mythos 5: Es gibt Strategien, wie du ihm/ihr ihre Angst nehmen kannst, wenn du nur den Ratschlägen von einigen Beziehungscoaches im Internet (die mit dir Geld verdienen wollen! wohlgemerkt) folgst. Bitte mache dir bewusst, dass das Thema Bindungsangst, besonders unter Männern, eine NISCHE ist. Ein Nischenthema, so wie Panikattacken auch, bedeutet ein Themenbereich, der eine starke Zahl von Interessenten aufweist, die alle nach einer Lösung für ihr Problem suchen. Ihnen so eine Lösung zu bieten, regt sie zum Kauf an. Es gibt keine Strategien, um deinem Traummann/deiner Traumfrau die Nähe und Zuwendung abzuringen, die du dir wünschst. Es gibt nur unterschiedliche Fähigkeiten, Perspektiven und Akzeptanz. Und diese zu verinnerlichen, ins Gespräch zu gehen, den Menschen zu fragen, wie es sich für ihn anfühlt, wenn xyz geschieht, du xyz tust oder eben nicht tust, kann Nähe schaffen. Aber es muss ihm/ihr möglich sein, dich in deinen Bedürfnissen zu unterbrechen - und den Druck, meist Erwartungsdruck, bei sich selbst zu lindern. Diesen Ratschlag aber gibt dir niemand, denn Beziehungscoaches sind nun einmal in den meisten Fällen darauf ausgerichtet, dir etwas zu geben, was du so dringend brauchst: Nein, das ist keine Beziehung und kein Liebesglück, sondern Kontrolle. Sie nehmen dir mit ihrem Wissen ein Stück des unerträglichen Kontrollverlustgefühls. Und das ist alles. Das Gute daran aber ist, dass eben dieser Kontrollverlust kontrolliert werden kann, indem du selbst über deine Angst vor Verlust hinauswächst. Ist das erreicht, kann die Angst beim Traummann/bei der Traumfrau gar nicht mehr ankommen. Denn Beziehungsänsgtliche reagieren mit ihrer Angst als Reaktion auf deine Angst. Besser ist es, wenn du deine Angst vor Verlust unter Kontrolle bringst. So kann derjenige sich in seinem Tempo um seine Ängste kümmern. Das ist wichtig, weil sich jeder um seine eigenen Ängste vollkommen allein kümmern muss. Während sich zu reflektieren und über die eigene Angst zu unterhalten zwar ein gutes Annäherungselement darstellen, bleibt das Handeln jedoch beim jeweiligen Partner/Mensch.

 

Übersetzungsarbeit - Du versus der/die Beziehungsängstliche

Um die unterschiedlichen Perspektiven, Denkmuster und Gefühlsmuster näher zu beleuchten und vor allem zu zeigen, wie tief diese Angst gehen kann, habe ich die folgende Übersicht erstellt. Ob du Angst vor Beziehungen, Liebe und Nähe hast oder jemanden in deinem Leben hast, der darunter leidet: Meine Liste könnte dir helfen, zu verstehen, was wirklich in dem anderen Menschen vor sich geht - in den vermeintlich Angstfreien und Ängstlichen.

Guide Bindungsangst Beziehungsangst Angst vor Nähe und Selbstverlust

Klick auf das Bild öffnet die Übersicht in voller Größe. Nur verbreiten mit Angabe meiner Website.

 

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