Als Schattenseiten oder Schatten bezeichnet die Psychologie Seiten, die wir ungern leben und zeigen, für die wir uns schämen, die Angst auslösen, Scham oder Schuld. Wir verbinden mit diesen Seiten bestimmte Reaktionen anderer und Konsequenzen für uns. Deshalb verdrängen, projizieren oder verneinen wir sie. Je besser, gutmütiger und “lieber” wir uns darstellen/leben, je mehr wir uns zusammenreißen oder zurücknehmen, desto stärker wird unser Schatten. Denn all unsere unausgelebten und als negativ interpretierten Seiten verschwinden ja nicht, nur weil wir sie uns und anderen nicht zeigen. Sie erscheinen deshalb gern im Spiegel bei unseren Partnern, Familienmitgliedern, Kollegen, Vorgesetzten als unangenehme Charakteristika und Streitthemen.

In meiner Miniserie “Schattenseiten” wende ich mich einigen Werten, Gefühlen und Handlungen zu, von denen wir gelernt haben, dass sie für andere unbequem sind und deshalb verdrängt gehören, damit wir “sicher”, geliebt und willkommen bleiben. Wie fatal das für unsere Psyche werden kann, darauf weisen viele Psychologen immer wieder hin.

Der erste Teil behandelt Respekt dir und deinem Leben gegenüber.

 

Respekt dir selbst gegenüber im Schatten unseres Selbst

sich selbst ernst nehmen und wichtig Schattenseiten Respekt sich selbst gegenüberDas Wort Respekt ist lateinisch für respectus (Rückschau, Rücksicht, Berücksichtigung) sowie respecto (zurücksehen, berücksichtigen) und hat vielfältige Definitionen. Wikipedia findet, Respekt wäre “eine Form der Wertschätzung, Aufmerksamkeit und Ehrerbietung gegenüber einem anderen Lebewesen (Respektsperson) oder einer Institution.” Das Google Wörterbuch definiert Respekt als “Haltung”, nach der “man eine Person und ihre berufliche und soziale Stellung für wichtig hält und dies in seinem Verhalten deutlich zeigt“. Im Umgangssprachlichen versteht man Respekt auch als Angst und Ehrfurcht.

Respekteinflößende Menschen zeigen sich uns heute überwiegend in Autoritäten, teilweise Personen, die Ruhm erlangten, “Großes” erzielten und leisteten. Auf der anderen Seite erwarten selbsternannte Autoritäten Respekt. Wahrhaftig respektabel aber - aus rein terminologischer Sicht - sind nur die, die ohne Vergleiche jeden Gegenüber mit einem natürlichen Respekt behandeln, ohne sich als gottgleich, übermütterlich/streng, machtvoll misszuverstehen. Sie erheben sich nicht über jemanden oder etwas, auch wenn sie ihren Wert kennen.

In meinen Augen ist unsere Gesellschaft leider völlig verschroben: Respekt ist nichts mehr, was alles Lebendige innehat, weil es lebt und das Recht auf eine eigene Bestimmung dieses Lebens hat, sondern verdient wurde und von anderen gezollt wird. Wir erfahren Respekt nach dieser Definition nur dann von anderen, wenn wir x waren/sind. Respekt ist ein Ziel, das gleichermaßen Anerkennung und Achtung verdient. Ein Schauspieler, der in x Filmen mitgewirkt hat, hätte somit mehr Respekt verdient, als eine Reinigungskraft, so wie auch ein Politiker vermeintlich respektabler wäre als ein Krankenpfleger. Der noch immer größte Irrtum, wenn es um Respekt geht, ist wohl der zwischen Natur und Mensch. Ein Marienkäfer ist in den Augen vieler Menschen weniger (und oft auch gar nichts) wert als ein Mensch. Der Mensch bräuchte die Natur nicht zu respektieren, auch wenn die Natur das Leben schenkt und erst ermöglicht. Alles “Niedere”, was weniger verdient hätte, weniger Gutes oder Großes leiste, wird weniger groß und gut. In diesem Bewusstsein wuchsen viele von uns auf und selbst heute noch ist es Teil der Erziehung.

Was respektabel ist und was nicht, wird also bestimmt - von irgendwem Namenlosen, übernommen über Generationen hinweg, die diese Sichtweise blind und naiv glaubten und an ihre Kinder und Mitmenschen weitergaben, ja es ihnen sogar aufzwangen. Eine völlig verklärte und zudem dämliche Betrachtungsweise, wie ich finde. Denn so wie etwas lebt und/oder ist, es vor, neben und nach uns existiert, verdient es Respekt. Punkt.

 

Wie die westliche Erziehung Respekt uns selbst gegenüber in unsere Schatten verbannte

In diesem Bewusstsein wuchsen wir auf.Je weniger wir uns wichtig nehmen, je weniger achtsam, rücksichtsvoll und wertschätzend wir uns definieren, desto größer erscheinen uns respektable Menschen. Doch wir können auch mit Respekt uns selbst gegenüber andere Menschen maßvoll respektieren, wäre da nicht unsere patriarchalische Erziehung. Nach ihr sind Männer wichtiger als Frauen, Brotverdiener und mit Rollenanhaftungen versehen, wie auch Frauen, die Beiwerk des Mannes oder Mutterschaft als Funktion innehatten. Ich werde jetzt nicht die Feminismus-Keule herausholen, aber Frauen haben Jahrzehnte damit verbracht - bis heute -, sich dieser aufgezwungenen Sichtweise auf den selbsternannten Respekt der Männer zu entziehen und zu ändern. Es kommt also woher, dass einzelne, dem Patriarchat zugehörige Wertvorstellungen, teilweise noch immer präsent sind. Selbst in Schulen haben unsere Kinder Menschen zu respektieren, die Ansehen genießen, eine gewisse Macht innehaben und/oder über ein besonderes fachliches Wissen verfügen und deshalb geschätzt werden. Wie viele LehrerInnen und/oder Bezugspersonen kannst du heute noch benennen, die ihre Macht ausnutzten, ihre Schützlinge mobbten oder despektierlich behandelten, vor der ganzen Klasse bloßstellten usw.?

Respekt schürt Angst. Und schauen wir einmal in Richtung Angststörungen. Dort wird anderen und anderem zu viel Respekt gezollt, es wird übergroß und übermächtig empfunden - ohne Grund. Ohne Gegenseitigkeit.

Respekt wird uns also anerzogen: Es wurde uns schon fast aufgedrängt, respektvoll mit uns überstehenden ergo respektablen Personen und Errungenschaften umzugehen. Deshalb trennen sich viele ungern und vermeiden Konflikte. An Verhaltensweisen markieren wir, wem wir Respekt zollen: Strenge, kampfbereite Blicke und Tonfälle, Kompromisslosigkeit, Konsequenz, Wissen, Durchsetzungsvermögen, Willensstärke, höhere Stellungen im Beruf oder Sozialleben, Kleidung, Besitz usw. Ein schönes Beispiel und Ergebnis des Feminismus sind zudem wortgewaltige Frauen, früher Furien (am liebsten in Irrenhäuser eingeliefert), weil sie verzweifelt versuchten, sich Gehör, Mitbestimmungsrechte und Respekt zu verschaffen. In westlichen Beziehungen - unabhängig vom Geschlecht! - begegnen wir noch immer Personen, die glauben, wichtiger zu seien oder die ihre Bedürfnisse über unsere stellen: Personen, für die Augenhöhe, Gleichheit und Gleichberechtigung nicht existieren - weil es bequemer für sie ist. Solange sie es schaffen, solche Menschen (die sich selbst zu wenig respektieren) zu kontrollieren, brauchen sie sich nicht anzupassen, nichts und niemanden berücksichtigen.

Auch ein schönes Beispiel sind emotional unterdrückende und verbal gewalttätige Männer, die mit ihrer Wut Angst (also Respekt) auslösen möchten, um Gehorsamkeit zu bewirken. Wer in östlichen Kulturen unterwegs ist, wird bemerken, dass viele Männer von Haus aus lauter sind. Denn je lauter sie sind, desto mehr Respekt erfahren sie. Es sind tatsächlich sehr oft männliche Qualitäten, die, die Stärke und Erhabenheit suggerieren, die in uns Respekt auslösen (ob legitim oder nicht sei dahingestellt).

 

Also: Was ist nun respektvoll, respektlos, respektabel?

respekt beispiele partnerschaft familie jobErhebt sich jemand über uns hinweg, nehmen das viele erst einmal so hin und an. Dummerweise aber machen sich viele auch noch klein und vergessen, dass auch sie Respekt verdienen. Das liegt in meinen Augen einmal mehr an der Erziehung. In der Kindheit waren es im Allgemeinen alle Erwachsene, unsere Eltern, Geschwister, Familienmitglieder, LehrerInnen, Institutionen wie die Schule oder das System Familie, die Respekt verdienten. Wovor wir sonst noch alles Respekt zu haben haben, erlernten wir im weiteren Verlauf unseres Lebens - an uns selbst und von anderen. Deshalb gibt es zum Beispiel viele, die Respekt vor der Natur und Tieren haben, vor der Liebe, Familie, Zeit, Freunde usw. und welche, die dem keine Bedeutung oder Ehrerbietung zuschreiben. Deshalb haben viele Respekt vor Geld und materiellen Gegenständen, weil sie suggerieren, dass das Vorhandensein dessen schon Ehre gebietet und den Wert derjenigen bestimmt. Andere wiederum haben das Gegensätzliche erlernt, je nach normativer Vermittlung darüber, was/wem Respekt gebührt und was/wem nicht.

Respektvoll zu sein ist ein schöner Zug, immerhin zeigt es, dass du einem Menschen Achtung und Wertschätzung entgegenbringen kannst. Eine machtvolle Grundlage, um dir selbst dieser Mensch zu werden - zuallererst. Ja, da ist der Haken. Der Respekt für dich gehört aus dem Schatten ins Licht gezogen. Er darf leben und ausgelebt werden. Das heißt nicht, dass andere deinen Respekt nicht mehr bekämen. Es bedeutet nur: Verweigerst du dir Selbstrespekt, wärst du dir gegenüber respektlos, was eine Grundlage schaffen könnte/würde, um respektlose Menschen in dein Leben zu ziehen.

Per se bist du respektabel, von Geburt an. Völlig egal, welchen Beruf du hast, wie viel du verdienst, was du wiegst, wie du aussiehst, wie gebildet du bist, ob du Single oder geschieden bist usw. Es sind ja meistens die Menschen, die dich lieber klein sehen wollen, nur nicht groß, die dir Respekt absprechen und zeigen, dass sie sehr viel mehr Respekt verdient hätten. Kein Wunder, dass viele heute Angst vor Versagen haben oder sich ungern in ihrer wahren Größe zeigen. Sogar die Angst vor Inbeschlagnahme rührt daher, dass sich jemand wichtiger nahm als uns, und wir ihm glaubten. (Gleich wichtig, gleich bedeutungsvoll, gleich respektabel ist die eine gesunde Variante, die wertschätzende Augenhöhe.)

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