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Jeder empfindet Angst als grausam, lästig und unnötig. Ich musste lernen, bis heute, dass Angst eine wohlwollende Seite an sich hat, die ich nie wieder missen möchte. Jedes Mal, wenn ich Angst verspüre, zwingt sie mich, dass ich mich frage: „Was willst du?“, „Was muss ich wissen?“, „Was soll ich tun, damit du milder wirst?“ Und jedes Mal erhalte ich wertvolle Antworten, die mir den Weg für meine nächsten Schritte ebnen: hin zu mehr Selbstverwirklichung, Selbstaktualisierung, Wohlempfinden und Ausgeglichenheit.

Als Teil dieses Blogs möchte ich einige der Erkenntnisse aus meiner Angst- und Panikzeit mit dir teilen.

1. Alles hat seine Grenzen. Angst zeigt dir deine.

Ich war immer gut im Umgang mit fremden Grenzen. Ich achtete sie, ich nahm sie wahr, ohne, dass man mich daran erinnern musste. Ich war keiner der Menschen, die immer knüppeldicke Worte brauchten, um anderen ihre Zeit oder ihre Bedürfnisse zu lassen. Im Gegenteil, ich nahm die meisten Menschen zu oft wichtiger als mich. Ich wollte im Herzen, dass es diesen Menschen gut geht. Ich wollte dazu beitragen. Ich hoffte - wie viele meiner Sorte - innerlich, dass ich etwas dafür zurückbekommen würde. In dieser Annahme wurde ich oft enttäuscht, sogar von den Menschen, von denen ich es am wenigsten erwartet hätte.

Dabei stellte ich fest: Ich habe (auch) Grenzen. Die “Wahrheit” der Vergangenheit jedoch war, dass ich ernsthaft glaubte, keine zu haben. Ich dachte, ich kann unendlich geben und tragen und leisten und dulden… Ich wusste zwar um meine Bedürfnisse, aber hielt sie in Diskussionen selten aufrecht, stand nicht lange und hart genug zu ihnen, forderte viel zu wenig ein, wenn ich meinte, der andere bräuchte mehr als ich. Ich wusste aber, dass ich bereit wäre, viel zu tun, um diese zu verwirklichen. Aber meine Außenorientierung stieß regelmäßig an mein Innen. Wenn andere nichts tun konnten, dann konnte ich ja immer noch handeln. Ich stieß dabei an eine Grenze, die mir vorher nie bewusst geworden war: Wie sehr es mich verletzte, wenn Menschen nur erwarten und fordern und einfordern und auf ihr gewünschtes Ergebnis warten. Als wäre es selbstverständlich.

Das lag natürlich maßgeblich an mir. Menschen waren es gewohnt, dass ich zurücktrete, ihnen den Vortritt ließ, für sie einstand, für sie mitkämpfte, mich kümmerte, sorgte und handelte.

Ich kam in jener Zeit oft in den Konflikt, dass ich Entscheidungen treffen musste: zwischen meinen Grenzen und denen anderer. Das hieß auch, dass ich mich zwischen meinem Leid und dem eventuellen Leid anderer entscheiden musste. Ich entschied mich oft, leider, für mein eigenes Leid anstatt Menschen ihre Selbstverantwortung zurückzugeben. Es führte dazu, dass ich Halt verlor. Irgendwann konnte ich mich weder an anderen, noch an mir selbst festhalten. Es gab keinen Raum mehr, in dem ich wichtig war, in dem ich für mich an erster Stelle sorgen konnte. Es gab ganz oft nur die anderen und das, was ich für sie tun konnte/sollte.

Keinen Halt mehr zu spüren, schob mich in meine Agoraphobie. Alles fiel auf mich herab, wie dieses typisch agoraphobische Gefühl, dass der gesamte Himmel auf deine Schultern kracht und dort lastet, du dich an nichts festhalten kannst, dich an nichts und niemandem mehr orientieren kannst. Agoraphobie ist das Symptom dafür, dass du deinen Halt (in dir und an dir) verloren hast und auch im Außen nichts Greifbares mehr in deinen Händen hältst. Du greifst in Leere, die dich zu erdrücken droht.

Doch die Wahrscheinlichkeit besteht, so wie es bei mir war, dass sich dein Außen an dir festhält und nun wie ein Schwarm Fische durch deine Finger flutscht. So stark, dass du unter der Last von außen zusammenbrichst.

 

2. Nichts ist selbstverständlich. Aber Angst zeigt dir, dass du dich selbst verständlich machen musst.

Ich war ein wahrer Meister darin, besonders bei Menschen, die mir sehr am Herzen lagen, ihnen so wenige Probleme wie möglich zu machen. Auch wenn es für viele heute nur schwer nachzuvollziehen ist, aber ich hielt im Grundsatz mindestens 4 Jahre länger durch als andere Menschen. Wie schon oben erwähnt, ich war hart im Nehmen. Die meisten meiner Probleme und Schwierigkeiten hielt ich daher vor anderen geheim. Ich möchte nicht sagen, dass ich immer log oder so tat, als wäre alles bestens. Ich konzentrierte mich eben nur auf mein Gegenüber, sodass die gesamte Aufmerksamkeit – und es gibt ja leider viele, denen das gar nicht auffällt – dann auf den anderen fiel. Bei den Wenigsten gab es Nachfragen, wie es mir ginge, was ich so machte, wie ich so zurechtkam, was aus der einen Sache eigentlich geworden war oder wie sich die andere gelöst hatte. Keine Nachfragen, meist nur Zufriedenheit darüber, dass sie im Mittelpunkt standen, während sie das Gefühl hatten, dass bei mir alles in Ordnung war. Das funktionierte lange Zeit sehr gut. Ich musste meine Angelegenheiten nicht besprechen und konnte sie auch in mir bagatellisieren, fiel wenigstens niemandem zu Last oder bereitete Sorgen, dievon ihren ablenkten.

Heute weiß ich, dass das ein Fehler war. Ich hätte mich vielen Menschen öffnen können und müssen. Ich hätte einige der Menschen sogar zwingen müssen, sich zurückzunehmen, vollkommen gleich, was sie im Leben so mit sich herumtrugen. Ich hätte mich notfalls von meiner (falschen) Rücksicht, meiner (angeblichen) Härte und sicher auch von einigen Menschen selbst trennen müssen, um mir näher zu sein. Aber alles in mir zu behalten, war verkehrt. Der Mensch braucht andere Menschen. Vergisst man das, dann schürt es nur das Gefühl, dass andere wichtiger seien als du. Jeder braucht einmal Hilfe und eine starke Schulter, die sich nicht irgendwann wegzieht und sagt: „Du schaffst das schon!“

 

3. Panik ist Panik vor und wegen dir selbst.

Besonders meine Panikattacken, die mit der Agoraphobie einhergingen, waren auf diesen Missstand in mir und auf mein Umfeld zurückzuführen. Ich hatte so viel (an eigenen Bedürfnissen und Werte, Zielen und Gefühlen) unterdrückt und verdrängt, vor mir selbst geheim gehalten und anderen nicht offen gelegt, dass sich in mir ein riesiger Berg von Wut, Angst und Traurigkeit zu einem negativen Energieball geformt hatten, der sich in den unmöglichsten Situationen entlud.

Warteprozesse beispielsweise: Ich hatte keine Lust zu mehr, bei anderen anzustehen oder in meinem eigenen Leben zu warten. Ich hatte keine Geduld mehr, für nichts auf der Welt. Ich hatte lange genug gewartet, hatte so lange verharrt und Rücksicht genommen, mit meiner Seele Pingpong gespielt und ihr vorgegaukelt: „Bald Kleine, bald bist du auch mal dran!“ Ich konnte keine Sekunde länger mehr auf MICH und meine Zufriedenheit warten. Ich wollte sie JETZT. Sofort, auf der Stelle, völlig egal, wem es wehtat. Der Faden war gerissen. Und es war mein eigener Fehler, denn ich hatte ihn lange genug strapaziert, indem ich mich und meine Ziele aus den Augen gelassen hatte.

Oder nehmen wir lange Wege: Bei Panik kann man ja nur noch schwer Wege zurückzulegen, ob sie nun aus zwei Minuten oder zehn Minuten bestehen. Ganz zu schweigen von langen Bus- und Bahnfahrten. Darunter litt ich am meisten, denn ich hatte keine Kraft mehr, für andere, nur halbherzig, so lange (meist einseitige) Wege zurückzulegen, ohne je (ideell) anzukommen. Ich hatte so viele ideelle Wege für andere zurückgelegt, weil ich fälschlicherweise glaubte, an ihrem Ziel auch mich zu finden, dass ich plötzlich keine fünf Minuten mehr für mich unterwegs sein konnte. Das funktionierte bei mir im eigentlichen und übertragenen Sinn: Meine vorherige Fernbeziehung hatte mich total ausgelaugt. Mein geistiges Gerenne um die Zielerfüllung anderer hatte mich ideell ausgebrannt.

Als hätte meine Angst gesagt: „Du hast dich vorher ja auch nicht für dich bewegt! Früher gab es ja auch nur fremde Ziele! Jetzt schau‘ mal genau hin, was du da mit dir anrichtest! Entweder du lernst, hinzusehen, zu entscheiden, ob das Ziel auch etwas für dich ist, ob der Weg dir vielleicht zu steinig ist oder ob du eventuell in eine ganz andere Richtung willst, oder du bleibst solange durch mich bewegungslos, bis du es verstanden hast. Es ist entweder dein Ziel (auch als großes, gemeinsames Ziel) oder es ist ein fremdes Ziel. Ob du es verfolgst oder nicht, lag als Entscheidung bei dir.“

Meine Angst hatte Recht. Kein Mensch (außer eigene Kinder), kein Job, keine Aufgabe, kein dreckiges Geschirr, keine unnötige Bitte einer Freundin oder “Problem” eines Freundes sollte je so wichtig sein, dass man sich und seine Ziele vergisst. Und falls doch, sollte man wissen, wozu man es macht.

Und dann noch dieser Punkt:

Menschen, die mich wenig interessierten, aber mit denen ich dennoch meine Zeit verbrachte: Ich weiß nicht einmal mehr, warum und wozu. Aber ich verbrachte viel Zeit mit falscher Nettigkeit Menschen gegenüber, für die ich völlig austauschbar war, die sich morgen nicht mehr an mich erinnern könnten, mich warten oder allein im Wald stehen lassen würden.

Ich war teilweise auch selbst so: Ich suchte viel Sympathie bei Menschen, die ich selbst wenig sympathisch fand, sodass ich sie hätte lieben können. So verbrachte ich Zeiten damit, mich mit angeblich interessanten Menschen aufzuhalten, die mich in Wahrheit langweilten. Das ist hart, ich weiß, aber ich musste mir damals eingestehen, dass man sich nicht mit jedem gut verstehen kann und man viele Werte nicht teilt. Man wird immer andere Meinungen haben oder bei dem einen oder anderen Menschen anecken. Umgekehrt genauso.

In den Momenten, in denen ich aber so tat, als wäre alles tutti und mein Gegenüber total interessant, war immer auch gesäumt mit Panikattacken.

  1. Weil es genug Situationen gab, in denen ich gewollt und gemocht werden wollte.
  2. Weil ich unauthentischer nicht hätte sein können. Und sehr oft bekommt man seine eigenen Schwächen ja knüppeldick zurückgespiegelt.

Kurzum: Meine Panik wollte immer nur das:

Sei authentisch und mach dich endlich selbst zufrieden, indem du deine eigenen Wege zu deinen eigenen Zielen gehst, notfalls auch mit Trennungen.

 

4. Anerkennung ist eine Schlampe.

Ich bin jetzt Mitte 30 und wenn ich ganz ehrlich bin, muss ich gestehen, dass ich von den 34 Jahren locker 33 Jahre lang um Anerkennung in dem einen oder anderen Bereich gekämpft habe. Meistens übrigens für wenig bis nichts. Ich fragte mich in meinem Geiste, ob ich nochmal bereit wäre, 33 Jahre lang um Anerkennung von außen zu kämpfen. Ich antwortete in meinem Kopf mit: „Hm. Vielleicht, ja. Wenn ich sie dann auch bekäme.“ Ich versprach mir, dass ich diese Anerkennung schon viel früher bekommen würde, aber dafür müsste ich  versprechen, dass ich die vollen nächsten 33 Jahre lang durchhalten werde. Nochmal. Ich stimmte zu, war froh, dass ich innerhalb dieser Zeit doch noch finden würde, was ich mir so sehr erhofft und gewünscht hatte. Mit aller enthaltenen Ablehnung und Enttäuschung. Dann fragte ich mich: „Du würdest also wirklich noch einmal 33 Jahre lang um Anerkennung kämpfen, tagein, tagaus, dir so einen langen und harten Kampf auferlegen, nur um zwischendrin einmal Anerkennung zu erfahren, bist aber nicht bereit, dir diese Anerkennung selbst zu schenken, jeden einzelnen Tag und dir die Enttäuschung durch andere zu ersparen?“

Du merkst schon, was ich meine. Und wahrscheinlich übersehe ich selbst in diesem Moment, in dem ich diese Worte schreibe, noch den einen oder anderen Lebensbereich, in dem ich mir Anerkennung, verwechselt mit Liebe, Angenommenwerden und Zugehörigkeit, wünsche, obwohl ich selbst die Kraft bin und habe. Anerkennung von außen wird einen jeden Menschen immer betrügen, wenn man nicht bereit ist, sich selbst wertzuschätzen und an einem selbst zu erkennen.

 

5. Vergleiche mit anderen führen dich nur zurück zu dir.

Wer mit Eifer sucht, der findet Eifersucht. Wer glaubt, er sei nicht gut genug, der findet jemanden, der einen auch so behandelt.

So war es auch bei mir. Es wird immer jemanden geben, der besser ist. Immer. Das habe ich gelernt. Es wird auch immer – ausnahmslos – Ängste geben, dass man seinen Partner oder die Provision oder seinen Job oder die Sympathie eines Freundes verlieren könnte. Und dann gibt es noch den Zustand, in dem man sich bewusst machen kann, dass man gut ist, so wie man ist, und wer eine andere Meinung zu einem hat, der hat eine Meinung, die man deshalb noch lange nicht teilen muss.

Oft denken Menschen ja: „Wenn mich der und der ablehnt oder ich meinen Job verliere oder mein Partner fremdgeht, dann bin ich schuld. Mit mir stimmt etwas nicht. Ich habe nicht genug geleistet. Ich war nicht genügend für ihn da. Ich hätte noch mehr leisten können. Ich hätte mehr geben müssen. Ich habe es versaut.

Was, wenn die Wahrheit die ist, dass man alles gegeben hat, was man bereit war, zu geben, und darüber hinaus nichts weiter geben wollte? Absichtlich. Das ist zwar auch eine Verantwortung, die man sich selbst gegenüber tragen müsste, aber wenigstens schenkt es einem die Freiheit von Fremdverantwortung und entsprechender Fremdschuld. Man traf eigene Entscheidungen aufgrund eigener Umstände und Charaktereigenschaften. Man wäre nur für seine Taten und seine eigene Verschuldung zuständig. Sich da gedanklich einzuklinken und zu fragen:

Wozu bin ich fremdgegangen? Wozu wollte ich mich in diesem Job nicht anstrengen? Wozu habe ich keine 11 Stunden am Tag gearbeitet? Wozu wollte ich nicht 24/7 für meinen Partner da sein?“ könnte einem wertvolle Antworten über sich selbst schenken.

Zum Beispiel diese: „Ich bin mir mehr wert. Ich habe zu viel geleistet und geackert, um mich mit etwas zufrieden zu geben, was mich nicht einmal zufrieden macht.

Jeder hat das Recht auf Zufriedenheit. Man kann es nicht allen rechtmachen, manchmal sogar so wenig, dass man es sich nicht einmal mehr selbst rechtmachen kann.

 

6. Manch einer braucht keine Nähe, sondern Distanz.

Nähe und Distanz sind wichtige Aspekte bei Angst und Stress. Wichtig ist auch zu wissen, dass das Empfinden von beidem bei Angst und Stress oft durcheinander gerät, überspitzt, ersetzt oder verwechselt wird.

So gibt es viele Angstbetroffene, die Nähe zu sich selbst mit Nähe zu anderen verwechseln. Sie würden Distanz ausweichen, um Nähe zu sich zu vermeiden, was auch bedeutet, Leere ertragen zu können.

Dann gibt es noch die, die Nähe eher fürchten, weil sie dann die Nähe zu sich selbst verlieren (oder meinen, verlieren zu können). Hier soll nicht die typische Nähe-Distanz-Problematik in den Vordergrund gestellt werden, sondern eine Art “Bitte unterbrich mich nicht bei meiner Selbstbetrachtung und -aktualisierung.”

Als Drittes gibt es noch diejenigen, die in Wahrheit nicht nicht zu viel Nähe wollen, sondern mehr Freiraum für sich brauchen, aber es überspitzt sehen, weil ihnen die Angst in Form von Menschen usw. dazwischenfunkt. Dann erscheint es so, als könnten sie niemanden mehr ertragen, anhören, Zeit teilen, im gleichen Zimmer haben. Das verbindet sich auch oft mit der Paniksituation in öffentlichen Verkehrsmitteln, in denen manch einer sich fragt: Wieso müssen diese ganzen Menschen hier sein? Wieso kann ich nicht einmal allein sein? Ich weiß noch, wie oft ich die ganze Welt für mich allein haben wollte. Einmal morgens im Zug zu einer Konferenz war ich so überglücklich über die fünf! Menschen im ganzen Wagon, dass ich die entspannteste Zeit meines Lebens im Zug verbrachte. Das ist das Bedürfnis der Seele oder des Geistes nach weniger Ablenkung, weniger Lärm, weniger Reizüberflutung, mehr Ich-Zeit, mehr Stille, mehr Berührung, statt Hektik, Druck, Aufgabenlisten, quatschende Menschen und quietschende Reifen.

Wenn man sich Stille, Rückzug und Distanz wünscht, sind es meist die anderen, die einem schnell sagen: „Du bist so distanziert.“ Das passierte bei mir unmittelbar zu Beginn. Obgleich ich vorher nie täglich Kontakt zu meinen Freunden hatte, war es damals gefühlt so, als hätten sie noch nie mehr Kontakt mit mir gewollt. Nicht, um mir beizustehen, sondern weil sie meinen Rückzug als Trennung von sich empfanden (was nicht so gemeint war).

Manch einer in Angst hat den Kontakt zu sich verloren oder aber gerade erst wiedergefunden. Er kann den vorherigen Verlust noch so sehr spüren, dass er gerade keine Nähe zu anderen Menschen braucht, sondern Distanz, um wieder Nähe zu sich zu schaffen, sich wieder zu spüren. Meiner Meinung nach ist das völlig okay, auch wenn es Erklärungsbedarf im Umfeld braucht. Aber jeder kann und darf selbst entscheiden, was er kann und geben möchte. Manchmal ist es auch ein zeitweiliges, „zurückgezogen, einsam, undurchschaubar, eigensinnig, kalt, egoistisch etc.“-Verhalten, was man braucht. Das sind natürlich die Attribute, die die Gesellschaft benutzen würde. Ich finde, weil ich selbst oft mit diesen Attributen konfrontiert wurde: Who cares? Wenn es mir gerade guttut, dann tut es mir gut.

Und ich weiß: Genauso werden wieder Zeiten kommen, in denen es gegenteilig sein wird. Manchmal braucht man nur Nähe zu sich oder möchte die wiedergewonnene Nähe vollends auskosten und Lageorientierung durchzuführen: Wo stehe ich? Wo möchte ich noch im Leben hin? Was will ich unbedingt in meinem Leben verwirklicht haben? Was kann ich tun, um mich dabei zu unterstützen? Was tue ich, was dagegenspricht und mich eher aufhält?

 

7. Ich brauche weniger zu meinem Glück, als ich bislang dachte.

In einer Angst- und Panikstörung ist es erstaunlich, wie schnell man merkt, was man alles nicht braucht. Dinge, also Materielles, von dem man vormals dachte, ohne ginge kein Leben, werden plötzlich bedeutungslos. Menschen, die vorher angeblich so wichtig waren, verschwinden plötzlich aus den ersten Gedanken, ploppen nur hier und da wieder auf. Weil man mit sich und seiner Situation zu tun hat und da, wie beim Hobeln, eben Späne fallen. Wie wenig ich brauchte, war mir nicht klar. Aber 2013 wurde mir bewusst, dass ich nur diese elf brauchte, um mich zufrieden zu fühlen:

  1. Natur und Tiere.
  2. Stille und Ruhe.
  3. Körperliche Kraft, die ich nur beim Joggen, Gewichteheben oder Kickyoga merkte.
  4. Ein Fahrrad.
  5. Frische Luft und Tageslicht.
  6. Gesunde Ernährung.
  7. Viel Schlaf.
  8. Papier.
  9. Stift zum Schreiben.
  10. Einen verständnisvollen Menschen, der viel nickt, und mir sagt, dass er mich gut findet, so wie ich bin.
  11. Einen eigensinnigen Menschen, der mich an meinen Eigensinn erinnert.

Mehr nicht. Erstaunlich. Nichts, von dem, was wir meinen zu brauchen, was uns in der Welt als „Glück“ vorgegaukelt wird, fehlte mir. In dieser Zeit vermisste ich weder Haus, Hof, Auto, fette Urlaube oder Massen Geld, noch fehlte mir die Sicherheit meiner Familie oder Partys. Das ist die mir liebste Lehre von allen, weil ich weiß, dass ich jeden Tag durch und durch mit so wenig zufrieden und glücklich sein kann.

Wenn ich es mir erlaube.

 

8. Es wird Menschen geben, die nie verstehen werden, wie es mir ging.

Sicher wie dir. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass dazu die engsten Menschen in deinem Leben gehören. Jemandem, der farbenblind ist, erklären zu wollen, wie schön bunt die Welt ist, ist nutzlos. Er wird es nicht sehen können. So ist es auch bei Angst und Panik im „angeblich krankhaften“ Sinn. Menschen, die es noch nie gefühlt haben, können kein Verständnis dafür haben, wie es ist. Noch wären sie in der Lage, dir Ratschläge zu geben. Deshalb finde ich auch Therapeuten recht ambivalent, denn sie wissen (praktisch) nicht, wovon sie sprechen. Es gehört eine ordentliche Portion Empathie dazu, um sich wahrhaftig einzufühlen. Das kann nicht jeder. Jeder hat schließlich sein eigenes Leben. Selbst die besten Therapeuten könnten daran scheitern, dass sich ihre Theorie von deiner Praxis doch erheblich unterscheidet.

Ich litt damals sehr darunter, dass es Freunde und auch Familienmitglieder gab, die es nicht verstanden. Einige fragten mich dennoch immer wieder nach denselben Sachen, obwohl ich mehrfach erklärt hatte, dass ich nicht konnte (weil ich wieder zu mir kommen musste und erst einmal eine gehörige Portion Angst hatte, die es zu entdecken galt). Einige wunderten sich, dass ich nicht mehr für sie da sein konnte, sie nicht mehr wie üblich in den Mittelpunkt stellte, nicht mehr sofort JA! schrie, wenn ich sie besuchen sollte. Andere fragten mich, wie es mir erging, wie es sich anfühlte, beobachteten mich haarklein, fassten ihre Eindrücke zusammen, richteten sich ein, obwohl ich nie darum gebeten hatte, empfanden es aber als wenig belastend. Viel gejammert hatte ich ohnehin nie.

Ich nutze damals, wenn Menschen nicht nur nicht verstehen konnten, sondern auch partout nicht akzeptieren wollten, dass das nun meine Realität war (und damit auch ihre), immer eine Metapher:

„Würdest du mich fragen, ob ich mit dir joggen gehen will, wenn ich mir gerade beide Beine gebrochen hätte? Nein? Schau mal an…“ (Augenzwinkern aus)

Ich war kein Mensch, der lange an der Vermeidung festhielt, aber natürlich gab es etliche Momente, in denen ich merkte: Ich will nur nicht, weil ich nicht will, sondern auch, weil ich Angst habe. Hinter den Situationen, in denen andere von Vermeidungsverhalten sprechen, steckten bei mir sehr häufig auch Situationen, für die ich im Allgemeinen kein Interesse mehr hatte. Hier war der Punkt der Gegenseitigkeit, die sich einstellen sollte/wollte, wieder entscheidend. Ich wusste recht schnell, wann es darum ging, dass ich nur Angst vor der Angst hatte, und wann ich wahrhaftig kein Interesse an der Situation, dem Menschen oder dem Ziel hatte. Sich das einzugestehen, war mitunter sehr schwer, aber nötig.

 

9. Auch seine Angst und Panik muss man sich verzeihen (lernen).

Es ist nicht ganz so schwer, sich aus Zeiten der Schwäche herauszureden, wenn man etwas Ernsthaftes hat/hatte. Je mehr „Krankheit“, „Gestörtes“ wir für unseren Körper (unbewusst) wählen, um uns aus dem Gefecht zu ziehen, um etwas nicht mehr tun zu müssen, desto einfacher ist es für die Welt, den Zustand gutzuheißen. Grippe? Leg‘ dich ins Bett und mach‘ mal eine Woche lang nichts? Starke Erkältung? Bleib‘ mal das Wochenende Zuhause und erhol‘ dich! Arm gebrochen? Ja, dann brauchst du die Wohnung und Einkäufe und sonst etwas natürlich nicht machen! Das mach‘ ich!

Das sind ganz klare Fälle, in denen uns die Gesellschaft und das Umfeld erlauben, mal nicht funktionieren zu müssen. Auf jeden Fall ist es leichter, als wenn man einfach nur sagen würde: „Ich habe keinen Bock (mehr)! Ich kann nicht (mehr)!“ Wenn man nicht so richtig viel Verantwortung innehatte, sodass es wirklich jeder sah und verstand, wie viel Last das bedeutete, dann können es nur die Wenigsten nachvollziehen. Wenn man nicht so richtig hart gearbeitet hat, nicht so richtig wenig Zeit für sich hatte, so richtig viel geopfert hat, so richtig extrem gelitten hat, dann reicht es für die Köpfe der Gesellschaft nicht aus, wenn man sich „rauszieht“. So eine Crux, an der etliche Menschen auf der Welt knabbern und teils sogar zerbrechen.

Ähnlich muss es der Seele gehen: Wenn man sich nur schwer eingestehen kann, dass man keine Lust mehr auf das genormte Leben hat oder mehr Sinn braucht, diese Beziehung nicht mehr kann/will, sich in Langeweile und Alltag verstrickt hat, weniger Verantwortung bzw. wenigstens geteilte Verantwortung in seinem Leben sehen möchte, einen anderen Job braucht, mehr Eigenständigkeit oder Freiheit, dann würde sich die Seele immer den körperlichen Weg suchen, um die Aus-Zeit zu verwirklichen.

Zwei Sprüche meiner Lieblingsteesorte verraten, was ich meine:

Verliebe dich in deinen Mut! Werde so stark, dass deine Seele anzieht, was ihr bestimmt ist.

Aber ja: Vor sich selbst rechtfertigen zu können, dass man keine Angst, Angststörung oder Panik braucht, um sich aus den missfälligen Umständen herauszuziehen, ist gar nicht so einfach. Umso bewundernswerter ist es, wie viele Menschen heutzutage nach psychischen Belastungen wie Burn-out, Bore-out, Angst und Panik den Schlussstrich in einem Bereich ziehen. Mit der Erkenntnis: „Ich brauche keine Angst(-störung) oder Depression, um mein Leben so zu leben, wie ich es möchte. Ich brauche keinen kranken Körper, keinen „betroffenen“ Geist, der mir endlich einen Strich durch die offiziell geschriebene Rechnung macht. Ich kann das allein, mit eigener Willenskraft und Entschlussfähigkeit. Solange wie ich handlungsfähig bin, kann ich entscheiden, was, wie, wo, wann und ob.“ Und so viele haben es vorgemacht, haben sich bei ihrer Seele oder ihrem Geist für die Lektion bedankt, umgedreht und sind gegangen. Ihren eigenen Weg natürlich.

Ich musste mir verzeihen, dass ich eher einen Weg wählte, der unbequem war, aber der mir genau aufzeigte, wo der Hammer hing. Das ist bei Angst immer ein Weg, der erlaubt, den Nutzen hinter der Angst zu sehen und zu ziehen. Sei es der mögliche Rückzug und die erlaubte Distanz, die fehlende Konfrontation und Kritikfähigkeit, das Zu-sich-stehen, sogar eine (nötige) Trennung (vom falschen Partner, den harten Familienverpflichtungen, dem unbefriedigenden Job), bis hin zu Einkehr, Beschäftigung mit sich selbst, einen Menschen (z. B. in Form eines Therapeuten), der nur für einen da ist und zuhört, Verständnis zeigt und hilft, statt bloß noch mehr zu fordern und die Stirn zu runzeln. Dann noch die vielen Gleichgesinnten, die weder verurteilen, noch sich abwenden, sondern im gleichen Boot sitzen, als wäre es eine Gemeinschaft, ein eigener Gesprächskreis, in dem man nicht angenommen und respektvoll behandelt wird.

Es sich überhaupt einzugestehen, dass auch eine psychische Störung eine gehörige Portion Positives mit sich bringt, ist nicht leicht. Aber für mich war es der erste Schritt zu mehr Selbstverantwortung, zu mehr Handlungsfähigkeit und eine Annäherung an das große Thema Erwachsenwerden und Zurechtkommen mit dem, was einem im erwachsenen Leben immer wieder vor die Füße fliegt.

So lernte ich, dass alles Gute auch schlechte Anteile hat, für die man zuständig ist, denen man nachkommen muss, dass jedes Ziel einen Weg mit sich bringt, dass jede Partnerschaft auch seine Tiefen hat und dass es der Umgang mit dem ist, was man hat, was einem seine wahre Größte zeigt. Meine Angst und Panik zeigte mir auch, dass nicht jeder Mensch in meinem Leben sein sollte, ich nicht zu jedem nett sein muss, nicht bei jedem im Mittelpunkt stehen kann oder im Hintergrund herumkriechen brauche. Sie zeigte mir meinen Wert, das Wenige, mit dem ich mich abgab, das Wenige, dass ich mir zusprach, das Viele, das ich wollte, das Wenige, was ich verfolgte, mir erlaubte, mir herausnahm. Angst ist in meinen Augen ein hervorragender Weg, um sich mit den eigenen Ecken und Kanten seiner Persönlichkeit auseinanderzusetzen. Ich konnte so lernen, dass ich nie perfekt sein werde und es völlig unnötig ist, irgendjemanden zu beeindrucken zu müssen. Was ich für mich tue, tue ich für mich. Was ich gegen mich tue, richte ich gegen mich. Beides ist Teil meiner Lebensentscheidung und die kann ich jeden einzelnen Tag korrigieren, wenn ich möchte. Aber die Schuld an meinem Leben kann ich niemandem geben. Ich bin verantwortlich für alles, was ich mache und unterlasse.

Es ist und war nie meine Angst. Meine Angst war mein Schutzschild gegen alles, was ich glaubte, nicht wert zu sein, nicht zu können, nicht zu dürfen, nicht zu sollen. Es war vor allem viel zu oft die Angst anderer Menschen, für die ich die Verantwortung übernahm, u. a. ihre (heimliche) Angst, ihre (verborgene) Leere, ihre (innere) Langeweile, ihre (fehlende) Zugehörigkeit, ihren (lauernden) Zorn, ihre (versteckten) Sehnsüchte, ihre (inneren) Schreie.

Dabei war ich immer nur für mich verantwortlich. So wie du für dich verantwortlich bist. Ich fürchte, dass ich viele Jahre dieser vollen Verantwortung nur teilweise nachgekommen war. Ich glaube heute, dass das der Grund war, wozu ich erst diese Angststörung brauchte, um aufzuwachen. Aber heute, 2 ½ Jahre später, bin ich so froh darüber, dass es in mir ein System gibt, was sofort gegen die Viren, Bakterien und Parasiten in meinem Leben arbeiten würde, wenn ich wieder drohe, einzuschlafen und sich der Schleier des Vergessens wieder über mich herfallen will.

Viele Grüße,
Janett

Janett Menzel Angst Blog

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  Wer einmal so richtig unter Angst litt, verfällt leicht dem Irrglauben, dass nur man selbst Angst hätte. Laute, unangenehme...

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