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Das Blut schießt uns ins Gesicht, die Haut färbt sich rosa, rot, dunkelrot. Eigentlich ist das eine Besonderheit von uns Menschen. Der US-amerikanische Schriftsteller Mark Twain schrieb: „Der Mensch ist das einzige Lebewesen, das erröten kann. Oder sollte.“ Doch es gibt auch Menschen, die unter ihrem Erröten – medizinisch Blush genannt – leiden. So stark, dass sie eine panische Angst vor dem Erröten/Rotwerden entwickeln: Erythrophobie genannt.

Noch diskutieren die Wissenschaftler, ob die Erythrophobie in erster Linie zu den sozialen Ängsten gehört, also ein seelisches Leiden darstellt, oder ob sich auch ein körperliches Problem dahinter verbirgt. Fakt ist jedoch: Beim Erröten steigt der Blutdruck, die Blutgefäße dehnen sich aus, das Blutvolumen der Haut nimmt zu. Da sich im Gesicht, der Hals- und Dekolleté-Region besonders viele Blutgefäße befinden, ist das Erröten dort besonders zu sehen (siehe auch Wiki).

 

Erythrophobie: Die panische Angst vor dem Erröten

Angst vor dem Erröten Rotwerden ErythrophobieDoch nicht das Erröten an sich ist das Problem für Erythrophobie-Patienten, sondern ihre Erwartungsangst davor. Sie glauben, dass sie sich mit ihrem hochroten Kopf vor anderen blamieren, dass diese sie für unsicher halten, sie negativ bewerten und sogar ablehnen könnten.

Eine Expertin für Erythrophobie ist Dr. Samia Härtling vom Institut für Klinische Psychologie und Psychotherapie der Technischen Universität Dresden. Sie sagt: „Soziales Erröten tritt immer dann auf, wenn wir ungewollt Aufmerksamkeit bekommen, wenn wir plötzlich im Mittelpunkt stehen.“ Sie berichtet von einem Patienten, der immer dann, wenn er einen Karrieresprung machen und eine Führungsposition übernehmen sollte, diese absagte aus Angst, vor den Kollegen sprechen zu müssen und dabei puterrot anzulaufen.

So wie diesem Mann geht es Hunderttausenden anderen Menschen. Experten schätzen, dass drei bis acht Prozent an einer sozialen Phobie leiden, zu der auch die Erythrophobie gehört. Wie bei allen Angststörungen versuchen Betroffene, Situationen zu vermeiden, die ihnen Angst machen. Oft ziehen sie sich aus der Öffentlichkeit zurück. Letztlich kann die Erythrophobie zur sozialen Isolation, zu Vereinsamung bis hin zu Arbeitslosigkeit, Berufsunfähigkeit und Frührente führen. Oder Betroffene versuchen, das Erröten irgendwie zu kaschieren. Sie verhüllen sich in auffällige Schals, tragen dick Make-up auf oder versuchen, die Röte mit grünen Stiften zu überdecken. Manche gehen regelmäßig ins Solarium, hoffen, dass unter der Bräune das rot Werden nicht zu sehen ist. Oder sie ziehen sich im Sommer bewusst einen Sonnenbrand zu, auf den die Röte dann geschoben wird.

 

Hilft eine Operation?

Da beim Erröten das Nervensystem des Menschen betroffen ist, wird mit einer Operation versucht, das Problem aus der Welt zu schaffen. Bei der operativen Sympathektomie werden Nervenstränge des sympathischen Nervensystems in einem minimal-invasiven Eingriff durchtrennt (siehe auch dieses Video). Doch die OP ist wegen ihrer Nebenwirkungen umstritten. So kann zwar das Erröten danach ausbleiben, dafür aber starkes Schwitzen einsetzen.

Samia Härtling und viele andere Therapeuten behandeln ihre Erythrophobie-Patienten mit Psychotherapie, genauer gesagt der Verhaltenstherapie. Dabei werden die Patienten im Beisein des Therapeuten mit Situationen konfrontiert, die ihnen Angst machen. Nach und nach meistern sie diese immer besser, spüren, dass ihnen nichts passiert, sie von anderen nicht ausgelacht, oftmals gar nicht beachtet werden. Rund ein Jahr lang kann so eine Therapie dauern, bis die Erythrophobie überwunden ist. Schnellere Erfolge können Patienten angeblich mit der Hypnosetherapie erzielen. Dabei nimmt der Therapeut im tiefen Entspannungszustand, Trance genannt, Verbindung zum Unterbewusstsein des Patienten auf und erarbeitet mit ihm Problemlösungen.

 

Betroffene tauschen sich aus

Carsten Dieme, ehemaliger Erythrophobie-Patient, hat 2000 die Internetseite www.erythrophobie.de ins Leben gerufen. Dort kommen Betroffene zu Wort, tauschen sich über ihre Erfahrungen aus. Sie beschreiben, ob ihnen Medikamente geholfen haben, sie berichten von homöopathischen Behandlungen, Psychotherapie oder der Operation.

All diese Erfahrungen hat Dieme in dem Buch „Angst vor dem Erröten? Erythrophobie: Hintergründe, Auswege und Erfolgsberichte Betroffener“ veröffentlicht (Stillwasser-Verlag, 16,40 Euro).

Eine von ihnen, die es geschafft hat, ist Alex. Sie rät: Nehmt euch selbst nicht mehr so wichtig! Den meisten Leuten ist es egal, wie rot wir werden, denn sie sind sowieso nur mit sich selbst beschäftigt. Ist es nicht wichtiger, WAS wir zu sagen haben, als wie wir dabei aussehen?

 

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