Nicht etwa, damit ich einen Blogleser mehr habe, sondern um dir – das ist meine Hoffnung – mit all dem Wissen, das ich in den letzten Jahren zum Thema Angst angesammelt habe, zu helfen. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie viel Mühe man sich gibt und wie viel Energie es kostet, Angst wegmachen zu wollen. Auch das deutsche Gesundheitssystem berichtet über die jährlichen Unmengen an Geld, um Angst zu therapieren. Besonders die Angabe des Bundesstatistikamtes, dass

[…] bei allen Angststörungen ein erheblich erhöhtes Risiko für Komorbidität besteht, das heißt dem gleichzeitigen Auftreten verschiedener Angststörungen, wie auch dem Auftreten anderer psychischer Störungen bei einer Person […]
(Heft 21: Angststörungen des Bundesstatistikamtes oder Online-Version).

macht mich kirre. Es handele sich hier um gleichzeitiges oder einhergehendes Auftreten von depressiven Erkrankungen (31% aller Angststörungen), somatoformen (körperliche Beschwerden aufgrund von psychischen) Störungen (25%), sowie Alkoholabhängigkeit (10%). Dieselbe Quelle berichtet auch, dass Angststörungen wegen ihrer hohen Verbreitung und dem oft dadurch entstehenden Arbeitsausfall “zu den kostenintensiven Erkrankungen” gehören. Eine längerfristige Arbeitslosigkeit sei bei Betroffenen deutlich erhöht und auch Daten der Rentenversicherungsträger (aus dem Jahre 2002 allerdings) zeigten gehäufte, frühzeitige Rentenzugänge (Männer: 233 bei phobischen Störungen, 1.004 bei anderen Angststörungen. Frauen: 375 bei Phobien und 1.899 bei anderen Angststörungen). Das Durchschnittsrentenalter läge bei 47-49 Jahren (47 Männer, 49 Frauen).

Allein diese Zahl berunruhigt mich. Sie macht mir Angst. Und gleichzeitig bewegt sie mich dazu, aktiv werden zu wollen. Für mich zeigt das klar und deutlich, dass die Therapieverfahren für Angst und die monatelangen Warteschlangen bei den krankenkassenärztlich zugelassenen Therapeuten mehr als nur VERBESSERUNGSWÜRDIG sind.

Bevor ich mich für Online-Therapieprogramme für einen unterstützenden, therapieähnlichen Einsatz im Alltag und eine nicht krankenkassenärztlich zugelassenen Psychologin entschied, hatte ich mehrere Therapeuten angerufen. Nur von einer Frau erhielt ich einen Rückruf, mit der Aussage, dass es noch wenigstens vier Monate dauern würde und sie sich bei mir melden würde. Auf ihre Meldung warte ich heute noch. Wenn man allerdings Angst hat, sei es agoraphobisch, panisch, sozial, speziell oder generell, bleibt man mitunter liebend gern in der Nähe seiner Wohnung. Allein der Gedanke, quer durch die Stadt fahren zu müssen, hat mich abgeschreckt. Ich wollte bei mir bleiben, lokal und vor allem im wörtlichen Sinne. Ich in mir. Ich bei mir. Aber ich steckte fest: in meinen Erwartungen, in meinen geringen Möglichkeiten, in dem “Erlaubten”, im System.

Ich habe zu der Zeit gelernt, dass das Ausschlaggebende nicht meine Angst an sich war, sondern mein unbedingter Wille, sie nicht mehr zu spüren. Sie musste ja weg. Ich musste ja die Starke, die Kompetente, die Gefügige bleiben. Das hat meine Angst natürlich erst recht eskalieren lassen. Ich musste auch lernen, dass ich viel zu wenig über Angst weiß: Woher sie kommt, weshalb sie da ist und wie ich sie besänftigen kann – als wäre sie ein Löwe, den ich zähmen muss, um sein Gebrüll in meinem Kopf abzustellen, damit wieder Ruhe einkehren kann. Ich habe vor allem gelernt, dass Angst familiär ist: Angst und Ärger gehören zur Furcht. Wenn wir panisch werden, fürchten wir uns. Wenn wir Angst haben, denken wir, dass wir uns bald fürchten müssen. Wenn wir verärgert und aggressiv, wütend sind, ist das auch Angst. Nur eher wie die kleine Schwester von Angst. Die Großen Drei gibt es nur als Paket und dieses Paket hat jeder zugeschickt bekommen, als er auf die Welt kam. Viele vertragen sich mit ihrer Angst. Viele nicht.

Was heißt das nun für uns, abgesehen davon, dass Angstpatienten aufgrund ihrer Erkrankung eines der kostenintensivsten Probleme für Deutschland und sein Gesundheitssystem sind?

Wir müssen mehr für uns tun. Jeder Einzelne für sich, wir alle gemeinsam für uns. Wenn Deutschland und sein Gesundheitssystem nicht fähig genug sind, um den ernsthaft Ängstlichen und all denen, die ihre leichteren Ängste täglich wegdrücken müssen, zu helfen, müssen wir selbst unserer Angst helfen.

Habt Ihr Euch je gefragt, ob wir all das, was sich günstig auf Eure Angst auswirken würde, wisst? Oder habt Ihr Euch schon geschlagen gegeben? Was tut Ihr jeden Tag, damit es Euch besser geht oder weniger schlecht als sonst? Habt Ihr bereits herausgefunden, was Euch Eure Angst sagen und zeigen möchte?

Liebe Grüße und viel Kraft,
Janett

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