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Wie viel muss oder möchte man dulden? Und wann sollte man seinen Job kündigen?

Man kann seinen Arbeitgeber nicht ändern (so sehr man es auch möchte). Je größer oder traditioneller das Unternehmen ist, desto unwahrscheinlicher ist es, dass sich ganze Führungsetagen oder der Chef auf notwendige Veränderungsprozesse einlassen. Seien es nötige personelle Änderungen, mehr Anerkennung, Erfolgschancen, Geld oder schlichtweg: Zeit. Vielen reichen diese Gründe schon aus, um sich einen neuen Job zu suchen und zu kündigen. Arbeitgeber nehmen – statt Kompromisse einzugehen -, lieber in Kauf, dass sich ihre Mitarbeiter mit ihrem Marktwert bei Konkurrenzunternehmen bewerben und gehen. Sie nehmen sogar psychische und physische Belastungen ihrer Mitarbeiter als “in Ordnung” hin. Wird man krank, ist man selbst schuld, denn irgendetwas stimmte sicher vorher schon nicht.

Doch es gibt zum Glück Punkte, die auch der Arbeitgeber an seinen Mitarbeitern nicht ändern kann: zum Beispiel das Recht auf Gesundheit und eigene Bedürfnisse. Je langanhaltender die Stress- und Belastungssituation ist, desto eher funkt deshalb ein Gefühl der inneren Abwehr dazwischen:

„So, hier ist Schluss.“

 

Wissenswertes zu Kündigungen

Wenn du dieses Gefühl rufen hörst, solltest du hinhören und es ernst nehmen. Die Agentur für Arbeit gewährt jedem das Recht, eigens zu kündigen oder einen Aufhebungsvertrag zu schließen, wenn gesundheitliche Gründe oder gesundheitsgefährdende Gründe vorliegen. Es gilt nur zu beachten, dass man seinem Arbeitgeber gegenüber die Bitte um Änderung ausgesprochen hat, um an der Situation proaktiv zu arbeiten. Lehnt der Arbeitgeber dies aber ab, dann sollte man nicht weiter durchhalten. Durchhalten ist nämlich der Punkt 0, der dich direkt in Schlaf- und Konzentrationsstörungen, Angst, Panikattacken, Depressionen und andere psychische sowie physische Krankheiten rutschen lässt. Da hat man lieber ein paar Monate Geld zurückgelegt, um notfalls über die Runden zu kommen, auch falls die Agentur wegen der Kündigung eine endgültige Sperre von eventuell drei Monaten verhängen sollte. Aus Krankheit wieder herauszufinden, ist ein beschwerlicherer Weg, als seine Zukunft selbst in die Hand zu nehmen.

Wann kündigen besser ist

Wie mich ein Mitarbeiter der Agentur für Arbeit neulich erinnerte:

(1) Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit.

(2) Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit. Die Freiheit der Person ist unverletzlich.

Grundgesetz Artikel 2. Arbeitest Du in so einem Unternehmen, das diese beiden Aspekte ignoriert oder gefährdet? Falls es noch nicht derart drastisch ist, könnten Dich die folgenden sieben Punkte interessieren, ab wann es besser für Dich wäre, zu kündigen:

 

1) Innerlich gekündigt: Du bist demotiviert, kraftlos und desinteressiert

Der „Ich habe keinen Bock mehr!“-Klassiker im Schlafrock? Nein, es geht weit darüber hinaus. Denn der fehlende Bock hat Ursachen. Gründe für Demotivation können zum Beispiel sein:

  • verbale Drohungen (auch die berühmten “Worte zwischen den Zeilen”)
  • häufige Kritik mit ausbleibendem Lob
  • Isolation
  • fehlende Sinnhaftigkeit deiner Arbeit
  • Entscheidungen anderer Kollegen oder gar des Chefs, die negative Konsequenzen für deine Arbeit haben
  • keine Entscheidungsgewalt bzw. kleiner bis geringer Handlungsspielraum
  • sichtbares, produziertes Leid
  • Überarbeitung (Burn-out)
  • Unterarbeitung (Bore-out)
  • zu hohe Verantwortung für zu viele Bereiche
  • gar keine Verantwortung
  • Leistungsdruck
  • Angstgehasche
  • Schönfärberei statt Ehrlichkeit und Flexibilität
  • mangelhafte Kommunikation
  • Wettkämpfe zwischen Abteilungen oder Kollegen
  • gezieltes Mobbing
  • keine Weiterbildungmöglichkeiten
  • keine Möglichkeit auf Karriere
  • Dienst nach Vorschrift

All diese Aspekte können einen nicht zu verkennenden Schaden für die Psyche bedeuten. Sie leiten direkt in die Angst und Depression, weil sie den Selbstwert angreifen. Die Mechanismen im Gehirn können gar nicht anders, als ihre Schutzfunktion anzuschalten und ein Stopp-Signal zu setzen.

 

2) Kündigen oder auf Erfolg warten?

Sehr häufig ist einem Erfolg nicht vergönnt. Mobbing einzelner Mitarbeiter oder Wettbewerb zwischen Abteilungen: Wer Mitarbeiter in seinem Unternehmen beschäftigt, die nur an ihrem eigenen Erfolg interessiert sind, aber nicht am Unternehmenserfolg oder gar als Chef oder Führungsetage dieses Problem in sich trägt, braucht sich nicht wundern.

Erwachsene sind in einem Punkt wie Kinder: Sie mögen es, wenn sie Aufgaben erledigen, in denen sie gut sind. Sie machen es, weil sie es erneut gut machen wollen und dafür wiederholt Anerkennung erhalten möchten (auch von sich selbst). So macht Arbeit Spaß und mit Freude schafft man bekannt sehr viel mehr, als mit innerer Abwehr oder Leistungsdruck.

Wer aber weiß, dass er niemals erfolgreich sein wird und darf, der verliert den Sinn und so auch die Freude.

 

3) Du bist in Deiner Arbeit abhängig von der Gunst anderer

Wer vom JA oder NEIN oder der Sympathie eines anderen im Ausüben seiner Arbeit abhängig ist, der hat es einmal schwerer. Denn so wird eigenverantwortliches Handeln im Keim erstickt. Zudem ist immer die Möglichkeit gegeben, dass der Entscheidungsträger eine falsche, eigensinnige oder gar einseitige Entscheidung fällt.

Wer immer erst fragen muss, bevor er etwas tun darf, was er für unternehmerisch wertvoll und umsatzsteigernd oder begünstigend erachtet, der befindet sich in einer Eltern-Kind-Rolle wieder, die man so dringend in seiner Kindheit loswerden wollte. Menschen haben ein natürliches Bestreben nach Autonomie und wollen zeigen, was und DASS sie etwas können. Wird das aber konstant untergraben, am besten noch ohne triftige und nachvollziehbare Gründe, wird man in seinem Erfolg gebremst – und arbeitet für den Erfolg eines anderen. Der wiederum hat selten etwas mit dem Erfolg der Firma zu tun, sondern nur mit dem entscheidenden Menschen: mit seiner Angst, seinen Interessen, seinen Verstrickungen und eigenen Machtkämpfen.

Das lädt Opferdenken, einen kleinen Selbstwert und vor allem Sinnlosigkeit ein.

 

4) Du kannst die Werte des Unternehmens nicht teilen oder das Unternehmen teilt deine Werte nicht

Wir sind oft froh, wenn uns jemand will. Das klingt banal, oder? Aber in uns ist angelegt, dass wir Anerkennung wollen und bereit sind, für diese etwas zu leisten. Wir möchten uns gern beweisen und zeigen, dass wir etwas draufhaben. Schenkt uns jemand sein Lob oder seine ehrliche Anerkennung, echte Wertschätzung für ein Projekt oder nur ein bestätigendes Lächeln, dann minimiert das unsere Stresshormone. Es festigt unseren Selbstwert und dafür sind Menschen bereit, wieder etwas zurückzugeben. Arbeitgeber gewinnen also, wenn sie loben und wertschätzen. Sie gewinnen für einen Fitzel Zeit das, was Unternehmen so häufig suchen, dann aber doch als mangelhaft beklagen: Loyalität, Streben, Freundlichkeit, Umsatzsteigerungen, Kundenzufriedenheit, Motivation und Fleiß. Alles nur durch ein wenig Lob.

Hinzukommt vor allem, dass nur, weil uns jemand einstellen will, es nicht unbedingt der richtige Job im richtigen Unternehmen sein muss. Als eine Frau, die 10 Jahre Erwachsenenbildungserfahrung bei einem öffentlich geförderten Träger hat, weiß ich, dass die meisten Stellen gigantisch klingen. Ein tolles, dynamisches und junges Team, klasse Aufstiegschancen und faire Bezahlung kann mitunter auch schlichtweg heißen: Wir haben kaum erfahrene, verantwortungsvolle und pflichtbewusste Arbeitnehmer, dafür haben wir aber eine gute personelle Fluktuation. Aufsteigen kannst du deshalb gut, weil die Ebenen noch nicht fertig strukturiert sind, aber dafür sind es die Hierarchien durchaus. Wir bezahlen anhand unserer Interpretation deiner Arbeit, deiner Leistung. Wenn wir also glauben: Das kann doch jeder! (nur wir nicht), dann bekommst du eben nur Betrag X.

Personaler sind sehr gekonnte Texter und Schauspieler und meist zeigt sich erst bei Arbeitsantritt, was das Unternehmen wirklich für Rollen verlangt. Bei Bewerbungsgesprächen genau hinzusehen und einige (wenn auch unbequeme) Fragen zu stellen, kann helfen, um nicht vom Regen in die Traufe zu kommen.

Im Allgemeinen fällt mir in letzter Zeit in vielen Gesprächen auf, dass es ein starkes Rollenverhalten in größeren Unternehmen gibt. Was von der Position verlangt wird (egal, ob die Persönlichkeit dazu passt), steht meist fest. Wenn man beiderseits dann ignoriert, dass man diese Rolle nicht leisten kann und möchte, kann es schnell zu gesundheitsgefährdenden Momenten kommen. Die Stelle sollte also zum Arbeitnehmer und seiner Persönlichkeit passen, nicht zum Chef.

 

5) Dein Charakter stellt Dir ein Bein

Oft ist es der Eigensinn oder der eigene Gerechtigkeitssinn, der sich einem in den Weg stellt, auch wenn man noch so sehr versucht, sich anzupassen. Eigensinnig kann man nur arbeiten, wenn man ein Stück Unabhängigkeit in seinem Job hat. Unabhängigkeit wiederum kann nur da sein, wenn der Arbeitgeber sich weniger auf Quantität und Kontrolle konzentriert, als auch Qualität. Qualität wiederum ergibt sich aus Bedingungen, die jeder Arbeitnehmer mit sich bringt und erfüllt sehen muss, um qualitativ hochwertige Arbeit zu leisten. Das kann ein eigenes Tempo, ein eigener Zeitrhythmus sein (von 7 Uhr-15:30 Uhr oder Meetings nur nach 16 Uhr, tageweise Home Office oder Pausen zwischen dem Alltag im Büro, z. B. durch Bildungsurlaub).

Das Gefühl der Gerechtigkeit oder ihre Abwesenheit ist eng verbunden mit Bedürfnissen, die erfüllt werden – oder eben auch nicht. Sind Deine Bedürfnisse in Deinem Job erfüllt? Wirst Du so betrachtet und behandelt, wie Du es Dir wünschen würdest? Kannst Du leisten, was Du leisten möchtest oder stehen Dir stets Menschen im Weg, die Dich daran hindern, wie in Punkt 2 beschrieben, erfolgreich in Deinem Job zu sein?

Passt du zu deinem Job?

 

6) Dienst nach Vorschrift: Wenn man Stärken verschweigen und verdrängen muss

Nur nach Vorschrift arbeiten, aber ohne Aussicht auf Erfolg, Bestätigung, Boni, ein bestätigendes Kopfnicken des Chefs oder ein fester Händedruck mit “Gute Arbeit!”? Wenn die Leistungen der Mitarbeiter von Unternehmen nicht einmal mehr wahrgenommen und wertgeschätzt werden, ist Obacht geboten. Dann ist man selbstverständlich und einfach geworden. Vor allem aber wird die gute Leistung gar nicht mehr als gute Leistung betrachtet, sondern muss noch besser werden. Denkt man… So schuften wir noch mehr, bemühen uns weiter, um mit gesteigerter Leistung wieder ein Lob zu erhalten, das in den meisten Fällen ausbleibt.

Unternehmen müssen verstehen lernen, dass Menschen Anerkennung und Bestätigung brauchen, um sich erwünscht und wertgeschätzt zu fühlen. Dann steigt auch ihre Leistung und somit der Wert des Unternehmens.

 

7) Die vorherigen Punkte haben Dich krank gemacht

Das geht schnell: Es kommt plötzlich und bleibt viel zu lang. Da kann man einige fragen. Viele Blogger, die heute selbstständig sind, haben diese Erfahrung gemacht. Sie haben auch aus ihr gelernt, aber der Weg in die Genesung war für viele sehr lang und beschwerlich.

Ich meine heute nach meinen eigenen Eskapaden der Angst und Panik: Das ist es nicht wert. Ich hatte in meinen Zwanzigern, als ich noch Studentin war und bei einer Firma einen recht leichten Job ausführte, der sich auf Bürokram bezog, eine ständige Unterforderung mit totaler Abhängigkeit ohne jede Form der Anerkennung. Zum damaligen Zeitpunkt hatte ich meine erste Panikattacke, die zum Glück zu keiner Panikstörung werden konnte. Ich zog mich augenblicklich zurück und tat das, was meine Angst und Panik von mir wollte: Ich kündigte.

 

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