Als ich meine damalige Beziehung beendet und kurze Zeit später meinen Job gekündigt hatte, voller Vertrauen in meine Selbstständigkeit gegangen und mich neu erfunden hatte, dachte ich: Jetzt bin ich endlich bei mir angekommen. Jetzt bin ich GANZ ICH, so wie ich immer sein wollte. Ich erschuf mich neu und wurde zu der Person, die ich seit meiner Kindheit sein wollte. Ich fühlte mich frei und angekommen in mir selbst.

Heute – drei Jahre später (und es loderte seit Monaten in mir) – stelle ich fest: Eine solche Ich-Inventur muss regelmäßig geschehen. Es reicht nicht aus, mich nur nach heftigen Lebenseinschnitten wie meiner letzten Agoraphobie mit Panikattacken 2013 zu fragen: Wer will ich sein? Selbstaktualisierung zur Selbstfindung geschieht nicht einmalig. Also stellte ich neulich die Frage erneut und lasse dich hier daran teilhaben. Nur dieses Mal – ein paar Jahre später, älter und schlauer – fügte ich ein paar Schichten hinzu. Weil ich gelernt habe, dass die Antwort alles entscheidend sein kann für die Zukunft, die man sich wünscht.

Wer will ich sein? Und wieso reicht die Antwort von damals mir heute nicht mehr?

Selbstfindung findet nicht einmal statt noch ist sie endgültig: Sie braucht kleine, stetige Anpassungen, um langfristig dein Wohl, Zufriedenheit und Erfüllung zu garantieren.

Kann Selbstfindung überhaupt endgültig sein? Man sagt ja, alle sieben Jahre würde sich das Leben (und die Haarstruktur?!) ändern: Keine Ahnung, ob das stimmt. Aber ich habe gelernt, dass einzelne Erlebnisse sowie die Summe der Erfahrungen und Jahre uns ändern. Etwas, was letzte Woche noch zufrieden machte oder innere Stärke und Sicherheit verlieh, kann schon morgen nicht mehr ausreichen – nicht mehr glücklich machen. Seien es Beziehungen, Arbeitsaufgaben oder der Arbeitgeber an sich, Freunde oder Hobbys, Gewohnheiten oder man selbst, so, wie man sich sieht: Mit jedem Tag, der verstreicht, können wir eine innere Wandlung vollziehen, ohne sie überhaupt zu merken. Und deshalb sind kleine Anpassungen, damit wir werden, sein und bleiben, wer wir sein wollen, nötig – regelmäßig und niemals endgültig abgeschlossen.

Wenn wir unsere inneren Wandlungen merken, dann lodert es oft seit einiger Zeit. Auch Körper und Geist brauchen ihre Zeit, zu merken, dass etwas nicht mehr stimmt – unstimmig geworden ist. Erst dann schicken sie Signale, die uns aufhorchen lassen wollen, um Veränderungen für unser Wohl einzuleiten. Vielleicht sind es kleine Änderungen in unserem Verhalten (uns selbst oder unserem Umfeld gegenüber) oder in unserem Denken (Wie stehen wir zu den Menschen in unserem Leben und im Allgemeinen? Wie bewerte ich die Beziehungen/Partnerschaft in meinem Leben? Wofür bin ich dankbar? Was nagt an mir?). Denn die Antworten entscheiden über unsere Gefühle. Und selbst die unterliegen – schön fest- und eingefahren – individuellen Mustern.

Ich für meinen Teil stellte in diesem Jahr fest: Meine Muster waren für die damalige Befreiung und folgende Erleichterung dienlich. Heute sind sie es nicht mehr, denn heute machen sie mich weniger zufrieden. Damals brauchte ich andere Elemente in meinem Leben als heute (Alleinsein, Selbstbestimmung, grenzenlose Möglichkeiten und permanenter Selbstausdruck). Heute würden diese für Unruhe, innere Unsicherheit und Einsamkeit sorgen – weil sich meine Ziele, ohne dass ich es bemerkte, in den letzten drei Jahren geändert haben. Und damit auch das, was ich sein will – heute.

Meine Werte haben sich vor allem verändert und ich wollte meine Sanftheit zurück. Jetzt, da ich erreicht habe, was ich damals wollte, darf ich weiter auf dieses Fundament aufbauen. Und deshalb durfte sich mein Leben, wie es die letzten Jahre aussah, auch ändern. Nein, es musste sich ändern. Nur auf weniger dramatische, willens(über)starke und selbst-herr-liche Weise, wie ich es früher angegangen bin.

Für radikale Veränderungen, so, wie es meine zwischen 2013 und 2016 war, braucht es eine gewisse Radikalität im Verhalten und Denken. Es braucht Ignoranz aller abweichenden Denk- und Verhaltensweisen, tiefes Selbstvertrauen und ein Stück Aggression, wenn du mich fragst, um weiterzumachen – selbst dann, wenn dein Umfeld es missbilligt oder missmutig beäugt. Es braucht Strenge, damit du durchhältst und feste Werte, mit denen du deine Ziele erreichen willst. Und trotzdem musst du sanft zu dir sein, um dich selbst nicht fertigzumachen oder auszubrennen. Es braucht vor allem ein klares Wissen um deine Bedürfnisse, die im Moment unerfüllt sind.

Sich selbst zu finden heißt, zu jemandem zu werden, den DU magst – nicht, damit dich andere (gut) finden und mögen

sein wie andere mich wollen

Mit dieser Überschrift gehen wichtige Aspekte einher, die ich dir mit auf den Weg geben möchte, bevor wir mit meinen Fragen loslegen:

Oftmals wollen wir uns ändern, damit sich im Außen etwas ändert. Man will schlanker oder muskulöser werden, damit man mehr vom bevorzugten Geschlecht wahrgenommen und gemocht wird, um eine Partnerschaft zu finden oder die Form der Beziehung, die du dir wünscht. Man will beruflich erfolgreicher werden oder sich gebraucht fühlen, im Kontakt zu sein, in einer Machtposition oder mehr Geld verdienen. Was auch immer du dir wünschst: Du verbindest damit etwas, z. B. Status, Teilsein oder Wichtigkeit deiner Person.

Unser Wohl und unser Selbst, unser wahres Ich, steht nie in Abhängigkeit zu anderen oder dem Leben anderer. Es gibt keine Bedingungen anderer, die du selbst zu erfüllen hättest, um du zu sein/zu werden. Prüfe deshalb genau, für wen du etwas tust oder tun willst, damit du nicht in die “Ich mag mich nur, wenn andere mich mögen-Falle” tappst! Für wen willst Änderungen in deinem Leben erwirken? Für dich und allein nur für dich oder weil du dir davon im Außen etwas erhoffst? Als Beispiel: Wenn du abnehmen oder Muskeln aufbauen willst, machst du das, weil du das für dich möchtest, oder weil du dir davon mehr Beachtung durch andere erhoffst oder sogar Liebe und in-Beziehung-sein? Glaubst du, das äußere Erscheinen müsste erfüllt werden, damit du beachtet/geliebt wirst – vielleicht sogar von einer bestimmten “Sorte” Frau/Mann/Mensch?

Als soziale Wesen trotz unterschiedlichster Charaktere brauchen wir (soziale) Anerkennung im Sinne des Gefühls, nicht isoliert zu sein oder ausgestoßen zu werden. Und natürlich lernen wir von früh auf, XYZ zu tun, um anerkannt zu werden, und zu vermeiden, was uns Ablehnung bringt. Doch wer sich selbst finden und ändern wird/will, der muss bei den Punkten Anerkennung/Ablehnung Abstriche machen. Nur so kann man die finden, zu denen man gehören kann (falls man möchte), oder gefunden werden. Nur so erfährt man natürlicherweise – nicht erarbeitet oder sonstwie geleistet – Beachtung und Akzeptanz. Und nur aus dieser kann etwa echte Liebe entstehen, die deinem wahren Ich gilt und nicht einer Maske oder Rolle.

ICH-Inventur: Wer willst du sein – auf allen Ebenen?

Having said that: Also holte ich den Spickzettel von früher heraus. Eigentlich gehörte der bisher nur meinen Klientinnen in Coachings und Mentorings, aber da sich viele 1-zu-1-Beratungen nicht leisten können oder möchten, stelle ich ihn hier im Blog heute kostenfrei zur Verfügung.

Zettel und Stift sind sinnvoll, wenn du dir die Fragen beantwortest:

  • Wovor bist du bisher geflohen? Was wolltest du dir und anderen beweisen? Wolltest du etwas wiedergutmachen (im Leben anderer oder eine eigene Wunde von früher)?
  • Welche positiven Aspekte bringt dir eine neue Wandlung? Wie kannst du mit etwaigen negativen Aspekten umgehen? (meint Risiken und wie du sie managen würdest)
  • Welche neuen Signale haben sich gezeigt, dass dein Leben Anpassungen benötigt? Auf welcher Ebene zeigten sie sich zuerst (Körper, Geist, Herz, Seele)? Wirst du dich an sie erinnern/sie erkennen, falls sie erneut auftreten sollten?
  • Was hast du dir bislang verheimlicht? Was wolltest du dir nicht eingestehen? Wo hast du was verdrängt oder dir schön geredet?
  • Welche Menschen in deinem Leben stehen deiner Selbstfindung und Ich-Werdung im Weg bzw. geben dir das Gefühl, dass sie dagegen wären? Wie bist du bislang damit umgegangen und wie kannst du neu, besser und anders damit umgehen?
  • Was war positiv an deinem bisherigen Leben/sabschnitt? Was nimmst du dankbar mit?
  • Wer/Was willst du sein? (meint: Wie willst du sein? – Qualitäten deines neuen Ichs sowie Eigenschaften, innerlich und äußerlich)
    • als Mensch
    • als Frau/Mann
    • als Freundin/Freund
    • als Partnerin/Partner
    • als Mutter/Vater bzw. Großmutter/Großvater
    • als Tochter/Sohn
    • als Bruder/Schwester
    • im Beruf

Die letzten Fragen sind besonders wichtig. Wer willst du sein? bedeutet: Wie willst du als Frau/Mutter/Partnerin/Schwester/Freundin/Tochter sein und nicht, wie du wahrgenommen werden möchtest, um zu …

Ich zum Beispiel möchte ein sanfter, aber bestimmter, reflektierter und liebevoller Mensch sein, der seine Aufgabe kennt und sie gern erfüllt, eine Frau, die sich nimmt, was sie will und nicht aufhalten lässt von gesellschaftlichen Konventionen oder Strömungen, Medien oder Meinungen anderer, eine Partnerin, deren Herz sichtbar sein darf, ob stark oder schwach. Beruflich würde ich nie Artikel darüber schreiben, wie schön XYZs Designschuhe sind, wie durchtrainiert XYZ heute ist oder dass XYZ jetzt mit Hollywood-Schönling ABC zusammen ist. Ich muss mich mit tieferen Schichten der Menschen beschäftigen können, sonst geht es mir nicht gut.

Probiere deine eigenen Antworten auch gern von hinten herum und beginne mit dem, was du nicht sein möchtest, um zu dem, was/wie du sein möchtest, zu gelangen.

Weitere Fragen, die du dir stellen kannst, sind:

  • Wozu willst du das sein?/Was versprichst du dir davon? Und warum?
  • Willst du das für dich sein oder damit im Außen etwas geschieht? (Prüfe genau, für wen du das tust, damit du nicht in die “Ich mag mich nur, wenn andere mich mögen-Falle” tappst!)
  • Mit welchen Mitteln willst du erreichen? Was bist du bereit, dafür zu tun? Welche Zeit gibst du dir? Ist diese realistisch?
  • Was muss schwinden oder sich verringern, damit es in Erfüllung gehen kann?
  • Wovon braucht es mehr in deinem Leben, damit es in Erfüllung gehen kann?
  • Welche Anpassungen deines jetzigen Ichs braucht das? Welche Kompetenzen müssen dafür gestärkt oder aufgebaut werden? Wer kann dich darin unterstützen?

In eigener Sache

Nachdem ich die letzten Monate abgetaucht war, starte ich nun wieder langsam durch – auf meine Weise. Blogtexte in meiner Frequenz und zu meinen (auch neuen) Themen, Coachings wie das FRAU ICH-Programm und Selbstcoaching-Programme wie “Die Wunde der Ungeliebten” (bald hier) sind wichtig für mich.

Auch wenn mein ursprüngliches Ziel, über Ängste (und nur über Ängste) zu bloggen, mindestens zu 90 Prozent erreicht ist, werde ich auch und/oder eher subtilere Themenverbindungen, die Angst aufrufen/triggern können, ansprechen. Vor allem trägt mich seit Mai diesen Jahres ein ganz anderes Projekt, was mehr ein lang gehegter Herzenswunsch als eine berufliche Absicht ist. (Vielleicht schreibe ich demnächst mehr darüber. Momentan wäre es noch zu früh.)

Das als kleiner Ausblick auf das, was im Blog und bei mir zukünftig geschehen wird und darf – auf ganz sanfte, eigene Weise.

Ich hoffe, dass du in deinem Beitrag ein paar Impulse für dich und dein wahres Ich finden konntest. Das würde mich von Herzen freuen! Getreu dem Motto: Lieber entdecken statt verstecken.