Du bist selbstständig oder willst dich selbstständig machen, aber hast Angst? Tipps aus 1. Hand

Du bist selbstständig oder willst dich selbstständig machen, aber hast Angst? Tipps aus 1. Hand

Der Traum vom eigenen Unternehmen ist für viele ein schöner. Doch: Träume scheitern meist, weil sie keine tragfähige Grundlage haben. Deine Selbstständigkeit braucht nicht nur eine solide Basis (Idee, Umsetzung, Umsatz/Gewinn). Auch dein Umgang mit Ängsten und Stress während der Unternehmensgründung, darf sich ändern. Niemand sollte einen Burnout oder Panikattacken riskieren müssen. Eines habe ich aus vier Jahren Selbstständigkeit gelernt: Angst – besonders in der Anfangszeit oder in Krisenzeiten wie Corona – kann immer hochkommen, sei es, dass die Umsätze/Gewinne nicht ausreichen, du Stress wegen vieler Überstunden hast oder du nicht die Kunden gewinnst, die du dir wünschst. Die Angst zu scheitern ist wahrscheinlich die wichtigste, neben der Angst, nicht gut oder genug zu sein, aufgeben und zurück in eine Festanstellung zu müssen (versagt zu haben) und vieles mehr.

Ich habe teils Wochen nur vier, fünf Stunden pro Nacht geschlafen, als ich meine Selbstständigkeit aufbaute. Ich verdiene bis heute keine Millionen pro Jahr, aber ich bereue keine Sekunde meiner Mühen. Ich hatte zum Glück genug Erfahrung mit meinen Ängsten, um zu wissen, wie ich durchhalte. Weil Menschen diese fehlen, geben viele zwischendrin auf oder fangen – wegen ihrer Angst – gar nicht erst an.

Lass mich dir mit einigen Tipps helfen: falls du Angst hast, dich selbstständig zu machen, (Teil 1) oder bereits selbstständig bist und Angstzustände erlebst (Teil 2).

Hast du Angst, dich selbstständig zu machen?

angst dich selbstständig zu machen

Ein Weg, der mir half, meine Selbstständigkeit vorzubereiten und durchweg sicher zu fühlen, war Fakten von Meinungen und Gefühlen zu trennen – Fakten rund um deine Geschäftsidee, Schwarz auf Weiß. Der Weg zur Selbständigkeit ist zwar so individuell wie die Idee dazu. Doch der erste und gleichzeitig auch wichtigste Schritt zu einer erfolgreichen Unternehmensgründung ist und bleibt das Erstellen eines detaillierten Businessplans – deine Fakten. Ist dieser akkurat und detailliert genug, kann er dir helfen, dich in Zeiten von Angst zurückzubesinnen.

Ein Business Plan besteht aus vier Teilen:

  1. Es wird eine Strategie festgelegt. Wie soll die Geschäftsidee funktionieren?
  2. Die Zielgruppe wird definiert. An welche Personen richtet sich die Geschäftsidee? Wie sind die gestrickt? Wie viel Kaufpotenzial schlummert dort? Würden sie Geld ausgeben? usw.
  3. Die „SWOT-Analyse” wird durchgeführt. Wo liegen die Chancen und Risiken der Unternehmung und in welchem Verhältnis stehen sie? Wie steht es um die Wettbewerber? Ist deine Idee konkurrenzfähig (einige sind es, andere nicht – brauchen nur hier und da kleinere Änderungen, um es zu werden)?
  4. Der entscheidende Teil ist der finanzielle Teil. Lohnt sich die Geschäftsidee finanziell und kann mit dieser Gewinn erwirtschaftet werden?

Diese solide Basis – Fakten – MUSS stimmen. Wenn der Plan noch unausgereift oder zu wackelig ist, dann hat deine Angst vor einer Selbstständigkeit sehr wahrscheinlich ihre Berechtigung. Angst ist nicht stets schlecht – sie soll uns warnen, manchmal berechtigt, häufiger unberechtigt. Es gibt zum Glück verschiedene Situationen, aus denen heraus du dich selbstständig machen kannst. Es ist unnötig, deinen Traum gleich über Bord zu werfen, nur weil eine Selbstständigkeit/Unternehmensgründung im Moment noch eher wackelig ist.

Selbstständig machen aus bestehender Beschäftigung

Die bestehende Beschäftigung mag viel Zeit einnehmen oder es fällt dir schwer, dich währenddessen mit der eigenen Geschäftsidee auseinanderzusetzen. Doch bei einem Scheitern des Unternehmens hättest du sowohl das eingesetzte Kapital, als auch den alten Job verloren. Man kann es auch positiv sehen (so habe ich es gemacht) und sich solange Zeit nehmen, bis die Basis stimmt und deine Fakten dich beruhigen. Bis dahin bist du existenziell sicher, kannst vielleicht sogar noch Geld durch dein festes Einkommen sparen, was du wiederum in deine Idee investieren kannst. Ich habe mir damals ein Jahr Zeit gegeben, währenddessen Geld gespart und dann gekündigt.

Nebenberufliche Selbstständigkeit

selbstständigkeit angstfrei planen

Währenddessen war ich nebenberuflich selbstständig. Man kann dadurch erste Erfahrungen in der Selbstständigkeit sammeln und lernen, wie man agieren muss, aber auch bereits seine KundInnen und/oder Auftraggeber kennenlernen/akquirieren. Der Vorteil ist, dass man seinen Job (noch) nicht aufgeben muss und man noch mehr Geld für seinen Traum verdienen kann. Außerdem kannst du deine Geschäftsidee testen, bevor du dich komplett selbstständig macht. Aber Achtung: Wenn man nebenberuflich selbstständig ist, muss dies dem Arbeitgeber mitgeteilt werden. Du benötigst eine Erlaubnis und musst glaubhaft machen, dass es deine eigentliche Arbeit nicht einschränkt und du genug Ressourcen (Kraft, Zeit) hast, um deinem festen Job weiterhin zu 100 Prozent nachzukommen.

P. S. Ideal ist es, wenn du vor der Unternehmensgründung schon über Branchenkenntnisse verfügst.

Gründung aus dem Studium/nach der Uni

Universitäten stellen für Absolventen das EXIST-Gründerstipendium zu Verfügung. Dabei werden vielversprechende Start-Ups mit hohen Zuschüssen gefördert. Außerdem gibt es bereits während des Studiums zahlreiche Netzwerke, in denen man potenzielle Investoren finden kann.

Selbstständig machen aus der Arbeitslosigkeit

Arbeitssuchende, die Arbeitslosengeld I erhalten, können einen Gründungszuschuss (sechs Monate Unterstützung + neun weitere bei Nachweis des anrollenden Erfolgs) beantragen. Dies ist ein nicht rückzahlpflichtiger Zuschuss für Unternehmensgründer ohne Startkapital. Auf den Gründungszuschuss besteht kein rechtlicher Anspruch. Die Unternehmensidee wird geprüft und nach der Qualität der Idee (Businessplan & mindestens Liquiditätsplan) wird entschieden, ob man einen Gründungszuschuss erhält. Bei mir lief das ganz easy und klappte schon beim ersten Versuch.

Was du für eine erfolgreiche Selbstständigkeit brauchst: Kompetenzen & Bereitschaft, an deinen Aufgaben zu wachsen

an seinen aufgaben wachsen

Wichtig ist es, dass man eigene Ideen hat und einfallsreich Herausforderungen lösen kann (Problemlösungen). Es ist hilfreich, ein Visionär zu sein (Geduld, Durchhaltevermögen und Weitsicht). Die Geschäftsidee sollte so überzeugend sein, dass du auch in Krisenzeiten nicht an ihr oder dir zweifelst (Klarheit & Tragfähigkeit). Besonders erfolgreiche Geschäftsideen sind meistens außergewöhnlich und werden vor ihrer erfolgreichen Umsetzung kritisiert (Kritikfähigkeit). Die eigene Person und die Geschäftsidee sollten gut verkauft werden können (Offenheit & Präsenz bzw. keine Angst vor Kontakt und Ablehnung). Außerdem wird es vor allem in der Anfangszeit keinen Platz für Freizeit geben. Es muss in dieser Zeit damit gerechnet werden, dass private Interessen zweitrangig sind: für Beziehungen bedeutet das, dass du eine klare Kommunikation brauchst. Die Geschäftsidee sollte die eigene Person mit Leidenschaft erfüllen. Nur so kann man sich jeden Tag aufs Neue motivieren (Motivation, Flow, Selbstdisziplin). Dann fühlt sich der Stress des Aufbaus positiv an, weil er es ist.

Risiken und Chancen müssen gut eingeschätzt werden. Trotzdem darf man als Unternehmer nicht risikoscheu sein. Das bedeutet übersetzt: risikobereit sein, aber einen Blick für die Umsetzbarkeit beibehalten, bei finanziellen Investitionen so genau abwägen wie bei Kooperationen. Lerne den Umgang mit Geld auf allen Ebenen: Ein guter Unternehmenschef sollte auch ein guter Kaufmann sein. Vor allem die Buchführung kann nicht ohne Vorkenntnisse bewältigt werden. Außerdem kann man mit betriebswirtschaftlichen Kenntnissen den Betriebserfolg viel besser planen.

Sobald man Mitarbeiter hat, braucht es Führungsqualitäten und die Fähigkeit, Arbeit zu delegieren. Als Chef gibt man die ausführende Arbeit ab und versucht das Unternehmen durch strategische Entscheidungen nach vorne zu bringen (Vertrauen in andere). Die Arbeit im täglichen Geschäft müssen die Angestellten übernehmen. Das benötigt soziale Kompetenzen und positive Energie, um die Motivation der Mitarbeiter hochzuhalten.

Du brauchst vor allem Kontakte und Netzwerke, um die Unternehmensidee voranzutreiben, dich zu vermarkten und dich persönlich oben zu halten. Vermarktung ist heute das A und O (und es geht auch ohne Videos, Webinare etc.). Ich habe das auch nie gemacht und komme gut zurecht mit meinen Strategien. Jedoch ist es immer stückweit von der Branche abhängig. Als Coach in welchem Bereich auch immer solltest du dich zum Beispiel bereit fühlen, dich zu zeigen. Als Schriftsteller/*in muss das nicht sein.

In jedem Falle gehört zur Unternehmensgründung/Selbstständigkeit immer die Fähigkeit und Bereitschaft, zu wachsen und sich zu entwickeln. Auf die eine oder andere wird man sich die obigen Kompetenzen aneignen müssen oder jemanden engagieren müssen, der einige Parts übernimmt.

Was tun, wenn die Angst kommt – und bleibt

angstzustände panikattacken in selbstständigkeit

Während der Selbstständigkeit und besonders zu Beginn kann vieles drunter und drüber gehen. Von normalem Stress, wenig Freizeit, wenig Zeit für den Partner oder die Familie und Freunde, wenig Sport und schnelles Essen zwischendrin bis hin zu drastischen Symptomen. Sei es, dass dich

  • Versagensangst
  • Angst vor Wettbewerb/Marketing – dich zu zeigen
  • Angst vor Armut/Verlust
  • Angst, nicht zu genügen
  • Stress und depressive Episoden/Abgeschlagenheit/Schlafmangel usw.
  • Angstzustände wegen der Überforderung

erwischen: Es gibt einige Wege, wie du dich motivieren kannst, an dich zu glauben. In meinen Augen geht der Weg da über Vertrauen, Strategie/Planung und Fakten, Fakten, Fakten. Hier meine Tipps, die ich im Laufe der letzten Jahre für mich gesammelt habe:

  1. Dein Business Plan soll nicht nur die Agentur für Arbeit oder Kreditinstitute überzeugen, sondern auch dich. Darin stehen deine Pläne, deine Wettbewerber und deine Liquiditätsplanung. Hol ihn raus, wann immer du es brauchst. Pläne lassen sich umsetzen – oder ggf. abändern.
  2. Mach dir bewusst, dass Angst ein Warnsignal ist und dir helfen will. Sie regt dich an, wenn du es ihr erlaubst. Sie lähmt dich, wenn du sie nicht zu interpretieren weißt. Meine Angst springt noch heute an, wenn ich einige Umsätze auf Kanal 1, 2, 3, 4 … heruntergehen sehe. Also plane ich Änderungen oder neue Angebote auf diesem Kanal mit ein.
  3. Jedes Buch zu “Finanziellem Erfolg” erklärt dir eins – und es funktioniert auch bei mir: Hab mehrere Einnahmequellen, Kanäle, über die du Umsätze generierst. Es gibt Sommerlöcher und COVID und Feiertage, die sich allesamt positiv oder negativ auf deine Einnahmen auswirken werden. Am besten ist man darauf vorbereitet, wenn man mehrere Kanäle für dich eröffnet. Es schenkt Sicherheit.
  4. Funktioniert ein Weg nicht, versuch einen anderen. Probiere alles das aus, was du bislang noch NICHT getan hast. Es sind meistens diese Wege, die zu Erfolg führen. Hast du bisher nur geschrieben, nimm ein Video für deine Kunden auf. Hast du bisher nur einmal in der Woche etwas auf Social Media Kanäle gepostet, poste häufiger … usw.
  5. Frage Freude, Bekannte, ehemalige Kollegen um Rat, was sie tun würden oder wie dein Produkt für sie ansprechender wäre. Lass es sie testen, lesen, sich ansehen und dir sagen, wie es bei ihnen ankommt. Nimm die Kritik wohlwollend auf, sie kann dich nur verbessern.
  6. Vernetze dich mit Kolleginnen und Kollegen oder Berufsnetzwerken, die potenzielle Kundschaft bieten.
  7. Pausen und Erholung sind wichtig für deine Kreativität. Bist du gestresst, wirst du nicht kreativ sein. Das ist ein neurologisches Gesetz. Plane sie in deinen Arbeitsalltag ein wie auch deine Aufgaben.
  8. Outsourcing von Arbeiten, die dich viel zeit kosten, aber nur wenig Geld.
  9. Lies/sichte die Angebote deiner Konkurrenz. Schau, was bei ihnen gut funktioniert und was nicht. Schau dir auch an, wie sie die Dinge machen (z. B. Marketing) und schnappe dir die coolsten/besten/ansprechendsten Wege für dich. Addiere sie zu deinem Angebot.
  10. Das funktioniert am besten, wenn du dich deines USP (Unique Selling Point) bewusst wirst/bist. Was lässt dich rausstechen aus der Masse an Mitbewerber? Bei mir ist es meine damalige eigene Betroffenheit und enge Fokussierung auf das Thema Angst. Bei mir wird man niemals Anleitungen/Onlinekurse zu Fitnesstraining, Websitegestaltung, Online Texten oder Social Media Marketing geben, auch wenn ich all das tagtäglich mache und gut kann. Fokus.
  11. Frage Menschen, die deinen Weg bereits erfolgreich gegangen sind. Das können Influencer deiner Nische sein, Berater zu Spezialthemen wie Instagram & Co. oder Coaches. Profitiere von ihrem Wissen.

Viel Kraft wünsche ich dir
Janett

Eure Frage: Wann ist es “normale” Angst und wann eine ernste Angststörung?

Eure Frage: Wann ist es “normale” Angst und wann eine ernste Angststörung?

Angst ein normales Gefühl wie Traurigkeit, Freude, Überraschung auch. Sie ist Teil unseres Reptiliengehirns aus Steinzeiten und hat eine klare Funktion: achtsam gegenüber Gefahren zu sein und sein Überleben zu sichern. Doch wann ist Angst nützlich und normal und wann wird sie krankhaft? Pathologische, übermäßig hohe Angst bringt viele Nebenwirkungen mit sich: Schlaf- und Verdauungsstörungen, latente Unruhe, Juckreiz, Panikattacken, Herzrasen bei Angstzuständen – bis hin zu Vermeidungsverhalten. Nur ist nicht alles, was wir aus Angst vermeiden, auch eine potenzielle Gefahr für unser Leben. Vermeiden wir über einen langen Zeitraum unbequeme, angstbesetzte Orte, Personen und Verhaltensweisen mit einem unsicheren Ausgang, das selbst dir als Einschränkung vorkommt, kann man von einer Angststörung sprechen.

Mehr darüber im aktuellen Post.

Was ist “normale” Angst? Wie definiert man sie?

Dem einen wird angst und bange bei Clowns, den anderen, wenn sie nachts durch leere Straßen gehen. Die meisten fürchten sich vor sog. verständlichen Angstauslösern wie Ekelerrengendes, Schauriges, Armut, den Verlust eines Jobs oder Menschen durch Krankheiten, Tod – alles im „normalen“ Maße. Es bremst sie aber weder im Alltag aus noch beschäftigt es sie so sehr, dass sie handlungsunfähig würden bzw. ihre Selbstwirksamkeit verlören. „Normale“ Angst kommt und geht und wird oft nur ausgelöst durch ein Ereignis, Gespräch usw. Doch die angstbasierten Gedanken bleiben nicht 24/7. Man kommt mit dem Gefühl zurecht, denn es weicht.

Als normal gilt, was verständlich ist, angemessen, nachvollziehbar, weil gesellschaftlich legitim und anerkannt (weil bekannt). Einige Ängste haben es (leider) geschafft, den Status „normal“ zu erhalten, obwohl sie laut Psychologie einen Krankheitswert erkennen ließen, wenn man genauer hinsieht. Aber weil wir nicht 24/7 mit Gewittern, Spinnen & gefährlich wirkenden Hunden oder Spritzen zu tun haben bzw. ständig in Flugzeugen oder auf 1.000 m Höhe sind, gelten diese Ängste als “nicht weiter schlimm” – obwohl sie zu den spezifischen Phobien zählen (und oft ein Vermeidungsverhalten nach sich ziehen).

Wann spricht man von einer Angststörung? Welche Angst ist krankhaft?

Als nicht normal, pathologisch erhöht, krankhaft und behandlungsbedürftig gilt Angst daher, wenn sie für dich bedrohlich ist und dein Leben nachhaltig negativ beeinflusst. Eine Angststörung könnte auch vorliegen, wenn:

  • sie deine Lebensqualität, Bewegungsfreiheit … einschränkt
  • du Angstauslöser vermeidest (Vermeidungsverhalten)
  • du eine Angst vor der Angst entwickelst
  • du mind. 3/4 des Tages an die Angst denkst
  • sie Beziehungen gefährdet (auch berufliche & gewünschte)
  • du sie mit Suchtmitteln kompensierst (Alkohol, Drogen …)
  • du depressive Symptome und/oder Suizidgedanken wegen ihr hast/entwickelst.

Das Deutsche Ärzteblatt kategorisiert Angststörungen in Anlehnung an den ICD-10, die Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme (kurz ICD, englisch: International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems) wie folgt:

Quelle: Dtsch Arztebl Int 2018; 115: 611-20; DOI: 10.3238/arztebl.2018.0611

Wusstest du…? Interessantes über Angst und Angststörungen

In Familienstudien zeigte sich, dass “Angehörige ersten Grades von Panikpatienten” ein bis zu 5-fach erhöhtes Risiko aufweisen, an einer Panikstörung zu erkranken. Eine ähnliche sog. “Familialität” zeigte sich auch bei der generalisierten Angststörung und spezifischen Phobien (Tiere, Objekte, bestimmte Situationen usw.). Zu 30-67 % können Angststörungen erblich bedingt sein. Das Lernen von Bewältigungsstrategien, der Aufbau eines sicheren Bindungsstils und unterstützende, positive Erfahrungen sowie ein positives, bindungssicheres soziales Netzwerk helfen selbst dann, wenn Familialität vorliegt. (Quelle: Quelle: Ströhle A, Gensichen J, Domschke K: The diagnosis and treatment of anxiety disorders. Dtsch Arztebl Int 2018; 115: 611–20. DOI: 10.3238/arztebl.2018.0611)

Muss man eine Angststörung behandeln lassen?

Eine Angststörung unbehandelt zu belassen, erhöht die Wahrscheinlichkeit (wie bei anderen Störungsbildern auch), dass sie schlimmer wird. Die Forschung hat gezeigt, dass sich durch Angststörungen weitere Krankheitsbilder (z. B. Depression) entwicklen können. Hilf dir selbst und lass dir von einem Therapeuten/einer Therapeutin oder Heiler deiner Wahl helfen, deine Angst zu überwinden. Lass nicht zu, dass sie dein Leben einschränkt. Trau dich, du zu sein und dein Leben zu leben. Aber am wichtigsten: Gib nicht auf. Nie. Egal, welcher Arzt deine Angst unheilbar nennt, egal, was es kostet, wer dich versteht und wer nicht, egal, wie lange du brauchst. Es ist dein Leben. Dein Weg. Dein Tempo.

ideen, um angst und panik aufzulösen

Oft werden Angststörungen in einer Verhaltenstherapie therapiert. Andere Betroffene wähl(t)en eine Psychoanalyse oder Gesprächstherapie (wie ich). Meine Meinung ist: Probiere solange aus, was dir guttut und dir hilft, bis du gefunden hast, was für dich wirkt. Es gibt viele Therapieverfahren/Methoden, von denen mir angsterkrankte Menschen erzählten, dass sie ihnen halfen (isoliert oder als Ergänzung):

Mir half eine Verbindung aus vielem:

Mein aktuelles Buch “Mein neues Leben ohne Angst” (TRIAS, 2020) bietet dir darüber hinaus weitere, unzählige Strategien:

Ratgeber Selbsthilfe für Frauen mit Angst
erhältlich überall im Buchhandel als E-Book & Taschenbuch

Dieser Beitrag entstand aus der “Du fragst – Ich antworte”-Rubrik. Du hast auch eine Frage und glaubst, ich könnte dir helfen? Dann sende mich deine Frage (per E-Mail, via Instagram oder Facebook – Links siehe Menü) und ich werde mich ihr alsbald annehmen. Die Antworten erscheinen auf allen sozialen Medien und hier im Blog.

Eure Frage: Wie schaffe ich den Schritt in die Therapie? – besonders wenn du Ärzten misstraust oder Angst vor den Reaktionen anderer hast

Eure Frage: Wie schaffe ich den Schritt in die Therapie? – besonders wenn du Ärzten misstraust oder Angst vor den Reaktionen anderer hast

Zu wissen, dass etwas nicht stimmt und man Hilfe benötigt, kann Angst machen. Doch nicht nur das: Vielen jagt es eine noch größere Angst ein, sich einen Therapeuten zu suchen und einem fremden Menschen erklären zu müssen, wie es einem psychisch geht: Wie wird derjenige reagieren? Wird er mich belächeln? Mache ich etwas falsch? Worauf muss ich überhaupt achten, wenn ich einen Psychologen suche? Auch die empathielosen Reaktionen des sozialen Umfelds halten viele von einer Therapie ab. Nicht nur outet man sich als “psychisch krank”. Man schämt sich für seine Herausforderungen und Symptome, glaubt vielleicht sogar, man müsste es allein bewältigen. Tun man das nicht, kommt man sich unfähig und schwach vor. Es ist sowohl für Männer als auch Frauen schwer, endgültig den Schritt in die Therapie zu wagen. Möge dir dieser Beitrag helfen.

Muss ich in Therapie gehen?

muss ich in therapie?

Du musst gar nichts, doch es hat gehörige Nachteile, wenn du dich für eine Therapie entscheidest:

Die Wahrscheinlichkeit, dass deine Symptome schlechter als besser werden, ist größer als umgekehrt. Die Wahrscheinlichkeit, dass du morgen ohne Hilfe noch weniger Kraft hast, ist hingegen groß. Vermeidungsverhalten merkt sich das Hirn leicht, positive Veränderungen werden schwerer. Je mehr Stresshormone du in deinem Körper hast, z. B. durch

  • Schuldgefühle, weil du es allein nicht schaffst oder Hilfe brauchst
  • Angst und Traurigkeit über die Situation
  • Wut, weil es dich getroffen hat bzw. du keine Lösung findest

desto weniger Ressourcen hat deine Psyche, es zu überwinden.

Einzige Ausnahme könnte sein: Du nutzt deine Wut als Katalysator oder suchst dir eine größere Angst, um Wege zu finden, z. B. die Angst, dass es ewig so bleiben könnte. >> Leseempfehlung zur Methode “Die größere Angst”

2) Angenommen, deine Psyche erkennt die Störung als einen guten Weg, damit du

  • dich mehr um dich kümmerst
  • mehr den Fokus auf dich legst (statt auf andere)
  • deine Herausforderungen angehst statt “über” sie hinweglebst
  • dich von “Störenden”/Störendem in deinem Leben trennst
  • dich selbstwirksam und erwachsen fühlst, unabhängig und frei:

Diese Ziele sind besser in einer Therapie umsetzbar. Man kann dort selbst eine Scheiß-egal-Einstellung lernen, wenn es das ist, was man braucht. Oft ist eine Störung eine gut gemeinte, wenn auch scheinbar sinnfreie Art und Weise deiner Psyche, dir zu sagen: So, jetzt lass uns mal Butter bei de Fische mach’n, ja? So geht das nicht weiter. Das ist nicht gesund für dich. Man kann in Therapien Methoden lernen für das, was man braucht – ohne störende Symptome. Und das ist der Sinn. Der Sinn ist nicht, ein Vermeidungsverhalten einzustudieren oder um psychische Symptome herumzuleben.

Exkurs – Krankheitswert einer psychischen “Störung”

Stress und Auswirkungen

(Ein Begriff der Psychologie und bittere Pille für alle Betroffene – auch für mich, als ich noch Agoraphobie mit Panikattacken hatte.)

Eine Störung erlaubt oft, etwas nicht zu müssen/können/dürfen, solange man sie hat. Dieser Nutzen hält dich in Angst, Depression, Ess-, Zwangsstörung usw. gefangen. Die psychische Belastung hat aber maßgebend Einschränkungen für DEIN Leben. Sie könnte dich von der Außenwelt abschneiden (Agoraphobie, Panikstörung), dir das Gefühl der Unfähigkeit/Unwirksamkeit/Wertlosigkeit (Depression) geben oder dass du nur da wärst, um für andere da zu sein (emotionale Erschöpfung), es aber nie um dich gehen dürfe, du schlank sein müsstest (Essstörung), um geliebt zu werden, du nichts im Griff und unter Kontrolle hättest, dir nichts zutrauen dürftest usw. Leider liegt hier oft die Krux: Statt etwas „einfach so“ zu machen und zu sein, was Kritik, Ablehnung, Angst, Wut, Scham, Schuld, Traurigkeit usw. auslösen könnte, umgehen wir das gesunde Verhalten zu oft – ein bisschen wie die Grippe, die uns flachlegt, wenn man zu viel gearbeitet hat.

Natürlich willst du diese Symptome nicht, die Störung nicht, die Einschränkungen. Das glaube ich dir, mir ging es genauso. So ging es uns allen. Das erlöste uns nicht davon, genauer hinzusehen: den Nutzen, sog. Krankheitswert, anzusehen. Es ist ein komplexes Thema. Hier das Wichtige: Deine Psyche könnte X als “wertvoll” erachten, weil du dann

– in einer Beziehung bleiben könntest, die schon länger unbefriedigend, emotional/physisch gewalttätig oder auslaugend ist

– du keine Konflikte/Auseinandersetzungen ertragen müsstest

– du dich nicht schlecht, schuldig oder beschämt fühlen würdest

– du deine Bedürfnisse nicht priorisieren müsstest (Kritik & Beschuldigungen blieben aus)

– du vieles unter Kontrolle behalten könntest, einschl. Harmonie

– sich wenig oder Schlechtes besser anfühlt als gar nichts

– du dir etwas bewahren kannst (Status, Anerkennung, Aufmerksamkeit

oder Ansehen/Reputation, Liebe, Zugehörigkeit)

– du so nichts falsch machen würdest in den Augen anderer

– dir niemand zu nahekommen würde bzw. sich distanzieren würde (du dich nicht mit deiner Angst vor Trennung auseinandersetzen müsstest, nicht allein sein müsstest – oder die Angst, es zu sein, nicht aushalten müsstest)

Jede/r hat seine eigenen Dynamiken. Sie beruhen entweder auf dem Ego (Ego hat jede/r, kein Grund zur Besorgnis!) oder etwas “Falschem”, was wir als “richtig” gelernt haben/uns so beigebracht wurde. In vieler Hinsicht basiert der Nutzen auf Erfahrungen während der Kindheit (Wenn du so und so bist, wirst du geliebt.) oder Beziehungserfahrungen im späterem Leben (So und so erhalte/bewahre ich mir Zugehörigkeit und Aufmerksamkeit, Anerkennung usw.).

Die Suche nach dem richtigen Therapeuten: So findest du ihn und das kannst du beachten

wenn die therapie scheitert und versagt und nicht funktioniert

Du hast Angst vor Therapeuten – oder Ärzten im Allgemeinen -, fürchtest, dass sie dich nicht verstehen oder ernst nehmen oder belächeln würden, dir das Gefühl geben könnten, mit dir würde etwas nicht stimmen? Du willst diese Art der Aufmerksamkeit eigentlich gar nicht? Du weißt nicht, was du sagen sollst, wo du suchen sollst?

Eine wie auch immer geartete Störung bedeutet Verantwortung – sei es, dass du sie endlich übernehmen sollst (Selbstverantwortung) oder du Verantwortung endlich abgeben lernen sollst (Hilfe annehmen, dir die richtigen Personen für dein Leben suchen usw.) Das gilt besonders bei der Wahl deiner Ärzte/Therapeuten: Betrachte sie wie eine neue Wohnung oder ein neues Auto, das du dir ansiehst. Wenn es dir nicht gefällt, würdest du es nicht nehmen.

Schritt 1. Rufe dir im Internet eine Therapeuten-Datenbank auf oder gehe zu deinem Allgemeinmediziner und lass dir eine Überweisung geben. Besprich entweder mit deinem Hausarzt, was du glaubst zu haben/immer noch hast, oder frage bei einem Therapeuten nach verfügbaren Kapazitäten an (hier oft Anrufbeantworter -> Nachricht hinterlassen & um Rückruf bitten!).

Schritt 2. Kommuniziere so klar und kurz wie möglich, wenn du deine aktuelle Herausforderung beschreibst:

(Was?) Ich befürchte, dass ich … (eine Panik-, Ess-, Zwangsstörung, Depression usw.) entwickelt habe.

(Wieso?) Ich habe Panikattacken, erbreche absichtlich, kontrolliere alles dreifach, bevor ich das Haus verlasse, bin oft ausgelaugt und fühle mich zu schwach für einfache Erledigungen usw.

(Seit wann?) Ich habe das seit … (Zeitraum, Häufigkeit)

Schritt 3. Such dir einen Arzt/Therapeuten, der dich als Mensch wahrnimmt. Gib darin nicht auf, trotz schlimmer Erfahrungen. (Ich hatte Dutzende, aber habe doch Ärzte gefunden, die zu mir passen.)

Gute versus schlechte Therapeuten/Ärzte

gute und schlechte ärzte und therapeuten

Meine Mutter (Krankenschwester) hat früher zu mir als Jugendliche immer gesagt: Du darfst alles werden, Netti, aber du machst nichts im medizinischen Bereich, klar? Sie weiß um die negativen Seiten. Das trifft den Nerv vieler, die schlechte Erfahrungen mit Ärzten aller Art gemacht haben. Einige sind unfreundlich, kurz angebunden, übergriffig, respektlos, besserwisserisch bei deinem Körper, ignorant, weigern sich, zuzuhören oder deine individuellen Anliegen/Herausforderungen bei einer Therapie zu berücksichtigen. Das finden wir bei Architekten, Lehrern, Buchhaltern, Büroangestellten usw. auch. Ärzte/Therapeuten sind leider auch nur Menschen, die Probleme bzw. einen schlechten Tag haben oder “keinen Bock mehr” – so, wie wir alle dann und wann. Das soll weder Fehlverhalten gutheißen noch rechtfertigen.

Klare und kurze Kommunikation kann auch hier helfen:

– “Ich glaube, wir missverstehen uns. Ich suche nach einem Arzt, der …”

– “Ich möchte eine Therapie ohne …”

– “Ich glaube eine andere Therapie wäre optimaler für mich.”

– “Ich glaube, ich bin bei Ihnen nicht gut aufgehoben. Ich werde mich nach einem anderen Arzt umsehen.”

Nur zu oft halten wir den Mund, weil wir Ärzte als überhohe Respektpersonen sehen, nicht als Menschen. Ich habe mir das bei meiner Arztsuche abgewöhnt, weil mir nichts anderes mehr blieb.

In unserer heutigen Zeit nehmen viele Ärzte, um dem Ansturm an Patienten Herr zu werden, die erstbeste, am häufigsten auftretende Ursache einer Krankheit – und die eine Therapie, die im Schnitt den meisten hilft (nach ihrer Erfahrung). Viele sind (so meine Mutter) aber genervt wegen “Simulanten”, die nur eine Krankschreibung wollen, echten und unechten Hypochondern (Personen, die eine existente Hypochondrie haben versus solche, die primär Aufmerksamkeit wollen, aber keine Symptome haben.) Viele Ärzte würden sich nicht trauen, das anzusprechen). Empathie, das Vermögen, quer zu denken sowie das große Ganze zu sehen, sei eine Frage der Zeit und Mittel. Zudem gebe es Ärzte, die primär symptomorientiert arbeiten (Ah, Grippe! Hier, ein Medikament.) versus ganzheitlich.

Vom “Engel in weiß”-Mythos müssen wir uns verabschieden. Wir sind alle nur Menschen. Finde deshalb lieber den richtigen Menschen (auch wenn es nervt), statt einen Arzt, der … Es ist wie mit der Partnersuche: Nicht gleich der/die Erstbeste ist geeignet. Manchmal lohnt sich das Warten. Oft lohnt sich vor allem ein klares, direktes Gespräch, in dem du deine Grenzen kommunizierst, bzw. die Frage, ob ihr zwei gut zusammenpasst. Besonders bei Therapeuten kann man zumindest davon ausgehen, dass sie Psychologie studiert haben, weil sie Personen wie dir helfen woll(t)en. Solltest du dennoch auf jemanden treffen, der dich belächelt oder nicht ernst nimmt, kommuniziere es, berate dich mit deiner Krankenkasse und/oder suche dir ggf. auf Selbstzahlerbasis jemand anderes, bis du einen neuen gefunden hast. Finde dich aber nie mit dem Zweitbesten ab. Gib nicht auf. Such weiter nach Lösungen und Menschen für deine Heilung.

Was werden die anderen denken und sagen?

was werden meine freunde und familie sagen

Machst du dir Sorgen, was Freunde, Familienmitglieder und/oder Kollegen denken, wenn sie erfahren, dass du in Therapie bist? Viele nehmen es sehr viel positiver auf, als man geglaubt hätte. Die Gefahr, dass es anders kommt, bleibt jedoch bestehen und ist immer gegeben. Hier meine Tipps:

1.) Verschweige es gegenüber für dich kritischen Personen und vertraue dich nur solchen an, von denen du Verständnis bekämst.

2.) Kommuniziere klar und deutlich, dass XYZ dich einschränkt und du es als deine Aufgabe empfindest, es aus dem Weg zu räumen.

3.) Wenn jemand meint, du müsstest das allein bewältigen können oder dich bewertet, weil du es nicht allein schaffst bzw. Krankheit XYZ überhaupt hast: Jemandem, der das noch nicht erlebt hat, steht keine Meinung dazu zu. Das kann man auch so sagen. Wer nicht weiß, wovon er spricht, sollte gar nicht erst sprechen.

4.) Distanziere dich von verständnislosen Menschen aus genau diesem Grund: Solange du kein Verständnis zeigst, möchte keinen Kontakt.

Dieser Beitrag entstand aus der “Du fragst – ich antworte”-Rubrik. Du hast auch eine Frage und glaubst, ich könnte dir helfen? Dann sende mich deine Frage (per E-Mail, via Instagram oder Facebook – Links siehe Menü) und ich werde mich ihr alsbald annehmen. Die Antworten erscheinen auf allen sozialen Medien und hier im Blog. Trau dich!