Wieso ein Vision Board nicht ausreicht, um deine Ziele umzusetzen: Was du noch brauchst

Wieso ein Vision Board nicht ausreicht, um deine Ziele umzusetzen: Was du noch brauchst

 

Vision Boards sind beliebt, um sich seine Ziele und Träume vor Augen zu halten. Diese Zielcollage wird dann sichtbar aufgehängt, um seine Wünsche und Träume nicht mehr aus den Augen zu verlieren. Sie sind also Zielcollagen, die deine Motivation schüren sollen, damit du deine Ziele umsetzt. Man erstellt sie mit Papier, Schere, Klebstoff, Ausschnitten aus Zeitungen und Magazinen oder Ausdrucken digitaler Bilder. Oder man wählt eine der unzähligen Apps und Software im Internet, u. a. Pinterest zur Erstellung seines Vision Boards, auch Dream Board genannt.

Doch wie erreicht man seine Ziele auf diesem Vision Board und was genau blockiert dann trotzdem, wo das Vision Board doch so schön geworden ist? Es sind, wie sollte es anders sein, Ängste – getreu dem Sprichwort: Sei vorsichtig mit dem, was du dir wünschst. Es könnte wahr werden (und macht dir deshalb schon im Vorfeld eine Heidenangst).

 

Das Vision Board: Deine große Vision für deine Zukunft

kläre die Ängste hinter deinen Träumen und Wünschen

Beispiel für ein Vision Board | Foto: www.dabble.co

Oberflächlich betrachtet ermöglicht ein Vision Board nicht nur die Rückerinnerung an vergangene oder verdrängte Ziele, sondern auch an Träume, die im Alltag in Vergessenheit gerieten. Neurowissenschaftlich gesehen ist so ein Board ein erstaunlich kraftvolles Instrument, denn es beinhaltet deine Werte und Ideale. Es fungiert als visualisierte Bucket List: Dinge bzw. Erlebnisse, die man in seinem Leben noch erreichen möchte, bevor man stirbt. Gleichzeitig ist sie weit mehr als nur eine Collage, denn sie reduziert dein Leben auf eine sogenannte Big Vision, eine große Vision: deine.

Es bleibt nicht erspart, sich mit seinen Zielen und Bedürfnissen auseinanderzusetzen: Was man sich sehnlichst wünschte, früher, als man noch jung war, unverheiratet oder kinderlos. Oder das Board beinhaltet Pläne und Ziele für das aktuelle Jahr. Ein Vision Board ist ganz allein deins und du entscheidest, wie du es gestaltest. Es hilft dir dabei, deine gesetzten Ziele zu erreichen.

Definiere deine Ziele.

Manchmal fällt es schwer, sich an seine vergessenen Ziele, Träume und Bedürfnisse zu erinnern. Was hilft, ist sich inspirieren zu lassen. Nimm ein paar alte Zeitschriften, Magazine oder „blättere“ im Internet in kostenfreien Fotobörsen wie z. B. unsplash.com oder pixabay.com. Nutze dir Bildersuche, falls du ein Ziel benennen, aber nicht so recht visualisieren kannst.

Definiere einen oder mehrere Leitsätze.

Mit diesen Bildern formulierst du nun Leitsätze.

Wenn du dir eine geborgene und liebevolle Beziehung wünschst, aber häufig an den „falschen“ Partner gerätst, könnte dir mein folgender Leitsatz nutzen: Ich halte Ausschau nach emotional erfüllenden, sanften, zärtlichen, geborgenen, ehrlichen und nahen Momenten mit einem neuen Partner, in denen ich liebe und von dem ich mich lieben lasse.

Falls du einen beruflichen Wunsch hast, zum Beispiel eine Neuorientierung, aber nicht so recht weißt, wo du anfangen sollst, könnte dir dieser Leitsatz helfen: Ich lebe meine Bestimmung und vertraue darauf, dass sich mir die nächsten Schritte von allein zeigen.

Falls du auf Wohlstand oder mehr finanzielle Fülle aus bist, könnte dieser helfen: Ich bin umgeben von Reichtum. Geld fließt aus allen Richtungen zu mir. Ich bin bereit, das mir bestmögliche Leben zu leben. 

Die Leitsätze sind nie mit Modalverben gefüllt: kein müssen, sollen, wollen, möchten, hätte, könnte usw. Du formulierst sie in der Gegenwartsform, nicht in der Zukunftsform mit „werde“, sondern mit „bin, habe, tue/mache, kreiere, liebe, erschaffe, handle usw.“.

Solche Leitsätze kannst du entweder im Kopf formulieren oder aufschreiben, hinten auf das Vision Board kleben oder mit Erinnerungswörtern wie „Liebe“, „Erfolg“, „finanzielle Fülle“ etc. als Teil der Collage versehen, zum Beispiel durch Überschriften aus Zeitschriften.

Spätestens, wenn die Collage fertiggestellt wurde, fragen sich die meisten Menschen, wie sie nun die dortigen Ziele und Träume verwirklichen können. Wo also ist die feine Grenze zwischen Traum und Realität, Wunsch und Handeln, Hirngespinst und Wirklichkeit?

 

Das Fear Board: Ängste als Schwellenwächter deiner Träume

Lloyd Burnett, US-amerikanischer Coach, und sein Fear Board zur Klärung der Ängste, die mit deinen Zielen und Wünschen einherkommen

Das sogenannte Fear Board stammt (meines Erachtens) vom US-amerikanischen Coach Lloyd Burnett. Er rät jedem, der Blockaden bei der Umsetzung seiner Träume und Wünsche verspürt, sich nebst dem Vision Board eine eigene Collage über die mit den Träumen und Wünschen verbundenen Ängste anzufertigen.

Zwar haben die meisten seiner Klienten und Klientinnen exakte Vorstellungen von dem, was sie in ihrer Zukunft manifestieren möchten. Doch scheinbar stehen ihn immer wieder unsichtbare Hürden im Weg, die sie von der endgültigen Verwirklichung abhalten.

„Sei vorsichtig, was du dir wünscht. Es könnte wahr werden.“ So sagt ein chinesisches Sprichwort.

  • Es könnte sein, dass du dir der Kehrseite nicht bewusst bist.
  • Es könnte sein, dass du mit den Konsequenzen nicht umgehen könntest.
  • Es könnte sein, dass du nur einen kleinen Teil des Bildes siehst, statt des großen Ganzen.
  • Es könnte sein, dass dein Ziel mit Opfern verbunden ist.
  • Es könnte sein, dass für deine Zufriedenheit nach der Erfüllung deiner Träume noch einiges zu erledigen ist,

zum Beispiel Ängste zu überwinden.

 

Beispiele sind diese:

Sagen wir, du träumst von einem Haus am Meer. Dafür müsstest du deine jetzige Stadt verlassen und damit auch deinen Freundes- und Bekanntenkreis, deine Arbeitsstelle. Vielleicht würde dein Partner/deine Partnerin nicht mitkommen (wollen/können). Dort am Meer bräuchtest du so oder so bald neue soziale Kontakte, sonst wärst du ziemlich einsam. Auch wenn das Meer zutiefst befriedigt, so ersetzt es keinen warmen Kakao mit einer Freundin, wenn alles brennt. Außerdem ist ein Haus immer mit Kosten verbunden, für die du finanziell gewappnet sein musst. Du bräuchtest auch einen neuen Job und müsstest obendrein eventuell noch saisonale Urlauberstürme ertragen. Möchtest du, dass dein Haus am Meer dann auch noch in einer warmen Region liegt, müsstest du sehr sicher in den tiefen Süden von Europa, wo du eine neue Sprache bräuchtest, um dich zu verständigen. Falls du ein Kind hast, müsstest du es aus seiner Umgebung reißen und bei getrennt lebenden Eltern würde das andere Elternteil sein Kind sehr viel weniger sehen, was mindestens zwei Beteiligte (ihn und das Kind) wehtun könnte. Sie könnten wütend auf dich sein oder dir Ärger machen, den du fürchtest. Du könntest zu glauben beginnen, dass du einzelne Neubeginne nicht bewältigen könntest.

Oder sagen wir, du wärst gern selbstständig, aber weißt nicht, „ob es wirklich etwas für dich wäre“. Du träumst davon, einen eigenen kleinen Laden in der Innenstadt zu haben oder als digitaler Nomade die Welt bereisen zu können, wann und wie lange du möchtest. Erneut zieht es Konsequenzen nach sich, für die du gewappnet sein solltest, z. B. Existenzängste, weil irgendwoher der Lebensunterhalt kommen muss oder bislang fehlende Akquise- und Marketing-Kenntnisse.

Jeder Traum birgt Herausforderungen. Einige meistert man währenddessen, Schritt für Schritt. Für andere wiederum braucht man einen Plan B, falls der Plan A nicht aufgehen sollte. Als ich mich selbstständig als freie Autorin machte, hatte ich einige Monate ohne Schlaf bewältigen müssen, weil ich fürchterliche Angst hatte, finanziell nicht überleben zu können. Dabei hatte ich bereits einen sehr guten Grundstock. Dennoch bringt auch das Veröffentlichen über einen Verlag seine Hürden mit sich, zum Beispiel Medienarbeit, für die man bereit sein muss. Sich zeigen, eventuelle Kritik einstecken und wegstecken können, unterwegs zu Lesungen sein, währenddessen man Betreuung für die Kinder oder Tiere braucht, sich einer breiten Öffentlichkeit stellen, Rede- und Auftrittsangst überwinden usw.

Welche Hürden auf dem Weg zur Erfüllung deiner Träume fallen dir ein? Was bringt dein Traum an Opfer mit sich? Welche kannst du bewältigen? Bei welchen wird dir übel? Welche Menschen kennst du, die dir helfen könnten, bestimmte Ängste zu überwinden, die mittendrin auftauchen?

Unser Unterbewusstsein ist ein schillerndes Feld aus Erfahrungen und verborgenem Wissen. Es weiß genau, was du glaubst, zu können, wo es hapert oder was dir mehr als nur schwerfällt und was dich verletzen würde. Die inneren Blockaden kommen nicht nur vom inneren Kind, wie es die Psychologie oft meint. Wir kennen uns tatsächlich besser, als wir meinen. Haben wir erst einmal unsere Ängste, die mit dem Ziel, der großen Vision, in Verbindung stehen, extrahiert, können wir uns an die Lösungen und Bewältigung machen.

Für den Moment bitte ich dich, dich deinen Ängsten zu widmen. Schreibe sie alle auf. Gehe bewusst mental einmal in die „erfüllte Welt deines Traumes“.

  • Welche Aufgaben bringt er mit sich?
  • Wie steht es dann um dein soziales Umfeld?
  • Was würdest du ggf. verlieren?
  • Welche Bereiche deines Lebens müssten sich ändern, damit dein Traum sich entfalten kann?
  • Wozu bist du (noch) nicht imstande?
  • Wobei bräuchtest du dringend Unterstützung?
  • Was müsstest du noch lernen, bevor es richtig losgehen kann?

 

Das Solution-Board: Lösungen für Ängste

Das zu den vorherigen Boards passende Solution Board, eine Lösungscollage, ist eine Erweiterung von mir. Ich entwickelte diese Idee, als ich mich auf die Suche nach Möglichkeiten begab, wie ich meine Herausforderungen und Ängste in Bezug auf meine Träume überwinden könnte. Bei dieser Lösungscollage stellt man

seine Visionen – seine Ängste in Verbindung mit den Visionen – passende Lösungen

gegenüber. Das kann man sowohl tabellarisch machen oder als Mindmap oder formlos und in Stichpunkten. Der Fokus bei diesem Board liegt auf gezielten Maßnahmen und Möglichkeiten der Unterstützung in Bezug zu jeder einzelnen Vision, nicht der gesamten, und der damit verbundenen Angst.

Wenn du beispielsweise alte Muster bei deiner Partnerwahl auflösen möchtest, könnte die Gegenüberstellung so aussehen:

 Traum Ängste Lösungen
gegenseitige, erwiderte GefühleIch könnte mich wieder verrennen und täuschen.Ich achte von Beginn an auf alle Signale.
 Ich achte auf Offenheit, Klarheit und Taten statt Worte.
 Ich achte auf Gegenseitigkeit.
Wenn ich bemerke, dass der Mensch zögert, könnte ich erneut zu viel geben/ klammern, aus Angst.Ich bleibe ruhig, wenn mir das auffällt.
Ich setze eine Zeitspanne, in der derjenige sich öffnen kann.
Ich suche keine Schuld – nicht bei ihm und nicht bei mir.
Ich akzeptiere, falls derjenige wenig Interesse hat, und löse mich.

 

Wenn du dich zum Beispiel selbstständig machen möchtest, könnte die Gegenüberstellung so aussehen:

 Traum Ängste Lösungen
erfolgreiche Selbstständigkeit als …finanzielle EngpässeIch baue die Selbstständigkeit nebenberuflich auf, bis sie eine stabile Grundlage hat/ich sparen konnte.
Ich konzentriere mich auf passives Einkommen.
Ich erwirtschafte noch durch andere Tätigkeiten Geld.
sich zeigen müssenIch habe Talente, auf die ich stolz bin.
Ich frage meinen Bekannten- und Freundeskreis, wie ich einzelne Hürden meistern könnte.
Ich beauftrage einen Coach, der mir bei der Überwindung meiner Angst hilft.
Ich gehe Schritt für Schritt und lerne, meine Angst auszuhalten.
Ich überlege mir Reaktionsschemata, falls ich Kritik ernten sollte.
VersagensangstIch tue, was in meiner Macht steht.
Ich gebe meinem Leben und meiner Gesundheit Vorrang.
Ich suche mir Unterstützung, zum Beispiel einen Marketing Coach oder eine Agentur.
Ich plane von Vornherein mögliche Interventionen, falls es eng wird, zum Beispiel ein monatliches Budget für Marketing, lese Bücher zum Thema oder erstelle einen Aktionsplan. So bleibe ich in entscheidenden Momenten ruhig.
Ich vernetze mich mit Gleichgesinnten und bitte sie um ihre Erfahrungen und was ihnen hilft.
Ich akzeptiere Loslassen, falls ich alles getan habe, was in meiner Macht stand.

So eine Übersicht lässt sich für alle Träume erstellen, auch für alltägliche Aspekte, wie beispielsweise die Integration von Sporteinheiten in die Woche. Vom Hausanbau über berufliche Ambitionen, dem Haus am Meer, Ferrari oder Partner fürs Leben, dem erfüllten Kinderwunsch oder der besseren Kommunikation mit Vorgesetzten, Kollegen oder Kunden: Die drei vorgestellten Boards/Collagen können monatlich, jährlich oder lebensbezogen das Tool zur Wahrung und Erfüllung deiner echten Ziele sein.

Die folgende Übersicht soll es dir erleichtern, dir dieser drei Bereiche bewusstzuwerden. Du kannst sie dir hier als druckbare Version herunterladen.

 

Und nun zur Umsetzung

Entweder du erstellst drei Boards, je nach Zeit und Lust, ein Vision Board, ein Board für deine Ängste und ein Lösungsboard. Diese Vorgehensweise wird etwas mehr Zeit in Anspruch nehmen. Allein das Finden und Zusammenstellen der einzelnen Elemente kann aufwendig werden. Doch falls du in kreativen Aufgaben aufgehst oder dir bezüglich deiner Träume noch etwas unsicher bist, kann diese Herangehensweise sehr produktiv sein. Entscheide selbst.

Wähle ein passendes Format für dein/e Board/s. Die Boards brauchen einen gut sichtbaren Platz in deiner Lebens- bzw. Arbeitsumgebung. Nur, wenn du sie stets vor Augen hast, vergisst du deinen Weg nicht. Wo kannst du es hinhängen, wo du es stets siehst? Wähle ein Format, was auch seinen Platz in deiner Umgebung finden kann.

Möchtest du es rahmen oder nur mit Klebestreifen oder Fixiergummi an die Wand hängen? Entscheide über diese Schritte.

Entscheide auch, wie „bunt“ oder wie „minimalistisch“ es aussehen soll. Soll die Collage aus vielen Bildern bestehen oder aus wenigen? Möchtest du viele Schriftzüge oder einzelne Wörter selbst auf die Collage schreiben?

Eine andere Möglichkeit, wie alle drei Boards in eins integriert werden können, ist eine Collage zu erstellen. Es hat sich bewährt, zuerst den Traum visuell darzustellen, daneben die Lösung und darunter die damit verbundene Angst. Wie du es anordnest, ist natürlich dir überlassen. Es muss mit deinem Herzen räsonieren und für dich stimmig sein.

Ich wünsche dir viel Spaß bei der Erstellung!

 

Mel Robbins “5-Sekunden-Regel” gegen Aufschieberitis & Prokrastination

Mel Robbins “5-Sekunden-Regel” gegen Aufschieberitis & Prokrastination

 

Wer kennt das nicht? Man liegt bequem auf dem Sofa und müsste/möchte eigentlich gerne Sport machen oder mal wieder etwas Gesundes kochen, wie versprochen die Eltern anrufen, aufräumen oder die Wäsche machen. Aber der innere Schweinehund hat einen fest im Griff und will kuscheln. Aufschieberitis, in Fachkreisen Prokrastination genannt, erwischt jeden einmal – ganz sicher in der dunklen Jahreszeit, wenn Couchen so viel schöner ist als Aktives. Das kannte auch die amerikanische Speakerin und Autorin Mel Robbins und entwickelte aus ihren eigenen Erfahrungen heraus eine simple Methode gegen Null-Bock-Stimmung und Stimmungstiefs.

 

Wie die 5-Sekunden-Regel gegen Prokrastination und den inneren Schweinehund entstand

Wie kam es überhaupt zur 5-Sekunden-Regel?

endlich morgens aus dem Bett kommen? mit Mel Robbins 5 Sekunden Regel könnte es klappenMel Robbins sorgte mit ihrem Buch „The 5 Second Rule“ für viel Furore sorgte. Im deutschsprachigen Raum erschien das Buch unter dem Titel Die 5 Sekunden Regel: Wenn du bis 5 zählen kannst, kannst du auch dein Leben verändern. (Mit ErinnerDich-Armband für einen bewussten Alltag)”.*

Die darin beschriebene Strategie entwickelte sie selbst, ohne wissenschaftliche Studien und Hintergründe, als ihr Leben am Boden war und sie mit ihrem Mann kurz vor dem finanziellen Ruin stand – hochverschuldet und hoffnungslos. Sie litt unter depressiven Verstimmungen und hatte Mühe, die Tage auch nur annähernd selbstbewusst und angstfrei, motiviert und mit Vertrauen anzugehen. Was sich bereits frühmorgens mit dem Aufstehen zeigte.

Sie erzählt in ihren Interviews und Büchern erschütternde Episoden aus dieser Zeit ihres Lebens – zum Beispiel, wie sie jeden Morgen die Snooze-Taste ihres Weckers drückte, weil sie einfach keine Kraft hatte, aufzustehen. Ihr fehlte auf der anderen Seite auch der Sinn, aufzustehen und einen weiteren, angstvollen Tag zu verbringen. So vergingen Monate.

Dann sollte der eine Tag kommen, an dem sie dieses Verhalten durchbrach. Einfach so. Und sie schaffte es mit einer Methode, die sie aus der Raumfahrt kannte: das Herunterzählen bis zum Start des Raumschiffs.

 

So funktioniert die 5-Sekunden-Regel

Am besagten Morgen klingelte also wieder der Wecker. Doch statt die Snooze-Taste zu drücken, dachte sie an Raketenstarts und beschloss, dass sie – wie eine Rakete – ebenso aufstehen würde.

Sie sagte sich:

5-4-3-2-1: GO!

und stand auf.

Danach benutzte sie diese Methode jeden Morgen und verwendete sie auch bei anderen Herausforderungen, um Prokrastination, Lustlosigkeit, Angst vor schwierigen Aufgaben und selbst lästige Gewohnheiten endgültig hinter sich zu lassen. Ihre einfache Strategie steigerte nicht nur ihre Produktivität. Als Konsequenz erhöhte sich auch ihre Selbstwirksamkeit und somit auch ihre Selbstwirksamkeit.

Nachdem sie ihr Buch geschrieben und veröffentlicht hatte, stellte sie fest, dass auch andere Menschen von ihrer Methode profitierten. Die Resonanz auf ihre Methode war, um genau zu sein, so gewaltig, dass ihr selbst Menschen mit Depressionen schrieben, weil ihre Methode ihnen geholfen hatte – weshalb sie jeder einmal ausprobieren und für sich prüfen kann. Vielleicht funktioniert sie auch für dich.

Wer sich dabei helfen möchte, dem kann ich ihr Buch nur empfehlen: Die 5 Sekunden Regel: Wenn du bis 5 zählen kannst, kannst du auch dein Leben verändern (Mit ErinnerDich-Armband für einen bewussten Alltag).

Passend dazu veröffentlichte sie (momentan nur in englischer Sprache verfügbar) ein Motivations-Tagebuch für den besten Start in den Tag oder wie Mel Robbins es nennt: The 5 Second Journal: The Best Daily Journal and Fastest Way to Slow Down, Power Up, and Get Sh*t Done

Ich wünsche dir jedenfalls viel Erfolg!

 

Was sollst du noch machen, um deine Phobie & Panikattacken zu überwinden?

Was sollst du noch machen, um deine Phobie & Panikattacken zu überwinden?

 

Wenn ich an die Zeiten mit Agoraphobie und Panikattacken zurückdenke, fallen mir vor allem meine Fehler ein – Fehler, die ich mir und dem Leben, das ich bin, gegenüber beging. Von Selbstbetrug und -verrat, egogesteuertem Denken, der Sehnsucht danach, jemand zu sein – fehlerfrei, selbstlos, be- und geliebt, gut/besser, wichtig und genug –, meine Identität zu gestalten anstatt sie zu erkennen, mir und der Welt etwas zu beweisen bis hin zu radikalen Verbrechen an meinem Körper, Geist und Herzen, war alles dabei. Und dennoch fragte ich mich ständig: Was soll ich denn machen, um meine Angstzustände und Panikattacken zu überwinden?

Besonders diese Fehler führten nach meiner heutigen Einschätzung zu den vielen Angststörungen:

 

Was muss man machen, um Phobien & Panikattacken zu überwinden?

lektionen des lebensAls ich in Therapie ging, war ich ratlos, was ich noch machen konnte, damit die Angst, meine Phobie mit Panikattacken, wieder verschwindet. Ich war blauäugig genug, um anzunehmen, es würde reichen, eine Woche Urlaub zu machen, mich etwas zu bewegen und zu entspannen. Wie lange meine Genesung tatsächlich brauchte und was es bedurfte, damit ich mein Leben wieder in den Griff bekommen würde, war mir zu dem Zeitpunkt nicht klar.

Ich glaube heute, dass es nicht nur darum geht, im Großen zu handeln und für sich das zu tun, was man am meisten fürchtet, zum Beispiel zu kündigen und sich einen neuen Job zu suchen, in einer Beziehung Ansprüche zu stellen oder seine Bedürfnisse zu artikulieren, seine Verwundbarkeit zu adressieren oder loszulassen, sich zu trennen, wenn dieser Lebensabschnitt zu große Schmerzen bereithält. Es sind sowohl die kleinen als auch großen Schritte, die nötig und möglich sind. Auch wenn ich glaube, dass Loslassen bzw. Rückzug die Antwort für viele Betroffene mit Angst und Panik sein könnte, so muss nicht jeder Schritt ein Bruch mit dem momentanen Leben sein.

Ich hatte aus den ersten zwei Episoden und der letzten Angst- und Panikstörung gelernt, dass mein System Rückzug und Distanz präferiert ­– aus Situationen, in und mit denen ich lebte.

  • Waren sie gut?
  • Reichten sie mir?
  • Wie dienten sie mir?
  • Konnte und wollte ich ihnen dienen?
  • Oder lähmten sie mich?
  • Hielten sie mich ab von dem, was ich mir wünschte?
  • Folgte mein Leben meinen Fähigkeiten, sodass ich sie einsetzen und über sie hinaus wachsen konnte?
  • Oder waren meine Lebensumstände nur „zu viel“ von „zu wenig“?
  • Wo war mein Platz auf dieser Welt und waren die Plätze, die ich einnahm, wirklich meine oder nur Orte, an denen ich geduldet wurde – begleitet durch Bedingungen, die ich zu erfüllen hatte?
  • Liebte ich von Herzen oder war ich mehr damit beschäftigt, meine Angst, nicht geliebt zu werden, abzuwehren?
  • Wie viel Abhängigkeit steckte in meinem Leben?
  • Wie selbstwirksam war ich tatsächlich?
  • Und was war ich bereit, für mich zu tun, um meine Gefühlswelten, samt meiner Angst, zu verändern?

Diese und andere Fragen stellte ich mir und Angst motivierte mich dazu, die Antworten zu finden. Vielleicht zwang sie mich auch. Stell dir doch einmal diese Fragen, nimm dir einen Zettel und einen Stift und beantworte sie dir – frei aus dem Herzen heraus. Vielleicht ergeben sich wertvolle Antworten.

Manchmal reicht es aus, das falsche Selbst, das man wie eine Maske mit sich herumträgt, zu erkennen und langsam aufzubrechen.

  • Was an dir ist wirklich wahr und echt?
  • Bist du wirklich DU – in all deinen Lebenssituationen (Beruf, Familie, Partnerschaft, Freundschaft usw.)?
  • Wo spielst du eine Rolle wie in einem Film?
  • Bist du der Hauptdarsteller/die Hauptdarstellerin oder nur Statist/Statistin?
  • Wo bist du der Regisseur/die Regisseurin?
  • Hast du das Drehbuch geschrieben oder schreibt es dir jemand vor und du bekommst täglich die nächsten Seiten?

Wenn man sich bewusstmacht, wo man in seinem Leben nur handelt, wie andere es von einem erwarten würden, um etwas zu erreichen, könnte man dort den Hund begraben vorfinden. Es könnte sein, dass man eben dort an diesem Ort, an dem zu viele Konflikte oder zu wenig Gefühl vorherrschen, den man irgendwie mag und doch wieder nicht, die Weichen findet, die gestellt werden sollen, damit die Angst weichen kann.

 

Die Symptome sollen weg, aber die Ursachen dürfen bleiben?

ist meine angst nur ein symptom?Wenn man etwas dringend will, ist man zu großen Opfern bereit. Interessanterweise sagt uns unser System, ob es das unterstützen kann oder nicht, und falls ja, inwieweit das möglich ist. Symptome sind ein Zeichen dafür, dass die Antwort Nein lautet. Doch manchmal sind Symptome so verworren, dass man die Antwort nicht versteht. Man weiß, man sollte sich aus Selbstrespekt trennen oder müsste dringend kündigen oder lernen, sich ernst zu nehmen oder weniger wichtig – aber stets glaubt man zu sehen, dass Angst und Panik einen davon abhalten wollen. Sie sagen stattdessen: Geh nicht raus! Geh nicht ins Restaurant vor anderen essen! Du musst perfekt sein, sonst wirst du durchfallen oder den Job verlieren! Du darfst keine eigenen Bedürfnisse haben, Wünsche und Träume für dich, sonst bist du zu kompliziert! Du darfst dich nicht aufregen und dem anderen deine Wut und Enttäuschung zumuten: Also sei nicht so unerhört und dreist! Deine Wut darf niemand sehen! Wenn du das machst, endest du mutterseelenallein! und so weiter und so fort.

Angst redet einem vieles ein, dass leicht verständlich scheint, doch in Wahrheit umständlich, aber clever verpackt ist. Man könnte auch sagen, Angst spricht ihre eigene Sprache. So wie mit Fremdsprachen auch, muss man sie lernen und üben. Erst dann wird man von Tag zu Tag besser, kann sie verstehen und anwenden. Wenn man sie einigermaßen beherrscht, sieht man sie auch an anderen: die Angst, die sie leitet – die, die sie selbst anderen und sich machen und die, die von anderen (absichtlich und unabsichtlich) gemacht wird. Angst kann aber nur dann wirken, wenn etwas auf dem Spiel steht: ein Wert, der bedroht wird oder bereits verlorengegangen ist. Würde man mit ihm nichts verbinden, käme Angst nicht auf. Selbst wenn man es schaffte, die Symptome bzw. die Angst zu überwinden, bliebe die Ursache, insofern sie nicht körperlicher Natur ist, noch immer vorhanden: der Job, der einem nicht gerecht wird, die Partnerschaft, in der man sich auseinandergelebt hat, die Einsamkeit, die auch ohne Angstzustände und Panikattacken leise flüstert, man wäre unwichtig und hätte in der Welt – draußen – nichts zu suchen und zu geben, der Anspruch an sich selbst, wenn man Eltern wird, oder die Angst vor Unfreiheit. Die wahren Ursachen bleiben auch ohne Angst bestehen. Nur weil es schwerer erscheint, die Ursache zu erkennen, und vermeintlich leichter, die Symptome zu bekämpfen, sollte man das erstere dennoch suchen.

Als ich begann, mich statt auf die Bewältigung der Symptome auf die Klärung der Ursache zu konzentrieren, ging es leichter voran. Als ich noch mit den Symptomen kämpfte, war ich so sehr auf die gewollte Abwesenheit der Angst fokussiert, dass ich die Auslöser der Angst schlichtweg übersah: Morgendliche Hektik, laute und negative Menschen, zu viel Kaffee und andere Gifte, zu viele und hohe Erwartungen an mich, die Druck auslösten (auch die Erwartungen, die ich selbst an mich stellte), um nur einige zu nennen.

Es kann sich lohnen, alle Umstände vor und während einer Angst- oder Panikattacke aufzuschreiben und sich ihre Muster anzusehen, bis ins kleinste Detail zu erfassen, und seien sie noch so unwichtig und banal. Einer meiner Klienten war beispielsweise immer in geschlossenen Räumen, auch im Auto als eigenständiger Raum, wenn er Angst vor der Angst bekam, nie draußen. Selbst wenn er sich in der Öffentlichkeit befand und in Gedanken bei seinem Job, in seinem Büro, mit seinem Chef gegenüber, war, war er in Wahrheit nicht aus der belastenden Situation „raus“.

Eine Klientin, frisch geschieden, war oft beruflich unterwegs, hatte ihre eigenen beruflichen Träume aber schon lange begraben und suchte nach ihrem Platz an einem Ort, der nie ihrer sein würde. Sie war aber froh, wenigstens ihren Job zu haben, auch wenn er nicht ihren Fähigkeiten gerecht wurde. Als Kompensation rauchte sie viel und oft auf den Fahrten zu Geschäftstreffen in ihrem Auto, vor den Terminen und danach. Und immer dann kam die Angst.

Eine andere Klientin hatte Panikattacken, immer wenn ihr Menschen/Situationen Gefühle, die sie nicht hatte, abringen wollten: Partner, die nicht zu ihr passten, ihre Mutter, die mehr Anerkennung und Zuwendung forderte, als sie bereit war zu geben, ein Job, der sicher war, aber sie nicht erfüllte. Sie gab sich Mühe, es oberflächlich allen rechtzumachen, obwohl sie wusste, dass sie nicht mehr nur für andere da sein wollte – jedenfalls nicht unter fremden Bedingungen und mit unausgesprochenen Drohungen und Konsequenzen für ihr Leben: Verlust und Ausschluss. Sie vermied Schuld und Scham in allen Situationen, weswegen Angst sich als Symptom zeigte. Überwinden musste sie aber etwas Anderes als Angst, nämlich ihr Empfinden von Scham und Schuld und ihren Umgang mit diesen beiden Gefühlen.

Wieder ein anderer Klient erlebte nach viel Alkohol und Tabak – einen Tag nach dem Konsum – starke Angstzustände. Sein Körper war nur damit beschäftigt, die Gifte auszuleiten und sich zu reinigen. Seine Hormone waren außer Rand und Band und dementsprechend seine Stimmung am Boden. Er musste sich fragen, wieso er so stark trank und rauchte. Er wollte vergessen, seinem Leben, so wie es war, kurz entgleiten und in eine andere, ausgelassenere und friedlichere Welt flüchten, sich vermeintlich mit Alkohol und Zigaretten nähren und wärmen. Doch die wahre Wärme und Nahrung für sein „System“ waren Änderungen an seinem Denken, Fühlen und Handeln.


Aus meinem Buch:

101 Wege aus der Angst. 101 Strategien, um Angstzustände und Panikattacken zu überwinden (2018). Independently published. 116 Seiten.

Klappentext: Seit ihrer ersten Panikattacke 2008 sucht die Autorin nach Wegen, um Angstzustände und Panikattacken zu überwinden oder wenigstens zu schwächen, um das Leben wieder lebenswert zu machen. Dieses kleine Buch vermittelt 101 Möglichkeiten, die sie bisher fand: aus eigener Erfahrung, von anderen Betroffenen und Experten aus der ganzen Welt. 101 Wege stellen Mini-Interventionen, kleinere und größere Lebensänderungen, Strategien und Techniken vor. Sie ermöglichen Betroffenen außerdem, tiefer in ihre Situation einzutauchen und nicht nur die Symptome zu betrachten, sondern auch mögliche Ursachen.

Verfügbar als Taschenbuch (Amazon) und E-Book (Amazon, Hugendubel, Weltbild & andere Shops).

 

On-Off-Beziehungen als Signal aktiver & passiver Beziehungsangst

On-Off-Beziehungen als Signal aktiver & passiver Beziehungsangst

 

Ein beinahe Gegenteil zur Verlustangst ist die Angst vor der Nähe, die sich oft in einer On-Off-Beziehung spiegelt. Dennoch können beide gleichzeitig auftreten, was sich in der Nähe-Distanz-Problematik (oft aktiver und passiver Beziehungsangst) in On-Off-Beziehungen deutlich zeigt. In diesem Fall fürchtet man bei zu viel Nähe einen Verlust kommen, weshalb man diese vermeidet. Deshalb hat man Schwierigkeiten, sich auf den Partner einzulassen. Einher damit geht also auch die Sorge um das, was man wert ist oder nicht wert ist, geben kann oder nicht, auch wenn es so aussieht, als wäre der Partner/die Partnerin der Grund zur Sorge.

 

On-Off-Beziehungen und die Angst vor der Nähe

nähe und distanz in einer on-off-beziehung zeigen bindungsangstIn einer On-Off-Beziehung führen Paare eine wellenförmige, mal existente, dann wieder aufgelöste Partnerschaft. Bei kleinsten Streitigkeiten oder zu viel Nähe zieht sich einer der beiden zurück und vollzieht eine Trennung, meist ohne erkennbaren Grund oder frühzeitige Signale. Solche Partner mögen das Drama, sie lieben die Partnersuche, den Nervenkitzel und vor allem: das Gefühl, nicht gebunden zu sein, sondern frei, den Kampf ums Geliebtwerden und Gewinnen. Doch während sie diese Sehnsucht nach Abenteuer ausleben, verspüren sie genauso oft das Bedürfnis, in einer sicheren und harmonischen Beziehung zu sein. Dadurch ergeben sich wie in einem Graphen im Mathematikunterricht Wellen, die für mindestens einen Partner (meist Frauen) nur schwer ertragbar sind. Wer sich als Spielball fühlt und versucht, den Partner von sich, der Qualität der Liebe und Beziehung oder der Liebe an sich zu überzeugen, ist oft im passiven Angstschema verhaftet, während der Flüchtende, der Ungläubige und Misstrauende der aktive Angsttyp ist. Denn: Zieht sich der Partner/die Partnerin zurück, beginnt zwar derjenige sich sicherer zu fühlen, da die Angst abnimmt. Doch die Fantasien beginnen erneut und ein Teufelskreis setzt ein: Aus dem Off, in dem der Ängstliche sich sicherer fühlt, erwacht erneut der Anteil, der Nähe und Liebe wünscht. Das Lust auf das On wird aktiviert. So wiederholt sich ein- und dieselbe Erfahrung. Im On erschafft man immer und immer wieder, bei möglicher Nähe, eine Bedrohung, eine lauernde Gefahr, die erneut ins Off führt.

 

Woher kommt die Angst vor Nähe und Distanz in einer On-Off-Beziehung?

was ist eine on-off-beziehung?Betroffene, die unter der Angst eines Partners leiden, können sich die Beweggründe und Gedanken des distanzierten Partners anschauen:

Die Identität (Lebensgestaltung, Werte, Bedürfnisse, Zukunftsträume usw.) eines Menschen im On einer On-Off-Beziehung wird bedroht. Der aktive, ängstliche Partner projiziert auf den anderen Partner ein Monster, eine verschlingende Gestalt, um die eigene Autonomie zu schützen, sein Selbst zu schützen und nicht der Angst ausgesetzt zu sein, eventuell doch nicht zu genügen. Diese Bedrohung zeigt, dass die Menschen an einem wichtigen und charakterstärkenden Scheidepunkt sind, an dem sie einen weiteren Schritt gehen müssten: zu sich hin. Die Autorin und Psychoanalytikerin Verena Kast sagt, die Angst vor Nähe hätte viel „mit dem Drang zur Selbstständigkeit und der [Anmerkung von mir: gleichzeitigen] Angst davor“ zu tun, „die in jedem Menschen angelegt ist“.

Kast führt diese Angst vor Nähe darauf zurück, dass die Ich-Werdung im Laufe des Lebens zu wenig ausgeprägt worden ist oder unterbrochen wurde. Deshalb erscheint Nähe gefährlich, weil „das Wenige an eigenem Selbst, das man errungen hat“, wieder verloren gehen könnte. Verbunden damit trauen sich viele dennoch nicht, ihre Individuation fortzusetzen, denn das hieße, man müsse Trennungs- bzw. Loslösungsschritte wagen. Man sieht nur noch die Bedrohung, nicht aber das wahre Gesicht des Partners oder der Partnerin. Lieber bleibt man Single.

Menschen, die Angst vor Nähe haben, sind häufig auch Menschen, die in ihren Ansprüchen an ihren Partner übertreiben. Das kann sogar in Beziehungsgier, statt bloßer Beziehungssehnsucht, ausarten, weil „es doch endlich einmal klappen müsse“.

Was bei dem anderen als gefährlich erscheint, könnte man also auch an sich selbst erkennen. Das ist weniger dramatisch, als es klingt, weil es sich hier nur um einen Teil der Person handelt, der sich selbst außer Gefecht setzt. „Und so betrachtet, hätte die Angst vor Nähe einen tiefen Sinn, denn die Angst vor Nähe würde bewirken, dass er selber nicht diesen [Anmerkung von mir: den eigenen] gierigen, vampirhaften, aussaugenden Seiten verfällt.“ Das ist einer der Tipps, die Verena Kast in ihrem Buch “Vom Sinn der Angst” gibt.

Wir sprechen damit von der Angst vor Vereinigung bzw. Verschmelzung, der Ich-Aufgabe und der eigenen Identität. In Macht-Ohnmachts-Beziehungen, die wir als „Es ist kompliziert.“ bezeichnen, als „emotional übergriffig“ bzw. „einseitig“, in denen bewusst mit Angst, Nähe und Distanz gespielt wird, um die Kontrolle zu behalten, würden wir meist Partner finden, die beide sehr große Angst vor Nähe haben. Unsere eigene Angst vor Bestimmen- und Übergreifenwollen, den anderen zu manipulieren, findet sich auch in dem anderen Partner wieder. Es drückt beiderseitig die Angst aus, sich hinzugeben und eventuell zu verlieren.

Ganz besonders abwesende Personen würden Trennungsaggressionen fördern, so Kast. Sie strapazieren unsere Nerven und unseren Selbstwert. Wenn bereits zuvor solche zeitweiligen Trennungen vorgekommen sind, ist es wenig überraschend, dass eine erneute Abwesenheit, auch eines neues Partners, recht schnell dieselben negativen Verlustgedanken auslösen, die wiederum zu Angst wird: Die Nähe steht erneut in Verbindung mit einer drohender Trennung.

 

Anzeichen für Angst vor Nähe

Typisch für Angst vor Nähe sind folgende Anzeichen/Signale:

1) Plötzliches Unbehagen in der Gegenwart des Partners oder der Partnerin (körperliche Anwesenheit kaum mehr ertragen können, weil sie fürchten, nicht genug Raum zu bekommen oder gar atmen zu können)

2) Kritisieren, Herummäkeln und Abwerten, Bagatellisieren, Projizieren

3) Ekel-Gefühle und sich körperlich abgestoßen fühlen, keine Liebesgefühle mehr empfinden (Sie sind einfach “weg”.)

4) fluchtartiger Rückzug

Diese treten meist erst zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Beziehung auf, wenn es “zu nah, zu ge-bund-en” wird.

 

Aktive und passive Beziehungsangst

wieso gerate ich immer an den falschenSteven Carter und Julia Sokol unterscheiden in ihrem Buch „Nah und doch so fern“ zwischen aktiver und passiver Bindungsangst. Aktiv ist derjenige, der sich immer wieder trennt und wieder ankommt. Passiv ist derjenige, der sich darauf einlässt und sich eventuell nicht traut, es dem aktiven Part nachzumachen. Die Autoren sagen vor allem, dass passive Beziehungsangst entweder bereits am Anfang der negativen Beziehung vorhanden gewesen sei oder aber durch eine On-Off-Beziehung ausgelöst werde. Es gibt nicht nur den Partner, der Angst hat, sondern auch den anderen Partner, der entweder dieselbe Angst hat oder aber durch die schwierige On-Off-Beziehung entwickelt.

Aus meiner Erfahrung können besonders empathische und hochsensible Personen sowie Menschen mit suchtkranken Eltern/Angehörigen eine solche Dynamik (passiv/aktiv) entwickeln, die sich in ihrem Bindungsstil widerspiegelt. Sie sind besonders gefährdet, wenn es um Co-Abhängigkeiten geht. Diese Thematik und besonders ihre Entstehung bis hin zum Bindungsstil (der sich ändern kann!) ist sehr umfangreich. Deshalb verweise ich an dieser Stelle auf mein Buch “Du liebst mich oder doch nicht?” und auf meine Masterclass zum Thema Bindungsangst.

 

Aktive Bindungsangst finden wir zumeist bei Menschen, die

  • sich unendlich viel Mühe geben, uns zu “kriegen”, nur um uns dann wieder abzuweisen
  • zweischneidige Gefühle gegenüber Beziehungen haben bzw. offen aussprechen würden, dass diese ihnen Angst machen
  • an den einen “idealen” Partner glauben, der ihnen ihre Angst nimmt bzw. mildert
  • oft Distanz suchen, darauf bestehen
  • eine negative Einstellung zu Beziehungen haben und dadurch einem ehemaligen oder jetzigen Partner wehtun
  • Fehler und Gründe suchen, weswegen sie keine Beziehung wollen
  • ausweichen, je intensiver, näher und fester die Beziehung wird
  • häufig über bestimmte Aspekte entscheiden (Häufigkeit der Treffen, Dauer, Zeitpunkt, etc.)
  • sich sofort eingeengt fühlen, wenn jemand Ansprüche an sie hegen könnte oder hegt
  • die Erwartungshaltung des Partners mit allen Mitteln versuchen, so gering wie möglich zu halten (in dem sie im Vorfeld schon alles besprechen und den Takt bzw. die Richtung, das Ziel der Bekanntschaft/Beziehung, vorgeben)
  • schnell einen neuen Partner haben, wenn eine andere Beziehung zu Ende gegangen ist
  • meist sehr viel Raum und Zeit für sich brauchen und sich durch andere in ihrem Raum bedroht fühlen.

 

Passive Bindungsangst hingegen äußert sich bei Menschen, die

  • sich trotz der offensichtlichen Angst des anderen auf den- oder diejenige einlassen (wollen)
  • viel träumen bzw. an Ex-Partner denken oder Personen, die unerreichbar sind
  • sich häufig für Partner interessieren, die vergeben sind oder aber unpassend für sie selbst
  • sich eher für die Beziehung und um eine zu haben interessieren, als um den Menschen an sich
  • die Verbindung zu jemandem als intensiver empfinden, wenn der- oder diejenige nicht zu haben ist bzw. weit weg wohnt, als wenn die Person in der direkten Nähe wäre
  • “Durchschnittsbeziehungen” langweilig finden und sich eher für abenteuerliche und spannende Menschen interessieren, als für sicheren Halt in einer festen Bindung
  • gern das Verhalten des Partners ändern möchten
  • übermäßig lang an Zeit benötigen, um über das Ende einer Beziehung hinwegzukommen
  • an das Wunder, die eine große Liebe glauben
  • nichts unternehmen möchten, um Partner kennenzulernen, die auch geeignet und erreichbar wären
  • nicht an die natürliche Entwicklung von Gefühlen in einer Beziehung glauben wollen, sondern sofort alles sehen und fühlen möchten
  • meinen, schon am Anfang zu wissen, dass eine beginnende Beziehung “schiefgehen” wird.

 

Gleich und gleich gesellt sich gern: Aktive und Passive Beziehungsängstliche ziehen sich magisch an. Aber wieso?

Interessant ist, dass sich aktive und passive Menschen mit diesen Ängsten suchen – und finden. Gegenseitig zeigen sie sich ihre Ängste. Der passive Part beispielsweise braucht so keine Angst zu haben, eine Beziehung führen zu müssen und kann darauf vertrauen, dass der aktive Partner die Nähe und Beziehung meiden wird. So müssen sie selbst nichts unternehmen, um die Bindung abzubrechen oder zu kontrollieren. Leider sehen passive Beziehungsängstliche ihre Bindungsphobie oft nicht: Sie beharren stattdessen darauf, dass sie alles richtig täten und der andere Partner an allem Schuld sei und nicht lieben würde oder wollte. So wehren sie ihre eigene Angst ab, um sie nicht erkennen zu müssen. Aktive Beziehungsphobiker hingegen leiden oft unter ihrer Angst und sind sich ihr auch meist bewusst, wollen aber an ihrer eigentlichen Angst, zum Beispiel der Angst vor Nähe, vor Selbstverlust oder vor Trennung selten arbeiten bzw. verneinen diese oder machen ihre Angst von bestimmten Personen abhängig.

Laut Experten würden circa 50 Prozent der Menschen aktive Beziehungsvermeider kennen- und vielleicht lieben lernen, ohne selbst bindungsphobisch zu sein.

Doch verleugnen viele ihre Bindungsängste bzw. sind sich dieser nicht bewusst. Für Psychologen ist die Verleugnung ein unbewusster Abwehrmechanismus, der Ängste minimieren soll, in dem Schwierigkeiten und unerwüschte Impulse verneint werden. Menschen wehren Konflikte in ihrem Leben ab, sie nehmen sie erst gar nicht zur Kenntnis oder sagen schlicht, dass die Anwesenheit einer Angst oder eines Problem nicht stimmen würde. Das würde dem Schutz vor Schmerz dienen, so Carter und Sokol, besonders wenn er so groß wird, dass sie ihr alltägliches Leben nur noch beschränkt leben können. Auf der anderen Seite sei Verleugnung die sicherste Methode, um nichts ändern zu müssen und mit nichts konfrontiert zu sein. (Carter, Sokol in: Nah und doch so fern).

Diese Beziehungsdynamik lässt sich auflösen. Wie erfährst du in meiner Masterclass “Beziehungsängste” und in meinem Buch (konzipiert für Frauen mit ängstlichen Herzenspartnern, aber auch für Männer mit ängstlichen Partnerinnen geeignet). Mehr dazu findest du hier:

Beziehungsangst wie du deinem betroffenen partner helfen kannst

 

Meine erste Panikattacke: Wie sie sich anfühlte

Meine erste Panikattacke: Wie sie sich anfühlte

 

Ich kann mich kaum mehr daran erinnern, was ich letzten Freitag zum Frühstück aß oder was ich meiner Freundin am Samstag beim Spazierengehen erzählte. Aber ich weiß noch genau, wie sich meine erste Panikattacke anfühlte, wann und wo sie sich abspielte und wie es mir im Nachhinein damit ging.

Irgendwann 2017 hatte ich einmal kurz den Gedanken, meine gesamte Zeit voller Agoraphobie und Panikattacken (ein Zeitraum zwischen 2008 und 2013) in einen Roman zu verwandeln. Dieser Blogpost war als zweites Kapitel gedacht. Im ersten Kapitel hatte ich Überstunden gemacht, weil ich meiner damaligen Vorgesetzten Aufgaben abgenommen hatte, damit sie nach einem stressigen Tag früher Hause gehen konnte – obwohl es mir genauso dreckig gegangen war.

 

Wie sich meine erste Panikattacke anfühlte

Als ich vor die Tür des Bürogebäudes trete, schlägt mir die Hitze entgegen. Sie versucht, mich zu erwürgen, aber ich schaffe es, sie mühsam herunterzuschlucken. Die Demse ist eine unsichtbare Wand, gegen die ich renne – jede Sekunde einmal stoße ich gegen sie und werde vom Aufprall zurückgeworfen auf mich selbst. Die Autos auf der Torstraße brüllen so laut, als hätten sie Angst, nicht gehört zu werden. Ich möchte schreien, aber es würde nichts nützen. Keiner würde mich bemerken. Meine kleine Stimme würde quiekend verstummen im Getöse der wichtigen Menschen. Ich denke: Ich bin auch wichtig, auch wenn ich nicht so laut bin wie ihr! Aber eigentlich glaube ich mir selbst nicht.

Panikattacke nach einem stressigen Tag mitten im Hochsommer in Berlin - ein ErfahrungsberichtDas Bürogebäude schlägt Schatten. Und ich stehe mittendrin. Mir ist kalt, obwohl die heiße Luft mich einnebelt. Nur dort drüben auf der anderen Straßenseite, wo die Sonne scheint, wo ich nicht bin, da laufen die Menschen ohne Jacke. In der Luft schwirren flimmernde Lichtfäden. Wenn ich blinzele, verschwinden sie kurz. Doch kaum mache ich die Augen wieder auf, sind sie erneut da – nur zahlreicher und tanzender als vorher.

Ich zünde mir eine Zigarette an. Dann lässt sich das Lärm-Hitze-Gewitter leichter ignorieren, vermute ich. Das funktioniert seit Jahren. Wenn ich aus einer Situation flüchten will, die mir die Luft zum Atmen nimmt, in der ich weder geborgen noch willkommen bin, in der ich bin, weil ich sonst nicht wüsste, wohin ich sollte, rauche ich. An meiner Zigarette halte ich mich fest. An meiner Zigarette sauge ich wie an der Brust meiner Mutter, in der Hoffnung, nährende, fürsorgliche Liebe zu erhalten, während sie mich in ihren Armen wiegt. Ich kann ihre Stimme mit jedem Zug hören: Ja, mein Liebling. Ich bin bei dir. Wie schön es wäre, wenn sie jetzt neben mir gehen würde, bei mir wäre. Doch wenn man aus dem Schoß seiner Mutter gekrochen ist, ungefragt in dieses Leben gepresst wird, scheint man den Anspruch auf bedingungslose, immerwährende Liebe – egal, was man sagt, egal, wie man ist – zu verlieren. Ob man es erträgt oder nicht. Andere trinken oder nehmen Drogen, um sich mit diesem erwachsenen Dilemma zu arrangieren. Aber meine Mutter hat mir verboten zu trinken, weil mein Onkel dem Alkohol verfiel und mit 29 an einer Leberzirrhose verstarb. Alkohol ist böse, nur Zigaretten, die sind okay. Die raucht sie auch. Wie gern ich jetzt ein kühles Bier hätte. Ich würde alles dafür geben, um mir etwas einzuflößen, dass mich vom Großstadtlärm und Druck in meinem Kopf ablenkt, jener Druck, der wie ein Schraubstock im Inneren meines Schädels unaufhörlich gegen meine Schädelwände drückt – mehr, mehr, immer mehr. Er gibt nicht auf.

Mein Nacken knackt bei jedem Schritt. Zum Glück kann es niemand hören. Hier auf dem schmalen Bürgersteig ist niemand außer mir. Nur auf der anderen Straßenseite, der Sonnenseite, drängeln sich Menschen. Sie haben es genauso eilig wegzukommen, nur dass sie lachen. Ich kann sie kaum ansehen, so sehr engt mich ihre Freude ein. Ich … will nur meine Ruhe, mein Tempo, völlige Stille, aber mit diesen Menschen hier geht das nicht, auch nicht mit den Autos, nicht mit der Hitze, nicht mit der Weite von Berlins Mitte. Ich will hier weg. Schnell, denke ich.

 

Ich bin doch nicht Jeanne D’Arc

Meine Zigarette ist aufgeraucht und ein warmer Nebel steigt von meinen Füßen hoch in mein Becken, verdunkelt sich, ballt seine gesammelte Energie und schießt mir ruckartig in den Bauch. Mein Magen knurrt und rumort. Hektisch sucht sich der schwarze Nebel Raum in meiner Brust und als mein Herz wild stolpert, rauscht ein Schreck durch meinen Körper.

Was war das denn?

Abrupt bleibe ich stehen und lege eine Hand auf mein Herz, horche in mich hinein, versuche zu verstehen, was gerade geschieht.

Was geschieht hier mit mir?

Meine Knie werden weicher und weicher, als würden meine Beine jeden Moment ihren Job hinschmeißen. Irgendwo neben meiner Angst, in Ohnmacht zu fallen, rast mein Herz, immer und immer schneller, als wollte es einen 100 m-Lauf gewinnen. Als bliebe ihm nichts Anderes übrig, außer als Gewinner aus diesem Wettkampf hervorzugehen. Hier steht etwas auf dem Spiel; ich weiß nur nicht, was. Ich wusste nicht einmal, dass wir es spielen – jetzt, wo ich auf dem Weg nach Hause bin, in meine kühle und stille Wohnung, wo ich ich ich sein kann, mich um niemanden scheren muss, mich um mich kümmern kann, wenn es schon sonst niemand tut.

Ich beschließe, meinen Körper machen zu lassen und einfach weiterzugehen. Hier stehen zu bleiben, bringt ja doch nichts, denke ich. Aber mein Körper scheint Gefallen daran zu finden, sich mit merkwürdigen Empfindungen zu Wort zu melden. Ja, es ist heiß und trotzdem friere ich. Ja, es ist laut und dennoch habe ich das Gefühl, in meinen Ohren würde ein eigenes Lied klingen, lauter als das der Straße und Menschen. Jemand in mir dreht die Anlage hoch; ich halte mir die Ohren instinktiv zu, um den Lärm in meinem Kopf abzustellen. Plötzlich singt meine Vorgesetzte Tina mit und sie schreit zwischen den Strophen und meine Wut brüllt zurück:

Ich hasse dich! Das ist deine Schuld! Das waren deine Aufgaben, wegen denen ich Überstunden machen musste! Das ist dein Leben. Du hättest Nein sagen müssen, als ich dich aus Anstand gefragt habe, ob ich sie machen soll.

Meine Schultern fühlen sich steinhart an, als hätte jemand meinen Muskeln jede Elastizität geraubt. Ich klemme meine Arme eng an meinen Körper, will die Angriffsfläche verkleinern, so wie man es im Winter macht, damit einen der eiskalte Wind nicht so sehr schneidet.

Du musst genauso leiden wie ich! Dir darf es nicht bessergehen als mir! murmelt Tina in mir.

Hätte ich sie doch nur nicht gefragt …

panikattacke erfahrungsbericht einer betroffenenMeine Gedanken verfolgen mich unentwegt mit jedem Schritt, als wären sie ein Mann, der mich im Dunkeln auf menschenleerer Straße jagt, um mich zu missbrauchen oder zu töten, nur so zum Spaß, weil im Fernsehen nichts Gutes läuft oder er seine Mama auch vermisst – während die Anwohner hinter ihren Fenstern auf der Couch sitzen und während Stirb Langsam Chips essen. Sie fühlen sich sicher, weil Bruce Willis im dreckigen Unterhemd gerade die Welt rettet. Nur hier auf der Torstraße ist niemand, der mich rettet. Nur meine Angst und ich, kurz vor sechs im Hochsommer in Berlin. Trotzdem kommt es mir so vor, als würde jeden Moment eine Hand aus dem Himmel greifen, um mich hinaufzuziehen.

Fühlt sich so Sterben an?

Bleib ruhig!
Ruhig bleiben!
Aaaatmeeeeee!
Atmen!
Nochmal!
VERDAMMT! Atme ruhiger!

Nach nicht einmal einem Drittel des Weges bis zum U Rosa-Luxemburg-Platz kauere ich mich vor einem Hausaufgang zusammen. Es ist unmöglich, mich noch länger auf den Beinen zu halten, ohne dass mein Kreislauf kollabiert. Ich ziehe meine Knie eng an meinen Körper und wippe leicht im Takt meiner Angst.

Wie zum Teufel komme ich nach Hause?

Atme!
Gaaaaanz langsam.
Genau.
Ein- und ausatmen.
Bleib ruhig.

Eine Frau mittleren Alters kommt aus dem Haus und erschreckt sich, als sie mich vor der Tür sitzen sieht.

Lass dir nichts anmerken!
Es ist alles in Ordnung!

Sie sagt nichts, sondern schaut nur kurz überrascht, bevor sie einfach an mir vorbeigeht. Hätte ich sie um Hilfe bitten sollen?

Du wirst nicht sterben.
Keine Sorge.

Doch ich sorge mich. Eine Todesangst sitzt mir im Nacken, mit schweißnassen Händen und Füßen, die mich nicht mehr tragen wollen.

Es geht nicht, dieses ruhige Atmen.
Ich werde in Ohnmacht fallen.
Ich werde ersticken.
Ich werde sterben.
Und niemand wird es merken.

Ich sitze sicher auf festem Beton und trotzdem fühle ich mich wie labbriger Schleim, der sich jeden Moment auf dem Boden ergießen wird. Und dann werde ich weg sein. Einfach so. Alles dreht sich in mir. Jede Faser meines Körpers ist weich, jeder Muskel, jeder Knochen ist wie geschmolzene Butter auf einem zu heißen Toast. Ich ertappe mich dabei, wie ich mich innerlich selbst anbrülle: Das ist mein Körper! Scheiße nochmal! Doch wie ferngesteuert macht er sein eigenes Ding. Nichts in mir hört noch auf meine Hilfeschreie und Anweisungen. Und niemand ist da. Ich bin völlig allein damit – allein mit mir.

Okay, höre ich eine Stimme in mir. Was jetzt? Ich versuche, mich zu orientieren und blicke einmal in alle Richtungen.

Da drüben … Schlecker. Ich werde mich da irgendwie hinbringen und mir was zu trinken und zu essen holen. Irgendetwas, vielleicht ein Snickers oder so. Schneller Zucker, damit mein Körper wieder zu Kräften kommt. Ich bin bestimmt nur unterzuckert. Daran wird es liegen. Und getrunken habe ich auch nicht sehr viel. Wasser wird mir guttun. Genau. Dieses verdammte Wetter aber auch. Das tut sein Übriges. Es kommt ja immer alles auf einmal.

Ich suche nach Erklärungen, um mich zu beruhigen. In meinem Kopf reiße ich jede Schublade auf und schaue nochmal in jedes Buch, das ich je gelesen habe, höre auf die Worte meiner Mutter, der Krankenschwester, die mir mein ganzes Leben lang etwas über Gesundheit erzählt hat.

Was ist nur los? Das war doch noch nie so! Ist das wirklich nur mein Kreislauf? Okay, aufstehen, über die Straße gehen und was kaufen. Drei, zwei, eins … los!

Ich hieve mich hoch und gehe langsam mit vorsichtigem Schritt in Richtung Ampel. Ich schaue nach unten, während ich auf jede noch so leise Regung meines Körpers höre und warte. Ich warte darauf, dass etwas in mir etwas tut, worauf ich nicht gefasst bin. Aber ich will es verdammt nochmal mitbekommen, wenn etwas mit mir passiert.

Ich schaffe es schließlich über die Straße. Nur Gott, an den ich nicht glaube, weiß wie. Später im Schlecker sehe ich nicht einmal die Kunden. Ich renne nur an ihnen vorbei, als wäre der Tod direkt hinter mir.

Kaum bin ich wieder draußen, reiße ich meinen Schokoriegel auf und esse ihn hastig, bevor ich einen halben Liter Wasser mit Apfelzusatz herunterkippe. Gleich, gleich geht es dir besser. Du wirst sehen.

Doch nichts passiert. Ich greife mit zittrigen Händen nach meinem Handy und wähle die Nummer meines Freundes. Gestammelte Worte, die nicht einmal in meinem Kopf Sinn ergeben, schlüpfen aus meinem Mund.

„Was? Ich verstehe kein Wort!“ sagt er.

Ich auch nicht. Ich verstehe gar nichts.

„Nochmal von vorn. Aber ruhig!“ fordert er mich auf.

Ich fange von vorn an und gehe währenddessen wie ein Schwerverbrecher, der hofft, nicht entdeckt zu werden, an den Passanten vorbei.

Als ich fertig bin mit Erzählen, sagt er in seiner Seelenruhe: „Gut. Du steigst jetzt in deine Bahn und ich bleibe solange am Telefon, bis du zu Hause bist.“

Johannis ist ein wirklich netter Typ. Er rettet mir mal wieder den Arsch. Das ist nicht das erste Mal. Ich erinnere mich an einen Tag – der Morgen nach seinem 30. Geburtstag – als wir, noch immer sturzbetrunken vom Feiern am Vorabend, aufwachten und mich ein Blick auf den Wecker in wildes Geschrei versetzte. Ich hätte 30 Minuten zuvor im Zug nach Potsdam sitzen müssen, um rechtzeitig in der Uni zu einer Vorlesung zu sein. Wenn ich dort nicht auftauche, erinnere ich mich, bekomme ich keinen Teilnahmeschein und werde nicht zur Zwischenprüfung zugelassen. Doch der Zug war weg. Johannis hatte vorgeplant mitgedacht und sich frei genommen, falls er zu sehr abstürzen würde. Ich wollte gar nicht wissen, wie viel Alkohol er noch im Blut hatte, aber bevor ich mich versah, saßen wir in seinem Auto und rasten über die Autobahn gen Potsdam. Ich betrat eine Stunde und 15 Minuten zu spät den Vorlesungsraum. Mit Ach und Krach und dank einer Kommilitonin, die den Prof lange genug ablenkte, um auf der Anwesenheitsliste noch meinen Kringel zu setzen, bekam ich den Schein.

Nun sitze ich wieder dank ihm irgendwo und komme nur wegen ihm dort an, wo ich ankommen muss, um auch diese Prüfung zu bestehen. Er ist mein Held. Spätestens jetzt bekommt er von mir den Superman-Stempel, ob er will oder nicht.

Nach einer Stunde steige ich aus der Bahn an der S Sundgauer Straße. Noch nie hat sich eine Fahrt so lange angefühlt. Aber langes Unterwegssein in Berlin ist normal, auch wenn ich es abgrundtief hasse. Wie andere das aushalten, ist eines der größten Mysterien für mich.

Johannis ist nicht mehr am Telefon. Auch wenn ich mich in der Bahn genauso schwach gefühlt habe, wie zuvor, fast in die letzte Ecke des Sitzes gekrochen war, damit mich nichts berühren und verletzen kann, sagte ich ihm, den Rest des Weges würde ich schon ohne ihn schaffen. Immerhin wäre ich ja erwachsen, auch wenn ich mich wie ein kleines, hilfloses Kind fühle. Ich setze mich auf die Bank an der Bushaltestelle und trinke den Rest der Flasche Wasser. Es sind nur noch acht Minuten bis nach Hause. Lächerliche acht Minuten, wenn ich schnell gehe, sogar nur sechs.

Ich stehe wieder auf – mutig und ängstlich zugleich – und schaffe es bis in meine Wohnung, hauptsächlich wegen des Apfels, den ich während der S-Bahn-Fahrt in meiner Tasche gefunden hatte. Ich musste vergessen haben, dass ich ihn heute früh eingepackt hatte.

Kaum bin ich zu Hause, ziehe ich alle Vorhänge zu und schmeiße mich aufs Bett. Ich will nichts hören, nichts sehen. Nichts fühlen. In meinem Kopf summt es, aber die kühle, dunkle Stille macht es leichter. Ich bin so müde. Ich gähne seit einer halben Stunde, als wäre jede Energie aus meinem Körper gesaugt worden. Und dann rollen die Tränen in einem Guss über meine Wangen. Meine Augen sind nicht einmal offen. Sie bahnen sich einfach ihren Weg durch die geschlossenen Lider hindurch und landen auf meinem Kopfkissen, das zu einem Meer aus Erleichterung und Traurigkeit wird.

Als ich mich einige Zeit später wieder gefangen habe, rufe ich meine Mutter an. Sie ist keine sehr große Hilfe, obwohl sie Krankenschwester ist. Aber sie arbeitet in der Nephrologie. Hätte ich Diabetes oder sonstwas an den Nieren, wüsste sie mir sicherlich was Beruhigendes zu sagen.

„Das klingt mir wie ein Kreislaufzusammenbruch. Es könnte aber auch etwas Anderes sein. Geh morgen unbedingt zum Arzt.“ Sie ist zu beschäftigt mit ihren Auswanderungsvorbereitungen. Oslo muss es sein. Sie war noch nie dort, aber dort will sie hin.

„Gut!“ stimme ich ein. Gleich bei mir um die Ecke sitzt ein Allgemeinmediziner, Mitte 50, nett und irgendwie frech. Das einzige Mal, das ich ihn brauchte, war nur gut für eine Krankschreibung wegen meiner verpassten Klausur in Latein. Ich googele mit meiner Mutter am Apparat seine Öffnungszeiten und beschließe, gleich morgen um acht vor seiner Praxis zu stehen.

„Ruf mich an, wenn du bei ihm warst!“ sagt sie noch, bevor wir auflegen.

Es vergeht keine Minute, da klingelt mein Telefon erneut. Johannis will wissen, wie es mir mittlerweile geht. Er ist beruhigt und doch verunsichert. Ich glaube, er spürt, wie hilflos ich mich fühle, weil ich nicht weiß, was vorhin mit mir geschehen ist. Doch die Idee mit dem Arzt findet er gut.

„Dann leg dich mal ins Bett und ruh dich aus!“

„In Ordnung. Bis morgen!“ sage ich, so, als wäre alles okay, als wäre das ein Tag wieder jeder andere in Berlin, an dem wir abends miteinander telefonieren. Morgen müsste ich eigentlich wieder zur Arbeit und danach direkt in den Zug zu Johannis. Aber darüber sprechen wir nicht.

„Bis dann, Schatz!“ Er haucht mir noch einen Kuss durch das Telefon ins Ohr.

Der Rest des Abends verfliegt wie in Trance. Alles ist unwirklich. Als gäbe es keine Zeit, die ich freien Willens gestalten könnte. Ich gehe gegen zehn ins Bett und wache morgens, als mein Wecker klingelt, wie eine volle Flasche auf – befüllt mit Steinen statt mit Wasser.