Bist du heimlich verliebt, aber weißt nicht, was du tun sollst?

Bist du heimlich verliebt, aber weißt nicht, was du tun sollst?

Früher war es einfacher: Wenn man heimlich verliebt war, schrieb man auf die Schulbank des Schwarms kleine Hinweise: “Willst du mit mir gehen, Tim?” oder “Ich liebe dich, Sofia!” Dann schrieb die Person zurück: “Wer bist du?” oder falls aus der heimlichen Liebe bereits eine offene geworden war, genügte ein prägnantes “:-)” Bei mir in der Schule war es ein Klassiker, mit seinen heimlichen Gefühlen stille Post zu spielen, was ganz sicher zu jemand anderen gelangen würde. Es endete in einem “Hast du schon gehört? Petra steht auf dich!” (Gekicher). Andere entwickelten ausgeklügelte Strategien, um ihre heimliche Liebe wissen zu lassen, was sie fühlten. Ich warf in meinen mutigen Zeiten Steinchen an das Zimmerfenster meines Schwarms. Liebe war ein Spiel. Es ging nicht darum, das Herz desjenigen zu gewinnen, sondern zu lernen, seine Gefühle auszudrücken. Das Ergebnis des Schwärmens war in den meisten Fällen egal. Zu schnell hatte man einen neuen Schwarm. Außer, es hatte einen so richtig erwischt. So ging es mir, bis er die Schule verließ.

 

Ich war vier Jahre heimlich verliebt

heimlich verliebt zu sein ist in allen altersklassen belastend und macht angstVon den 34 Jahren meines Lebens war ich vier Jahre heimlich verliebt. Er weiß es bis heute nicht. Es war zu einer Zeit, in der mein Selbstwert so praktisch gar nicht vorhanden war. Ich trug damals Karottenjeans, weite Oberteile, war nicht so “hübsch” zurecht gemacht, wie die anderen Mädchen meines Alters. Ich fühlte mich hässlich und so unsichtbar, dass ich es nicht glauben konnte, als sich ein Junge aus den höheren Klassenstufen begann, für mich zu interessieren. Er gehörte zu den Attraktiven, hing mit anderen Coolen herum. Er war in meinen Augen so schön, dass ich mich oft gar nicht traute, ihn anzusehen. So jemand wie er, könnte unmöglich so jemanden wie mich mögen (dachte ich). Doch er lauerte mir morgens in der Schule auf, nur um einen Blick auf mich zu erhaschen. Er berührte – ganz zufällig – meine Hand, wenn ich an ihm vorbei ging. Im Bus auf dem Weg zu Schule stellte er sich hinter mich und redete extra laut, extra nett, extra liebenswürdig. Er jagte mir riesige Angst ein. Ich glaubte anfangs, dass das alles nur ein Spiel für ihn sei. Dass ihm die Jagd, das Verliebtsein, mehr interessieren würde, als die Realität, eine Beziehung und ihr Erleben. Ob er wirklich im mich verliebt war oder nur “schwärmte”, wie man das in dem Alter eben tut, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass ich mich zwei Jahre lang zierte, mit meinen Gefühlen herauszukommen, sie zu zeigen, seine Gefühle zu erwidern. Obwohl ich total in ihn verknallt war. Aber meine Angst davor, verletzt zu werden, wenn ich Gefühle zeige, erschien mir unheimlich. Vor allem Ungläubigkeit bewahrte mich davor, mir meine Angst einzugestehen. Nach zwei Jahren erfolglosem Interesse, verlor er seine Verliebtheit. Er wagte sich an ein Mädchen heran, dass schlanker, älter und in meinen Augen wesentlich schöner war, als ich. Obwohl ich alle Möglichkeiten gehabt hatte, fühlte ich mich in meiner Angst, verletzt zu werden und nicht so wertvoll zu sein wie andere, bestätigt.

 

Lieber verliebt als ganz ohne Gefühl

Ich blieb noch zwei weitere Jahre in ihn verliebt, bis er sein Abi in der Tasche hatte, und die Schule verließ. Ich hatte mich zwischenzeitlich – mehr aus Trotz, als auch Wahrheit – auch nach anderen umgeschaut, aber mein Interesse verpuffte stets nach kurzer Zeit. Die Wahrheit war: Ich vermisste es, gemocht zu werden, gewollt zu sein. Ich frage mich noch immer, ob mir das wichtiger gewesen war, und ob es den Menschen der Maybe-Generation heute wohl so geht, wie mir damals. Gemocht und geliebt zu werden, gibt einem das unverwechselbare Gefühl, jemand zu sein. In einer Beziehung zu sein aber, macht aus Verliebten schnell nur “Menschen”, mit Fehlern. Zu oft wird man wegen Fehlern verlassen. Genau diese Angst trug ich in mir.

Wenn wir jemanden nicht kennenlernen, aber für ihn schwärmen, bauen wir oft nur ein Trugbild, eine perfekte Illusion der Person auf. Dann lernen wir den Menschen als Mensch und Mann oder Frau kennen und wundern uns. Oder sind enttäuscht von seinen/ihren mangelhaften Partnerqualitäten. Damit das nicht geschieht, wir das Liebesgefühl nicht verlieren, macht das Gehirn manch merkwürdige Sache. Es ist zum Beispiel bewiesen, dass sowohl das Gehirn als auch das Herz Serotonin, ein Glückshormon, und Oxytocin, das Kuschelhormon, nicht nur ausstoßen, sondern auch davon abhängig werden können. Liebe ist für viele Menschen eben eine rein hormonelle Angelegenheit. Wir sind süchtig danach, gewollt zu sein. An seinem letzten Schultag war ich todtraurig. Und danach noch lange Zeit voller Liebeskummer. Ich wusste: Ich hatte alle Chancen vertan, alle Möglichkeiten, geliebt zu werden, in den Wind geschossen. Aus Angst, wenn er mich erst einmal kennenlernen würde, abgewiesen zu werden, so wie ich war, nicht gemocht zu werden. Die nächsten zwei Jahre, bis zu meinem Abitur, blieb mir gefühlt wenig, außer viele ungelebte Träume. Und Reue.

Um mich zu beruhigen, sagte ich mir immer wieder: “Woran hätte ich denn auch erkennen sollen, dass er mich wirklich mochte? Er hat ja nie etwas gesagt, kam nie zu mir, hat mich nie nach einem Treffen gefragt… Alles, was ich hatte, waren subtile Anzeichen und mein Bauchgefühl!”

 

Unerwiderte Liebe oder: Kann man seinem Bauchgefühl trauen?

Ich kenne also beide Seiten, nicht nur aus meinen Schultagen. Ich hatte heimliche und offene Affären, so wie ehrliche, liebevolle Beziehungen. Ich war heimlich verliebt und wurde heimlich geliebt. Ich weiß: Je älter man wird, umso schwieriger kann es sein. Die Verletzungen haben mit den Jahren zugenommen. So auch die Angst, wieder verletzt zu werden. Anzeichen, dass jemand Interesse an einem hat, zeugt heute nicht mehr von ernsthafter Liebeswürdig- und Beziehungsfähigkeit. Es sagt eventuell etwas über sexuelle Bereitschaft aus, aber selten über tiefere Gefühle. Die Optionalität und das Spiel damit, die Angst davor, etwas zu verpassen, scheint stets im Weg zu stehen.

Früher versuchte man viel mit seinen Blicken zu sagen, sprach eben nicht über Pseudothemen, die nur kaschieren sollten, dass man heimlich verliebt war. Doch heute erscheint es fast wie ein Spiel mit dem Feuer, wenn man “nach mehr” fragt, mehr als nur eine Option sein will, mehr als nur ein paar oberflächliche Nächte möchte. Von vornherein zu sagen, was man sich wünscht, wenn man jemand Interessanten getroffen hat, ähnelt eher einem “Gehe direkt ins Gefängnis. Gehe nicht über Los. Ziehe keine 4000 Euro ein.”, um es mit den Worten von Monopoly zu sagen. Heute ist es gefährlich, seine Gefühle zu offenbaren. Es droht Abweisung, Abwertung, Scham und … Angst. Also behält man seine Gefühle lieber für sich, verheimlicht sie. Denn: Was wird die Person sagen? Wie werde ich es sagen? Sollte ich es sagen? Was ist, wenn ich abgelehnt werde? Wenn er/sie mich gar nicht mag und ich es mir alles nur eingebildet habe? Was werde ich machen, wenn ich enttäuscht werde?

Auch jemanden darauf anzusprechen, dass er seine Gefühle bereits durch kleine Anzeichen und Gesten offenbart hat, ist brisant. Es droht immer die Gefahr, dass man wie ein Idiot dasteht, wenn derjenige einen abweist. Es fühlt sich in der Generation Maybe so an, wie in einem Geschäft. Die Verkäuferin sieht uns stöbern, erkennt Interesse, kommt zu uns und fragt, legitimerweise: “Kann ich Ihnen weiterhelfen?” Statt zu sagen: “Ja, mir gefallen die Sachen sehr.”, sagen wir:

“Danke, nein. Ich schau nur!” – Das Spiel aus Scham und Angst

Sollten wir nicht ehrlich und direkt sein, wenn es um unser wertvollstes Eigentum geht? Sind Gefühlsbekundungen zu einem Affront geworden? Ja, aber…: Was ist, wenn er mich gar nicht mag und… Obwohl ich mir eigentlich sicher bin. Letztens hat er nämlich… Jeder kennt diese Ungewissheit und die Angst davor, abgewiesen zu werden. Es trifft eben nicht nur verliebte Frauen. Ob es nun der beste Freund oder der Kollege/die Kollegin ist: Die Seifenblase aus nächtlichen Fantasien, wie man sich dann doch noch bekommt, in der Teeküche knutschend neben dem Kühlschrank steht oder man sich (ganz zufällig) irgendwo wieder trifft, ist eben nur eine Seifenblase. In unseren Träumen genügt ein Blick und es ist alles gesagt. In unserem Leben genügt ein Angstgedanke und jedes Liebesgefühl, jede Hoffnung, jede Intuition schweigt.

 

An welchen Anzeichen man erkennt, dass er/sie einen romantisch mag

Es gibt wohl niemanden auf der Welt, der dir mit Sicherheit sagen kann, ob deine geliebte Person dich zurück liebt. Außer diese Person. Auch die folgenden Signale erwecken nur den Anschein, dass mehr als Freundlichkeit dahinter steckt. Ob derjenige zu seinen Gefühlen stehen will und wird, denn das ist Voraussetzung für einen Anfang, entscheidet dieser Mensch. Folgende verliebte Anzeichen lassen jedoch erkennen und vermuten, dass dein Bauchgefühl stimmen könnte:

  • Vertrauen: Glaubt dir die Person eher als anderen? Spricht sie eher mit dir als mit anderen? Fragt sie dich um Rat oder bittet dich um Hilfe? Nimmt sie deine Ratschläge eher an?
  • Vorzüge und Gefallen: Tut die Person eher etwas für dich als für andere? Bevorzugt sie dich, wenn auch nur hintenrum?
  • Nähe und Kontakt: Sucht die Person auffällig oft deine Nähe? Erweckt es den Anschein, dass sie nur wenige Zeit ohne deinen Kontakt sein kann? Zieht sie die Zeit mit dir extra in die Länge, um den Kontakt nicht beenden zu müssen, nicht erneut ohne dich zu sein? Lädt sie dich zu Unternehmungen, Treffen oder “Zusammenkünfte aller Art” ein? Will sie dich prinzipiell (fast) überall mit dabei haben?
  • Blicke und Berührungen: Ertappst du die Person auffällig oft dabei, dich anzusehen und zu beobachten? Studiert sie deine Bewegungen? Schaut sie dir gern beim Sprechen zu? Kann die Person erstaunlich lange still sein, wenn du sprichst, als würde sie es genießen, dir dabei zuzusehen? Berührt die Person dich, ohne es zu müssen?
  • In Gegenwart der anderen: Spricht die Person oft über dich, wenn andere da sind bzw. leitet andere an dich weiter? Will sie anderen erzählen, dass ihr euch unterhalten habt oder etwas miteinander gemacht habt (egal, was)?

Wenn diese Anzeichen auftauchen, empfindet die Person, die dir im Kopf herumschwirrt etwas für dich. Aber das heißt solange wenig, wie es nicht angesprochen, ausgesprochen und weitergeführt wird. Leider sind wir heute oft kein Single mehr, sondern leben mit unserem Partner in Beziehungen mit Familie. Oder andere Hindernisse erschweren es, dass man zusammenkommt, zum Beispiel Berufliches. Jeder muss für sich die Entscheidung treffen, ob er es auf sich beruhen lassen oder es ausbauen will. Lass dein Gefühl entscheiden.

 

Wie du trotz Angst mit einer bestimmten inneren Haltung zu deinen Gefühlen stehen kannst

Die Scham hält uns davon ab, dass wir zu unseren Gefühlen stehen. Dann noch die Angst, die Enttäuschung verhindern möchte – und meint, zu deinem Besten zu handeln, indem sie dich nicht handeln lässt. Sollte sich hinter deiner Unsicherheit (auch) meine damalige verstecken, ist es ratsamer, sich damit auseinanderzusetzen: Bist du dir unsicher, ob du liebenswert bist? Ist es eventuell so jemand wie meine heimliche Liebe, den ich als für mich unerreicht eingestuft hätte, weil ich mich minderwertig und unsichtbar fühlte? Wie groß ist deine Angst, verletzt und abgewiesen zu werden? Wie gehst du mit Fehlern und Scham um? Sich diese Fragen zu stellen, und so wie ich oben, die Antworten ehrlich und klar zu betrachten, kann Ungleichgewichte in dir aufzeigen und auflösen. Das ist gut. Und vielleicht soll dir diese Begebenheit, diese Person, genau das beibringen? Wer weiß… Wozu auch immer es gut ist, dass du unter heimlicher Liebe leidest: Finde eine Antwort, die dir weiterhilft, weil sie dich weiterbringt. Alles, was dich hindert und blockiert, dich vom Wachstum abhält, darf jederzeit einfach so gehen. Je weniger Barrieren wir in unserem Leben haben, desto leichter lebt es sich. Mir half es in den folgenden Jahren, den Menschen als solchen zu betrachten. Ich machte noch ein paar grobe Fehler, aber irgendwann stellte ich keinen Mann (und Menschen) mehr auf ein Podest oder hatte gar mehr Respekt und Zeit für meinen Gegenüber als für mich. Irgendwann betrachtete ich jeden Mann, den ich kennenlernte, nur noch als Menschen, den ich erst einmal kennenlernen müsste, um zu sehen, ob ich tiefere Gefühle entwickeln würde. Ich verfiel nicht mehr dem Aberglauben, dass jeder Mann, zu dem ich mich hingezogen fühlte, gleich mein “Seelenpartner” sein müsse.

Ich verstand, dass urplötzliche, heftige Anziehungskraft meist nur bei Menschen geschah, die denselben, ungelösten Anteil von etwas in sich trugen wie ich. Im Laufe der Kennenlernphase spürte ich es auch schnell: Da war ein Mann, dem es egal war, ob ich ihn mochte. Hauptsache, ich war mit ihm zusammen, damit er nicht allein war. Oder ich lernte jemanden kennen, der höchst kontrollsüchtig war, aus Angst, ich könne ihm durch die Hände gleiten und auch ohne Partner glücklich sein. Dann hatten wir noch jemanden, der sich bis heute bei mir meldet, weil er bei seiner Partnerin nicht so sein kann, wie er in Wahrheit ist. Und wir hatten jemanden, der mich sehr mochte, aber zu große Angst vor seinen Gefühlen hatte, um sie sich  und mir einzugestehen.

All diese “Macken” zeigten mir, womit ich kämpfte, gekämpft hatte, was ich noch nicht losgelassen hatte. Jeder kann in sich gehen und schauen, welche Muster bei einem auftauchen, welche alten, vermeintlich gelösten Probleme und Verletzungen wieder getriggert werden. Und sich dann fragen: Was kann ich tun, um sie aufzulösen?

Egal, wie es mit deiner heimlicher Liebe ausgeht: Wenn du eine Abfuhr aus Angst erhältst, kannst du die Sache wenigstens für dich abschließen und weiterleben. Du weißt dann, woran du bist. Das ist nichts Schlechtes, im Gegenteil. Deswegen raten die Menschen auch immer dazu. Das Schlimmste wäre es, wenn du es so machst, wie ich und nichts sagst. Dafür aber jahrelang trauerst.

Oder, so wie ich, nach 18 Jahren plötzlich drei Nächte hintereinander von der Person träumst, weil dein Unterbewusstsein sie noch nicht vergessen hat.

Wenn du die Kraft hast, mach es besser als ich.

Mit den besten Wünschen,
Janett Menzel

Janett Menzel Angst Blog

 

 

Ja, ich habe Gefühle und Emotionen

Ja, ich habe Gefühle und Emotionen

 

Ich werde in letzter Zeit häufig gefragt, ob ich noch “Angst” habe. Meine Stellungnahme und Antwort: Ja und nein.

 

Ja, ich habe Angst … so wie jeder Mensch auf dieser Welt.

Jeder Mensch hat Angst, zum Beispiel vor dem Verlust von lieben Menschen, schweren Erkrankungen, Arbeitslosigkeit, Armut, Krieg, Selbstverlust, permanentes Leisten-Müssen, Mobbing, Bossing, krankhafte Eifersucht, Präsentationen, Prüfungen, nicht geliebt werden, keine Anerkennung bekommen, bestimmte Tiere, Abhängigkeit, ja sogar totale Freiheit und Unabhängigkeit, Höhen/Tiefen, Flugangst, enge Gänge, Spritzen und Blut, ausgeschlossen werden, verlassen werden, Isolation oder das Gegenteil, nicht allein zu sein usw.

Es kann mir keiner erzählen, er hätte keine Angst. Angst ist zu menschlich, zu alltäglich. Dafür glaube ich jedem, der sagt, dass er zwar Angst fühlt, aber die beängstigenden Dinge dennoch tut.

Deshalb ist auch der Name meiner Website www.Ich-habe-auch-Angst.de. Weil einfach jeder vor irgendetwas Angst hat. Niemand sollte sich dafür schämen oder tadeln müssen. Wie ich im Blogpost Schritt 1: Sag, dass du zu dir stehst schon schrieb:

 

Angst und Angststörungen sind zwei paar Schuhe.

In diesem Sinn: Nein, ich habe keine Angststörung mehr. Ich bin frei von allen Symptomen der Agoraphobie und Panikstörung.

Dieses Projekt ist eine Verfechtung des menschlichen Gefühls. Es bedarf keiner Scham oder Trauer, keinem Ekel und keiner Verachtung, wenn man Angst hat. Ich habe ein Problem damit, dass wir “Angst” immer gleichsetzen mit ANGST in psychopathologischer Bedeutung. Dasselbe gilt für Depression, bei der es um das Gefühl Traurigkeit geht.

In meinen Augen verhält sich etwa 75% aller Angst und Panik so:

Würden wir regelmäßig unsere Gefühle herauslassen und sie uns erlauben, ginge es uns allen besser, denke ich oft. Dürften und würden wir alle ungeniert und ungehindert, frei nach Herz und Bauch, traurig sein, wenn wir es sind, und vertrauen/misstrauen – handeln/unterlassen, wie es unser Körper uns sagt, bräuchten wir viele Stress-Ängste, Angstauswüchse oder Depressiones-Diagnosen nicht. Aber wir lassen uns zu sehr vorgeben, was wir fühlen (sollen und dürfen), was wir sind, welche Krankheit wir haben.

Haben wir erst einmal eine Diagnose erhalten, werden wir plötzlich zu dem Störungsbild: Die Betroffenen bekommen sogar eigene Titel, wie z. B. Borderliner, Narzisst, Depressiver, Hypochonder. Ich warte täglich darauf, dass es irgendwann auch die Worte Panischer, Gestresster und Ängstlicher im deutschen Wortgebrauch gibt. Wir suchen so sehr nach Definition und Eigenbestimmung, dass wir jedem Dahergelaufenen glauben, besser zu wissen, was wir waren, seien oder würden…

 

Wir sind keine Maschinen. Das erlaubt uns menschliches Verhalten.

Als wären wir Maschinen und hätten vergessen, dass wir einen eigenen Kopf zum Denken und Reflektieren haben. Als würde uns jedes Gefühl gleich “stigmatisieren” und ja, leider… abstempeln. Diese Sichtweise macht mich kirre und ich kann und will es nicht verstehen. “Ach! Guck mal da, da ist einer, der sich freut! Und da ist einer, der überrascht ist!”

Jedes Gefühl wird heute mit Pech besult. Mir gefällt diese Sichtweise nicht, denn es macht den Menschen, die gerade zu sehr unter einem Gefühl wie Angst leiden, die Tage nur schwerer. Sie fühlen sich “falscher” und strampeln mehr gegen andere und was diese denken/wollen, als auf sich zu hören.

Wir sind keine Maschinen, wir sind Menschen mit Gefühlen. Daher macht die Verhaltenstherapie ja auch genau diesen Schritt: Sie bringt dir bei, deine eigenen Gefühle auszuhalten und mit offenen Augen zu durchleben.

Der “offiziellen” Gangart stimmt natürlich nicht jeder zu. Es gibt mehr als Psycho & Physio, so wie es mehr als Schwarz & Weiß gibt: Eine führende Ärztin in den USA namens Dr. Lissa Rankin stieg aus diesem Grund aus der offiziellen Medizin aus und empfiehlt jeher allen Klienten, sich ihre eigene Medikation zu schreiben. Hinsetzen, in sich hineinhören (Was brauchst du? Was belastet so stark, dass… Wann treten welche Symptome auf? Was sagt dir dein Körper zuallererst, was du brauchst und was du loslassen solltest? usw.), und sich seine eigenen Gedanken über sich selbst machen. Das heißt natürlich auch, dass sich man selbst vertraut, ein wenig herumexperimentieren kann und um seine eigenen Kräfte weiß (oder es Schritt für Schritt lernt, was genauso wertvoll und wirkungsvoll ist).

Nichtsdestotrotz kann EIGENSINN mal wieder dabei helfen, sich näher zu kommen, wodurch sich Stress-Ängste oder festsitzende Traurigkeit effektiver auflösen ließen als mit jeder Pille, die nach Absetzen, nur erneute Probleme hervorruft. Ich war aber schon immer ein Gegner von Tabletten in jeder schulmedizinischen Form und weiß auch um die positive Wirkung für viele “Gefühls-Betroffene”.

Was anderes ist Panik (Furcht), Angst und Traurigkeit ja nicht: Gefühl und Emotion.

Also ja: Ich habe Gefühle und Emotionen.

Und um es mit Klaus Wowereits Worten zu sagen: …und das ist auch gut so!

Eure Janett

Janett

 

 

 

Schritt 1: Sag, dass du zu dir stehst!

Schritt 1: Sag, dass du zu dir stehst!

Nachdem ich den Sinn und Zweck meiner niedlichen Agoraphobie und erschreckenden Panikstörung erkannte, bin ich (leider und zum Glück) schlauer. Ich schreibe „niedlich“, weil sie sich fast gar nicht richtig entfalten konnte und erst jetzt mit ihrem Ziel bei mir ankommt. Ich schreibe „erschreckend“, weil ich mir zum Zeitpunkt des Auftretens meinem Gefühl der Furcht gar nicht bewusst war. Seit 2013, als ich beide Auswüchse von Bedürfnis, aber Angst zurück in meinem Leben begrüßte, weiß ich es besser, aber rätsele noch immer, was ich nun mit meiner Erkenntnis anstelle. Ich denke seitdem viel über mich und meinen Platz in der Welt nach.

Wenn ich sage: Ich habe dazugelernt, dann meine ich, dass ich alle Erkenntnisse nur noch schlecht „da sein lassen kann“, ohne weiterzugehen. Ich bin schlauer, weil ich gelernt habe, dass Agoraphobie bedeutet, sich seinen eigenen Platz im Leben zu suchen und einzunehmen. Wie kann ich dann einfach hier stehen bleiben? Schlauer bin ich auch, weil ich heute weiß, dass Panikattacken ein innerer Aufschrei sind, der an das Verdrängte, Ungelebte, Schwache erinnern soll. Kurz: an den eigenen Schatten. Wie kann ich dann weiterhin so tun, als wäre das damalige Ich auch mein jetziges?

Ich habe seit Mai 2015 einige Blogposts dazu verfasst, wie grandios und heilsam es wäre, wenn wir stets unsere Gefühle ausdrücken würden. Und wenn ich „grandios“ sage, meine ich auch GROßartig. Es ist eine große Sache, ja ein dickes Ei, ein gekonnter Schuss durch die Blume ins Knie für all diejenigen, die sich selten an ihre Gefühle herantrauten. Es ist nichts Kleines, nichts Kindliches, nichts „Das mach’ ich mal eben einfach so!“ Nein, es grenzt an Wahnsinn, heute zu sagen:


Scheiß auf’s Starksein

Lass alle Deine Gefühle raus!


„Ich traue mich nicht. Ich habe Angst. Ich fürchte mich. Ich fürchte mich, weil es nur um dich geht. Ich habe Angst, weil es deine Ziele sind, aber nicht meine eigenen. Ich traue mich nicht, dir zu sagen, dass ich dabei bin, mich gänzlich selbst zu verlieren: im Job, im Leben, im Kampf, in dir, in Unternehmen, in anderen. Ich habe Angst, so zu sein, wie alle anderen – brav sozial legitimiertes Verhalten, gehorsam in Bezug zu dem, was andere von mir erwarten. Ich kann mich kaum noch fühlen. Ich muss rauchen, muss trinken, essen, Drogen nehmen, Sex haben, Sport machen, arbeiten, um in eine erträgliche Welt zu fliehen. Ich habe Angst, dir zu sagen, dass ich es anders will. Ich habe Angst, dir zu sagen, dass ich Angst und Panikattacken bekomme, wenn ich Dinge tue, die mir nichts bedeuten. Ich spüre die Enge in meinem Körper, wenn ich mich mehr um deinen Willen kümmere, als um meinen.“

Egal, ob diese Sätze an Unternehmen, an Arbeitgeber, an Arbeitnehmer, an Familienmitglieder, Freunde oder Partner gerichtet sind. Es ist der eine Satz: „Ich habe Angst, dir (und mir) zu zeigen, wer ich wirklich bin.“ Den auszusprechen, grenzt an Hochmut. Es grenzt an Wahrheit. Und was ist heute schon noch wahrhaftig? Wer hat heute noch den Mut, wenn er zugleich den Fall fürchten muss? Wir hängen irgendwie fest. Zwischen den Stühlen aus Müssen-Sollen und Wollen. Wir sind zu wandelnden Paradoxien geworden.

Wir tun, als ob, obwohl wir nicht sind.

Was sind wir also? Was war ich?

Ich bin schwach. Wir sind alle schwach.

Ich bin stark. Wir sind alle stark.

Irgendwo dazwischen liegt die Wahrheit. Aber es beruhigt, dass der allseits präsente Buddhismus uns ermutigt, genau diese Mitte wiederzufinden. Doch unsere Gesellschaft zwingt uns, schwach zu sein und schwach zu bleiben. Wir trauen uns viel zu selten, uns hinzustellen und zu sagen: Was ich bin, bist auch du. Wenn du mir sagst, wie ich zu sein habe, darf ich dir dann auch sagen, dass ich so nicht sein will?

Es gibt da dieses Umkehrspiel, was Dr. Rüdiger Dahlke sehr eindrucksvoll in seinem Buch Das Schatten-Prinzip: Die Aussöhnung mit unserer verborgenen Seite erklärt: Was du anderen vorwirfst, zu sein, wirfst du in Wahrheit dir selbst vor. Was du an anderen begehrst, bewunderst und liebst, begehrst, bewunderst und liebst du in Wahrheit an dir selbst. Nur: Du hast Angst, es dir einzugestehen und zu dir und dem zu stehen. Wenn wir also sagen: „Die Gesellschaft ist schuldig. Die Wirtschaft hat die Schuld. Die Unternehmen und ihr Leistungsbestreben sagen uns, wir müssten uns fügen und für sie arbeiten, trügerische Identifikationen erdenken, um im Wahn um Macht, um Geld und Erfolg zu leben und zu sterben.“ heißt das in Wahrheit: Du sagst es dir. Die Entscheidung trifft in Wahrheit jeder Einzelne für sich selbst. Denn wir fürchten Individualismus. Wir fürchten – wie zu oft – Trennung.

Wir fürchten den Tod.

Nichts mehr auf der Welt ist enger und verbundener mit Angst als der Tod. Endlichkeit. Vergänglichkeit. Verlust. Zerfall. Auflösung. Zerstörung. Alles das widerstrebt unseren Herzen, unseren Bedürfnissen, unserer Sehnsucht nach Liebe und Geliebtwerden, Wollen und Wohlwollen.

Wir folgen lieber fremden Entscheidungen und Idealen. Die wenigen Menschen, die uns gerade vorbildhaft beweisen, dass sie es anders machen, werden – schwupps – kategorisiert und ja, stigmatisiert, mit Eigenschaften bedacht, teils mit Bewunderung und teils mit Zynismus überschwemmt, solange, bis wir ihren Erfolg nicht mehr leugnen können. Digitale Nomanden, Hochsensible, Introvertierte, Künstler, Hochbegabte, Nerds, Cocooner, Menschen ohne zig Studienabschlüsse und attestiertem IQ über 130, die die mörderischten Dinger auf die Beine stellen: Sie zeigen jedem anderen, angepassten und gehorsamen Menschen auf der Welt beide Stinkefinger gleichzeitig und knocken uns mit unserem fremden Gedankengut mit einem Augenzwinkern aus.

Schaut euch die vielen Menschen im Netz an, die uns erklären wollen, wie wir im Netz Geld verdienen, um irgendwo in der Südsee mit dem Laptop und Hotspot darüber zu sprechen, wie man im Internet von der Südsee aus Geld verdient. Pure Provokation. Reines Gold (und viel Lüge), aber die Sehnsucht springt an. Sie entzündet sich bei dem Gedanken, die wir alle teilen: Freiheit und Frieden. Sein dürfen und machen, was wir uns erlauben (wollen). Und ich sterbe beinahe jedes Mal vor Neid, wenn ich einen Menschen kennenlerne, der genau das macht und sich genauso verhält, wie sich ALLE Menschen auf dieser Welt verhalten müssten. Weil sie es dürfen. Eigensinnig und selbsterhalten. (Das Wort gibt es noch nicht, ich weiß.)

Wir stünden zu uns selbst. Ohne Diskussion. Wir stünden für unsere Gefühle und Sehnsüchte ein. Stattdessen grämen wir uns in Selbstmitleid und Scham, Traurigkeit und Furcht, wagen nicht zu viel und wühlen im Wenig, das wir uns zugestehen: Würden wir uns Gefühle erlauben und einen Pfiff drauf geben, was der Gegenüber denkt und möchte, dann gäbe es in meinen Augen weder Depressionen, noch Angst. Es gäbe keinen Stress mehr, keinen Kampf, keine Mühe. Jeder würde sich dort einfügen, wo er glaubt, hinzugehören. Jeder würde an den Orten der Welt leben und aufblühen und investieren, was ihm zu seiner Geburt an Talent und Genie gegeben wurde.

Aber wir wollen nicht traurig sein. Wir wollen keine Angst haben.

Wenn wir in der Schule (wie ich finde, das sehr nützliche Fach: Menschliche Gefühle und Emotionen im Alltag) lernen würden, könnten wir mit uns und der Welt im Reinen und in Frieden leben. Nichts würde sich anhäufen, nichts würde eskalieren. Es würde geheult werden, es würde über Angst gesprochen werden. Es würden Visionen in die Welt geschickt und Verrücktes in die Kultur einziehen. Wir alle wären so bereichert mit den Gedankenwelten und der Kraft aus Träumen und Wünschen aller Menschen. Aber wir geben nichts auf Ver-rückt-es. Alles braucht seinen (zugeordneten) Platz. Alles ist Kanon, ist Knigge, ist Kodex.

Ich stimme Dr. Dahlke zu: Der Schatten der Menschen (mithin jedes Gefühl, dass, ob positiv oder negativ, ungel(i)ebt ist und verdrängt wird) trägt sich ins Außen. Projektion wie sie im Buche steht. Was wir in uns tragen, manifestiert sich in unserem Umfeld. Die Traurigkeit der Menschen, unterdrückt und so still, treibt wie Mr. Hyde in Form von Depressionen ihr Unwesen. Ihre eigenen Seiten, die ihnen verboten wurden, drängt sie in die Flucht in Form von Panikattacken. Jemand sagt uns lange genug, wir seien nichts wert, müssten dies und das tun, sonst… und wir sind nicht Mensch genug, um zu sagen: Es tut mir leid, dass du denkst. Was ist passiert? Kann ich etwas für dich tun?

 

Sind Angst und Depression also nur Geschwüre, gewachsen aus verdrängten und unausgesprochenen Gefühlen?

Wen würde es dann noch wundern, dass wir in der Mehrzahl implodieren, statt explodieren? Depression und Angst, besonders Panik, sind in meinen Augen reine und gewaltige Implosionen. Sie zielen nicht nach außen, sind bersten im Innern. Und möge Gott dafür sorgen, dass niemand unsere Schwäche bemerkt und erkennt!

Ich wünsche mir etwas anderes. Um den Bogen zu den anfangs implizierten Fragen zu spannen: Was kannst du für dich tun, um zu verstehen, dass deine Gefühle dir durch Angst und Traurigkeit zeigen wollen, dass du GEFÜHL bist und GEFÜHL sein darfst? Lässt sich Traurigkeit und Angst gesellschaftsfähig machen, ohne dass wir ein psychotherapeutisch, klassifiziertes Störungsbild (natürlich klinisch) festgelegter KRANKHEITEN benötigen, um mit unseren Gefühlen umzugehen?

„Erste Regel für den Notfall: Null Emotionen“

Ich hatte letzte Woche einen Ohrwurm der 80er Jahre-Band Paso Doble: Computerliebe. Der Text geht ja so:

“Die Module spielen verrückt.
Mensch, ich bin total verliebt.
Voll auf Liebe programmiert. Mit Gefühl.
Schalt‘ mich ein und schalt‘ mich aus.
Die Gefühle müssen raus.
Ganz egal, was dann passiert.
Ich brauch‘ Liebe.”

Auch 30 Jahre nach Erscheinen des Liedes stimmt es noch immer: Wir lassen und wollen uns ein- und ausschalten. Kein Wunder, dass es mir so liebenswert erschien, wie die Sängerin Rale in dem Video mit ihrem Po wackelnd dasteht und lächelnd singt: Die Gefühle müssen raus. Ganz egal, was dann passiert: Ich brauch‘ Liebe.

Die Liebe, die wir brauchen und wiederentdecken müssen, ist die Liebe zu uns selbst. Achtsamkeit, Bewusstheit, Stille-Retreats, Schweigeklöster, Meditationen und Yoga, Schwimmen mit Delfinen, Schreiben, Atemtechniken, Ausmalbücher für Erwachsene: Alle diese angesagten Methoden wollen darauf hinweisen, dass wir zurück in unsere Körper müssen. Zurück zu unserem Gefühl. Hineintauchen in unsere Welten, in denen wir eigene Meinungen und eigene Gefühle wiederentdecken und in ihnen schwimmen dürfen. Sie signalisieren uns: Weg mit Selbstoptimierung und Zeitmanagement. Weg mit den zig neuen Weiterbildungen und erstklassigen Studienabschlüssen. Weg mit Schubladendenken und Fremdgefühlen.

Oder wie erst kürzlich Veit Lindau mit seinem neuen Buch aufrief: Werde verrückt.

Unsere Zeit ist gekommen, um zu verstehen, dass wir keine Psychosen, Neurosen oder andere Störungsbilder mehr brauchen, um Angst und Trauer haben zu dürfen. Die Zeit ist reif, um zu unseren Gefühlen zu stehen, sie zu bejahen und vom Berg hinab ins Tal zu brüllen:

Die Gefühle müssen raus. Ganz egal, was dann passiert. Ich brauch‘ (meine) Liebe.

In diesem Sinne: Viele selbstliebende Grüße,
Eure Janett

Janett

 

 

9 Lebensregeln – Regeln des Menschseins

9 Lebensregeln – Regeln des Menschseins

  1. Du wirst einen Körper erhalten. Du magst ihn mögen oder hassen, aber er wird der deine sein für die ganze Zeit deines jetzigen Lebens.
  1. Du wirst Lektionen lernen. Du hast dich eingeschrieben in die informelle „Ganztagsschule“, genannt Leben. Jeden Tag wirst du Gelegenheit haben, in dieser Schule Lektionen zu lernen. Sie mögen dir gefallen oder du magst sie für nebensächlich oder dumm halten.
  1. Es gibt keine Fehler, nur Lektionen. Wachstum ist ein Prozess aus Ergebnis und Korrektur, ein Experiment. Die „fehlgeschlagenen“ Experimente sind ebenso Teil des Prozesses, wie die „erfolgreichen“.
  1. Eine Lektion wird solange wiederholt, bis sie gelernt ist. Eine Lektion wird dir in verschiedenen Formen vorgelegt, bis du sie gelernt hast. Dann kannst du zur nächsten Lektion weitergehen.
  1. Das Lernen von Lektionen hört nie auf. Es gibt nichts im Leben, das nicht eine Lektion enthielte. Solange du lebst, wird es Lektionen zu lernen geben.
  1. „Dort“ ist nicht besser als „Hier“. Wenn dein „Dort“ zum „Hier“ geworden ist, wirst du ganz einfach ein neues „Dort“ erhalten, das dann wiederum besser aussieht als das „Hier“.
  1. Andere Menschen sind nichts anderes als deine Spiegel. Was immer du an jemandem liebst oder hasst, ist etwas, was du an dir selbst liebst oder hasst.
  1. Was du aus deinem Leben machst, ist deine Sache. Du hast alle Werkzeuge und Mittel, die du brauchst. Was du mit ihnen machst, ist deine Angelegenheit. Die Entscheidung liegt immer bei dir selbst.
  1. Die Antworten sind in dir. Die Antworten auf die Fragen des Lebens liegen in dir. Alles, was du tun musst, ist schauen, zuhören und vertrauen.

Verfasser unbekannt

 

Scheiß auf’s Starksein: Gefühle zulassen 1.0

Scheiß auf’s Starksein: Gefühle zulassen 1.0

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Heute gibt es einmal keine alleswissenden, verkopften, starren oder altklugen, weil wissenschaftlich fundierten und “Irgendeine-Studie-hat’s-ja-eben-erst-aufgezeigt”-Weisheiten.

Heute gibt es nur die eine Seite, die die Gesellschaft weiblich nennt, die, die gern als schwach bezeichnet wird, die, die wir selten zeigen (oder jedenfalls ich). Für mich ist es die Stimme, die oft genug in uns schreit, weil sie sich befreit sehen will – entgegen aller Widersprüche, entgegen aller Auflagen und Fremderwartungen, entgegen aller Vernunft.

Mir fiel es in der jüngsten Vergangenheit, wie auch schon mein gesamtes Leben lang, schwer, stark zu bleiben. Stark zu sein verband ich oft damit, Unschönes und Negatives herunterzuschlucken, den Kopf oben zu behalten, Brust raus und einfach weitermachen. “Ich krieg’ das schon hin! Ich lass’ mich nicht unterkriegen!” Trotz aller Geschehnisse und Hindernisse bäumte ich mich gerade, drückte meinen Rücken durch, hob die Nase und ging weiter. Aber in den letzten Monaten fiel es mir immer schwerer, das zu bleiben. Meine mühsam aufgebaute, unantastbare Hülle bricht mir seitdem Tag für Tag ein Stück weiter weg. Absichtlich und vorsätzlich. Das, was mir vormals Sicherheit zu geben schien, pulte ich mit Präzision, Durchhaltevermögen und Konsequenz ab.

Ich wusste nur: Starksein kann nicht heißen, dass man seine Gefühle vergisst, versteckt oder verneint.

 

Gefühle zulassen 1.0

…denn ich hatte so die Faxen dicke.

Ich hatte die Nase voll von mir und dieser Maske aus Unauthentizität, so wie von Menschen, die nur das Beste und Tollste von sich zeigen (durften), aber die Ecken und Kanten, Schwächen und Wunden verstecken, verhüllen (sollten) und so taten, als wäre alles wunderbar.

So wie ich allzu oft.  sundress-336590_1920

Ich bin seit meinem Gehäute tiefer und tiefer an eine Schicht meiner Persönlichkeit gelangt, die mir nicht länger erlaubt, zu sagen: “Hey, kein Problem! Das macht mir alles nichts aus!”

Denn verdammt – es gibt Tausende von Dingen, die mir etwas ausmachen. Die mich betreffen. Die mich berühren, mich verletzen, mich traurig und ängstlich machen. Auch ohne Angst- und Panikstörung. Neben all der Dankbarkeit, all der Selbstliebe, all den Atem- und Entspannungstechniken gibt es Phasen, in denen ich zu nix zu gebrauchen bin, weil ich einfach mal zu nichts zu gebrauchen sein möchte. Keine Ansprüche erfüllen, keine eigenen Erwartungen übertreffen, keine Aufmerksamkeit durch tolle Leistungen gewinnen.

 

Und das ist auch gut so, denn Gefühle zulassen beginnt bei einem selbst.

Gestern hatte ich ein Gespräch mit jemandem, der mir das Gefühl gab, dass es falsch sei, wenn und dass ich Gefühle habe, Gefühle zeige und sie ausspreche, zu ihnen stehe, auch wenn sie jemandem nicht passen oder Angst machen. Da hörte meine Rücksicht und Anteilnahme auf.

Heute verstehe ich, dass es genau diese Attitüde ist, die uns Menschen dazu bringen, eine Maske zu entwerfen und aufzusetzen. Mit viel Glück finden wir Menschen, wie enge Freunde oder gute Partner, die einem erlauben, alles zu sein, im vollkommenden Sinn alles an Gefühl zu sein, was man ist. Keine Unterbrechung, kein Kampf, keine Mühe und Wettbewerb um den ersten Platz… Na, wer ist heute wichtiger? Hm?

Ich musste in den vergangenen Monaten feststellen, dass es zwar schwer ist, alle Gefühle da sein zu lassen, sie auszuhalten, darauf zu warten, dass sie sich verwandeln. Aber dafür passiert etwas Wunderbares mit den Gefühlen: Sie werden dankbar. Auch so schmerzhafte Gefühle und Emotionen wie Scham, Schuld und Traurigkeit werden ganz sanft, wenn man ihnen erlaubt, da zu sein und ihnen Raum gibt. Es fühlt sich erst einmal wie ein Waldbrand an, aber wenn das Schlimmste vorüber ist, ist da nur noch Frischluft und Sonnenschein.

Als ich 2013 Agoraphobie hatte, hätte ich diesen Raum gebraucht. Damals verstand ich nicht, dass Agoraphobie und auch Panik ein Aufruf sind, um sich seinen Platz und Raum zu suchen, ihn einzunehmen und notfalls zu verteidigen. Ich begriff nicht, dass meine Gefühle Angst und Traurigkeit oder Wut da waren, um mir zu zeigen, dass mir mein Platz streitig gemacht wurde (und ich das fürchtete), weswegen ich meinen Halt zu mir selbst verlor. Ich erkannte nicht, dass ich es unterstützte, in dem ich meine Gefühle unterband und unterbrach. Verneinte. Abwehrte. Missverstand.

Gefühle zulassen

Als ich meine gewohnte Sicherheit aufgab, losließ und die Maske absetzte, akzeptierte ich meine Gefühle, lud sie ein und entgegnete ihnen mit dem angebrachten Verständnis – für mich.

Auf einmal fiel es mir leicht, meine Gefühle zu lassen. Nicht nur, sie zuzulassen, sondern ihnen zu erlauben, zu machen, was sie gerade wollen, ihnen den Raum und ihre Zeit zu geben. Diese Maskierungen verletzen einen nur selbst. Man sucht dann – ist auch so schön einfach – im Außen nach dem Schuldigen, den Leuten, die einen irgendwas verbieten (wollen), aber tatsächlich ist man selbst verantwortlich. Niemand kann einem seine Gefühle verbieten. Kennst du das Gefühl, wenn man sich schuldig fühlt, weil man gewisse Gefühle hat? Als müsste man sich ent-schuld-igen, weil man nicht nur mit der Birne die Welt beleuchtet. In dem Gespräch gestern brüllte ich irgendwann sogar: Ich darf fühlen, was ich fühle.

Wenn man seine Gefühle zulassen will, dann lädt man natürlich auch die negativen ein, was sich nicht immer nett anfühlt. Gestern rief ich meine Traurigkeit, weil ich wusste, sie will jetzt endlich da sein.

 

“Scheiß auf’s Starksein!” brüllte sie. “Hier läuft etwas schief und es macht mich traurig!”

Als ich sie rief, war sie da. Genauso wie zu Zeiten der Panik, als ich Angst hatte, wieder Angst zu haben, und daran dachte, was jetzt wohl wäre, wenn ich wieder Angst bekommen würde. Und zack, war sie zur Stelle: meine Angst. Nur dass ich meine Traurigkeit über Schiefgelaufenes gestern nicht fürchtete, sondern einlud. Heute früh waren meine Augen schwer, nicht nur, weil ich im Gespräch einige Tränen vergossen hatte, sondern auch weil das “Augen aufmachen” einige Einblicke mit sich brachte, die plötzlich ziemlich grell vor mir standen. Es fühlte sich leer an, aber es war eine schöne Leere. Als hätte ich Platz frei geräumt, den ich nun mit Neuem füllen könnte.

Auch etwas Angst stand daneben und fragte mich:

“Und was nun? Was willst du jetzt machen, wenn du nicht mehr nur das bist, was andere haben wollen? Was wirst du heute sein? Wo ist heute dein Platz in dieser Welt, um den du gestern so sehr getrauert und gekämpft hast?”

Und eine andere Stimme, diese leise und verkannte, weibliche und intuitive Stimme, flüsterte: Weißt was? Ich werde ihn finden.”

Gefühle zuzulassen hieß plötzlich meine Maske abzusetzen, die Erwartungen anderer und meine eigenen loszulassen. Es hieß: Scheiß’ auf’s Starksein. Es hieß: Ich bin unschuldig.

Es bedeutet heute mehr denn je:

Ich. Bin. Genug.