Ich habe Angst davor, Personen zu kritisieren, sich zu verlassen, zu mir zu stehen. Auch wenn sie Fehler machen, fürchte ich mich, ihnen das zu sagen, aus Angst, sie zu verletzen. Umgekehrt ist es ähnlich: Wenn mich jemand negativ bewertet oder beurteilt, tut mir das weh. Das kommt aus meiner Kindheit. Ich wuchs ohne Vater auf. Ich fühlte mich schuldig und dachte als Kind, es würde an mir liegen, dass ich etwas Falsches gemacht hatte, nicht brav genug war. In meinem späteren Leben ging es genauso weiter: Jedes Mal, wenn ich jemanden/eine Situation verlassen wollte, fühlte ich mich schuldig. Ich saß wie zwischen Stühlen. Der Teufel auf meiner Schulter sagte mir, ich müsse bleiben, um den anderen nicht zu verletzen, nicht allein zu lassen, so wie mein Vater mich verletzt und allein gelassen hatte. Der Engel auf der anderen Schulter erzählte mir, ich dürfte gehen, wenn es mein Wunsch wäre. Es würde mir ja auch gut tun. Diese Unsicherheit durch das Hin und Her kommt sicher von meinen Eltern, die beide wollten, dass ich ihre Position einnehme. Wenn ich mich für meinen Vater entschied, war meine Mutter sauer. Entschied ich mich für meine Mutter, war mein Vater ohne Verständnis. 

Ich wuchs also mit Angst auf. Auch heute weiß ich ganz oft nicht, welche Position ich einnehmen soll. Ich verstehe immer beide Seiten. Weil ich meine eigene Seite früher selten kannte, rutschte ich in die der anderen Menschen immer tiefer rein. Aber ich traute mich ganz oft nicht, eine eigene Meinung zu haben. In meiner Kindheit durfte ich den anderen nicht trotzdem mögen. Es musste bedingungslos sein. Ich sollte den anderen ablehnen, den Mund halten und alle meine Gefühle (echt alle!) für mich behalten, weil meine Eltern nichts Positives über den jeweils anderen hören wollten. Wenn ich einen verteidigt hätte oder gesagt hätte, dass ich trotz ihrer Vergangenheit Liebe für mein Elternteil empfinde, hätte ich ihnen wehgetan. Sie ließen mich spüren, dass sie diesen Schmerz durch ihrem Sohn nicht fühlen wollten. Meine Mutter besonders. Sie gab sich so viel Mühe, aber ich hatte das zu schätzen, in dem ich meinen Vater nicht vermissen durfte. Stattdessen musste ich mithelfen und leisten. Das ging so bis in mein heutiges Leben, also bis vor ein paar Jahren.

Ich wuchs mit dem Gedanken auf, dass (seitens meines Vaters) auf mich verzichtet werden konnte, denn er ließ mich im Stich, weil meine Mutter ihn verletzt hatte. Ich wuchs mit dem Gefühl auf, ich wäre nicht liebenswert und nur unter bestimmten Bedingungen gewollt. Ich wuchs mit der Idee auf, dass ich allein und ohne Rückhalt wäre, wenn ich meine eigene Meinung äußere und andere Gefühle habe, so als wäre meine Meinung, meine Gefühle, meine Existenz und Identität unwichtig. Nur wenn ich aus mir herausträte und in den anderen hinein, damit er voller ist und weniger Leere spürt, würde ich geliebt werden.

Ich wuchs ohne eigene Gedanken über mich, ohne eigene Werte und Meinungen auf. Die, die ich mal gehabt hatte, verschwanden irgendwann. Ich bekam im späteren Leben auch wenig Anerkennung und Bestätigung, wenn ich nicht so war, wie man mich wollte. Deshalb lernte ich, so zu tun, als ob ich die andere Person mag und verstehe, in dem ich SEINS lebe und für seine Sachen kämpfe. Ich hatte ja gelernt, dass ich so Einsamkeit entkommen kann und ich dann weniger Angst hätte. Später war es dann auch so, dass ich mich gut fühlte, wenn mich jemand für in seiner Leere brauchte. Als würde es mir eine Identität verleihen! 

Ich fühle den Schmerz von damals aber auch heute noch. Nichtsdestotrotz weiß ich heute, dass das alles ausgemachter und hausgemachter Humbug ist. Ich bin Johannis (Name geändert), 44 Jahre alt und wohne in Hamburg. Ich bin erwachsen, mutig, klug, liebevoll und liebenswert. Ich habe eine Identität. Ich existiere, auch außerhalb von anderen Personen und fremden Situationen. Ich habe Stärken und ja, auch Schwächen. Aber ich mag mich. Und mich mögen viele andere auch. Wie ich das gemacht habe? Ich habe nur noch gemacht, was ich wirklich von Herzen her wollte und konnte. Irgendwann kann man nicht mehr nur geben und sich aufopfern. Man will doch auch etwas zurückbekommen. Ich habe ganz bewusst dabei zugesehen, wer bei mir blieb und wer eben ging. Ich habe gelernt, dass ich zum Beispiel Freunde hatte, die mich nur auf eine bestimmte Weise wollten, wenn ich immer da war, wenn die mal Zeit hatten. Das war nicht gegenseitig. Ich bin nicht böse drum, dass ich einige Leute nicht mehr in meinem Leben habe. Im Gegenteil. Heute habe ich nur noch ehrliche Menschen in meinem Leben, die auch zu mir stehen, wenn man richtig mies drauf ist oder ich ein Tief habe. Dafür bin ich dankbar. 


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Erzähl mir Deine Geschichte!

Was machst Du, wenn Du Angst bekommst? Wie hast Du es geschafft, der Angst zu entfliehen oder sie zu zähmen? Ich gebe Deine Tipps an alle in meinem ANGST-Blog weiter. Es gibt viele, die deine Hilfe brauchen, die Deine Stimme wollen und noch nach Wegen für einen Umgang mit den kleinen und großen Ängsten suchen. Wie hast Du es geschafft, damit umzugehen? Schreib mir Deine Geschichte!

Janett

 

 

 

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