Die dunkle Schwester: der Schatten einer jeden Frau & was er mit dir macht, wenn du ihn unterdrückst

Die dunkle Schwester: der Schatten einer jeden Frau & was er mit dir macht, wenn du ihn unterdrückst

Jede Frau verbirgt eine dunkle Schwester in sich (so, wie jeder Mann einen dunklen Bruder hat), die all die ungewollten, verdrängten und verheimlichten Eigenschaften darstellt, die im offiziellen Leben nicht ausgelebt werden. Wenn du dich fragst, wieso du deine “schlechten” Angewohnheiten nicht loswirst, nicht abnimmst, keine Lust auf Sport hast, dich nicht verstellen kannst, es sich so auslaugt, dich anzupassen, du vermeintlich grundlos wütend oder traurig wirst (hier ist nicht Depression gemeint), manchmal wie ausgewechselt bist oder dich dein soziales Umfeld “nicht wiedererkennt”, weil du Stimmungsschwankungen hast oder keine Lust, zu tun, was du tun müsstest, aber nicht willst, dich nicht zu etwas aufraffen kannst usw., dann wisse: Es ist die dunkle Seite deiner Persönlichkeit. Es ist dein Schatten, das Gegenteil des Hellen, was du jedem zeigst, weil du weißt, “Das wird gemocht.” und “Das wird gern gesehen.”, “So bekommst du, was du brauchst.” (wenigstens in Teilen bzw. so verlierst du am wenigsten).

Wenn du besonders darunter leidest, etwas Lästiges nicht loszuwerden, dich nicht disziplinieren kannst oder eine scheinbar höhere Macht, dein innerer Schweinehund, stärker ist als du, dann lies diesen Blogpost.

Wie die dunkle Schwester in dir entstand und wieso sie machmal so viel Macht über dich hat

wenn anpassung nicht mehr gelingt

Ich werfe zu Beginn einige Begriffe in den Raum, die dir zeigen sollen, wie die dunklen Seiten, die dunkle Schwester, dein Schatten entstanden ist:

Erziehung – Schule – aufgezwungene Werte und Standards anderer – erwartete Anpassung – So-Sein-Müssen – Zugehörigkeit/Teilsein-Dürfen – emotionale und psychische Leistungen – Gefühle wie Wut, Trauer und Angst nicht zeigen dürfen/sollen – Erwartungen anderer – Druck, zu genügen – idealerweise keine Bedürfnisse oder Sehnsüchte haben – nicht schwierig, kompliziert oder anstrengend bzw. bedürftig sein – gesellschaftliche Erwartungen an dein Äußeres als Frau erfüllen müssen (oder glauben, es erfüllen zu müssen) – schwierige Männer in Liebesbeziehungen, passive Männer und Beziehungen, die auf deinen Schultern lasten bzw. solche, die du als übergriffig empfindest – schwierige Mutter-Tochter-Beziehungen (du und deine Mutter) – überhohe Verantwortung und Pflichten – innere Hektik & Unruhe – überstarke Rationalität – Schwierigkeiten, sich zurückzulehnen, sich zu vertrauen, der Welt zu vertrauen, Entscheidungen gegen andere zu treffen, seine weibliche Seite auszuleben, Nein zu sagen, unvernünftig oder zickig zu sein, sich zu nehmen, was man will, das Leben in allen Zügen auszukosten, ein Leben zu leben, das andere nicht verstehen (nichts Solides, nichts Bodenständiges, sondern Eigenes), Schwierigkeiten, sich zu trennen oder Streit/Konflikte auszuhalten …

Das ist nur eine kleine Liste der Gründe, wie die dunkle Schwester in dir entstanden ist. Je mehr man als Frau davon in seinem Leben hat, desto stärker werden auch die Schattenseiten sich entwickeln. Sie drücken sich aus, indem sie dir aufs Gemüt drücken oder dich davon abhalten, “so zu sein, wie andere dich wollen würden”.

Die helle Schwester (der gute Zwilling) hat das gelernt und ist bestrebt, so zu sein. Die dunkle Schwester hingegen, der böse Zwilling, sucht nach Gleichgewicht und sieht genau, wenn etwas aus der Balance fällt. Sie schafft wieder Ordnung in dir drinnen – jedenfalls versucht sie das. Denn immer nur machen, tun, ertragen, schweigen, lächeln und dienen ist für keine Seele wohltuend. Im Gegenteil. Es verrät sie und jedes Herz. Es macht krank und belastet so die Psyche und den Körper.

Die dunkle Schwester ist häufig gierig: Sie hat einen drängenden Hunger nach Aufmerksamkeit und Anerkennung, endlosem, leidenschaftlichen Sex, Essen und Trinken, das die Sinne anregt, tiefen Gefühlen und Erfüllung, grenzenloser Freude und Spaß, nach überschwänglichen Erlebnissen und oft grenzenlosem Selbstausdruck (in welchen Bereichen auch immer). Sie will sich hingeben und empfangen oder geben und kontrollieren – je nachdem, was auf der ausgelebten Seite der angepassten Frau überwiegt. Sie will geliebt werden ohne jede Bedingung, will nichts dafür tun müssen, weder am Anfang noch mittendrin, will Verständnis für all ihre Ecken und Kanten.

Da man aber selten so lebt, sondern sich um Anpassung bemüht und darum, sich zu “benehmen”, nicht so anstrengend und fordernd, sondern eine Hilfe, lieb, sanft usw. zu sein, rutschen die wahren Bedürfnisse immer tiefer ins Dunkle ab.

Die dunkle Schwester verkörpert somit auch all die Wut, die man nie geäußert, sondern heruntergeschluckt hat. Sie trägt die Traurigkeit, Scham und Schuld, die zu schwer zu tragen war. Je mehr wir unser wahres Ich verdrängen, desto stärker wird sie – wenn wir versuchen, lieb, brav, angepasst, hübsch und „so zu sein“, wie man uns will oder wie wir denken, sein zu müssen, um gewollt, liebenswert, angesehen und akzeptiert zu werden.

macht der schattenseiten wie sie entstehen

Die dunkle Schwester ist gegen Motive (das, was dich bewegt, etwas zu tun oder zu unterlassen) wie Zugehörigkeit auf Teufel komm raus oder emotionale/psychische Leistung des Friedens oder der Liebe wegen. Sie verabscheut Co-Abhängigkeit und für andere bequeme Lebensweisen. Sie will im Mittelpunkt ihrer Abenteuer stehen und sich entdecken, auf einer Reise, die sie selbst bestimmt. Sie will ihr Ego leben und nur freiwillig korrigieren. Sie will wachsen und in Einklang bringen, zwischen Weiß und Schwarz alle Farben entdecken. Sie will Energieaustausch statt Langeweile, Blumensträuße und Kino statt Dreckwäsche und Feierabendbier. Sie will Anerkennung für ihre Eigenheiten – und sprechen wir das Kind ruhig beim Namen: Sie will Bewunderung für alles, was sie kann, Nachsicht für all das, was sie nicht kann, und Verständnis, für alles, was sie nicht können will. Die dunkle Schwester ist definitiv der narzisstische Teil einer jeden Frau, die Egomanin und Diva.

Sie ist die, die brüllt, meckert, die Augen rollt, lacht, weint, das Telefon einfach auflegt, lügt, betrügt, abhaut, um 23 Uhr Nudeln kocht, die Bude 2 Wochen lang nicht saugt, nicht sofort zurückschreibt, neidet, eifersüchtig ist, schwarz fährt, stiehlt oder Rache will, wenn ihr die „offizielle“ Version deines Selbst zu bunt/schädlich für dich geworden ist. Sie ist der innere Schweinehund, nicht der innere Kritiker, sie ist die miese Laune statt des ewigen Sonnenscheins, die unermüdliche Kämpferin und härteste Richterin über Ungerechtigkeit und Schmerz, die du freiwillig erträgst – aus Angst, anzuecken, bedürftig, kompliziert oder lästig zu erscheinen. Sie ist die heimliche Königin deines Reichs, wenn du andere regieren lässt – aus Angst, Fehler zu machen oder ausgeschlossen zu werden, Menschen oder Ansehen zu verlieren, die vermeintliche Sicherheit, die dich gefangen hält.

Sie versteht das Versteckspiel nicht: wieso du dich verstellen, klein machen und halten lässt. Sie geht für Balance weit über „deine offiziellen“ Grenzen.

Wie du Freundschaft mit deiner dunklen Schwester schließt

sich mögen trotz schlechter angewohnheiten

Würden wir Frauen unsere dunkle Schwester nur mehr ausleben, bräuchte sie nicht so hart durchzugreifen. Sie will nur da sein dürfen. Wir würden so viel weniger leiden. Also frage dich: Darf sie endlich da sein? Zwei Tipps haben sich in der Praxis meiner Klientinnen bewährt, weshalb ich sie in Mentorings immer erwähne:

Übung 1

Es hilft, das Reich des braven Mädchens wenigstens mal gedanklich zu verlassen und eine Liste mit allem, es die dunkle Schwester will, zu erstellen:

  • nicht sexy/schlank sein oder immer gut aussehen
  • mit dem netten Kollegen ausgehen, obwohl er verheiratet ist
  • xyz nicht den Gefallen tun, um den er gebeten hat
  • nicht geben, ohne zu bekommen
  • mit Schoki und Chips vor dem Fernseher hocken
  • aufgebrezelt tanzen gehen usw.

Das nimmt schon eine Menge Luft raus. Ein kleiner Schritt in Richtung „du selbst“.

Übung 2

Viele Frauen erzielen gute Ergebnisse damit, die dunkle Seite in sich täglich da sein zu lassen (auch wenn es das brave Mädchen in sie zwingt, anders zu sein). Aber durch diese Erlaubnisse fällt es den Frauen leichter, sich im Gegenzug als Kompromiss zu maßregeln oder Sachen zu machen, die sie nicht wollen. Es reichen schon kleine Erlaubnisse aus. |

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Panikattacken sind meiner Meinung nach der Versuch des Gehirns,
den Schrei der dunklen Schwester zu unterdrücken.

Ratgeber Selbsthilfe für Frauen mit Angst
Janett Menzel: Mein neues Leben ohne Angst (TRIAS Verlag, 2020)

Über Co-Abhängigkeit und wie man sich als Betroffener besser verstehen kann

Über Co-Abhängigkeit und wie man sich als Betroffener besser verstehen kann

Co-Abhängigkeit bedeutet, dass man für das Wohlbefinden und die Zufriedenheit des Partners alles tut – auch, wenn es den eigenen Lebensregeln widerspricht, einen selbst verletzt, man Freunde und Familienmitglieder verliert und man nur noch in Abhängigkeit vom Anderen lebt und liebt, so, wie der-/diejenige es für richtig erachtet. Man trifft keine/kaum eigene Entscheidungen, denn man befürchtet, es könnte nicht im Interesse des Partners sein und Ablehnung oder Streit provozieren. Im Grunde spiegelt sich in der Co-Abhängigkeit die eigene Angst vor dieser Ablehnung, die sich auch oft als Verlustangst zeigt. Und eben diese Angst kann bereits geschürt werden durch andere Meinungen, kleinere Konflikte bis hin zum Anderssein statt So-Sein. Co-Abhängige drehen und wenden sich deshalb nach dem, was andere als Erwartung an sie stellen. Nicht wenige werden vor allem zu einer Version, die in ihrem Umfeld anerkannt würde statt abgelehnt. Aber sie selbst verlieren sich dabei von Tag zu Tag. Das wiederum kann Angstzustände und Depressionen, aber auch Süchte und tiefe Einsamkeit fördern.

Wie wird man co-abhängig, was ist gesund und wann ist man co-abhängig?

Dass sich das eigene Leben ein stückweit verändert, wenn man in einer Beziehung lebt, ist klar. Man kann sich nicht mehr nur allein um sich drehen, sondern sollte auch die Bedürfnisse und Wünsche des anderen wahrnehmen und beantworten. Das heißt nicht, dass man alles gutheißen oder fördern muss bzw. alles so machen muss, wie der Partner es wünscht, um seinem höchsten Interesse zu 100 Prozent zu begegnen, während man selbst zurückbleibt.

Viele werden entweder co-abhängig, weil sie innerlich spüren, dass der Partner es so wünscht und weil es in ihnen eine Angst vor Verlust und Angst, verlassen zu werden, auslöst, die sie abwehren. Oder sie kennen co-abhängige Erwartungshaltungen ihrer Bezugspersonen bereits aus ihrer Kindheit, ihrem Elternhaus oder vergangenen Beziehungen. Menschen, die beispielsweise stark narzisstisch oder phobisch sind, stark neurotisch oder egozentrisch, fordern von anderen oft Anpassung in Form emotionaler Leistungen. Das können narzisstische Mütter sein wie auch sich freiwillig unterwerfende Väter oder stark eifersüchtige Partner, die damit nicht umgehen können. Solche Erfahrungen in der eigenen Erziehung oder dem sozialen Umfeld zeigen sich dann auch – insofern nicht überwunden – im späteren Leben in Folgepartnerschaften.

Die Dynamik innerhalb einer co-abhängigen Partnerschaft lässt sich am besten mit einer körperlich gewalttätigen Beziehung vergleichen. Man fürchtet stets, den anderen wütend zu machen (Wut hier als Mantel der Traurigkeit) und vermeidet Disharmonie um jeden Preis, steckt eher selbst ein, als denjenigen mit sich und seiner misslichen Gefühlslage zu konfrontieren. Dass der- bzw. diejenige unfähig ist, ihre/seine Emotionen zu regulieren, ist zwar oft ein gefühltes Wissen, aber es findet keine Konfrontation statt. Man wagt es nicht, dem Partner zu sagen, dass es hier etwas gibt, was er lernen darf oder was er so zu akzeptieren hat, ohne Rückschlüsse oder strafendes Verhalten einem selbst gegenüber. Es ist aber leider oft genau die erwartete Strafe, die Co-abhängige fürchten. “Beliebte Strafen”, die ich im Laufe der Jahre bei meinen Klienten gesehen habe, sind manipulative und somit toxische, psychisch und emotional gewalttätige Verhaltensweisen, wie zum Beispiel:

  • Schweigen (The Silent Treatment) – Verweigerung jeglicher Kommunikation, um auszudrücken: Du hast dich gegen mich gewandt, warst böse und unartig, nicht so, wie ich es von dir erwarte, wie ich dich mag. Deshalb lehne ich dich jetzt offen und direkt ab, um dir zu zeigen, wie wenig ich dich so will, wie wertlos du jetzt für mich bist, wie wenig ich dich dadurch brauche und als Partner wünsche.
  • Streit vor, während oder nach einer bestimmten Handlung – Es werden oft Streitigkeiten vom Zaun gebrochen oder etwas/jemand, der dir wichtig ist, benutzt/instrumentalisiert, um dich zu bestrafen, weil du etwas trotzdem tust, obwohl du weißt, dass der andere es nicht duldet (besonders oft werden Kinder benutzt, um die eigene Macht und deine nötige Unterwerfung zu demonstrieren). Bist du z. B. mit Freunden unterwegs, könntest du Kontrollanrufe bekommen. Bist du wieder zurück zu Hause, könnte dein Partner dich ausfragen oder bewusst ignorieren oder dich tadeln, als Strafe für die Zeit, die er ohne dich erleben musste. Ich sehe auch oft, dass Menschen Textnachrichten erhalten, wenn sie unterwegs sind, die sie aufscheuchen und die gute Zeit, die sie gerade erleben, unterbrechen oder bewusst ins Dunkle ziehen. Viele lassen Verabredungen oder Unternehmungen deshalb schnell sein, um diese Reaktion des Partners in Zukunft zu vermeiden (und um sich den Stress zu ersparen).
  • Gaslighting – Dieser Begriff aus den Staaten beschreibt die bewusste Manipulation des Partners, bis dieser denkt, a) er wäre schuld an allem, z. B. der schlechten Atmosphäre in der Beziehung und b) wäre verrückt/würde seinen Verstand verlieren oder bestimmte Verhaltensweisen des anderen falsch sehen. Das bedeutet im Detail, dass z. B. enge Freunde/Familienmitglieder schlecht gemacht werden, um dich zu isolieren. Du wirst schlecht gemacht, um dir einzureden, dass der andere recht hätte und du dich falsch verhalten hättest, um dein Verhalten in Zukunft zu steuern und den anderen nicht mit sich und seinen falschen Verhaltensweisen zu konfrontieren. (Ich bin richtig. Du bist falsch.)
  • Drohungen, Trennungen & Co. – Konflikte oder Schweigestrafen sind das eine. Aber viele erleben ganz offene Androhungen von Trennungen oder anderen schmerzhaften Konsequenzen, wenn sie nicht tun/so sind, wie der Partner es wünscht.

Es ist nicht verwunderlich, dass Partner deshalb schnell co-abhängig werden, sich unterdrücken lassen und mindestens eines der folgenden Anzeichen im Verhalten, Fühlen und Denken zeigen:

  • nicht wissen, was man sagen, tun oder nicht sagen/tun darf – deshalb am besten schweigen oder immer nachfragen
  • stets daran denken, was wohl der Partner/die Partnerin von etwas/jemanden halten wird
  • keine Entscheidung ohne den Partner/die Partnerin treffen können/wollen (oder das Gefühl haben, es nicht zu dürfen)
  • kein Mitgestaltungsrecht fordern/fühlen, außer es fördert/erfüllt die Bedürfnisse und Ziele des anderen
  • man fühlt sich nur gut, wenn es dem anderen gut geht
  • man ist nur okay, wenn der andere es einem spiegelt
  • man darf ohne den anderen nicht glücklich sein, sonst droht sein Unglück/seine Unzufriedenheit (man wird für die negativen Gefühle des anderen verantwortlich gemacht, vor allem für seine Unfähigkeiten im Umgang mit diesen, z. B. mit dem Nicht-Gebrauchtwerden)
  • man vermeidet ALLES, was beim anderen Ohnmacht, Hilflosigkeit, Angst, Eifersucht, Neid usw. auslösen könnte (Im Namen der Liebe)

Zusammenfassung: In einer Partnerschaft rotiert man als Co-Abhängiger so nach und nach alleinig um den Lebensstil und -sinn des Partners. Wie er das Leben sieht, wie Menschen zu sein haben, wie eine Beziehung oder die Frau/der Mann und andere soziale Kontakte auszusehen und sich zu verhalten haben, welche Moral- und Lebenseinstellungen er/sie für richtig hält: All das bestimmt der Partner, der vom anderen – von dir – Co-Abhängigkeit verlangt. Da man dabei seinen eigenen Lebensweg und -sinn aus den Augen verliert, orientiert man sich an den Gefühlen des anderen. Was ihn/sie wütend oder traurig macht, in Angst versetzt oder eifersüchtig werden lässt, vermeidet man.

Was man aus seiner eigenen Co-Abhängigkeit lernen kann

wenn du immer den falschen anziehst

Man kann etwas verteufeln und ablehnen, verdrängen und ignorieren oder man akzeptiert es und sieht das Positive darin, zum Beispiel, was man daraus lernen kann. Ich bin ein Freund der zweiten Betrachtung.

In einer co-abhängigen Beziehung zu leben, verrät vieles über den Menschen in puncto Selbstständigkeit, dem Umgang mit Alleinsein und Selbstwert. Denn die Abhängigkeit vom Partner kann das Leben nicht nur belasten – im Sinn der zusätzlichen Last des Partners und seines Lebens, welches scheinbar nur dann gut ist, wenn man sich entsprechend verhält, fügt oder anpasst. Es ist auch eine emotionale Last, denn man operiert innerhalb eines sehr engen Fensters aus Sollen, Müssen und Dürfen – eine Situation, die viele Betroffene an die Kindheit/Jugend und somit an eine enge, strenge, unfreie und eben abhängige Eltern-Kind-Beziehung erinnert. Es drohen Strafen und Diskussionen, wenn man nicht „brav“ ist oder sich weigert, ein Kind zu bleiben und sich stattdessen erwachsen verhält (Nestfluchtverhalten und die Angst des anderen, verlassen und nicht mehr gebraucht zu werden).

Auch die Last der eigenen Emotionen durch die Co-Abhängigkeit beschwert viele: Ohne den Partner zu sein – für viele reichen schon wenige Stunden -, fühlt sich unvollständig, nicht richtig, „fehl platziert“, abgetrennt, isoliert, haltlos und falsch an. Dabei kann Co-Abhängigkeit selbst in die Einsamkeit führen, weil wichtige Lektionen verdrängt und ignoriert werden. Vom Partner/der Partnerin oder der Partnerschaft per se bestimmt zu sein oder aktiv bestimmt zu werden, kann an wichtigen Säulen wie Selbstwirksamkeit, Selbstständigkeit und Selbstwert rütteln – soweit, bis wir nicht einmal mehr wissen, wer wir ohne den Partner/die Partnerin sind, was uns als Person ausmacht und was wir im Leben für uns erreichen wollen.

Buchempfehlung: Über die Kunst, allein zu sein

Co-Abhängige sind deshalb oft sogenannte „Chaser“ (Verfolger), häufig Frauen, die einem Mann „hinterherrennen“ (in der wörtlichen Übersetzung von “to chase”), „ihm folgen“ und „rechtmachen“, obwohl er sie wegen ihrer Persönlichkeit und So-Sein nicht für eine Partnerschaft wählen würde. Selbstverständlich gibt es auch Männer als Chaser. Den Gegenpol bilden sodann die sogenannten Runner. Co-Abhängig sind auch Menschen, die vordergründig keine (kleinen) Entscheidungen fällen, ohne den Partner/die Partnerin zu fragen (um Erlaubnis). Auch die sind abhängig, die sich in allem, was der Partner/die Partnerin möchte, sich wünscht und tut, entgegen einem gegenseitigem Respekt, drehen und ihr Leben nach den Schritten des/der Geliebten ausrichten, ohne sich oder den anderen in seinen/ihren Worten und Taten zu hinterfragen. Dahinter versteckt sich die Sehnsucht danach, ausgewählt zu werden/zu sein, gewollt zu werden/zu sein, der inneren/äußeren Leere zu entfliehen – wenn man so ist, wie der andere es sich wünscht.

Ich werfe nun einen Blick auf das Konzept und verrate, wie man an dieser Herausforderung trotzdem wachsen kann.

Bedürfnisse, Verhaltens-, Gefühls- und Denkweisen co-abhängiger Menschen

sich aus schwierigen verletzenden Beziehungen befreien
Co-Abhängige haben oft gelernt, dass es eine Form der Liebe ist, die sie kennen(gelernt haben), auch wenn andere sie als ungesund bezeichnen. Es ist oft die einzige Form, mit der sie sich auskennen und der sie entsprechen können – bis sie eine Art, die gesunde Liebe, entdecken lernen wollen.

Wir alle wollen geliebt werden, wollen gesunde und gute Beziehungen, die uns in unserem Leben und Lebensstil akzeptieren und fördern. Auch wenn es immer schwieriger wird, das Wort Bedürftigkeit in den Mund zu nehmen, so sind wir doch alle Menschen mit diesem Bedürfnis: Anerkennung. Jemand, der meint, keine Anerkennung zu brauchen, belügt sich und andere. Das Wort an sich lässt sich leicht nur als „Lob“ oder „Zuspruch“ verstehen. Doch mit Anerkennung meinen wir auch, in all unserem Sein, unseren Bedürfnissen, unserer Art, zu leben, und unseren Zielen erkannt und akzeptiert zu werden – ohne Kritik und Gemecker, Ablehnung, Diffamierung und Bloßstellung, sondern mit Wohlwollen und Liebe, wenn möglich sogar Unterstützung. Dennoch wünschen wir uns die Art der Kommunikation und des Verhaltens zwischen uns und dem Partner gegenseitig respektvoll, auf Augenhöhe, nicht fremdbestimmt, sondern freiheitlich. Denn ein Stück Autonomie muss in einer gesunden Beziehung erhalten werden und darf deshalb gefördert werden.

Bei co-abhängigen Menschen finden wir eine andere Betrachtung der Autonomie. Das hat etwas mit ihrer Sicht auf ihr Leben und ihre Selbstständigkeit, Fülle-nur-dann-wenn-Erfahrungen und die vorhandene innere Leere zu tun. Autonom bedeutet ja schlicht „man selbst“, „unabhängig“, „selbstständig“. Weiß man jedoch nicht, wer man ist, was man kann, was einen in diese Richtung geprägt hat, welche Stärken und Schwächen sowie Werte man hat oder sieht Blockaden vor seinen Zielen, die er nicht aufzulösen vermag, dann bringt jede noch so gewollte Autonomie nix. Man hat nicht gelernt, man selbst zu sein und zu dürfen, allein zurechtzukommen, sich durchzusetzen oder mit Erfahrungen im Außen (z. B. Trennungen oder Kritik) und ist es deshalb auch nicht. Man hat zum Beispiel gelernt:

  • Geben
  • Misstrauen
  • Angst
  • Identifikation mit anderen
  • Zugehörigkeitsmotiv und Leistungsmotiv (Man leistet, um dazuzugehören.)
  • gebraucht werden wollen und brauchen (und wie/wodurch das am besten gelingt)
  • nichts machen, was dazu führt, dass ich als unbequem gelte, stören oder mich ausgrenzen würde
  • Fehler in der charakterlichen Matrix vermeiden, um als liebenswert zu gelten
  • keine Ansprüche zu stellen
  • andere nicht herauszufordern
  • Distanz vermeiden oder immer Nähe wollen

Am besten lässt sich Co-Abhängigkeit leben, je weniger Freunde und enge soziale Kontakte man hat. Denn diese wären wohl die ersten und ehesten, die psychisch selbstverletzendes Verhalten oder eine unbedachte Partnerwahl ansprächen. Meiner Erfahrung nach trennen sich co-abhängige Menschen jedoch eher von ihren Freunden als vom Partner/von der Partnerin.

Aber es gibt auch Menschen, die sich eine Spur Co-Abhängigkeit wünschen: Sie haben es vielleicht satt, alles immer selbst und ständig allein machen oder entscheiden zu müssen, spüren die Last und Verantwortung und wünschten, sie auch einmal abgeben zu können. Oder sie haben Mühe, stets allein ihre Zeit zu verbringen und bemerken die anrollende Einsamkeit, zu der übermäßiges Alleinsein leicht wird. Auch Unabhängigkeit hat seine Schwächen, nämlich dann, wenn sie als „keinen Platz“, „keinen Halt bei …“ gedeutet oder erfahren wird. Zu wissen bzw. zu spüren, dass man zu niemanden (oder nirgends hin) gehört, löst in vielen Menschen Angst und Betroffenheit aus. Es gilt also, zwischen Abhängigkeit und Unabhängigkeit eine gesunde Waage zu finden. Diese lässt sich am ehesten finden, wenn wir uns die andere Seite – den abhängigkeitsfordernden Partner – ansehen.

Die andere Seite: Was Partner/innen co-abhängiger Menschen oft auszeichnet

das kannst du tun, wenn er/sie Angst vor einer beziehung mit dir hat

Wer abhängig ist, der geht weniger leicht bzw. schnell bei Differenzen: Die Gefahr eines Verlustes ist also für den Partner sehr gering.

Stattdessen steht man mit seinen Bedürfnissen im Mittelpunkt und Vordergrund. Was zählt, ist die eigene Gefühlslage und die Ziele, die man verfolgt. Man selbst trifft die Entscheidungen und braucht sich keine Gedanken machen, unter denen anderer leiden zu müssen. Man tut, was man möchte und niemand spricht dagegen oder hält einen auf. Stattdessen wird man unterstützt, ohne Verluste zu vermeiden oder zu befürchten. Es ähnelt einer Allmacht, die an die Eltern-Kind-Dynamik erinnert. Und tatsächlich stammen viele aus eben dieser Art elterlicher Liebe: „Wenn du machst, was mir gefällt, droht dir kein Liebesentzug.“

Partner co-abhängiger Menschen zeigen viele dieser Eigenschaften:

  • Nehmen dürfen
  • Geben einfordern/Gehorsam
  • Misstrauen
  • vermeiden es, jemanden zu sehr zu brauchen (stellt Schwäche dar)
  • verstecken ihre Sehnsucht nach Liebe
  • Drohungen (sich und andere verletzen, sich trennen, etwas enthüllen, dich bloßstellen usw.)
  • Machtmotiv (verstecktes Zugehörigkeitsmotiv oder verwundetes Leistungsmotiv)
  • Umständen Bedeutungen verleihen und fordern, dass sie für Harmonie und Liebe/Zuwendung geteilt werden
  • Ab- und Entwertung anderer Menschen und den Partner zur eigenen Aufwertung und zur Abwehr der eigenen Angst vor Bedeutungslosigkeit und Verlust

Besonders bei beziehungsängstlichen Personen finden wir oft den Drang und Zwang, autonom zu bleiben. Sie fürchten, dass ihre hart erkämpfte Autonomie durch eine Partnerschaft gefährdet würde. Sie kennzeichnen sich sozusagen als anderes Extrem. Viele spüren dabei selbst die kleinsten (vermeintlichen) Übergriffe und sehen eine Gefahr, weshalb sie von Beziehungen zurückweichen. Und das, obwohl Liebesbeziehungen eben eine gesunde, aber nötige Anpassung fordern. Co-Abhängigkeit zu fordern, zeigt sich deshalb oft bei aktiven Beziehungsängstlern, Co-Abhängigkeit ausleben wiederum bei passiven Beziehungsängstlern. Erstaunlich oft sind die Ersten männlich und die Zweiteren weiblich. Aus meiner Erfahrung spiegeln sie sich gegenseitig: Zu oft habe ich – auch an mir selbst – erlebt, dass Frauen, die sich aus ungesunden Beziehungsmustern, wie z. B. ihrer Co-Abhängigkeit, schälen, aktiv eine Beziehung vermeiden. Es fällt leichter, offen Nein zu sagen, statt immer einzustecken. Dennoch leiden auch sie nach dieser Wende, denn das gefürchtete Alleinsein bzw. die innere Leere und Einsamkeit bleibt bestehen.

Wie du dir selbst helfen könntest, dich aus deiner Abhängigkeit zu befreien, erfährst du im nächsten Blogpost. In der Zwischenzeit empfehle ich dir dieses Buch “Wenn Frauen zu sehr lieben” (Robin Norwood) und den passenden Artikel dazu auf meinem Blog “Wenn Frauen zu sehr lieben: Liebe & Angst”

Wie du dich trennst, obwohl du ihn/sie von Herzen liebst

Wie du dich trennst, obwohl du ihn/sie von Herzen liebst

Ich hatte zwei Beziehungen in meinem Leben, in denen ich meinen Partner über alles liebte – aber ich wusste, ich musste mich trennen. Ich musste eine Trennung schaffen, weil die Partnerschaft niemals so sein würde, wie ich sie gebraucht hätte. Sie wäre nie emotional und psychisch gesund und nährend geworden, hätte meine Bedürfnisse als Mensch, Frau und Partnerin nicht erfüllt. Die Gründe lagen entweder in der emotionalen Nichtverfügbarkeit des Anderen, seien es Bindungs- und Beziehungsangst, oder in verschiedenen Auffassungen von einer Partnerschaft. Aber wir als Paar funktionierten einfach nicht (mehr).

Es fiel mir unendlich schwer, schlusszumachen – und bei einer Beziehung brauchte ich Dutzende Anläufe. Kennst du diese Situation? Suchst du auch nach Wegen, wie du dich befreien kannst aus einer Beziehung, die dir nicht mehr gut tut? Dann hoffe ich, dass dir meine Erfahrungen in diesem Blog weiterhelfen.

Scheiden tut weh: Die eine bestimmte Angst, die verhindert, dass man sich trennt

den partner nicht verletzen wollen
Scheiden tut bekanntlich weh, nicht nur dem, der verlassen wird, sondern auch dem, der verlässt. Was wirklich dahintersteckt, ist eine bestimmte Angst: Trennungsangst.

Es ist eine bestimmte Angst, die mit weiteren Ängsten in Verbindung steht, die dich abhält, dich aus deiner Beziehung zu lösen und von jemandem trennen – obwohl du weißt, dass es besser ist und obwohl du ihn/sie liebst. Diese Angst heißt passenderweise Trennungsangst. Sie beschreibt die Befürchtung, dass eine Trennung schwere Gefühle auslöst oder belastende Ereignisse folgen (soziale Isolation, Ausstoß, Alleinsein/ Einsamkeit, Diffamierung usw.). Diese Gefühle sind:

  • Scham
  • Schuld
  • Traurigkeit
  • und Furcht (nicht Angst).

Diese Gefühle sind sowohl auf deiner Seite möglich als auch auf der Seite der Person, von der du dich trennen willst/würdest. Du würdest sie also nicht nur bei dir selbst spüren können, sondern müsstest auch ertragen, sie bei deinem Herzenspartner zu sehen. Denn üblicherweise ist man extrem traurig, wenn man verlassen wird, neigt vielleicht sogar zu Wut (nur ein Mantel der Traurigkeit, eine Art Sprachrohr und Ventil). Oder der Verlassene fragt sich: Warum? Was habe ich falsch gemacht? Bin ich nicht mehr liebenswert? Ist jemand anderes besser, schöner, interessanter etc. als ich? Die letzten Fragen gehen in Richtung Schuld und Scham. Die kann man auch empfinden, wenn man sich selbst trennt. Dabei brauchen Trennungen keine Erlaubnis.

Auch was nach einer Trennung folgen könnte, besonders im sozialen Umfeld, lässt viele den Schritt der Trennung nicht wagen: Sie fürchten den Ausschluss aus der Familie oder dem Freundes- und Bekanntenkreis, die Schuld, mit der man betrachtet wird, sogar die Diffamierung seitens des verlassenen Partners. Hinzu kommen die eigenen Ängste vor dem Alleinsein (Werde ich je wieder jemanden kennenlernen? Wie lange werde ich allein sein? Ist der Spatz in der Hand nicht vielleicht doch besser als die Taube auf dem Dach?).

Gleich an dieser Stelle frage dich, wie du mit diesen vier Gefühlen gelernt hast umzugehen. Hast du es überhaupt so gelernt, dass du sie dir zutraust? Denn wenn nicht, dann liegt es nicht an der Trennung an sich, sondern am nicht gelernten Umgang. Viele Menschen haben es nicht gelernt – auch ich wusste es früher nicht – und müssen es in ihrem Erwachsenenleben nachholen. Das ist machbar, wenn man ehrlich zu sich ist und sich Einsicht und Lernen erlaubt.

  • Was machen diese vier Gefühle mit mir?
  • Wer waren meine Vorbilder für diese Gefühle (Eltern, Geschwister, LehrerInnen, erste PartnerInnen usw.)?
  • Wie haben sie mir den Umgang mit diesen Gefühlen beigebracht?
  • Wie reagierten sie auf diese Gefühle?
  • Was sind meine eigenen Impulse bei diesen Gefühlen? Wie würde ich eigentlich reagieren, wenn es die Anderen nicht gegeben hätte?

Ich liebe ihn/sie so sehr. Ich kann mich nicht trennen!

woran erkennst du, ob er/sie nur sex will

Trennungsangst hat viele Dimensionen: Sie beginnen beim bekannten Credo “Man trennt sich nicht” (vom Elternhaus übernommen) und reicht bis zu “Ich kann ihn/sie nicht verlassen – Es würde ihn/sie nur verletzen” (Angst vor den Gefühlen des Anderen, besonders deine eigene oder deren Uneigenständigkeit).

Ich sehe bei meinen Klientinnen immer wieder fehlende Kompetenzen, die hier den Ausschlag geben, wie fehlgesteuerte Verantwortung (Fremdverantwortung wiege mehr als Selbstverantwortung z. B.). Augenscheinlich sind es allerdings oft externe Gründe, die diese gelernten Denk- und Verhaltensmuster verbergen:

  • gemeinsame Kinder
  • gemeinsames Eigentum oder Geldanlagen
  • finanzielle Abhängigkeiten
  • Krankheiten und Pflegebedürfnisse
  • fehlende Kompetenzen des Partners/der Partnerin
  • andere Abhängigkeiten usw.

Doch der am häufigsten genannte Grund, wieso sich viele nicht trennen, ist noch immer: LIEBE. Sie wollen/können sich nicht trennen, obwohl sie unglücklich sind. Sie wollen/können es nicht, weil die Chemie so stark ist. Sie wollen/können es nicht, weil es ja manchmal auch gute Zeiten gibt oder er/sie auch nett und liebevoll sein kann. Sie nehmen wiederholt verletzte Gefühle und unerfüllte Bedürfnisse in Kauf und rechtfertigen es mit LIEBE. Ich verstehe das. Ich war dort auch. Mehrfach.

Frage dich: Kann man jemanden lieben, obwohl man nicht mehr mit ihm/ihr zusammen ist? Wenn ja, dann kann man sich auch von jemandem trennen, obwohl man ihn/sie liebt? Kann man sich sogar von jemandem trennen, weil man ihn/sie liebt? Deine Antworten zeigen dir nicht nur deine Glaubensmuster; sie vermitteln dir auch einen ersten Einblick in (d)eine neue oder fehlende Definition von Liebe.

Wissenschaftler auf der ganzen Welt forschen und versuchen seit Jahrzehnten Liebe zu erklären. Aber niemand hat es bislang geschafft, eine allgemeingültige Definition zu geben. Denn Liebe ist für alle etwas anderes, bringt oder fordert Unterschiedliches. Auch deine Definitionen von Liebe und Partnerschaft könnten sich im Lauf der Jahre geändert haben oder fordern eine schon lang ausstehende Wandlung. Um zu erfahren, ob dem so ist, frage dich einfach: Was bedarf eine Partnerschaft für mich? Wann glaube ich, dass es Liebe ist? Wann liebe ich? Wann liebt mein Partner/meine Partnerin? Fühle ich mich in meiner jetzigen Beziehung entsprechend meiner Definitionen?

Hier ein Insight aus meinen Coachings: Für viele (Frauen) bedeutet Liebe, wenn jemand (hin und wieder) bei ihnen sein will oder erlaubt, dass man bei ihm sein darf. Wenn jemand manchmal etwas gibt, was an Liebe erinnert oder sich (ein wenig, kurz) gut anfühlt. Das allein fördert ein Gefühl der Zugehörigkeit und des Gewolltseins, auch wenn viele Entbehrungen damit verbunden sind oder es immer auf Sparflamme bleibt. Mit dieser Form der Liebe/Partnerschaft sind also Schmerzen, Distanz (Alleinsein gefühlt als Verlassensein), Misstrauen, Verletzungen, Zwänge und Kontrollverhalten verbunden. Kennst du diese Formen aus deinem Leben, vielleicht sogar aus deinem Elternhaus? Wenn du die letzte Frage mit Ja beantwortest, lies unbedingt weiter. Denn dann herrschen unbewusste Muster in dir, die deine Aufmerksamkeit fordern.

“Deine Liebe tut zwar weh, aber …”: Wenn man lieber etwas vom Falschen nimmt, um überhaupt etwas zu haben/geliebt zu werden

trennungsangst überwinden
Ganz ohne Liebe zu sein oder jemanden, der einen (irgendwie auf seine Art, die nicht genügt) liebt, ist ein häufiger Grund, wieso sich viele nicht trennen. Er spiegelt ein kindliches Bedürfnis nach Zugehörigkeit wider.

Lieber ein bisschen von etwas als gar nichts. Wenn man sich (vom Falschen) trennt, hätte man ja gar nichts mehr. Oder in diesem Fall: niemanden mehr. Dann wäre man allein. Das sind die ersten Ängste, die ich oft von meinen Klientinnen zu hören bekomme. Und sie sind verständlich. Ich kenne sie auch. Sie beruhen auf frühen Erfahrungen und Bedürfnissen nach Zugehörigkeit und Aufmerksamkeit, dem Gefühl, gewollt und geliebt zu sein, die – wie auch immer geartet – unbefriedigt blieben oder unzureichend erfüllt worden sind. Kleiner Lesetipp an dieser Stelle: Mein Buch “Über die Kunst, allein zu sein” (als Taschenbuch bei Amazon oder als E-Book bei mir)

Vielleicht war die Liebe, nach der du heute noch suchst, verbunden mit speziellen Leistungen, die du zu erbringen hattest, zum Beispiel Fürsorge oder jemand anderen wichtiger als dich zu nehmen, erwachsener zu sein, als du warst, weil der Andere es nicht war, Verantwortung zu zeigen, die für dich als Kind zu schwer wog oder Liebe zu geben, obwohl deine Eltern/Geschwister/frühe Partner sie nicht verdient hatten (meint: sie dich schlecht behandelt hatten). Vielleicht warst du gezwungen, deine Wut oder Trauer für dich zu behalten, durftest keine Kritik äußern (Darf ich das überhaupt sagen?) oder warst nie so richtig genug (was Scham auslöste). Vielleicht warst du oft gezwungen, dich zurückzunehmen oder jemand anderes musste/wollte immer im Vordergrund stehen. All diese frühen Erfahrungen sind ausschlaggebend, wenn es um deine heutigen Beziehungsmuster geht. Sie zeigen sich in deinen Partnerschaften, wenn auch unbewusst.

Aber: Man will (bzw. glaubt) sich trennen (zu müssen), weil die eigenen Bedürfnisse nicht mehr erfüllt werden oder im Allgemeinen unbefriedigt bleiben. Der andere ändert sich nicht; alles bliebe beim Alten und man selbst unglücklich. Das betrifft besonders Partnerschaften, die nicht die große Glückswelle erleben, weil einer von beiden Bindungsängste oder Beziehungsangst hat und emotional nicht verfügbar, nicht erreichbar ist. Vielleicht distanziert er/sie sich immer wieder oder kann keine Intimität zulassen oder nur Sex bieten, aber nicht mit emotionaler Verantwortung umgehen. Vielleicht klammert jemand aus Angst, verlassen zu werden, oder versucht, die Bindung zu kontrollieren, überwacht den Anderen oder misstraut im Stillen, ist eifersüchtig oder fordert die Co-Abhängigkeit aka Gehorsam gegen seine eigene Angst vor Verlust.

Auch Trennungen wollen gelernt sein

darf ich mich trennen

In solchen Fällen bleibt dein Bedürfnis nach Wohl und liebevoller Zugehörigkeit unerfüllt, denn sie bedingen psychisch und emotional verletzende Anpassung und erinnern an Eltern-Kind-Dynamiken. Wenn du Schwierigkeiten hast, dich aus solchen Beziehungen zu lösen, frage dich:

  • Wie eigenständig bist du ohne PartnerIn?
  • Was fehlt dir, was dir der Partner/die Partnerin (vermeintlich) bietet?
  • Gab es Aufgaben, die der Partner/die Partnerin erfüllte, die du nicht hättest erfüllen können oder wollen? Wenn ja, welche und wieso fühlst du dich hier nicht handlungsfähig?
  • Welche Kompetenzen sind es genau, die dir fehlen? Erstelle dir eine Liste und finde heraus, wie du sie nachträglich lernen kannst.
  • Traust du dir zu, dein Leben allein und ohne Beistand, ohne vorgegebene Regeln und Wege zu leben?
  • Bist du aufs Alleinsein und ggf. Einsamkeit vorbereitet? Was kannst du währenddessen tun?
  • Hast du Träume und Ziele, die dich nähren, die du bereit bist, umzusetzen – trotz des Risikos, zu versagen? (Meint: Was könnte nach der Trennung kommen, worauf du dich freust? Welche Motivationen hast du? Je motivierter du bist, desto gelingt der Schritt.)
  • Gibt es in dir jemanden (ein Elternteil z. B.), auf das du innerlich/unbewusst noch immer hörst oder sogar wartest? (Es ist dein Eltern-Ich und Kind-Ich, die miteinander rangeln.)
  • Verbindest du Liebe und Beziehung mit dem Willen anderer? Soll heißen: Wartest du darauf, dass dich andere lieben oder irgendwann einmal so lieben, wie du es brauchst, und bist/warst bislang bereit, alles dafür zu tun? Oder bist du daran gewöhnt, stillzuhalten, damit diese Liebe hin und wieder in Krümeln zu dir kommen kann?

Hier kommt die Crux: MAN DARF SICH IMMER TRENNEN, AUCH OHNE GRUND. Als Kind durfte man sich nicht gegen die Eltern stellen oder sie verlassen (weil man wusste, man würde nicht ohne sie überleben). Heute bist du aber erwachsen und überlebst in jedem Fall, so oder so. Du bist groß geworden und hast eine Menge in deinem Leben geschafft, für dich erreicht und das allein. Du brauchst per se niemanden, um zu überleben. Du musst nur mit deinen Gefühlen umgehen lernen und selbst hier bekämst du von jedem Therapeuten oder Coach wie mir Hilfe, wenn du nachfragen würdest.

Auflehnung, offene Wut oder gar ruhige und vernünftige Darstellungen, wieso du dich in einer Beziehung nicht länger siehst oder unzufrieden bist, war verboten als Kind. Aber als Erwachsene ist es sinnig. Denn heute sorgt man für sich selbst. Man hat das Recht zu sagen: Deine Art der Liebe ist nicht meine. Sie verletzt mich. Das passt (mir so) nicht. Es reicht mir nicht. Es macht mich unglücklich. Ich gehe, wenn es so bleibt. Ich werde dich verlassen, denn ansonsten werde ich noch unglücklicher.

Insofern man für sich selbst sagen kann, dass man versucht hat, was man konnte, kompromissbereit war, an sich gearbeitet hat (Prinzip geteilte Verantwortung innerhalb einer Partnerschaft), damit eine Beziehung funktioniert, kann und DARF man jederzeit ohne schlechtes Gewissen gehen. Aber selbst dies wäre nicht nötig, denn Liebe allein reicht oft nicht aus. In Partnerschaften geht es um Kompatibilitäten, darum, zusammenzupassen – ohne sich die Köpfe einzuschlagen oder aber ständig unzufrieden/unglücklich zu sein. Es hilft, sich zu ähneln in vielen Ansichten und dem Lebensstil, in Zukunftsvisionen und wie man mit dem Leben umgeht und ihm begegnet. Man braucht eine gesunde Form der Kommunikation und die Möglichkeit/Offenheit und Bereitschaft zum Austausch, gemeinsame Zeit. Das alles fördert Liebe. Ist aber nur Liebe im Sinne einer Chemie/sexuellen Anziehungskraft, Abhängigkeit oder Angst vor Trennung vorhanden, würde eine Partnerschaft sehr sicher scheitern. Diese Form der Liebe wäre wenigstens in meinen Augen optimierungsfähig und vielleicht eine Aufforderung an dich, WAHRE LIEBE kennenzulernen, deine jetzige Definition über den Haufen zu werfen und dich von dem Gelernten/deiner Vergangenheit zu trennen. WAHRE LIEBE bedeutet Bedingungslosigkeit, Partnerschaft aber meint Bedingungen, die beide gewillt sind, zu ermöglichen. Und ganz oft bedeutet das für Menschen wie dich: dich von deinen Eltern, Denkmustern und Wunden deiner Kindheit zu befreien, loszulassen, was du früher nicht bekommen hast und die Suche nach dem im Heute zu beenden.

Woher die Angst vor dem Alleinsein kommt & was sich dahinter verbirgt

Woher die Angst vor dem Alleinsein kommt & was sich dahinter verbirgt

 

Was verbirgt sich hinter der Angst vor dem Alleinsein? Viele fühlen Angst und Trauer nicht, weil sie allein sind, sondern weil sie interpretieren: Ich werde/wurde allein gelassen. (z. B. in einer Beziehung). Das bedeutet: Man erlebt das Verlustgefühl, als opferbewusstes, schuldbewusstes, passives Ereignis von außen kommend und durch Fremdeinwirken verursacht. Grund sei man selbst und etwas „Falsches“, das man getan hat.

Doch woher kommt die Angst wirklich und was versucht sie, zu vermeiden? Was verbirgt sich hinter der Angst vor Einsamkeit?

 

Was sich hinter der Angst vor dem Alleinsein und Einsamkeit verbirgt

was steckt hinter der angst vor einsamkeit?Es gibt viele Ursachen für Einsamkeit und die Angst vor dem Alleinsein. Alle gehen mit Kontrollverlust einher und dem Verlust dessen, was Sicherheit gibt. Das löst verständlicherweise Angst aus, weil Lösungen fehlen. Oft werden diese Lösungen aber mit anderen Menschen gleichgesetzt, sodass andere – statt man selbst – zur Lösung werden, z. B. indem sie Halt und Geborgenheit versprechen, Unterhaltung (Reize, Erfahrungen, Austausch) und somit dem eigenen Leben eine Struktur geben. Vielen fehlt in Zeiten allein auch Anerkennung, die wir alle brauchen, um uns gut und gewollt zu fühlen.

Es gibt darüber hinaus typische Angstmuster sind, die mit der Angst vor dem Alleinsein einhergehen:

Die Angst, unbeschäftigt zu sein: Man weiß Langeweile nicht zu füllen, fühlt sich nicht von anderen beschäftigt (und/oder giert nach Aufmerksamkeit) oder man hat Angst, sich mit sich beschäftigen zu müssen, statt mit anderen.

Angst, den Halt zu verlieren, wenn keine Menschen in der Nähe sind: Man spürt auch im Allgemeinen keinen Halt in und durch sich.

Angst davor, zurückgelassen zu werden: Man fürchtet um sich, wenn man allein ist, vertraut anderen Menschen nur schwer, fühlt sich in der Welt nicht aufgehoben und nicht sicher, hat das Gefühl, unwichtig zu sein oder spürt gar Todesangst.

Angst durch die Kindheit und Trennung von Eltern und/oder Bezugspersonen: Erinnerungen an die kindliche Existenzangst lösen dieselben, früheren Gefühle aus. Man hat ein fehlendes Urvertrauen und meint, keine Kraft zu haben. Die eigene Wichtigkeit und den Wert, den man (auch für andere Menschen) hat, erkennt man nur schwer: Hier dreht es sich viel um fehlende Selbstständigkeit, unterbrochene Ich-Werdung in der Kindheit, häufige Rücksichtnahme auf andere Personen, Zwang, Kind-bleiben-Müssen, Kontrolle durch andere Personen.

Angst, in seiner Bedürftigkeit und Schwäche erkannt zu werden: Damit verbunden sind besonders Gedanken um die Gedanken anderer Personen, mögliche Abwertungen und Kritik, Fremdscham und/oder bemitleidet zu werden, was die eigenen Gefühle verstärkt. Diese Gedankengänge veranlassen Menschen dazu, sich bei Aktivitäten (im Kino, Café, Restaurant usw.) weniger allein zu zeigen, aus Angst, dass andere über sie urteilen. Anerkennung von außen nährt den Selbstwert; man nimmt sich nur an, wenn andere einen annehmen, liebt sich nur, wenn eine tadellose, heile Welt da zu sein scheint und gezeigt werden kann, die (illusionistische) heile Welt der Kindheit, die Sicherheit, die aufrechterhalten wird, wenn man bei und mit anderen Menschen zusammen sein darf.

 

Freiwillige Isolation als Waffe gegen die Angst, wieder allein gelassen zu werden

aus angst verlassen zu werden lieber allein bleibenEs erscheint paradox: Bei Menschen, die durch diese Angst vor dem Alleinsein freiwillig eine Isolation eingehen, weil sie sich verraten oder verlassen, durch ihre Eigenverantwortung bedroht oder eingeengt fühlen, sieht man oft das Gegenteil. Sie sind lieber allein als erneut die Gefahr, sich einsam zu fühlen, zu erleben. Sie verlassen andere und fühlen sich nur noch in ihren vier Wänden gut aufgehoben, dort, wo die Illusion, drinnen sei man sicherer, aufrechterhalten werden kann. Sie haben in ihrer Kindheit vielleicht Verlustgefühle draußen erlebt (plötzlich war die Mama weg, nicht mehr zu sehen), oder aber sie waren allgemein oft allein und haben Zuhause gewartet, dass die Eltern von der Arbeit kamen. Sie suchen insgeheim wieder die heile Welt von damals.

Da wir nun aber erwachsen sind und keinerlei Abhängigkeit mehr zu unseren Eltern besteht, wir nicht mehr mit unseren Eltern zusammenwohnen, brauchen viele Menschen einen Ersatz, um diesen Konflikt von damals zu lösen. Zum Beispiel Partner oder die Arbeit. Diese agieren dann lediglich ersatzweise, anstelle der Bezugspersonen, von denen wir uns damals verlassen fühlten oder die uns (emotional, lokal oder physisch) verließen. Einsamkeit wird daher als gefährliche, diffuse Unabhängigkeit, plötzliches und ungewolltes Erwachsenwerden, Auf-sich-gestellt-sein gedeutet, als würde die Mama zu ihrem Kind sagen: So, ich bin dann mal weg! Sieh zu, wie du zurechtkommst.

Die ganz menschliche Verlustangst, auch in vielen Fällen in Verbindung mit der Angst, nicht gebraucht zu werden, keinen Wert für einen bestimmten Menschen zu haben, macht sein Weiteres. Kein Wunder, dass viele Menschen, die unter der Angst vor dem Alleinsein leiden, häufig einen Übersprung der Angst erleben: hin zu Panikattacken, hin zu sozialer Phobie, hin zu generalisierter Angst, Agoraphobie oder Depressionen. Die Angst ist dann der Schutz, den Übergang vom Abhängigen zum Unabhängigen hinauszuschieben, weil innerlich das Kind oder der Jugendliche sitzt und wartet oder Beschäftigung und Aufmerksamkeit wünscht. Man wartet auf die Liebe und Zuneigung. Gleichzeitig aber zeigt die Angst erneut, dass dieses Verhaltensschema, das spielerische Ausprobieren und Erfahrungen sammeln, wie Kinder es tun, jetzt in Gang gesetzt werden darf. Es ist hier wie der Geburtsschmerz, die Enge und die Angst beim Übergang von der einen heilen Welt in die äußere, ungewisse Welt, um dort Vertrauen und Sicherheit neu zu lernen.

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In meinem Buch “Über die Kunst, allein zu sein” habe ich weitere interessante Hintergründe und viele (um genau zu sein 55) Strategien zusammengestellt, wie man sich in Zeiten der Einsamkeit und des Alleinseins wappnen kann. Es ist als E-Book und als Taschenbuch erhältlich.

 

Beziehungsstile und wie sie Bindungs- und Beziehungsangst formen

Beziehungsstile und wie sie Bindungs- und Beziehungsangst formen

 

„Die Tugend nistet, wie der Rabe, mit Vorliebe in Ruinen“, sagte einst Anatole France.

Sigmund Freud war es, der feststellte, dass ein Jeder in seinen Bindungen Erlebnisse seiner Vergangenheit wiederholt. So entwickelte sich die Bindungstheorie, die auf Beobachtungen von Kleinkindern beruhen: wie sich ein Kind entwickelt und was geschehen muss, damit es keine Sicherheit in sich und andere Menschen oder Prozesse, um diese Sicherheit herzustellen, ausbildet. Man geht davon aus, dass Beziehungsangst auf der Basis des Bindungsstils in einem sehr frühen Alter geprägt wird. Er kann sich durchaus im Erwachsenenalter ändern, aber das bedarf einer gewissen Reflexion, Arbeit und Wille. Der Bindungsstil zeigt vor allem, wie ein Mensch bei Nähe und Distanz agiert, ob er gut mit anderen auskommt, wie er sie behandelt, ob er eifersüchtig und neidisch oder aber ein Teamplayer ist.

 

Man unterscheidet diese vier Bindungsstile:

  • den sicheren Stil
  • den ängstlich-ambivalenten Stil
  • den gleichgültig-vermeidenden Stil
  • den ängstlich-vermeidenden Stil

Sokol und Carter machen in ihrem empfehlenswerten Buch “die 50 Prozent aller Menschen, die bindungsangstfrei sind und auf bindungsängstliche treffen”, an diesen Bindungsstilen fest:

 

Der sichere Bindungsstil

50 Prozent aller Menschen wird ein sicherer Bindungsstil nachgesagt. Es verbleiben somit 50 Prozent, die keinen sicheren Umgang mit Bindungen erlernt haben und potenziell auf bindungssichere Menschen treffen könnten. Menschen mit einem sicheren Stil haben weder große Ängste, dass sie verlassen werden könnten, noch haben sie Befürchtungen bei und wegen Liebesgefühlen. Sie besitzen grundsätzlich ein gutes Gefühl sich selbst gegenüber und haben Selbstbewusstsein. Sie wissen sich abzugrenzen, weil sie feste Grenzen gesetzt haben und sich trauen, diese notfalls zu verteidigen. Sie können lieben und sich lieben lassen.

 

Der ängstlich-ambivalente Stil

Zehn Prozent der Weltbevölkerung hätten einen ängstlich-ambivalenten Bindungsstil entwickelt. [i] Sie fürchten am meisten die Ablehnung. Obwohl sie sich eine enge Liebesbeziehung wünschen, haben sie von ihren Bezugspersonen gelernt, dass nur deren Bedürfnisse zählen. Auch emotionale Abhängigkeiten, die diese Personen aufrechterhalten wollten, stießen oft auf den Wunsch, ein eigenes Ich auszuprägen, was aber wegen der Wichtigkeit fremder Bedürfnisse untersagt worden war. Es herrschte sicher eine starke emotionale Unbeständigkeit gepaart mit Abwesenheiten oder Nichtverfügbarkeiten. Vielleicht waren die Personen zu sehr mit sich und dem eigenen Leben beschäftigt, häufig nicht von Zuhause oder abwechselnd gefühlvoll und gefühllos. Menschen mit diesem Bindungsstil lernten Bindungen als unsicher kennen. Sie hatten Mühe, Zuwendung und Aufmerksamkeit zu bekommen, was sich auch im Erwachsenenleben wiederspiegelt. Sie versuchen vielleicht durch Besonderheiten/ Auffälligkeiten im Aussehen oder ihren Eigenschaften Zuwendung von einer Person zu ergattern. Sie beweisen sich durch Leistung im Beruf oder durch Geld. Doch da sie Berg- und Talfahrten hinsichtlich Aufmerksamkeit gewöhnt sind, glauben sie nicht an anhaltende Liebe. Sie haben ihren eigenen Wert in ganzer Größe und Liebenswürdigkeit (noch) nicht entdeckt und wissen sich nur selten zu schätzen. Sie verrennen sich leicht in Beziehungen, in denen sie sich und ihren Wert beweisen und stets untermauern müssen. Es kommt ihnen unglaubwürdig vor, wenn sie einmal nichts leisten müssen, sondern wegen sich selbst geliebt werden – einfach so.

 

Der gleichgültig-vermeidende Bindungsstil

Der gleichgültig-vermeidende Bindungsstil soll auf 25 Prozent der Bevölkerung zutreffen. Sie haben Angst vor Nähe und viele Ausreden, wieso sie keine bräuchten und wieso auch emotionale Unterstützung und Halt für sie unwichtig sei. Ihnen ist es lieber, sich einzureden, dass sie niemanden bräuchten, sondern viel zu sehr mit ihrem Leben beschäftigt seien. Sie können besonders Menschen, die durchaus Bedürfnisse haben, schwer ertragen. Denn Bedürfnisse zu haben, wirkt in ihren Augen schwach und hinderlich. So sehen sie auch die Menschen. Nur wenn man einen Nutzen für gleichgültig-vermeidende Menschen hat, sind Bedürfnisse in Ordnung, insofern es die des Gleichgültig-vermeidenden sind. Ihnen wurden wahrscheinlich Gefühle und körperliche Nähe in ihrer Kindheit verweigert und – weil man sie nicht „braucht“ – abgesprochen. Häufig sollen Jungen betroffen sein, die nicht weinen dürfen, sondern hart sein müssen, sich durchbeißen und große Leistungen erbringen müssen, um das Idealbild eines „echten Mannes“ zu erfüllen. Hier wären auch ungesund narzisstische Menschen und Recycler anzusiedeln. [ii] Einige von ihnen zeigen deshalb keinerlei Reaktionen auf Gefühle und Empathie, sozialen und emotionalen Stress; andere wiederum erleben heftige psychosomatische Beschwerden. Als würde ihr  Herz/Geist die Verantwortung auf die körperliche Ebene weiterreichen, zeigen sie Symptome [iii] wie Hautreizungen, Nahrungsunverträglichkeiten oder Panikattacken. So verteidigt sich ein Teil von ihnen gegen jedes Gefühl und Bedürfnis, das früher unbeantwortet blieb – was sie nicht haben „sollten“ und heute deshalb besser nicht haben wollen. Sie wehren auch deine Gefühle nur aus Schutz ab.

 

Der ängstlich-vermeidende Bindungsstil

Der letzte Bindungsstil wird ängstlich-vermeidend genannt und beträfe 15 Prozent [iv] der Bevölkerung. Diese sind angepasst, distanziert, fühlen sich verloren, wirken perfekt und brav, haben große Angst vor Nähe und dem Verlassenwerden, sind sehr misstrauisch gegenüber anderen Menschen und vor allem gegenüber ihren eigenen Liebesgefühlen. Sie haben Schwierigkeiten, positive Gefühle zu entwickeln aufrechtzuerhalten. Sie geben sich zuerst die Schuld daran. Sie fühlen sich im Prinzip als schlecht, aber erhoffen doch, dass sie jemandem genug gefallen werden, auch wenn sie den Rückzug derer fürchten. Sie sind manchmal zorniger Natur, wenn sie enttäuscht werden (und wenn es um Personen geht, die sie enttäuscht haben). Im Grunde sind sie sehr loyal, weil sie wissen, wie schmerzhaft es ist, im Stich gelassen zu werden. Sie suchen Halt und ein Ventil gegen ihre Einsamkeit und Angst, ihr geringes Selbstwertgefühl und die innere Leere. Ihnen ist Lob eher unheimlich, weil sie aus Schutz die Verantwortung für fremde Fehler übernehmen. Das ist ihre Form der Kontrolle, um niemanden zu verlieren, von dem sie sich abhängig fühlen. Sie können gleichzeitig sehr gefühlskalt sein und Mühe haben, eine echte emotionale Verbindung zu ihrem Partner aufzubauen. Sie gehören außerdem zu den „wartenden“, gefügigen und „bewusst flexiblen“ Menschen, die selten jemanden unterbrechen oder stören würden, aus Angst, anzuecken und verlassen zu werden. Sie erfüllen lieber Bedürfnisse aus dieser Angst heraus, als es nicht zu tun und sich ihrer Angst zu stellen. Auch wäre es wieder ein Nähebedürfnis, wenn sie es doch täten. In Wahrheit suchen und brauchen sie jedoch eine stabile Nähe und beständige Zuwendung. Doch sie würden es sich (und anderen) nur selten eingestehen. Sie leben in ihren eigenen Welten und wirken daher häufig abwesend. Deshalb geht man in der Psychologie davon aus, dass sie Bezugspersonen hatten, von denen sie stark vernachlässigt wurden. Auch Depressionen, andere Störungen sowie emotionaler und körperlicher Missbrauch können die Ursachen für diesen Bindungsstil sein. In jedem Fall haben sie dem Betroffenen als Kind große Angst vor Nähe und Verlust gemacht. Einige Menschen dieses Beziehungstypens sind deshalb nicht selten feindselig eingestellt oder passiv-aggressiv.

[i] (Aron, 2015)
[ii] (Aron, 2015)
[iii] (Aron, 2015)
[iv] (Aron, 2015)

Das war ein Auszug aus meinem Buch Du liebst mich, oder doch nicht? Wie Frauen mit beziehungsängstlichen Partnern wirklich umgehen sollten. Erhältlich als E-Book und als Taschenbuch.