Woher die Angst vor dem Alleinsein kommt & was sich dahinter verbirgt

Woher die Angst vor dem Alleinsein kommt & was sich dahinter verbirgt

 

Was verbirgt sich hinter der Angst vor dem Alleinsein? Viele fühlen Angst und Trauer nicht, weil sie allein sind, sondern weil sie interpretieren: Ich werde/wurde allein gelassen. (z. B. in einer Beziehung). Das bedeutet: Man erlebt das Verlustgefühl, als opferbewusstes, schuldbewusstes, passives Ereignis von außen kommend und durch Fremdeinwirken verursacht. Grund sei man selbst und etwas „Falsches“, das man getan hat.

Doch woher kommt die Angst wirklich und was versucht sie, zu vermeiden? Was verbirgt sich hinter der Angst vor Einsamkeit?

 

Was sich hinter der Angst vor dem Alleinsein und Einsamkeit verbirgt

was steckt hinter der angst vor einsamkeit?Es gibt viele Ursachen für Einsamkeit und die Angst vor dem Alleinsein. Alle gehen mit Kontrollverlust einher und dem Verlust dessen, was Sicherheit gibt. Das löst verständlicherweise Angst aus, weil Lösungen fehlen. Oft werden diese Lösungen aber mit anderen Menschen gleichgesetzt, sodass andere – statt man selbst – zur Lösung werden, z. B. indem sie Halt und Geborgenheit versprechen, Unterhaltung (Reize, Erfahrungen, Austausch) und somit dem eigenen Leben eine Struktur geben. Vielen fehlt in Zeiten allein auch Anerkennung, die wir alle brauchen, um uns gut und gewollt zu fühlen.

Es gibt darüber hinaus typische Angstmuster sind, die mit der Angst vor dem Alleinsein einhergehen:

Die Angst, unbeschäftigt zu sein: Man weiß Langeweile nicht zu füllen, fühlt sich nicht von anderen beschäftigt (und/oder giert nach Aufmerksamkeit) oder man hat Angst, sich mit sich beschäftigen zu müssen, statt mit anderen.

Angst, den Halt zu verlieren, wenn keine Menschen in der Nähe sind: Man spürt auch im Allgemeinen keinen Halt in und durch sich.

Angst davor, zurückgelassen zu werden: Man fürchtet um sich, wenn man allein ist, vertraut anderen Menschen nur schwer, fühlt sich in der Welt nicht aufgehoben und nicht sicher, hat das Gefühl, unwichtig zu sein oder spürt gar Todesangst.

Angst durch die Kindheit und Trennung von Eltern und/oder Bezugspersonen: Erinnerungen an die kindliche Existenzangst lösen dieselben, früheren Gefühle aus. Man hat ein fehlendes Urvertrauen und meint, keine Kraft zu haben. Die eigene Wichtigkeit und den Wert, den man (auch für andere Menschen) hat, erkennt man nur schwer: Hier dreht es sich viel um fehlende Selbstständigkeit, unterbrochene Ich-Werdung in der Kindheit, häufige Rücksichtnahme auf andere Personen, Zwang, Kind-bleiben-Müssen, Kontrolle durch andere Personen.

Angst, in seiner Bedürftigkeit und Schwäche erkannt zu werden: Damit verbunden sind besonders Gedanken um die Gedanken anderer Personen, mögliche Abwertungen und Kritik, Fremdscham und/oder bemitleidet zu werden, was die eigenen Gefühle verstärkt. Diese Gedankengänge veranlassen Menschen dazu, sich bei Aktivitäten (im Kino, Café, Restaurant usw.) weniger allein zu zeigen, aus Angst, dass andere über sie urteilen. Anerkennung von außen nährt den Selbstwert; man nimmt sich nur an, wenn andere einen annehmen, liebt sich nur, wenn eine tadellose, heile Welt da zu sein scheint und gezeigt werden kann, die (illusionistische) heile Welt der Kindheit, die Sicherheit, die aufrechterhalten wird, wenn man bei und mit anderen Menschen zusammen sein darf.

 

Freiwillige Isolation als Waffe gegen die Angst, wieder allein gelassen zu werden

aus angst verlassen zu werden lieber allein bleibenEs erscheint paradox: Bei Menschen, die durch diese Angst vor dem Alleinsein freiwillig eine Isolation eingehen, weil sie sich verraten oder verlassen, durch ihre Eigenverantwortung bedroht oder eingeengt fühlen, sieht man oft das Gegenteil. Sie sind lieber allein als erneut die Gefahr, sich einsam zu fühlen, zu erleben. Sie verlassen andere und fühlen sich nur noch in ihren vier Wänden gut aufgehoben, dort, wo die Illusion, drinnen sei man sicherer, aufrechterhalten werden kann. Sie haben in ihrer Kindheit vielleicht Verlustgefühle draußen erlebt (plötzlich war die Mama weg, nicht mehr zu sehen), oder aber sie waren allgemein oft allein und haben Zuhause gewartet, dass die Eltern von der Arbeit kamen. Sie suchen insgeheim wieder die heile Welt von damals.

Da wir nun aber erwachsen sind und keinerlei Abhängigkeit mehr zu unseren Eltern besteht, wir nicht mehr mit unseren Eltern zusammenwohnen, brauchen viele Menschen einen Ersatz, um diesen Konflikt von damals zu lösen. Zum Beispiel Partner oder die Arbeit. Diese agieren dann lediglich ersatzweise, anstelle der Bezugspersonen, von denen wir uns damals verlassen fühlten oder die uns (emotional, lokal oder physisch) verließen. Einsamkeit wird daher als gefährliche, diffuse Unabhängigkeit, plötzliches und ungewolltes Erwachsenwerden, Auf-sich-gestellt-sein gedeutet, als würde die Mama zu ihrem Kind sagen: So, ich bin dann mal weg! Sieh zu, wie du zurechtkommst.

Die ganz menschliche Verlustangst, auch in vielen Fällen in Verbindung mit der Angst, nicht gebraucht zu werden, keinen Wert für einen bestimmten Menschen zu haben, macht sein Weiteres. Kein Wunder, dass viele Menschen, die unter der Angst vor dem Alleinsein leiden, häufig einen Übersprung der Angst erleben: hin zu Panikattacken, hin zu sozialer Phobie, hin zu generalisierter Angst, Agoraphobie oder Depressionen. Die Angst ist dann der Schutz, den Übergang vom Abhängigen zum Unabhängigen hinauszuschieben, weil innerlich das Kind oder der Jugendliche sitzt und wartet oder Beschäftigung und Aufmerksamkeit wünscht. Man wartet auf die Liebe und Zuneigung. Gleichzeitig aber zeigt die Angst erneut, dass dieses Verhaltensschema, das spielerische Ausprobieren und Erfahrungen sammeln, wie Kinder es tun, jetzt in Gang gesetzt werden darf. Es ist hier wie der Geburtsschmerz, die Enge und die Angst beim Übergang von der einen heilen Welt in die äußere, ungewisse Welt, um dort Vertrauen und Sicherheit neu zu lernen.

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In meinem Buch “Über die Kunst, allein zu sein” habe ich weitere interessante Hintergründe und viele (um genau zu sein 55) Strategien zusammengestellt, wie man sich in Zeiten der Einsamkeit und des Alleinseins wappnen kann. Es ist als E-Book und als Taschenbuch erhältlich.

 

Beziehungsstile und wie sie Bindungs- und Beziehungsangst formen

Beziehungsstile und wie sie Bindungs- und Beziehungsangst formen

 

„Die Tugend nistet, wie der Rabe, mit Vorliebe in Ruinen“, sagte einst Anatole France.

Sigmund Freud war es, der feststellte, dass ein Jeder in seinen Bindungen Erlebnisse seiner Vergangenheit wiederholt. So entwickelte sich die Bindungstheorie, die auf Beobachtungen von Kleinkindern beruhen: wie sich ein Kind entwickelt und was geschehen muss, damit es keine Sicherheit in sich und andere Menschen oder Prozesse, um diese Sicherheit herzustellen, ausbildet. Man geht davon aus, dass Beziehungsangst auf der Basis des Bindungsstils in einem sehr frühen Alter geprägt wird. Er kann sich durchaus im Erwachsenenalter ändern, aber das bedarf einer gewissen Reflexion, Arbeit und Wille. Der Bindungsstil zeigt vor allem, wie ein Mensch bei Nähe und Distanz agiert, ob er gut mit anderen auskommt, wie er sie behandelt, ob er eifersüchtig und neidisch oder aber ein Teamplayer ist.

 

Man unterscheidet diese vier Bindungsstile:

  • den sicheren Stil
  • den ängstlich-ambivalenten Stil
  • den gleichgültig-vermeidenden Stil
  • den ängstlich-vermeidenden Stil

Sokol und Carter machen in ihrem empfehlenswerten Buch “die 50 Prozent aller Menschen, die bindungsangstfrei sind und auf bindungsängstliche treffen”, an diesen Bindungsstilen fest:

 

Der sichere Bindungsstil

50 Prozent aller Menschen wird ein sicherer Bindungsstil nachgesagt. Es verbleiben somit 50 Prozent, die keinen sicheren Umgang mit Bindungen erlernt haben und potenziell auf bindungssichere Menschen treffen könnten. Menschen mit einem sicheren Stil haben weder große Ängste, dass sie verlassen werden könnten, noch haben sie Befürchtungen bei und wegen Liebesgefühlen. Sie besitzen grundsätzlich ein gutes Gefühl sich selbst gegenüber und haben Selbstbewusstsein. Sie wissen sich abzugrenzen, weil sie feste Grenzen gesetzt haben und sich trauen, diese notfalls zu verteidigen. Sie können lieben und sich lieben lassen.

 

Der ängstlich-ambivalente Stil

Zehn Prozent der Weltbevölkerung hätten einen ängstlich-ambivalenten Bindungsstil entwickelt. [i] Sie fürchten am meisten die Ablehnung. Obwohl sie sich eine enge Liebesbeziehung wünschen, haben sie von ihren Bezugspersonen gelernt, dass nur deren Bedürfnisse zählen. Auch emotionale Abhängigkeiten, die diese Personen aufrechterhalten wollten, stießen oft auf den Wunsch, ein eigenes Ich auszuprägen, was aber wegen der Wichtigkeit fremder Bedürfnisse untersagt worden war. Es herrschte sicher eine starke emotionale Unbeständigkeit gepaart mit Abwesenheiten oder Nichtverfügbarkeiten. Vielleicht waren die Personen zu sehr mit sich und dem eigenen Leben beschäftigt, häufig nicht von Zuhause oder abwechselnd gefühlvoll und gefühllos. Menschen mit diesem Bindungsstil lernten Bindungen als unsicher kennen. Sie hatten Mühe, Zuwendung und Aufmerksamkeit zu bekommen, was sich auch im Erwachsenenleben wiederspiegelt. Sie versuchen vielleicht durch Besonderheiten/ Auffälligkeiten im Aussehen oder ihren Eigenschaften Zuwendung von einer Person zu ergattern. Sie beweisen sich durch Leistung im Beruf oder durch Geld. Doch da sie Berg- und Talfahrten hinsichtlich Aufmerksamkeit gewöhnt sind, glauben sie nicht an anhaltende Liebe. Sie haben ihren eigenen Wert in ganzer Größe und Liebenswürdigkeit (noch) nicht entdeckt und wissen sich nur selten zu schätzen. Sie verrennen sich leicht in Beziehungen, in denen sie sich und ihren Wert beweisen und stets untermauern müssen. Es kommt ihnen unglaubwürdig vor, wenn sie einmal nichts leisten müssen, sondern wegen sich selbst geliebt werden – einfach so.

 

Der gleichgültig-vermeidende Bindungsstil

Der gleichgültig-vermeidende Bindungsstil soll auf 25 Prozent der Bevölkerung zutreffen. Sie haben Angst vor Nähe und viele Ausreden, wieso sie keine bräuchten und wieso auch emotionale Unterstützung und Halt für sie unwichtig sei. Ihnen ist es lieber, sich einzureden, dass sie niemanden bräuchten, sondern viel zu sehr mit ihrem Leben beschäftigt seien. Sie können besonders Menschen, die durchaus Bedürfnisse haben, schwer ertragen. Denn Bedürfnisse zu haben, wirkt in ihren Augen schwach und hinderlich. So sehen sie auch die Menschen. Nur wenn man einen Nutzen für gleichgültig-vermeidende Menschen hat, sind Bedürfnisse in Ordnung, insofern es die des Gleichgültig-vermeidenden sind. Ihnen wurden wahrscheinlich Gefühle und körperliche Nähe in ihrer Kindheit verweigert und – weil man sie nicht „braucht“ – abgesprochen. Häufig sollen Jungen betroffen sein, die nicht weinen dürfen, sondern hart sein müssen, sich durchbeißen und große Leistungen erbringen müssen, um das Idealbild eines „echten Mannes“ zu erfüllen. Hier wären auch ungesund narzisstische Menschen und Recycler anzusiedeln. [ii] Einige von ihnen zeigen deshalb keinerlei Reaktionen auf Gefühle und Empathie, sozialen und emotionalen Stress; andere wiederum erleben heftige psychosomatische Beschwerden. Als würde ihr  Herz/Geist die Verantwortung auf die körperliche Ebene weiterreichen, zeigen sie Symptome [iii] wie Hautreizungen, Nahrungsunverträglichkeiten oder Panikattacken. So verteidigt sich ein Teil von ihnen gegen jedes Gefühl und Bedürfnis, das früher unbeantwortet blieb – was sie nicht haben „sollten“ und heute deshalb besser nicht haben wollen. Sie wehren auch deine Gefühle nur aus Schutz ab.

 

Der ängstlich-vermeidende Bindungsstil

Der letzte Bindungsstil wird ängstlich-vermeidend genannt und beträfe 15 Prozent [iv] der Bevölkerung. Diese sind angepasst, distanziert, fühlen sich verloren, wirken perfekt und brav, haben große Angst vor Nähe und dem Verlassenwerden, sind sehr misstrauisch gegenüber anderen Menschen und vor allem gegenüber ihren eigenen Liebesgefühlen. Sie haben Schwierigkeiten, positive Gefühle zu entwickeln aufrechtzuerhalten. Sie geben sich zuerst die Schuld daran. Sie fühlen sich im Prinzip als schlecht, aber erhoffen doch, dass sie jemandem genug gefallen werden, auch wenn sie den Rückzug derer fürchten. Sie sind manchmal zorniger Natur, wenn sie enttäuscht werden (und wenn es um Personen geht, die sie enttäuscht haben). Im Grunde sind sie sehr loyal, weil sie wissen, wie schmerzhaft es ist, im Stich gelassen zu werden. Sie suchen Halt und ein Ventil gegen ihre Einsamkeit und Angst, ihr geringes Selbstwertgefühl und die innere Leere. Ihnen ist Lob eher unheimlich, weil sie aus Schutz die Verantwortung für fremde Fehler übernehmen. Das ist ihre Form der Kontrolle, um niemanden zu verlieren, von dem sie sich abhängig fühlen. Sie können gleichzeitig sehr gefühlskalt sein und Mühe haben, eine echte emotionale Verbindung zu ihrem Partner aufzubauen. Sie gehören außerdem zu den „wartenden“, gefügigen und „bewusst flexiblen“ Menschen, die selten jemanden unterbrechen oder stören würden, aus Angst, anzuecken und verlassen zu werden. Sie erfüllen lieber Bedürfnisse aus dieser Angst heraus, als es nicht zu tun und sich ihrer Angst zu stellen. Auch wäre es wieder ein Nähebedürfnis, wenn sie es doch täten. In Wahrheit suchen und brauchen sie jedoch eine stabile Nähe und beständige Zuwendung. Doch sie würden es sich (und anderen) nur selten eingestehen. Sie leben in ihren eigenen Welten und wirken daher häufig abwesend. Deshalb geht man in der Psychologie davon aus, dass sie Bezugspersonen hatten, von denen sie stark vernachlässigt wurden. Auch Depressionen, andere Störungen sowie emotionaler und körperlicher Missbrauch können die Ursachen für diesen Bindungsstil sein. In jedem Fall haben sie dem Betroffenen als Kind große Angst vor Nähe und Verlust gemacht. Einige Menschen dieses Beziehungstypens sind deshalb nicht selten feindselig eingestellt oder passiv-aggressiv.

[i] (Aron, 2015)
[ii] (Aron, 2015)
[iii] (Aron, 2015)
[iv] (Aron, 2015)

Das war ein Auszug aus meinem Buch Du liebst mich, oder doch nicht? Wie Frauen mit beziehungsängstlichen Partnern wirklich umgehen sollten. Erhältlich als E-Book und als Taschenbuch.

 

Mensch sein – Du selbst sein: Brief an mein jüngeres Ich

Mensch sein – Du selbst sein: Brief an mein jüngeres Ich

 

Dies ist ein Brief an mein jüngeres Ich, in dem es um das Mensch sein – Du selbst sein geht.

Sei nicht so, wie andere dich wollen, nur weil es dir Mühe bereitet, herauszufinden, wer du wirklich bist oder weil es dir schwerfällt, so zu sein, wie du bist. Sich hinter sich selbst zu verstecken, kostet mehr Mühe als mit geradem Rücken seinen Menschen zu stehen. Wenn du Ja sagen willst, sag Ja. Wenn du aus Rücksicht dir gegenüber Nein sagen möchtest, sag Nein. Hauptsache ist, dass du dir gegenüber rücksichtsvoll bleibst.

Wenn du Lust auf etwas Neues hast, auch wenn andere derweil lieber stagnieren, dann mach das Neue allein und lass den Anderen ihren sicheren Stillstand. Wenn du Lust auf Rückzug hast, zu Hause sein willst oder Zeit mit dir verbringen möchtest, dann kuschele dich ein, sei bei dir und schenke dir diese wertvolle Ich-Zeit.

Such dir Bücher, die dich inspirieren, dir das Gefühl schenken, dass du lebst, weil es andere vor dir gab, denen es genauso ging. Lass sie dir ihre Wege vorstellen und entscheide selbst, ob so oder ähnlich deine aussehen könnten.

Lass die Anderen weiterrennen, im Kampf um Wert, Leistung, Liebe. Wenn du keine Kraft mehr hast oder es einfach leid bist, so würdige dieses Gefühl und sei dir etwas wert, ohne etwas zu leisten, toll auszusehen oder reich sein zu müssen, weil die Gesellschaft das diktiert.

Wenn du einmal nicht an deine Sorgen denken willst, deinen Kopf ausstellen willst, dann mach es. Denke nicht erst darüber nach, wann du nicht nachdenken wirst, wann du die Zeit haben wirst, einmal nicht über dein Leben nachzudenken, sondern stelle es einfach ab. Konzentriere dich auf deinen Atem, deinen Herzschlag, deine Fußsohlen, irgendeinen Körperteil und du wirst sehen, dass dir dein Geist folgt. Er folgt dir. Nicht du ihm. Er weiß das. Du darfst es lernen. Erlaube dir diese neue Erfahrung und Erkenntnis und praktiziere sie täglich, bis sie ein Automatismus geworden ist.

Atme den Kummer weg und lass ihn dort, wo er ist, mit sich allein: in deinem Kopf – wegen Menschen, die dich verletzt haben oder die du verletzt hast. Es ist Vergangenheit. Sei ein Mensch, erlaube dir Fehler und anderen dasselbe.

Je mehr du nach Perfektion strebst, fehlerfrei im Handeln und Schein, desto mehr wird dich das Außen zurück auf den Boden der Tatsachen holen. Und dort herrscht ein Chaos namens Leben, gemacht aus Tiefen und Höhen, die beiderseits geschätzt werden wollen. Woher willst du wissen, ob nicht dein größtes Versagen, deine ureigenen Ängste und Sorgen dich genau dorthin führen werden, wo du sein sollst? Du kannst es nicht wissen. Kein Channeling, kein Medium, keine Tarotkarten und kein Horoskop der Welt wird dir die Zukunft vorhersagen. Genauso wenig wird dir Geld, eine Beziehung oder ein aussichtsreicher Job das zurückbringen, was du früher vermisst hast: dass du ohne ersichtlichen Grund wertvoll genug warst, einfach so, wie du bist.

Spüre in deinen Körper, das Gewicht deiner Bedenken und Ängste gegenüber deiner Zukunft, wenn es sein soll. Doch erlaube ihm eine Auszeit, um zur Ruhe zu kommen. Täglich. Sei die Entspannung, die du brauchst und dir so sehr wünschst. Doch wenn du lachen willst, weil es einen Grund oder weil es keinen Grund zur Freude gibt, lache und freue dich, selbst wenn andere ihre Probleme und Bedürfnisse ernster nehmen möchten. Lass ihnen ihre Sorgen und distanziere dich davon. Du bist nicht sie, nicht ihre Lösung. Du bist nicht ihr Geist. Du machst in ihren Leben rein gar nichts gut. Entweder sie handeln oder sie handeln nicht.

Wenn du Lust auf Liebe hast, dich nach Leben und Leichtigkeit sehnst, dich fallenlassen möchtest, ohne darüber nachzudenken, was wohl geschehen könnte, dann genieße den freien Fall und entdecke, welche Macht deine Gedanken haben, wenn sie die Spur wie ein Hund aufgenommen haben. Vertraue deinem Geist und Herzen, dass sie die richtigen Lösungen zur richtigen Zeit finden werden. Wenn du ihnen die Möglichkeit lässt, sich zu Wort zu melden, weil du im Geiste still geworden bist, wirst du sie hören können. Doch wenn du wie jeder andere mit Kompensationen und Ablenkungen die An-Schalter in deinem Körper nicht kurz auf Aus stellst, bleibt er mit den Ablenkungen beschäftigt. Er hat gar keine andere Wahl, als sich mit dem zu beschäftigen, womit du dich gerade beschäftigst. Er ist dir treu. Unterbrich den Strom aus ständigen Informationen, trenne jede Verbindung und gib dir die Möglichkeit, deine eigene Körperweisheit und die deines Herzens hören zu lernen.

Wenn du Bock auf richtig geiles, leckeres, aber leider viel zu kohlenhydrathaltiges oder fettiges Essen hast, dann greif zu. Scheiß auf die paar Kilos mehr. Niemanden interessiert das, nur dich – damit du dir wieder einreden kannst, dass du nur gut genug wärst, weil … In Wahrheit weißt du, welche Gedanken nützlich sind und welche nicht. Du spulst nur lieber die Anderen ab, die, die du schon Dutzende Male gedacht hast, um herauszufinden, was wohl der Grund sein könnte, dafür, dass du X nicht hast. Daran bist du gewöhnt, doch es ist nicht die Wahrheit, sondern nur eine Geschichte, die du dir erzählst.

Vergiss, was du solltest und gelernt hast, zu wollen. Wenn du lieber nur noch natürlich und clean essen willst, der ganzen Konservierungshölle entkommen möchtest, mach es einfach anders und lass die anderen mit den Augen rollen. Wenn du heulen willst, dich bemitleiden willst, mach es. Lass die Gefühle zu, die aus deinem Körper heraus wollen. Wenn sie sich schon einmal „anmelden“, dann mit Grund.

Tue nicht so, als wäre alles wunderbar und als täte nichts weh, wenn dir Menschen und Ereignisse den Boden unter den Füßen weggerissen haben. Weine und weine und lass den Schmerz der Erfahrungen aus deinem Körper entweichen. Aber sieh täglich in den Spiegel und frage dich, ob es das ist, wer du sein möchtest, wie du dich sehen willst und ob deine Tränen deine Zukunft sein sollen. Wenn du dich so nicht mehr erträgst, lass das Selbstmitleid sein, was es will. Dein wahres Ich ist etwas Anderes – wertvoller und entscheidender für deine eigene Zukunft.

Wenn du nicht an ihr arbeitest, dann arbeitet das Außen an dir – es werden Menschen sein, die dir den wenigen Respekt, den du deinem Leben gegenüber zeigst, mitten ins Gesicht drücken, ähnlich respektlos oder gar schlimmer. Auch wenn es netter dir gegenüber ist, anderen die Schuld an dem, was du verpasst hast oder was schief lief, geben zu können, weißt du genau, dass das nur die bequemere Lebensart ist: dass du hast andere entscheiden und handeln lassen, um es selbst nicht zu tun.

Wenn dir Gedanken wie „Ich bin nicht gut genug!“, „Mich will sowieso niemand.“, „Für mich gibt es keinen Platz in dieser Welt.“ oder „Niemand darf merken, wie ich wirklich bin.“ in den Kopf schießen, dann feuert nur deine Vergangenheit und das, was du gelernt hast, zu glauben. Das damalige Ziel, weswegen du dich anpassen wolltest, um doch noch X zu bekommen, liegt in der Vergangenheit. Heute, heute!, ist ein völlig neuer und anderer Tag. Sei ein Mensch. Und wenn du dafür noch einen Beweis brauchst, dann schau dir deine Hände und Füße an. Siehst du keine Strippen, dann heißt das, dass du keine Puppe bist, sondern ein Mensch. Und ganz sicher ein viel wunderbarer und wertvollerer, als es dir deine Sorgen und Ängste je sagen würden.

Wieso sollten sie auch? Sie erfüllen ihre Funktion: Und hier gilt Vorsicht. Was ist mit deiner Freude, deiner Hoffnung, deinem Optimismus? Erlaubst du ihnen auch ihre Funktionen oder willst du weiterhin auf sie einschlagen und sie ihrer Aufgaben entziehen? Gibst du den Dämonen mehr Raum, richtest du ihnen in liebevoller Hingabe ein eigenes Zimmer ein, malst die Wände schön in Schwarz und bestellst noch Geister der Vergangenheit hinzu, die dich täglich heimsuchen. Du bekommst du, was du bestellst hast. Stell dir nur einmal vor, was geschehen würde, wenn du Freude, Hoffnung, Überraschung, Glauben, Optimismus ein viel größeres Zimmer einrichten würdest – als wären sie ein Neugeborenes, herzlich empfangen und so sehnlichst gewünscht. Mensch zu sein bedeutet nicht, zu seinen Ängsten zu stehen oder sie auszuhalten. Es bedeutet vielmehr, dass du erkennst, was es neben diesem Gefühl noch alles gibt: eine Fülle an anderen Gefühlen. Gefühle, die du selbst wegen und für andere stiefmütterlich behandelt hast.

Anderen Menschen sind nicht dein Geist. Sie sagen dir nicht: „Denk jetzt das!“ Sie vermitteln dir vielleicht, was sie über dich denken. Sie kennen diese Gedanken eben, genauso wie du, weil jemand in ihrem Leben genauso über sie dachte oder sie selbst diese Gedanken über sich haben. Aber ob du das denkst oder lieber bei deinen eigenen Gedanken über dich und dein Leben bleibst, entscheidest du. Das ist die ganze Wahrheit. Und sie ist so viel einfacher als alle anderen, die dir durch die Blume vermittelt wurden.

Wenn du einmal ganz ehrlich zu dir bist, wird dir wieder einfallen, wie wenig du solche Menschen leiden kannst und wie so gar nicht du solche Menschen in deinem Leben haben willst. Der Versuch, sie doch noch zu überzeugen (vom Gegenteil), dich zu beweisen, sie dazu zu bekommen, dich wertzuschätzen und zu lieben, ist nur ein wiedergekehrter Versuch von früher, dich selbst von dir und deinem Wert zu überzeugen. In Wahrheit diskutierst du nur mit dir selbst und mit den Geistern deiner Vergangenheit.

Sei der Mann, der du sein willst. Sei die Frau, die du sein willst. Bitte niemanden um Erlaubnis, der nicht in deinen Schuhen steckt und frage denjenigen auch nicht um Rat, wenn er doch gar nicht wissen kann, was es heißt, du zu sein. Erinnere dich an dich. Komm wieder in deine Kraft.

Mach Platz für dich.

Sei der Mensch, der du wirklich bist.

 

Selbsthilfe Schreibtherapie: Ein Brief an mein jüngeres Ich

Selbsthilfe Schreibtherapie: Ein Brief an mein jüngeres Ich

 

Sich einen Brief an das jüngere Ich zu schreiben, ist ein wertvolles Tool der Selbsthilfe. Es nährt die Selbsterkenntnis, die Verarbeitung von aktuellem und noch immer präsentem Schmerz, besonders wegen Ereignissen in der Vergangenheit. Es fördert vor allem die Akzeptanz: deines Ichs und deiner Vergangenheit. Eben deshalb nennt man solche Übungen Schreibtherapie. Wissenschaftliche Erkenntnisse (Studienergebnisse) dazu findest du im Artikel Warum Schreiben das Selbstwertgefühl stärkt und Ängste lindert.

Doch heute soll es einmal nicht um die Wissenschaft dahinter gehen, sondern um die Erfahrung. Als Schreibtherapeutin gebe ich dir gern ein Beispiel aus meiner eigenen Schreibtherapie: 

 

Brief an mein jüngeres Ich

Ich schreibe dir aus der Zukunft einen Brief, der dich erleichtern und beruhigen soll.

Ich weiß, machmal lief es nicht so gut: Nicht so, wie du es dir gewünscht hattest, dass du vieles anders gewollt hast und dass du das eine oder andere Wort bereust. Was du getan und nicht getan hast, all deine ungelebten Träume: Du kannst sie nachholen. Dir bleibt genug Zeit.

Mach’ dir keine Sorgen über das, was du verloren glaubst, um Konsequenzen oder Fehler, um das, was andere bewegt. Jeder Weg, den du beschreitest, führt dich zu anderen Ecken deines Leben, wird dich Neues entdecken lassen und dir erlauben, dich noch tiefer kennenzulernen. Es werden wertvolle Erfahrungen und Lektionen sein. Wisse sie zu schätzen. Ich, heute, 10 Jahre später, muss darüber lächeln, wenn ich an all die Erlebnisse zurückdenke. Ich bin dankbar für jeden vermeintlich falschen Schritt. Ich möchte deshalb, dass du weißt, dass sich alles fügen wird.

Egal, welchen Weg du wählst, er bringt dich ans Ziel. Wir sind in meiner Zeit bereits dort angekommen und haben alles, was du noch vermisst. Du bist schon auf dem richtigen Pfad. Gehe ihn einfach unbeirrbar weiter und hab’ Vertrauen. Deine Zeit wird kommen.

Bis dahin: Bitte zweifele nicht so viel. Verschwende deine Zeit nicht an die Gedanken anderer Menschen. Bleiben werden die, die dich ohnehin schon lieben. Ich kann dir verraten, in deiner Zukunft wird es mehr davon geben. Dafür werden jene weniger, die schlechte Absichten hegen und dich benutzen. Es werden sich noch einige von dir trennen. Lass sie ziehen. Denk’ nicht darüber nach, ob es richtig ist oder falsch. Bleib’ einfach bei dir.

In ein paar Jahren wird dir eines Morgens die wichtigste Erkenntnis in den Sinn kommen. Ich hätte sie fast nicht erkannt, wäre ich nicht gezwungen gewesen, durch Krankheit und viel Negatives in unserem Leben hinzuschauen. Ich will, dass du sie bereits jetzt weißt, um dir wertvolle Zeit und viele Sorgen zu ersparen:

Wenn du erst einmal herausgefunden hast, wer du bist und wer du sein möchtest, gibt es nichts und niemanden mehr, der dich verletzen kann. Deshalb sorge gut für dich und wertschätze deine Visionen. Heilige sie, denn sie werden dich über alles Kummervolle hinwegtragen und dich selbst dann nähren, wenn du glaubst, emotional zu verhungern. Steh’ hinter dir und dem, was in dir nach Ausdruck schreit. Trenn’ dich, wenn nötig, von Menschen, die deine Ideale und Werte nicht teilen. Geh’ an jenen vorbei, die deine Träume missachten oder dich daran hindern wollen, sie zu verwirklichen. Lass dich nicht aufhalten, weil es für andere unbequem werden könnte.

Tue dir Gutes, wenn du es brauchst.

Und tue es täglich.

In Liebe,
dein 10 Jahre älteres Ich

 

Hilf dir selbst und schreibe dir einen Brief an dein jüngeres Ich

Probiere es selbst einmal aus. Du brauchst nicht viel, nur eine ruhige Umgebung, etwas Zeit, Zettel und Stift.

  • Was würdest du deinem jüngeren Ich mitteilen wollen?
  • Wovor würdest du es warnen?
  • Was würdest du aus aktueller Sicht anders machen, wenn du noch einmal die Chance dazu hättest?
  • Was bereust du, getan oder nicht getan zu haben?
  • Was hast du richtig und was falsch eingeschätzt?

Schreibe einfach drauf los. Achte weder auf Perfektion noch auf Rechtschreibung und Grammatik. Gib dich dem Flow hin und lass kommen, was raus möchte und freiwillig hochkommt.

Viel Spaß wünsche ich dir,
Janett Menzel

Janett Menzel Angst Blog

 

Selbstsabotage & Blockaden: Welche Geschichte erzählst du dir?

Selbstsabotage & Blockaden: Welche Geschichte erzählst du dir?

 

So wie du, haben alle Menschen, auch ich, eine Geschichte, die sie sich erzählen. Aus dieser Geschichte, auf die ich im Blog eingehen werde, erwachsen alle – ALLE – Blockaden, die zur Selbstsabotage werden und dich hindern, zu werden, wer du wirklich bist. Diese Geschichte sorgt dafür, dass du dich versteckst, deine Bedürfnisse ignorierst oder dass andere sie ignorieren.

 

Was Blockaden und Selbstsabotage mit deiner Geschichte zu tun haben

löse blockaden auf und stoppe die selbstsabotageUnsere Geschichten sind immer besonders – besonders gut oder besonders schlecht. Doch diese Geschichte ist nicht die reine Wahrheit, nämlich eine, in der Menschen menschlich sind und Fehler machen. In unseren Geschichten soll es wie im Märchen einen magischen Anfang, einen spannenden Hauptteil und ein gutes Ende geben, einen Helden und eine Heldin, die alle Hürden überwinden. Es gibt versinnbildlicht Könige und Königinnen, böse Hexen, gute Zauberer und sprechende Tiere, einen Prinzen, eine Prinzessin. Es gibt Drachen sowie verwunschene Wälder voller guter Elfen und Feen. Wir sind der Held oder die Heldin dieser Geschichte und werden vor eine Aufgabe gestellt, die wir erfüllen müssen – solange, bis wir siegen. Und hier beginnen die Blockaden und auferlegte Schicksale.

Wir alle haben und brauchen Geschichten, die wir uns und anderen erzählen können. Doch welche wir erzählen, das entscheiden wir allein. Wir schmücken unsere Geschichte mit allerhand Symbolen und Personen aus – solange, bis wir sie verstehen – bis sie gut klingt oder Sinn ergibt.

Die Geschichte, die du dir erzählst, hat mit hoher Sicherheit nichts mit den Ereignissen deines Lebens zu tun. Sie besteht stattdessen aus deinen Interpretationen, deinen Ausschmückungen, Symbolen und Personen, deinen Hoffnungen – angereichert mit vielen Gefühlen und Gedanken. Deine Geschichte beinhaltet auch die Geschichten, die dir andere über dich und sich erzählen. Sie besteht außerdem aus den Geschichten deiner Eltern, Großeltern, Urgroßeltern und weiterer Ahnen. Sie lieferten dir den Rahmen für deine Geschichte. Und nur du weißt, wer in deiner Geschichte die Guten sind, jenseits welcher Grenzen das Böse lauert. Nur du weißt, wie sie enden wird. Denn du bist dein eigener Geschichtenerzähler, du allein schreibst deine Geschichte.

Du kannst dich nicht mehr daran erinnern, aber schon seit deiner Geburt spinnst du dir deine Geschichte über die Welt, dein Leben, deinen Körper, deine Fähigkeiten und die Menschen um dich herum zusammen. Damit es nicht langweilig wird, hast du dir früh angewöhnt, stets an deiner Geschichte zu arbeiten, große Teile umzuschreiben, Sinnzusammenhänge herzustellen, neue Charaktere einzuführen, Kapitel hin- und herzuschieben, das Ende zu streichen oder die Kapitelüberschriften zu ändern. Vielleicht liest du sie hin und wieder Korrektur und entfernst die Rechtschreib- und Grammatikfehler. Vielleicht gibst du sie beizeiten jemand anderem zum Lesen, der dir Feedback gibt, dir sagt, ob er sie gern gelesen hat, ob ihm deine Geschichte gefällt.

Ganz sicher hast du einige Menschen kennengelernt, die kein Teil deiner Geschichte sein wollten oder denen deine Geschichte Angst gemacht hat. Vielleicht wollten sie, dass du ihre Geschichte viel schöner findest als deine oder fanden gar, dass du keine eigene Geschichte verdient hättest. Vielleicht sahen sie dich nicht als Held oder Heldin, der bzw. die du bist und sein möchtest. Oder sie schafften es, dass du dein Buch weglegst und stattdessen in ihrem blätterst, ihnen ihre Geschichte schöner schreibst und gut enden lässt, statt an deiner eigenen zu arbeiten und zu feilen. Vielleicht versuchst du bis heute, die Geschichte eines anderen Menschen irgendwie mit deiner in Einklang zu bringen.

 

Welche Rolle hast du dir geschrieben?

immer die Gute, Liebe, Hilfsbereite sein?Welche Rolle man sich selbst und seinen Mitmenschen in der Geschichte, die man sich erzählt, verleiht, ist das wirklich Spannende. Ist man ein Königskind oder der König bzw. die Königin selbst? Oder ist man eine bettelarme, gefügige und gepeinigte Magd, die mit Verachtung bestraft und ausgelacht wird? Ist man ein Kriegs- oder Finanzminister, eine gute Fee oder eine böse Hexe? Wird sich der Prinz beim ersten Blick in deine Augen in dich verlieben? Oder wird er dich nur dann mögen, wenn du schöne Kleider trägst und 10 kg abgenommen hast? Wirst du zum König ernannt, wenn du die Feinde des Königreichs vertrieben hast oder der Vater erst einmal gestorben ist? Wirst du dann endlich zeigen können, was in dir steckt? Wirst du dann endlich jemand sein oder so, wie du in Wahrheit bist? Oder wirst du dich erst noch beweisen müssen, schuften und kämpfen müssen, um zur königlichen Gesellschaft dazuzugehören? Bist du der immer unterhaltsame Hofnarr oder die Tochter der Köchin, die die Prinzessin um ihre Schönheit und Anerkennung beneidet? Oder bist du die Prinzessin, die einem wohlhabenden Prinzen versprochen ist, aber in Wahrheit den schönen, aber armen Stalljungen liebt? Bist du der gute Sohn in den Augen deiner Eltern oder die vernachlässigte, ungeliebte Tochter, das schwarze Schaf, das nur darauf wartet, in ihrem Wert erkannt zu werden oder alt genug zu sein, um zu flüchten?

Welchen Charakter wir uns geben, womit und mit wem wir uns identifizieren, ist ein entscheidender Aspekt für den Verlauf unserer Geschichte. Denn unsere Geschichten müssen Sinn ergeben. So sind wir Menschen gestrickt. Wir würden nie einer Geschichte glauben, in der der Finanzminister plötzlich zum Hofnarren degradiert wird, weil er so viel besser Witze erzählen kann, als Finanzen zu verwalten. Wir würden nie glauben, dass der Prinz vom bösen Trank der Hexe bis zum Ende seines Lebens verzaubert bliebe, statt durch die Kraft der Liebe von der Prinzessin mit einem einzigen Kuss aufgeweckt zu werden. Wir wollen Geschichten, die gut ausgehen, in denen das Gute über das Böse siegen wird. Wie spielt keine Rolle für uns. So mögen wir unsere Märchen. So schreiben wir unsere Geschichten. Und so erzählen wir sie uns und allen, die sie hören wollen.

Das kleine Mädchen in dir, der kleine Junge in dir, mag im Moment nicht glauben, dass die Geschichte gut enden wird. Er sieht, dass der Mittelteil von Kriegen, hinterhältigen und ungerechten Machenschaften, Ablehnung und Versagen, Einsamkeit und Machtlosigkeit dominiert wird. Und was geschieht, wenn wir uns immer wieder nur ein Kapitel, in dem der Held oder die Heldin zum Weitermachen gezwungen wird, dem Ruf des Lebens folgend, sich erfolglos zur Wehr setzt, vorlesen? Wir vergessen den Anfang, die schönen Kapitel zuvor, die schönen Kapitel danach, das Ende. Wir vergessen vor allem, dass wir diese Kapitel geschrieben haben und wir sie stets neu schreiben könnten – wenn wir bereit sind, unsere Geschichte mit anderen Augen zu sehen.

Wieso das so ist? Weil wir eines von Märchen zu glauben wissen: nämlich, dass sie zu schön sind, um wahr zu sein oder wahr zu werden.

 

Zu schön, um wahr zu sein

Probleme kennt man, Glück und Zufriedenheit nichtMenschen, die sich deshalb keine Märchen erzählen, sondern erwachsene Geschichten – Geschichten für Erwachsene, gibt es zuhauf. Dann sind es eben keine dunklen Mächte, bösen Hexen und Zauberer mit Tränken und Stäben, die einem vom Glück abhalten. In erwachsenen Geschichten sind die kleinen Jungen und Mädchen, die die Geschichtenerzähler einmal waren, auch nicht mehr blauäugig oder gutgläubig. Sie haben ihre Lektionen gelernt, denn das Buch ihres Lebens war in ihrer Wahrheit ein Schulbuch, Krimi, Drama, Horror oder eine Geschichte, die sie weder verstehen noch mögen.

All diese Geschichten haben eines gemeinsam: Sie fordern Opfer. Menschen leiden, vereinsamen und sterben, weil sie nicht ausreichen, nicht klug, reich, mächtig oder schön genug sind. Und wo es Opfer gibt, gibt es auch Täter, mindestens einen, in den meisten Geschichten aber sind es gleich mehrere. Wir übersehen, dass wir um der Spannung willen Fehler machen oder extra lange leiden, bis wir uns aus den Fängen unserer Peiniger befreien können. Wir weigern uns, zu erkennen, dass wir selbst unsere Geschichte schreiben, uns unsere Täter suchen und uns selbst zum Opfer ernennen – damit wir kämpfen und triumphieren können.

Deshalb sind die Geschichten, die wir uns erzählen, in vielen Fällen traurig. Vielleicht sehen sie so aus, als würden sie ein gutes Ende nehmen, weil wir einen Partner gefunden haben, eine Familie gegründet haben, befördert wurden oder mehr Gehalt bekommen haben. Vielleicht ist es aber auch umgekehrt: Obwohl wir allen Grund zur Lebensfreude und Mut haben, erzählen wir uns lieber, dass unsere Geschichte böse enden wird oder gar muss – sonst würde es keinen Sinn ergeben. Oder wir erzählen uns, unsere Geschichte klänge noch nicht gut genug. Erst wenn wir x erreicht hätten, wäre unsere Geschichte eine besonders schöne, die wir uns und anderen besonders gern erzählen.

 

Von Horrorgeschichten zur Liebesgeschichte: Schreib deine Geschichte um

Wenn wir bereit sind, unsere Lebensabschnitte und -ereignisse wie ein Buch zu sehen, in dem es weitere Kapitel geben wird und ein Ende, das wir noch nicht kennen, aber gut sein kann, vermag unsere Geschichte, uns neu zu verzaubern. Wir dürfen uns erlauben, unsere Art, wie wir uns unsere Geschichten erzählen, zu ändern. Wenn wir keine Horrorgeschichten mögen, sollten wir auch keine schreiben, lesen und uns und anderen erzählen. Wenn wir keine Dramen mögen, weil sie uns zu sehr ergreifen, sollten wir keine Dramen schreiben, lesen und uns und anderen erzählen. Doch viele tun das Gegenteil und so gehen Menschen, die sich ungern gruseln, abends ins Bett und erzählen sich wieder eine Horrorgeschichte oder eine besonders dramatische und traurige – ihre eigene. Und obwohl diese Geschichte so schlecht ist, erzählen sie sie immer und immer – damit sie sie auch ja nicht vergessen.

Denn eine traurige Geschichte zu haben, die man sich und anderen erzählen kann, ist immerhin besser, als keine Geschichte zu haben. Sie ist auch besser als eine langweilige zu haben, in der nichts passiert, die vor sich hindümpelt und dennoch kein Ende zu nehmen scheint. Geschichten sind da, damit man jemanden zum Zuhören anzieht und selbst etwas zu erzählen hat. Deswegen schmücken wir unsere Geschichten oftmals mit extra üblen Charakteren und Wendungen aus. Damit es spannend bleibt…

Wir alle haben und brauchen Geschichten, die wir uns und anderen erzählen können. Doch welche wir erzählen, das entscheiden wir. Es ist deshalb so wichtig, dass wir uns unsere Geschichte sehr genau auswählen und sie stets korrigieren, um Denkfehler und unstimmige Sinnzusammenhänge zu vermeiden. Wir müssen wissen, welche Art Geschichten uns guttun und welche uns nur noch mehr verletzen. Wir müssen Entscheidungen treffen, was im nächsten Kapitel geschehen soll und was den Lauf der Geschichte behindern würde.

Vor allem aber müssen wir erkennen, welche Geschichte wir uns und anderen seit Jahren erzählen, damit wir sie endlich zu unserem Besten umschreiben können.