Das kleine Mädchen Muss: „Ich will nicht mehr allein sein!“ (Nummero 3)

Das kleine Mädchen Muss: „Ich will nicht mehr allein sein!“ (Nummero 3)

 

Das Kleine Mädchen Muss beruht auf eigenen Erlebnissen und Auseinandersetzungen mit meinem inneren Kind, dem man nicht immer alles erlauben und schon gar nicht alles glauben muss. So zickig, wie sie auch sein kann: Sie meint es nur gut mit der erwachsenen Janett, auch wenn sie oftmals vergisst, dass wir keine Kinder mehr sind. Die Regeln der „Großen“, die sie in Schönschrift stets auf einer Papierrolle bei sich trägt, gelten heute einfach nicht mehr. Aber erklär‘ das mal einer 12jährigen, die stets versucht, brav und gehorsam zu sein, um ihre Ziele zu erreichen! 


Neulich datete ich wieder einmal einen Mann. Paul sah gut aus, schien intelligent und nett und war ein paar Jahre älter als ich. Und wie viele Singles in Berlin hatte auch er es recht eilig im Finden der Liebe: Treffen nach fünf oberflächlichen Nachrichten, Knutschen am ersten Abend und diese eine bestimmte Biersorte, die ich seiner Meinung unbedingt! trinken musste - aber nicht trank, was ihm genauso wenig schmeckte wie mir Bier.

Schon bei diesem ersten Anflug von Übergriffigkeit wurde ich vorsichtig. Mein kleines Mädchen Muss aber hatte sich schon in der Vorbereitung auf das Fest unseres Lebens komplett in die Farbe der Liebe gekleidet und sich für Beziehung, Zusammenziehen, Hochzeit, Kinder bereitgemacht. Endlich ein erfülltes Leben!, wie sie fand. Dass ich ihr da einen Strich durch die Rechnung machen würde! In ihren Augen war es ein Verbrechen, einen solchen Mann abzuweisen. Sie verzehrte sich nach Liebe und Aufmerksamkeit, doch vergaß beizeiten gern, sich den jeweiligen Mann etwas genauer anzusehen, bevor wir uns auf ihn einließen.

An jenem Abend, es war gegen 22:30 Uhr, verstand sie die Welt nicht mehr. Und erwartete Antworten. Wir sollten eine der schwierigsten Diskussionen führen, die ich je mit meinem inneren Kind hatte austragen müssen. Wir standen im Wohnzimmer, sie bockig und ich genervt. „Ich kann nicht mit einem Mann zusammensein, der mir diktiert, was ich zu fühlen und zu wollen habe! Und das schon beim ersten Treffen! Also HALLO?“ erklärte ich ihr.

„Was ist das denn für ein Grund, bitte?“ totterte sie und erinnerte mich an all die dummen „Regeln“, die man als Kind so lernt und leider selten wieder vergisst. So auch sie. „Regel Nummero 68: Du musst immer lieb, brav und nett sein. Nur dann mögen dich Menschen. Regel Nummero 68a: Was nicht für dich passt, musst du halt passend machen.“ An ihrem ernsten Blick konnte ich ablesen, dass sie so schnell nicht aufgeben würde. Sie rückte ihre Besserwisser-Brille zurecht, während ihre Stirn in Zorn vor sich hinknitterte.

„Das ist ein sehr guter Grund! Ich suche nämlich einen Partner und keinen Vater.“

Wütend stapfte sie auf den Boden. „Ich will nicht mehr allein sein!“

„Liebe hat aber nichts mit Gehorsam zu tun. Sie ist kein Weg aus der Angst vor’m Alleinsein oder der Einsamkeit, Angst, nicht genug zu sein und Angst vor Trennung und Verlust… Soll ich weitermachen?“

Sie seufzte tief. „Weißt du, was ich glaube, was der Paul gedacht hat? Er wollte nur, dass du einen schönen Abend hast!“ schnödelte sie weiter. „Männer sind da doch ganz einfach gestrickt: Sie wollen die Frau erobern, sie beeindrucken, mit ihrem Wissen, ihrem Aussehen“, belehrte sie mich, während ihr langer, wohlgeflochtener Zopf im Takt ihrer Argumentation wippte. „Und auch mit ihrer sensiblen Seite, ihrem Erfolg und kulinarischen Erfahrungen!“ Sie legte bedächtig ihr Patschehändchen auf meine Schulter. Sie verfolgte ganz offensichtlich einen Plan, wie sie mich doch noch dazu bekam, dass ich Paul voller Freude anrief, obwohl wir nicht zusammenpassten.

„Bier für drei Euro fünfzig in ’ner Weddinger Kneipe? Das ist doch nicht kulinarisch!“ Und er hätte es noch nicht einmal bezahlt, dachte ich mir im Stillen. Ich vergaß, dass sie alle meine Gedanken hören konnte. Sie war eben Teil von mir - so wie so manches Bier zu manchem Mann gehörte.

„Das hätte er bestimmt, wenn du nicht auf deinen blöden Weißwein bestanden hättest!“ prustete sie.

(Immerhin schmeckte der vertraut.)

„Oder nimm diesen ersten! Ähm…wie hieß er denn noch gleich?“ Sie klappte ihre Regelrolle auf. Sie hatte darauf einen dieser gelben Memozettel geklebt und die wenigen Namen der Männer, die ich seit meinem Partnersuchstart im Juni kennengelernt hatte, notiert. Ich lugte verwundert über den Rand der Rolle.

„Meinst du den, der eigens nach ein paar Stunden beschloss, dass ich mit ihm schlafen würde?“

„Ja! Genau…“ Sie hielt kurz inne. „…aber er war SEHR freundlich!“ Ich nickte nur stumm und versuchte ihr mit einem lächelnden Blick zu sagen, dass ich diese Diskussion ganz sicher gewinnen würde, wenn ihre Argumente weiterhin so dünn blieben.

„Oder Nick!“ Ich hätte es ahnen müssen. „Er wollte, dass du zu ihm fährst, aber nein! Du musstest ja lieber mit deinen Freundinnen tanzen gehen!“ Natürlich holte sie die eine Keule heraus, die mich am ehesten treffen würde. Und natürlich heißt er nicht Nick. Einige Mädels aus der Schule nannten ihn nur so, weil er früher so aussah wie Nick Carter. Ich war ihm vor einigen Wochen auf einer Singlebörse „über den Weg gelaufen“ und musste mich unweigerlich daran erinnern, wie schwer ich von der 7. bis zur 11. Klasse in ihn verknallt gewesen war. Das letzte Jahr war er nicht einmal mehr auf der Schule gewesen, aber er wurde trotzdem schmerzlich vermisst. „DEN mochte ICH!“

„Genau. DU mochtest ihn. Das kleine 12jährige Mädchen, das noch nicht einmal einen BH trug, als sie von einem der begehrtesten Jungen der ganzen Schule gemocht wurde! In deinem Kopf stehst du noch immer im Bus zur Schule und klammerst dich an die Haltestange - aus Angst, umzukippen, weil er hinter dir steht!“

Sie schaute mich verblüfft an. „Ja, so war das. Worauf willst du hinaus?“

„Dass ich keine 12 mehr bin und er keine 14. Jeder hat sein Leben. Wir sind erwachsen.“ Als wir für einige Tage sporadischen Kontakt hatten, wurde schnell klar, dass es ihm stresstechnisch nicht so gut ging. Mir ging es selbst sehr verhalten zu der Zeit. „Du erinnerst dich an meine Schlafprobleme? Ich hatte einfach keine Kraft.“

„Aber du hättest doch trotzdem hinfahren können! Du bist doch nur nicht zu ihm, weil du Angst hattest, dich in ihn zu verlieben! Von wegen ‚keine Kraft‘!“

Wie kommt man da wieder heraus?, fragte ich mich. Ich musste mich an all die Männer erinnern, die ähnliche Diskussionen mit mir geführt hatten und partout nicht verstehen wollten, dass Liebe nicht immer in eine Beziehung führt und eine Beziehung eben mitunter auch keine Liebe macht. Egal, wie sehr man in jemanden verliebt war, für die Liebe muss man Platz im Leben schaffen. Aber nicht immer war das so einfach, besonders beim Thema Jugendliebe oder gar Fernbeziehungen.

„Angst muss nicht immer falsch sein. Manchmal ist sie auch sehr nützlich.“ Ich prüfte kurz, ob das in Bezug zu Nick auch stimmte oder nur eine Ausrede war, die in meinem Kopf gut klang. „Wie dem auch sei…“ Ich schüttelte der Einfachheit halber den Rest der Zweifel ab, während mein kleines Mädchen Muss mich angestrengt musterte.

Ich fuhr fort: „Nick mal kurz beiseite! Was die anderen Männer angeht: Wer sich wie ein kleines Mädchen benimmt und auf Teufel heraus von irgendwem geliebt werden will und alles tut, was der potenzielle Partner will, der wird auch wie ein kleines Mädchen behandelt. In unserem Fall heißt das, Süße: Wir kriegen Männer ab, die uns sagen, was wir trinken, essen, denken, fühlen, wollen und tun sollen. Man sollte weder seine Gesundheit noch sein Wohlbefinden für eine Beziehung opfern, nur aus Angst vor’m Alleinsein.“

„Du bist echt die Einzige auf der Welt, die es schafft, eine Einladung oder ein Bier zu einem Thema der Unterdrückung zu machen. Und DU nennst MICH verrückt!“ Sie stapfte wieder auf die Dielen, die unter ihren kleinen Füßen bejahend quietschten.

Ich spitzte die Lippen, um etwas mehr Zeit zu gewinnen. „Touché“, grinste ich ihr schließlich breit ins Gesicht, und gab mich mit der Schwäche geschlagen, mitunter schneller das Handtuch zu werfen als andere.

Sie schnaubte enttäuscht und wurde urplötzlich traurig. „Andere haben wenigstens jemanden, auch wenn sie nicht verliebt sind oder es nicht optimal passt.“

„Und ich wünsche ihnen viel Glück dabei. Aber das ist nicht unser Weg.“ Ich musste kurz ein- und ausatmen. „Ich glaube eben nicht, dass eine Beziehung ein Ersatz für einen Lebensplan ist.“ Immerhin hatte ich zu genüge lernen dürfen, dass Partnerschaften einen weder vor den Unannehmlichkeiten des Lebens noch vor einen selbst retteten. Am Ende war man doch nur mit sich zu Gange, im Guten wie im Schlechten. Wer nicht mit seinen Gefühlen, besonders den fiesen und stechenden, umgehen konnte, der würde auch vor den Tiefs in einer Partnerschaft nicht gefeit sein. Davon war ich überzeugt. Das war mein 11. Gebot. Gäbe es das als Bildspruch, würde es in A0-Format über meinem Bett hängen. Wenn ich mir all die Paare ansah, die aus lauter Angst vor einem Neubeginn oder ihren Gefühle und dem, was NACH einer Trennung kommen könnte, lieber an ihrer kaputten Beziehung festhielten, wollte ich instinktiv immer zum Telefonhörer greifen und meiner Mutter gratulieren, dass sie mir so einen Unsinn nicht beigebracht hatte.

„Manches auf dieser Welt kann man einfach nicht erzwingen. Und Liebe gehört definitiv dazu. Schreib das doch bitte mit zu deinen Regeln…unter Nummer…ähmmm…“ Ich versuchte mich an die letzte Regel zu erinnern, aber meine Kleine hatte so endlos viele.

„Regel Nummero 100: Du musst immer wollen, was andere wollen!“ Sie starrte eine Weile auf diese Regel.

„Merkste selbst, oder?“ lächelte ich vorsichtig, um sie nicht weiter zu enttäuschen.

Sie seufzte, streckte mir ihre kleine, zarte Hand offen hin und signalisierte damit, dass ich ihr einen Stift reichen möge. Ich tat wie verlangt, aber musste unentwegt grinsen, so wie Nick es früher immer getan hatte, wenn er sich über jemanden amüsierte - im niedlichen Stil - mit erhobenem Kopf und einem verschmitzten Blinken in den Augen. Sie holte noch einmal Luft, bevor sie den Stift ansetzte und die Regel durchstrich. Dann schaute sie mich mit großen Fragezeichen im Gesicht an. Sie wollte eine neue Regel. Sofort.

„Wie wäre es mit ‚Ich darf darauf vertrauen, dass zur rechten Zeit der richtige Mensch in mein Leben tritt.‘?'“

„Echt jetzt?“ wütete sie. Ich nickte nur und verschränkte bestimmt die Arme vor der Brust. Sie musterte mich ein paar Sekunden lang und schrieb schließlich gehorsam meine Worte auf. Doch eine letzte Frage brannte ihr noch unter den Fingernägeln:

„Und wie geht’s nun weiter?“

Ich wusste, dass mein kleines Mädchen Muss einen Plan wollte, eine Garantie, und die am liebsten mit Unterschrift und Blutzeichen. Doch für Liebe gibt es nun einmal keine Garantie. Und wie mein Ex Sven immer so schön und richtig zu sagen pflegte: ‚Man kann sich eben nicht aussuchen, wen man kennenlernt.‘

„Was machen wir denn jetzt?“ wiederholte sie ihre Frage etwas drängender.

Ich dachte kurz nach und seufzte. „Weinchen?“ grinste ich sie schließlich an und tätschelte ihr auf dem Weg in die Küche beruhigend die Schulter.

©Janett Menzel

Fotos: New York Zoos and Aquarium

Hier geht’s zur ersten Episode des kleinen Mädchens Muss: >> Das kleine Mädchen Muss: Der innere Kritiker (Nr. 1)
Hier geht’s zur zweiten Episode des kleinen Mädchens Muss: >> Das kleine Mädchen Muss: „Du brauchst einen Mann!“ (Nr. 2)

 

Keine Angst vor Männern, der Liebe und Beziehungen

Keine Angst vor Männern, der Liebe und Beziehungen

 

So wunderschön die Liebe auch sein kann: Sie bringt ihre eigenen Herausforderungen mit sich - besonders, wenn es in der Vergangenheit Ereignisse gab, die einem genug Anlass dazu geben, Angst vor Männern oder Angst vor Liebe an sich zu haben. Aber liegt es tatsächlich an der Liebe und romantischen Beziehungen oder sind es die Männer im Allgemeinen?

 

Was hinter der Angst vor Männern und der Liebe wirklich steckt

Angst vor Männern und der LiebeBei Frauen kann sich die Angst vor Männern und der Liebe unterschiedlich äußern:

Entweder sie sehnen sich nach Liebe (Zuwendung, Bestätigung, Anerkennung) und tun alles, um sie zu bekommen, nur um dann festzustellen, dass sie sie - einmal erhalten und das Herz erwärmt - doch nicht brauchen oder nicht von diesem Mann möchten. Sie glauben schnell, dass sie nicht zueinanderpassen und sind so schnell weg, wie sie da waren. Oder sie spüren die Angst, wenn die erste Nähe stattfindet. Mit jeder Enge in der Brust oder Panik vor der ersten Intimität wollen sie die Flucht ergreifen:

Ich habe Frauen kennengelernt, die krank wurden, weil ihr Körper die Angst durch die geistige und emotionale Überforderung abfangen musste. Einige hatten Panikattacken; andere Frauen verspürten nach kurzer Zeit keine Lust mehr Sex. Vereinzelte Frauen hatten anfangs keine Schwierigkeiten mit Männer, bis sie in eine Beziehung gerieten und emotional abhängig (gemacht) wurden. Mit jedem Tag der Partnerschaft wuchs ihre Angst, dass sie selbst nichts wert waren ohne den Partner. Sie wurden rasend eifersüchtig oder depressiv, ängstlich bis phobisch und immer unzufriedener. Denn eigentlich wollten sie weder abhängig sein noch abhängig machen.

 

Hintergründe & Ursachen: Woher kommt die Angst vor Männern?

(Einige Frauen haben traumatische Erfahrungen mit Männern gemacht. Diese spreche ich im Folgenden nicht an. Es ist in solchen schwerwiegenden Fällen ratsamer, sich dem Thema in einer Therapie zu widmen.)

Doch es liegt nie an den Männern oder der Liebe an sich. Es liegt auch nicht an ihnen als Frau per se. Hinter der Angst vor Männern und der Liebe verbergen sich Muster aus alten Zeiten: Denk-, Gefühls- und Verhaltensmuster, die erlernt wurden, die entweder Angst abwehren sollten oder Angst verursachten. Es sind alte Ängste. Sie stammen nicht selten aus der Kindheit, Jugend oder den ersten Erfahrungen mit der (ersten, großen oder erwachsenen) Liebe.

Viele Frauen haben keine anhaltenden, echten Gefühle der Liebe - gleich, wie sie sich selbst verhielten oder nicht verhielten - gelernt. Sie bringen deshalb in späteren Jahren Liebe nicht in Verbindung mit Freiheit, Glücksgefühl, Geborgenheit oder Zufriedenheit. Sie verbinden sie unbewusst oder bewusst mit Abhängigkeit, Angst, Unterdrückung, Aufopferung, Trennung oder anderweitigem Verlust. Ihre frühen Erfahrungen mit Liebesgefühlen wurden oft schon in ihrer Kindheit von ihren Bezugspersonen unterbrochen, abgewiesen oder an Bedingungen geknüpft.

Bei „normaler“ Angst vor Männern und der Liebe finden wir diese zwei Extreme:

Extrem 1) Fremde Bedürfnisse und Ansprüche an sie waren wichtiger als ihre eigenen. Sie waren in der einschneidenden Lebensphase aufgefordert, sich entsprechend zu verhalten und mehr Rücksicht und Fürsorge für die Mutter, den Vater oder die Geschwister aufzubringen, als sie selbst erhielten oder sich geben wollten. Sie waren überfordert und konnten die emotionalen Leistungen gar nicht erfüllen, bemühten sich aber, um Liebe und Zuwendung zu erhalten. Sie lernten so, dass sie vor allem geben MUSSTEN, um zumindest etwas Liebe zu erhalten.

Oder Manipulationen (Ich liebe dich nur, wenn…) formten ihr Bild davon, wie Liebe aussieht und funktioniert, um sicher und beständig zu bleiben. Das früher Gelernte formte somit das heutige mangelnde Vertrauen in sich selbst versus Männer, Partner, Beziehungen und Liebesgefühle. Um der Angst aus dem Weg zu gehen, leisten sie oft. Sie sind aufopfernd, depressiv, ängstlich oder emotional abhängig.

Extrem 2) Es gab gar keine Forderungen in der Kindheit, Jugend oder in den ersten Liebeserfahrungen. Es fehlte eventuell sogar Liebe von Seiten der Eltern, sei es, weil sie emotional oder lokal abwesend waren. Sie waren so vogelfrei, dass sie zwar machen konnten, was sie wollten, aber dadurch keine (eigene oder fremde) Autorität, Struktur, Grenzen, Umgang mit Nähe und Konflikten oder Kompetenzen kennenlernten.

Mit den ersten (Grenz)Erfahrungen im Umgang mit Männern lernten sie aber schnell, dass andere in einem Rahmen leben, in den auch sie sich pressen müssen, um Liebe in ihrer vermeintlichen Harmonie und Bedingungslosigkeit erleben zu dürfen. Ähnliche Auswirkungen wie beim ersten Extrem zeigen sich hier: Sie werden später oft aufopfernd und depressiv, ängstlich oder emotional abhängig. Sie neigen zu emotionalem Burnout oder ständiger innerer Hektik, um den Bedürfnissen gerecht zu werden. Oder sie verharren in einer inneren Starre, die sie jedes Mal bei Kontakt zu Liebe zurückschrecken lässt und zur Flucht animiert.

Was sich hinter der Angst vor Männern und der Angst vor Liebe verbirgt

Dahinter verbergen sich diese Ängste:

 

Angst vor Trennung und davor, nicht zu genügen

Angst vor Männern und Angst vor TrennungTrennungsangst hat zwei Extreme: die Angst davor, dass man verlassen wird oder davor, sich selbst zu trennen. Hinter diesem Thema versteckt sich auch die Angst, wieder alleine zu sein oder jemanden alleine zu lassen. Aus der eigenen Erfahrung heraus wissen die Frauen, wie es sich anfühlt, verlassen oder missachtet zu werden, wenn sie den Anforderungen anderer nicht genügten. Jemandem dieses Gefühl zu geben, belastet sie. Daher fällt es ihnen oft schwer, offen Kritik zu äußern, dem Mann die eigenen Gefühle zuzumuten, eigene Bedürfnisse anzusprechen und einzufordern, sich Freiräume zu nehmen - oder sei es auch darum, Geschirr an die Wand zu werfen, als Ausdruck ihres emotionalen Zustands.

Sie haben häufig Schwierigkeiten mit Konflikten und Durchsetzung, weil sie damit Verletzung in Verbindung bringen. Sie haben ebenso Angst vor Wutausbrüchen - ihren eigenen und denen anderer. Auf der einen Seite fühlt sich die Kritik des Partners an, als hätten sie versagt. Auf der anderen Seite trauen sie sich nicht, jemandem - meist trotz aller emotionaler Zumutungen des Partners - zu sagen, dass er nicht genügt. Vielen heimlichen Geliebten in Affären geht es so. Viele müssen im Laufe ihres Lebens anhand schwieriger Beziehungskonstellationen lernen, dass es okay ist, nicht zu genügen. Sie dürfen wählen, so wie andere wählen dürfen. Was nicht passt, muss nicht passend gemacht werden. Man darf sich trennen. Was jemand anderes denkt, denkt jemand anderes. Doch kein Partner - und das ist die Lernaufgabe - bestimmt über den Wert der Frau.

 

Angst vor Selbstverlust und davor, überrannt zu werden

Angst vor Nähe und SelbstverlustTrennungsangst kann aber auch bedeuten, dass man sich von sich selbst trennt - oder meint, es zu müssen. Das wiederum nennt sich Angst vor Selbstverlust. „Für die Liebe muss man (sich) opfern.“ Doch was in Romeo & Julia so herzzerreißend schön war, ist ziemlicher Mist im realen Leben. Sich zu opfern, sein Leben in Teilen (Freundschaften, Familie, Beruf/Karriere, Leidenschaften, Zukunftsträume, Bedürfnisse, Grenzen) aufzugeben, entfernt Menschen von sich selbst. Das macht Angst. Natürlich.

Eben weil einige diese Erfahrungen gemacht haben, wissen sie um die Konsequenzen: Bei mir waren es Panikattacken, bei anderen sind es Depressionen. Wiederum andere entwickeln psychosomatische Beschwerden, wenn sie sich der Wucht der Anforderungen nicht zutrauen - oder nicht noch mehr Be-Last-ung tragen können. Viele sind einst blind und vertrauensvoll in den Selbstverlust gestürzt und ahnten nichts Böses, was sich als Trugschluss und große Enttäuschung entpuppte. Liebeskummer ist in ihren Köpfen vorprogrammiert, der bereits früher seine Spuren hinterließ.

Diese Angst soll dementsprechend davor schützen, sich gänzlich zu verlieren - im Dunst anderer Bedürfnisse zu verrennen. Sie ermahnt, dass man zurück zu seiner ersten Natur findet.

 

Angst vor Nähe

Angst vor Männern und der LiebeKommt ein Mann dieser Frau zu nahe, entsteht ein Gefühl der Enge und Einschränkung, als würde man keinen Fluchtweg mehr sehen. Sie stehen mit dem Rücken zur Wand. Aus der vormals als weit empfundenen Freiheit wird urplötzlich ein dunkles, enges Verließ, in dem man festgehalten wird. Liebe wird schnell zu einem Gefängnis und streicht alle Möglichkeiten der Selbstentfaltung und Selbstwirksamkeit mit einem Wisch weg.

Frauen mit Angst vor Nähe meinen, Anforderungen erfüllen zu müssen, die mit ihren Wünschen und Vorstellungen kollidieren, um in der Beziehung bleiben zu dürfen. Man findet diese Angst oft, wenn Liebe und Beziehung überstürzt werden. Viele dieser Frauen brauchen es einfach langsam. Das meine ich nicht sexuell, sondern hinsichtlich der Entwicklung und Wahrnehmung ihrer eigenen, wahren Gefühle. Sie leben mitunter mehr in der aufgedruckten, stempelartigen Gefühlswelt anderer und nehmen fremde Emotionen eher wahr als ihre eigenen. Sie sind auf die Beachtung und Befriedigung fremder Gefühle und Bedürfnisse konditioniert.

Zu nahe an ihre Gefühle heranzukommen, äußert sich bei einigen beim Sex. Frauen mit dieser Angst können sich nur schwer fallenlassen, öffnen sich nur wenig und haben eine Barriere, die sie von der Echtheit ihrer Gefühle abspaltet. Es fällt ihnen schwer, anderen ihre Gefühle anzuvertrauen. Viele von ihnen haben gelernt, dass ihre Gefühlsausdrücke negativ interpretiert werden oder ungewollt sind. Sie fühlen sich als Sexobjekt oder als eine Art Puppe, die ihren Zweck in der Beziehung erfüllen soll (gesellschaftlicher Status, Mutterrolle, Geldgeberin, Wunscherfüllerin, „Freundin von-Syndrom“ usw.). Aufgrund früherer Erfahrungen missverstehen sie sich als Erweiterung des Mannes oder können spüren, dass sie nur X für den Mann sind, weshalb diese Angst in ihnen auftaucht. Andere wiederum schämen sich für ihre Gefühle und dass sie welche haben. Sie haben gelernt, dass sie bei Gefühlsausdruck mit Ablehnung oder Spott behandelt werden, weshalb sie sich schämen, wenn sie ihre Gefühle der Freude, Gelassenheit, Hingabe, Begierde, Befriedigung zeigen.

Viele müssen sich erst einmal überwinden, präsent zu sein, sich trauen, zu wollen, teilzuhaben und zu teilen, um wieder Kontakt zu sich und authentischer Liebe zu finden.

 

Angst vor Liebe und vor Glück

Angst vor Liebe und Angst vor GlückWer eine Menge mieser Erfahrungen gemacht hat, wird nicht selten zum Besserwisser und meint in jedem Menschen, Mann und Frau, jemanden zu erkennen, den man „schon mal hatte“. „Das kenne ich schon! Danke, nicht noch einmal! Damit bin ich durch!“

Wieder neu an die Liebe und die Individualität der Menschen glauben zu lernen, ist nicht für jeden so leicht. Aber es ist möglich, wenn man sich auf die positiven Charaktereigenschaften des neuen Menschen konzentriert, statt auf die negativen eines Verflossenen.

Und auch wenn viele Männer heute versuchen, dem Stereotypen des harten/charmanten/erfolgreichen Kerls oder … (Platz für deine Gedanken) … zu entsprechen, so gleicht doch dem keiner dem anderen. Auch Männer (alle!) haben Ängste. Sie sind menschlich.

 

Angst vor der Zukunft

Eng verbunden mit all den benannten Ängsten ist die Angst vor der Zukunft. Sie konzentriert sich im Wesentlichen auf die Angst vor dem Ungewissen, dem Neuen und Unbekannten. Was, wenn er fremdgeht? Was, wenn ich nach zwei Jahren doch keine Familie mehr will? Was, wenn wir nicht zusammenpassen? Was, wenn wir unsere Unterschiede nicht ausbügeln können?

Oft tauchen sehr verheerende und Hiobsbotschaft-ähnliche Antworten auf:

„Dann hast du deine Freiheit oder XYZ aufgegeben…
dann ist nichts mehr so, wie es früher war…
dann muss ich wieder von vorn anfangen…
dann habe ich meine besten Jahre verschenkt…
dann kann ich nicht mehr tun (und lassen), was ich möchte…
dann…
dann…
dann…

lasse ich es doch lieber gleich sein und nichts Böses kann geschehen.“

Frauen können diese Angst sehr oft durch erlebte Sicherheit, Geduld und Verständnis des Partners, langsame Schritte und die Gewöhnung (sowie Freude) an der zukünftigen Situation auflösen. Sie wachsen langsam hinein, statt wie in ihrer Angst, ins Dunkle reingeschubst zu werden, ohne den Weg zurück zu finden. Sie dürfen sich auch daran erinnern, dass jedes vermeintlich noch so große „Problem“ eine Lösung birgt, die nur gesucht und umgesetzt werden braucht. Sicher aber sind sie immer. Und sollte doch alles grundsätzlich schlecht und unzufrieden ablaufen, dürfen sie ruhig gehen und ihr Glück woanders suchen. Doch so mancher Versuch hat Schönes und Wertvolles gebracht, wenn man sich einmal getraut hat. Der Preis ist wie so häufig Vertrauen und Zuversicht.

 

Angst vor sich selbst und der eigenen Größe

das böse Mädchen in dir und in mirDoch wer Angst vor der eigenen Größe hat, scheut das Unbekannte an sich. Frauen mit dieser Angst fürchten sich vor allem vor den Reaktionen anderer auf ihre Tiefen und Höhen. Sie möchten weder verletzen noch ihre Glaubensmuster einstürzen sehen. Sie brauchen ihre aufgebauten Sicherheiten, auch wenn einiges Komfortzonen-Material ist. Sie haben zudem oft Angst vor plötzlichen Kehrtwenden. (Wenn ich rundum glücklich wäre, würde bestimmt etwas Böses geschehen, um das wieder auszugleichen.)

Einige von ihnen haben auch gelernt, dass sie nicht rundum glücklich sein dürfen. Dies rührt wieder aus ihrer Kindheit oder Jugendzeit, in der ihnen ihr Glück madig gemacht wurde. Oft zeigen sich solche Signale in Neid/Eifersucht anderer auf ihre Talente und Fähigkeiten, Erfolge oder Lebensbereiche. Viele kennen fremde Schadenfreude oder aber Menschen, die ihnen ihre großartigen Ideen mit Angst ausreden wollten/ausgeredet haben. (Also ich weiß nicht. Mach das lieber nicht. Bleib lieber bei XYZ, dann geht auch nichts schief. Wenn du meinst, das unbedingt machen zu müssen, meinetwegen, aber…Androhung einer Konsequenz...) Solche Worte spiegeln immer wider, dass jemand enttäuscht sein würde, sie schüren Angst und so das Gefühl, man müsse klein bleiben oder dürfe sich nicht vom Leben wünschen und nehmen, wonach man sich zutiefst sehnt.

 

Handlungsempfehlungen bei Angst vor Männern und Angst vor Liebe

Die folgenden Methoden entstammen meiner Praxis. Am besten ist es, man probiert sich einmal durch und schaut, welche am wirksamsten für sich und seinen individuellen Fall sind.

Menschlich sein lassen: Idealbilder auflösen

Wir bilden uns oft ein, dass jemand, den wir toll finden, größer ist als wir. Wir idealisieren denjenigen, sprechen ihm Ängste und Schwächen ab und verstärken stattdessen unsere eigenen. So fühlen wir uns klein, wertloser oder dessen Kontakt und Zuwendung nicht würdig. In Wahrheit ist er mehr und gleichzeitig weniger als du. Er ist ein Mensch mit einer Vergangenheit, Gegenwart und Zukunftsträumen für verschiedene Lebensbereiche. Es hilft, wenn wir dieses Bild auflösen und uns an den wahren Menschen erinnern. Die Abbildung zeigt, was ich meine: die verschiedenen Facetten eines Menschen.

Dasselbe können auch Frauen tun, die an ihrem Selbstwert zweifeln. Jeder Mensch hat viele Facetten. Im Coaching sprechen wir auch vom Inneren Team. Mit dem kann man arbeiten, hat man erst einmal erkannt, was Richard David Precht mit „Wer bin ich - und wenn ja, wie viele“ ausdrückte:

Oft spricht vor allem das kleine Mädchen aus Frauen, ihr inneres Kind, und lenkt in der Liebe ein. Bei anderen ist es eine strenge Bezugsperson oder die dämliche und neidische Freundin von früher, die ihnen Liebe verwehren und Angst machen wollte. Die Stimmen zu identifizieren aber ist der Schlüssel. Sich dann daran zu erinnern, dass man heute eine erwachsene Frau ist und die Vergangenheit vorbei, bringt dich einen Schritt weiter.

 

Erinnerungen schaffen: Ein Video für Mut aufnehmen

Wer sich in einigen Momenten stark und fähig fühlt, aber in anderen wiederum schwach und unwürdig, dem könnte es helfen, sich starke Sätze auszudenken, die Mut zusprechen. Nimm diese mit deinem Handy auf (entweder als Tonaufnahme oder idealer als Video). Das nächste Mal, wenn du ins Straucheln gerätst, kannst du dir deine Sätze in Erinnerung rufen, indem du dir das Mut-Video ansiehst oder deine mutmachende Stimme anhörst. Es ist gut, wenn du selbst die Person bist, die dir den Mut zuspricht. Die eigene Stimme beruhigt und heilt.

 

Angst entmystifizieren: Gib deiner Angst ein Gesicht

(Bitte diese Übung nur machen, wenn du dich stabil fühlst oder in therapeutischer Begleitung bist.)

In der Schreibtherapie habe ich gern diese Übungen angeboten: Wenn du Angst hast, stelle dir vor, sie sei eine Person. Beschreibe sie so detailliert, wie es dir möglich ist.

  • Welches Gesicht hat deine Angst vor Männern?
  • Ist sie weiblich oder männlich?
  • Klingt sie ruhig, einschüchternd oder schrill?
  • Trägt sie einen Anzug und Krawatte oder Jeans und T-Shirt?
  • Sitzt sie trinkend auf dem Sofa oder mit einer bildhübschen Frau im Café?

Wann immer die Angst erneut auftaucht, erinnere dich an diese Person oder Gestalt und sprich mit ihr Klartext. Schicke sie aus dem Zimmer, aus deinem Kopf, verbanne sie für diesen Tag oder die Nacht, aber halte sie im Zaum. Wer so seiner Angst begegnet, erkennt, dass es sich nicht um eine fremde, übermächtige Angst handelt, sondern um sein ureigenes Gefühl. Doch du bist nicht dein Gefühl. Du bist nicht Angst. Sie abzuspalten, indem man sie separat wahrnimmt, kann helfen, sich neutral zu betrachten.

 

Glaubst du, nicht genug zu sein? Dann ist das dein unbewusster Lebensplan

Glaubst du, nicht genug zu sein? Dann ist das dein unbewusster Lebensplan

Manchmal erschreckt es mich, dass die Psychologie es so treffend weiß, uns Menschen in Kategorien einzusortieren. Auch die Transaktionsanalyse (kurz TA), entwickelt von Eric Berne, befasst sich mit menschlichen Mustern, nämlich: Wie das, was wir klugerweise als Kinder lernten, glaubten und taten, von uns als unbewusste Entscheidung ins Erwachsenenleben hineingetragen wird. Und dort allerhand Probleme macht. Gemeint sind Glaubenssätze, zum Beispiel nicht genug zu sein, nicht wichtig, intelligent oder fähig genug. Ein weit verbreiteter Glaubenssatz ist der: „So, wie ich bin, bin ich nicht okay.“

Viele Coaches und andere Experten denken, dass Glaubenssatzarbeit allein ausreichen würde, um angemessene Selbstachtung und Selbstvertrauen zu säen. Doch in Wahrheit müssten sie nicht an den Sätzen, sondern an dem verborgenen Plan dahinter arbeiten. Denn mit den Sätzen fing es nicht an und hört es nicht auf. Sie zu verändern, hält nur kurzzeitig und greift meist nie so tief, um den Gedanken, nicht genug zu sein, für immer ablegen zu können.

Die TA betrachtet deshalb ein unbewusstes Lebensskript des Menschen und markiert diesen Lebensplan mit den bekannten Skriptglaubenssätzen. Dahinter verbergen sich auch Skriptentscheidungen, innere Antreiber, denen wir folgen (Sei perfekt! Jetzt hab‘ dich nicht so!) und natürlich unsere Bedürfnisse, die wir früher wie heute haben.

 

Menschen, die glauben, nicht genug zu sein, teilen ein Grundgefühl

„Das Grundgefühl, nicht genügend akzeptiert zu sein bzw. nur dann gemocht zu werden, wenn man anders wäre, das heißt, bestimmte Bedingungen erfüllt“, unterliegt diesem Lebensplan, schreibt Almut Schmale-Riedel im Buch der Woche: Der unbewusste Lebensplan.

nicht genug zu sein ist ein glaubenssatzDas Zitat zeigt: Weil wir dazugehören wollen, verlieren wir uns im Gedanken, durch angepasstes Verhalten gewollt und geliebt zu werden. Deshalb leiden Männer und Frauen lieber unter negativen Beziehungen, statt sich vom Partner zu trennen oder bleiben lieber in einem Job, in dem sie sich zermürben müssen, statt proaktiv einen besseren zu suchen.

Früher wollten wir das Andere, weil wir es wollen mussten, unsere Eltern nicht enttäuschen und ihren Anforderungen gerecht werden wollten. Das erzeugte natürlich Unmengen an Anpassungsdruck, nährte aber vor allem das Gefühl, dass unsere eigenen Wünsche und Interessen mit den Erwartungen anderer aneinandergeraten würden. Alle Kinder machen dann den Fehler, ihre Bezugspersonen wichtiger zu nehmen, als sich. Und das hält mitunter ein Leben lang an, wenn wir es als Erwachsene nicht selbst korrigieren.

Kinder wie Erwachsene müssen in ihrem (geringen) Selbstwert und ihrer (geringen) Selbstständigkeit gefördert werden, statt im „Das hast du gut gemacht, das hast du schlecht gemacht“-Schwarzweißdenken. Sie werten sich sonst im weiteren Leben ab, um eine Auseinandersetzung vermeiden zu können, wenn sie die Ansprüche von außen einmal nicht erfüllen können oder wollen.

Aber nicht nur besonders streng erzogene, sondern auch überbehütete Kinder, denen kaum Grenzen aufgezeigt wurden, lassen sich durch Kritik schnell einschüchtern. Ich weiß das sehr genau, weil ich so aufwuchs. In der Tat war meine Frustrationstoleranz lange sehr gering, weil mich meine Mutter sehr antiauthoritär erzogen hatte. Wen wundert es, dass ich bei kleinsten Signalen der Ablehnung sofort meinen Selbstwert neu definieren wollte oder meinte, mich verstellen zu müssen, um mit meiner Andersartigkeit nicht aufzufallen? Zu sich selbst bedingungslos zu stehen, will gelernt werden. Ein kleines Stück Arbeit, das sich ordentlich lohnt.

Die Angst, nicht genug zu sein, bringt besonders Probleme im Job (Leistung bis zur Erschöpfung, unkollegiales Verhalten aus eigener Angst) und in einer Beziehung (starke Eifersucht durch angsterfüllte Vergleiche, übermäßiges Geben und Klammern bis hin zu Angst vor Nähe und Liebe im Allgemeinen). Wenn wir unseren Wert nicht kennen und schätzen, stellen wir ihn entsprechend oft infrage. Das verleitet dazu, dass wir uns nicht gern zeigen, so wie wir sind, uns nicht zu freuen trauen, wenig bis gar nichts annehmen können, meinen, immer erst leisten zu müssen, als müssten wir uns Liebe und Anerkennung verdienen. Wir wollen uns vielleicht noch perfekter machen oder schauspielern uns durchs Leben, übernehmen uns und ignorieren unsere Grenzen, „in der Annahme, dann o. k. zu sein, weil wir dann nicht mehr angreifbar sind“, schreibt Schmale-Riedel.

Unsere verborgenen Skriptglaubenssätze und Skriptentscheidungen sind zum Beispiel:

  • Ich hätte kein Mädchen/Junge sein sollen.
  • Ich bin nicht normal.
  • Mit mir stimmt etwas nicht.
  • Ich darf nicht zuviel wollen.
  • Ich darf nur leisten, aber nichts und niemanden beanspruchen.
  • Ich bin allein.
  • Ich muss mir selbst Trost spenden.
  • Ich muss mich anstrengen, um geliebt/anerkannt zu werden.
  • Am besten ist es, wenn ich perfekt bin. Dann kann auch keiner meckern.
  • Ich darf keine Probleme machen.
  • Ich bin nicht gesund.
  • Ich bin hässlich.
  • Mit meinem Körper ist etwas nicht in Ordnung.
  • Es ist besser, wenn ich mich nicht zeige, so wie ich bin.
  • Besser ich verstecke mich.
  • Ich bin etwas Besonderes, aber keiner merkt es.

die-angst-nicht-gut-genug-zu-sein-stammt-aus-unserer-kindheitKinder, die mit dieser Skriptentscheidung aufwuchsen, hätten sich oft von ihren Eltern (und späteren Ersatzpersonen im Erwachsenenleben) gewünscht, dass sie in den Arm genommen werden, ihre vermeintlichen Schwächen zeigen dürfen und in ihrer Traurigkeit nicht allein bleiben müssen. Sie hätten sich Zuspruch und Aufmunterung gewünscht, Sätze wie „Du bist hübsch.“ oder „Ich bin stolz auf dich.“ Sie scheuen im späteren Leben Vergleiche, weil sie innerlich immer schlechter abschneiden, unbewusst aber ziehen sie die Vergleiche zu Personen. Sie wollen jedoch tief in ihrem Inneren als einzigartig wahrgenommen werden - so wie alle Menschen einzigartig sind und etwas Schönes in sich tragen. Doch ihre Glaubenssätze werden begleitet durch den inneren Kritiker, den Schmale-Riedel als Antreiber bezeichnet. Die Stimme sagt dementsprechend so etwas wie „Streng dich an!“, „Reiß dich zusammen!“ oder „Sei perfekt!“ und „Mach es recht!“

Frauen und Männern, denen es so geht, schlagen sich oft mit der Angst herum, entdeckt zu werden, und sich dann zu schämen, weil sie angeblich nicht genug sein würden. Es ist die Angst davor, minderwertig zu sein und nicht auszureichen. Es droht Verlust, man würde nicht mehr dazugehören. Meistens handelt es sich aber um eingebildete Mängel und Fehler, wie Schmale-Riedel berichtet.

Wie wir dem Gedanken, nicht gut genug zu sein, entfliehen können

Vereinfacht gesagt, müssen wir lernen, dass wir genügen und okay sind, so wie wir sind. Eventuelle Bewertungen durch uns selbst, aber auch Interpretationen durch andere zu erkennen, und dann die Auswirkungen auf uns zu sehen, hilft schon als Impuls zur Kampfansage.

gut-genug-fuer-dich-heisst-nicht-gut-genug-fuer-alleÜbungen, die das Selbstvertrauen stärken, wie das bewusste Erinnern an Situationen, in denen wir so, wie wir sind, Erfolg hatten, können zusätzlich helfen. Schmale-Riedel empfiehlt auch reale Einlenkungen: „Jeder Mensch ist o. k., das heißt wichtig und wertvoll, auch wenn er Schwächen oder Verhaltensweisen hat, die nicht gut sind.“ Wobei die Unterscheidung zwischen Gut und Schlecht eigentlich weg müsste. Denn alles hat seinen Nutzen. Auch eine vermeintlich schlechte Eigenschaft kann in anderen Situationen gut sein oder in der jetzigen Situation einen sehr sinnvollen Zweck verfolgen.

Im Wesentlichen aber kann es helfen, wenn wir unterscheiden lernen: zwischen dem, was das Kind-Ich (unser inneres Kind) denkt, und unser heutiges Erwachsenen-Ich, das neutral ist, weiß. Dieses weiß zum Beispiel, dass niemand perfekt ist, dass wir alle einmal Fehler machen oder „uns daneben benehmen“. Es gibt neben diesen beiden Ich-Zuständen auch das lauernde Eltern-Ich, das mit Kritik bewaffnet ist. Es kann also helfen, sich mehr auf das Erwachsenen-Ich zu konzentrieren, wenn wir uns einmal wieder dabei ertappen, uns klein zu fühlen oder mit unserer eigentlichen Persönlichkeit aus Angst zu verstecken.

Aber auch Erlaubnisarbeit kann zu mehr innerer Ruhe, Selbstvertrauen, Selbstachtung und Seelenfrieden führen:

  • So, wie ich bin, bin ich in Ordnung.
  • Ich darf Fehler machen.
  • Ich bin stolz auf mich.
  • Ich darf mich mit allen Stärken und auch Schwächen zeigen.
  • Ich werde trotz meiner Schwächen geliebt.
  • Ich liebe mich trotz meiner Schwächen.
  • Keiner ist perfekt. Ich muss nicht perfekt sein.
  • So, wie ich bin, bin ich genug.
  • Ich darf wollen.
  • Ich habe genug geleistet.

Neben diesem Glaubenssatz gibt es noch zahlreiche andere, die sich damit verbinden können. Auch bei mir entdeckte ich noch welche, die mir bislang nicht bewusst waren. Schmale-Riedel zählt die folgenden auf und bespricht sie im Detail:

  1. Ich bin nicht so wichtig, meine Gefühle zählen nicht.
  2. Ich bin dumm.
  3. Ich darf keinen Erfolg haben.
  4. Ich darf mich nicht freuen. Es gibt keine Freude und Glück für mich.
  5. Liebe und Nähe dürfen nicht sein.
  6. Nähe ist eine Bedrohung.
  7. Ich darf nicht hier sein.
  8. Ich bin böse, aber das darf niemand merken.
  9. Ich bin schuld.
  10. Ich muss stark sein und mich kümmern.
  11. Ich soll nicht erwachsen werden.
  12. Keiner darf merken, wie es mir wirklich geht.
  13. Das Leben ist hart und schwer.
  14. Man kann sowieso nichts ändern.

Wer sich neu entdecken möchte, das Alte von damals noch einmal ansehen und endlich in die Tonne werfen möchte, dem empfehle ich das Buch Der unbewusste Lebensplan: Das Skript in der Transaktionsanalyse. Typische Muster und therapeutische Strategien. Es ist eine wahre Fundgrube an hinderlichen Glaubensmustern, die wir früher sammelten, weil sie hilfreich waren. Es zeigt aber auch, dass damals eben damals war und heute vieles anders ist. Wir dürfen deshalb endlich zu unserer Andersartigkeit stehen. Wir müssen nur erkennen, wo der Schuh tatsächlich drückt. Den „problematischen Kern“ zu finden und in Angriff zu nehmen, ermöglicht dir dieses Buch.

Weil wir alle okay, genug und wertvoll sind, so, wie wir sind.

Liebe Grüße,
Janett Menzel

Helfersyndrom: Wieso du genauso wichtig bist wie andere Menschen

Helfersyndrom: Wieso du genauso wichtig bist wie andere Menschen

 


Es gibt diese Menschen, die voller positiver Energie sind. Jene Menschen, an die man nur andocken möchte, in die man hineinkriechen will, in deren Selbst man baden will. Und das nur aufgrund ihrer Ausstrahlung, die so leicht und so sicher, so liebevoll und respektvoll ist. Sie lieben meist sehr und tief und sind damit ein fruchtbarer Boden für alle, die ernten wollen (auch ohne etwas gesät zu haben).

Ziehst du oft „reparaturbedürftige“ Menschen an? Triffst du häufig auf potenzielle Partner/-innen, die in ihrer Leere oder ihrem Mangel an dir kleben bleiben (wollen)? Hast du das Gefühl, Menschen würden dich für sich brauchen oder gar ausnutzen, dich emotional und energetisch „missbrauchen“? Oder begegnen dir häufig Personen, die unbedingt mit dir sprechen und Zeit verbringen möchten oder jede Gelegenheit nutzen würden, um sich bei dir in den Mittelpunkt deiner Zeit, deines Lebens zu stellen? Dann ist es wahrscheinlich, dass du so ein „voller“ positiver Mensch bist. (Das kann man auch sein, wenn man Angst hat oder gerade extrem gestresst ist.)

 

Das Helfersyndrom

und wieso es Menschen anzieht, die wichtig sein wollen…

Menschen, die wichtig sein wollen, sind in erster Linie Menschen, die sich unwichtig fühlen oder aber Angst haben, unwichtig zu sein (wenn sie beispielsweise plötzlich Single sind, was entgegen ihren inneren Lebensplan spielt) oder die Menschen wie dich benötigen, um sich mit ihrem Gefühl des Mangels und der Leere nicht spüren zu müssen.

Sie wollen wichtig sein, so wie wir alle in der Welt danach streben, an-erkannt zu werden: in allem, was wir sind, mit Liebe in einem geborgenem Umfeld Teil sein zu dürfen, ohne Regeln und starre Grenzen, ohne etwas zu leisten. Eine Leistung zu erbringen heißt ja vor allem: etwas zu geben.

Wichtigsein ist für jedes Kind auf der Erde ein Grundbedürfnis, was noch bei vielen Erwachsenen bis ins hohe Alter als Ziel weiterschlummert. Einfach machen können, was man möchte, so angenommen und geliebt werden, wie man ist, ohne etwas Passendes als Erwartungserfüllung zu geben, ohne an seinem Wert zu zweifeln, ohne gemaßregelt zu werden oder sich an etwas Vorgegebenes halten zu müssen.

Während es Personen gibt, die sich aus ihrer Erziehung heraus, auch aus Respekt und einem leider oft geringerem Selbstwertgefühl, zurücknehmen, gibt es auch welche, wie meine Bekanntschaft im obigen Beispiel, die genau das Gegenteil tun. Und das, obwohl viele von ihnen ganz augenscheinlich liebe- und damit wertvolle Menschen sind.

Menschen, die mitleiden und helfen möchten, sich für das Gute im Menschen einsetzen und Gutes säen wollen, treffen oft auf Menschen, die aus irgendwelchen Gründen wenig oder weniger erhalten haben, als sie wert gewesen wären. Diese Menschen werden meist so, wie die, die sie verletzt haben. Sie werden ähnlich „unfair“, obwohl sie bei Helfern und Menschenfreunden zur Rast kommen könnten, obwohl der Topf der Möglichkeiten und Potenziale etwas ganz Großartiges bereithalten könnte, wie Freundschaft, Sinn oder wichtige, seelisch-nährende Verbindungen.

Stattdessen sind sie innerlich so getrieben von der Erfüllung ihrer Wünsche durch den anderen, dass sie den anderen gar nicht mehr sehen. Es geht leider zu selten um ihr Gegenüber als eine wertvolle Persönlichkeit in all ihren Farben. Jemand anderes soll und muss den Schmerz in ihnen wegmachen. Der seelische Tod eines jeden Helfers. So ungefähr jedes (Lehr)Buch sagt: Entferne dich. Ob man das tut oder nicht, sei jedem selbst überlassen, aber man sollte wissen: Niemand kann einen Menschen, Mann oder Frau, innerlich wieder zusammensetzen und seien die Heilaufträge auch noch so angeboren:

 

Ein Herz kann man nicht reparieren: Menschen auch nicht

Du kannst das nicht. Die Menschen selbst müssen das tun (und sich erlauben, sich vertrauen).

Viele, die in dem Sinne kaputt sind, ihre Teile im Inneren wie Puzzlestückchen durcheinander gewürfelt haben oder  lassen haben, würden alles, was du sagst, ignorieren. Sie würden nur über sich reden wollen oder den geeigneten Zeitpunkt abwarten, um sich ins Mittelfeld zu begeben, von wo aus sie beginnen, das Spiel zu steuern. Sie würden nichts unversucht lassen, um ihr Ziel zu erreichen.

Gute Beispiele sind Menschen, die nur Affären wollen, obwohl man ihnen gesagt hat, dass man sich eine Beziehung wünscht, wogegen sie aber nicht konterten: Du, ich nicht!, sondern eher nicken oder ausweichen. Oder nimm‘ Menschen, die dir gegenüber JA sagen, aber dann doch ihr Ding durchziehen. Bedenke auch Menschen, die sich dir gegenüber freundlich gesinnt geben, aber hinter deinem Rücken schlecht reden.

Man kann (allen) wohlwollende, umsichtige und reflektierte Menschen sehr leicht erkennen, mit wenigen Fragen ihr Wollen oder Nichtwollen offenbaren. Da gehört nicht viel zu. Sie würden sich bei einfachen Fragen herausreden, um die Antwort herumreden, Gegenfragen stellen, das Thema wechseln, das Gespräch beenden. Sie würden auf deine Worte weder eingehen, noch Fragen stellen.

Wenn Menschen nicht wollen, wollen sie nicht.

Man kann ihnen nur einen Spiegel bieten, an dem sie erkennen, was gerade geschieht. Man kann ihnen sagen, wie man sich fühlt, wenn sie etwas tun oder unterlassen, man kann Bitten formulieren oder einen Raum aus Verständnis schaffen. Wenn es den Personen möglich ist, kann man sie beim Aufwachen unterstützen, so wie es Therapeuten und Psychologen tun. Zwingen aber kann man sie zu nichts. Auch wenn wir tief in uns fühlen und meinen, den rechten Weg für sie zu kennen, bringt es in den wenigsten Fällen etwas. Viele setzen es vielleicht für einige Zeit um, fallen aber schnell wieder ins alte Muster, weil sie nur taten, was ihnen gesagt wurde, ohne selbst an den Wert zu glauben. Erkennen Menschen aber selbst, welche Schritte sie gehen sollten, um zufriedener zu werden, welche Wege sie verlassen sollten, an welcher Stelle sie gelassener oder zielgerichteter handeln sollten, dann kann das wahre Wenden bewirken.

Was du tun kannst, um aus deinem Helfersyndrom das Beste für dich herauszuholen

  • Frage dich, ob du einen Beitrag leisten möchtest. Wenn die Antwort JA lautet, dann unterscheidet dich das von den beschriebenen Menschen. Wenn du auf undankbare Menschen triffst, dann hast du die Chance, dir Dankbare in einer Gruppe oder Alleinsettings zu suchen, an denen du deinen Beitrag geben kannst. Alles auf der Welt ist Geben und Nehmen. Mit aller Anerkennung. Sei es dir wert.
  • Frage dich, in welchen Aspekten deines Lebens du bedürftig bist. Bedürftig zu sein ist völlig normal und bedeutet nur, Bedürfnisse zu haben. (Ab jetzt Sarkasmus an:) Aber wenn man das Adjektiv „bedürftig“ verwendet, klingt das gleich „needy“ und wir halten ja heute nichts mehr von Menschen, die sich Austausch und Verbindung wünschen, dazu stehen, dass sie Menschen brauchen. Man muss ja heute alles allein sein und schaffen können, um wirklich voller Wert zu sein. (Sarkasmus wieder aus.) Aber um Hilfe zu bitten, ist vollkommen normal und sollte genutzt werden, wenn man Hilfe benötigt. Also zurück zur Frage: In welchen Bereichen bist du bedürftig? Decken sich deine Bereiche mit denen der Menschen, die du triffst? Wenn nicht, dann müssen sich eure Bedürfnisse nicht zwingend unterscheiden. Es kann auch sein, dass du das Gegenteil erfährst, um zu sehen, was du noch in deinen Bereichen hinzufügen könntest, zum Beispiel etwas mehr Risiko, etwas mehr Zielstreben oder gesunde Ignoranz/Eigensinn. Umgekehrt genauso. Ein Mensch, der so voller Angst ist, dass seine Bedürfnisse unbefriedigt bleiben könnten, könnte von dir lernen, wie man eigene Bedürfnisse zum Ausdruck bringt und fremde erkennt.
  • Frage dich, welche Lektion hinter dieser Begegnung stecken könnte. Was hält sie bereit? Woraus kannst du für dich persönlich einen Nutzen ziehen? Was bewunderst du an dem Menschen? Was stößt dich völlig ab, also was würdest du dir nie erlauben? <- Und wieso verbietest du es dir? Gibt es verborgene Chancen in den abstoßenden Eigenschaften?
  • Frage dich, wie derjenige sich fühlt. Keine leichte Aufgabe, wenn man den Menschen nur schwer „ausstehen“ kann. Aber es lohnt sich dennoch: Beobachte alles an der Person und deute. Deute die kleinen Schwächen und Schlenker im angeblichen Selbstwert oder Opfertum. Deute die Stimmungslage vor und nach dem Kontakt. Sieh, wie der Mensch mit und durch dich wird. Zieh‘ eine Lektion aus den Erkenntnissen. So eine Erkenntnis könnte sein, dass du echt eine Menge positiver Energie hast, die du besser für dich verwenden könntest. Es könnte auch sein, dass du feststellst, dass du innerlich einem Heilauftrag nachgehst, dir einen Beruf im sozialen Bereich vorstellen könntest oder du dringend aus dem Helfersyndrom raus solltest.

Welche Lehren man auch mitnimmt: Der größte Meister ist nichts, wenn er es nicht schafft, sich selbst zu meistern. Denke zuerst an dich und vergib deine Energie, gerade wenn du sehr offen für fremde Ängste und Sorgen bist, in Portionen. Mach‘ am besten immer 70-30, sodass du 30 Prozent als deine alleinige Basis zur Verfügung hast. So ist auch die Abwehr, die du fühlen magst, wenn jemand an dir „herumsaugt“, nur halb so wild.

Lerne auch, Nein zu sagen, wenn etwas zu weit geht oder dich einengt. Hinter all dem verbirgt sich aber die Antwort auf die Frage: Was möchtest du gern sein?

Liebe Grüße,
Janett

Janett Menzel Angst Blog

Wie uns Glaubensmuster leiten: 7 destruktive Gedanken, die weg können

Wie uns Glaubensmuster leiten: 7 destruktive Gedanken, die weg können

Es gibt Gedanken, die niemand haben sollte. Gedanken, die destruktiv, negativ und vor allem kindlich als Ursprung sind. Diese Gedanken werden Glaubensmuster genannt. Sie schalten und walten in uns, haben wir sie doch zugenüge gelernt, sei es in der Kindheit/Jugend selbst oder im späteren Leben durch unsere Erfahrungen. Sie lösen in uns leider unterlegene Gefühle der Hilflosigkeit und Unselbstständigkeit aus, schwächen unser Selbstvertrauen und sorgen dafür, dass unsere Selbstsicherheit brüchig wird oder bleibt. Je bohrender diese Muster sind, desto eher werden wir uns in ähnlichen Situationen verhalten, wie wir glauben, uns verhalten zu müssen.

Schaut man ganz aber neutral auf diese Aspekte, so sieht man, dass die negativen Glaubensmuster gegen Wachstum und gegen die Erfüllung der eigenen Ansprüche sind. Es handelt sich hier um „andere sind groß und ich bleibe klein“-Gedankengut, welches in uns operiert und für Schwierigkeiten in unserem Leben sorgt. Wie bei Eltern und ihren Kindern. Aber wir sind erwachsen. So kannst du dich verhalten und so sollten sich auch andere dir gegenüber verhalten.

Wenn du für eine gesunde und sichere Basis in deinem Leben sorgen möchtest, musst du zwangsläufig für dich sorgen. Selbstfürsorge, heute oft auch mit Selbstliebe und Achtsamkeit gleichgesetzt, heißt sowohl selbst für etwas zu sorgen, als auch achtsam mit anderen umzugehen. Beides sind wichtige Pfeiler im Umgang mit dir und anderen. Wenn du achtsam andere Menschen beobachtest, siehst du eventuell auch, wie wenig sie dich achten oder aber du siehst, wie wenig du für dich selbst sorgst. Allein diese Änderung des Blickwinkels kann dafür sorgen, dass du liebevoller mit dir umgehst und selbstzerstörerische Glaubensmuster ab sofort ignorierst.

 

7 selbstzerstörerische Glaubensmuster

Destruktive Gedanken, die eliminiert werden müssen

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1) Wenn ich kritisiert werde, habe ich etwas falsch gemacht.

Veto. Weshalb?

Weil du a) richtig bist, so wie du bist und b) der andere, der dich kritisiert hat, handfeste Gründe benötigt, die du prüfst, bevor du ihm Glauben schenkst. Ein Tipp von mir: Wenn du das nächste Mal kritisiert wirst, frage den Kritiker: Was hätte ich in Ihren Augen besser machen können/sollen? Wie hätten Sie die Situation gemeistert? Was genau ist die Basis Ihrer Kritik? Meist werden hier keine Antworten oder Ausreden folgen oder aber Aspekte erwähnt, die so vorher unklar artikuliert wurden. Falls handfeste Argumente kommen, siehe Punkt 2.

In den überwiegenden Fällen - und Menschen sind nun einmal oft unfair und hart im Erkennen fremder Fehler - hat die Kritik mehr mit dem anderen zu tun, als mit dir. Hätte der Kritiker es besser machen können als du? Was meinst du? Oder ist es vielleicht sogar so, dass derjenige ganz froh darüber ist, dass er es nicht machen musste und nicht das Gefühl in sich trägt, etwas falsch gemacht zu haben? Wir spiegeln häufig eigene Glaubensmuster auf die anderen Menschen nieder, nur um sie nicht selbst fühlen zu müssen. Wir erkennen daran auch, wie wir uns verhalten würden oder sollten. Jemand, der zum Beispiel sieht, dass in einer Leistung nicht 100% gegeben wurden oder Fehler passierten, sie zwar erwähnt, aber ohne zu tadeln, dient als Vorbild für dich. Jemand, der dich herunterzieht und dir das Gefühl der Wertlosigkeit und des Versagens gibt, ist ein negatives Beispiel und spiegelt deine innere Einstellung gegenüber Fehlern wider. Erkenne also dein Glaubensmuster und greife ein. Schenke den positiven Stimmen in dir Gehör. Höre wie sie sagen: „Ja, okay. Mag jetzt nicht das Nonplusultra gewesen zu sein, aber weißt du was? Was soll’s!? Toll, dass du es doch probiert hast.“

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2) Wenn ich keine Anerkennung und Lob für etwas bekomme, dann war meine Leistung unzureichend.

Die Wahrscheinlichkeit, dass das eine Projektion des anderen ist, ist groß. Projektion bedeutet, dass derjenige sich selbst für unzureichend sieht und dir dieses Gefühl an sich als Gefühl (ohne Bezug auf ihn) zeigt. Du siehst die Erwartungen des anderen dann an dir und du hast versucht, diesen gerecht zu werden. Das ist echt nett von dir, aber völlig gegen dich und damit unnötig.

Frage dich: Wie hoch war die Chance, dass du die Fremdansprüche erfüllen konntest? Weshalb genau hast du versucht, sie zu erfüllen? Hast du nur versucht, nicht negativ aufzufallen? Gibt es Tendenzen in dir, ein leises Stimmchen, was dir flüstert: „Scheiß drauf! Ich will seine/ihre Ansprüche gar nicht erfüllen!“? Falls du dennoch denkst: Ja, ich wollte sie erfüllen und ich habe mich wirklich nicht genug angestrengt und Fehler gemacht, die meine Leistung abschwächten, frage dich: Hast du dein Bestes gegeben? Was war dein Bestes? Wie hätte das ausgesehen?

Realisiere, dass jede Situation eine neue Grundlage zum Lernen und zur Weiterentwicklung ist. Nur weil du eventuell hier einige Aspekte übersehen hast, heißt es trotzdem, dass du sie beim nächsten Mal beachten kannst. Frage dich außerdem: Gab es Gründe, dass du eventuell nicht deine volle Leistung erbringen konntest, zum Beispiel wenig Schlaf, schlechte Konzentration, Schwierigkeiten in einem Lebensbereich? Erkenne, dass du nur ein Mensch bist und ein eigenes Leben hast, was immer Priorität hat. Immer.

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3) Nur wenn ich zu 100 Prozent sicher sein kann, dass das Ergebnis positiv sein wird, werde ich handeln.

Die Angst vor der Angst. Die Angst vor Verlust. Die Angst vor Trennung. Die Angst, nicht zu genügen und unliebenswert zu sein, anzuecken, aufzufallen, sich wertlos zu fühlen, hilflos und vor allem „klein“. Es gibt keinen einzigen Menschen auf dieser Welt, der Dinge mit Sicherheit sehen kann. Es kann gut gehen oder schlecht. Oder es ist ein Dazwischen, das Graue zwischen Schwarz und Weiß, was wir übersehen.

Und hinzu kommt ein toller Aspekt, den wir alle oft vergessen: Falls es in eine Richtung liefe, die dir widerspricht, dann handele so, dass es deine Erwartungen erfüllt. Man kann dagegensteuern und auf neuen Wegen gehen, zu neuen Zielen. Höre nicht auf, nach deinen Zielen zu suchen. Es ist wie die Liebe: Wenn du hier nicht gewinnst, dann suche woanders weiter. Suche immer weiter, bis du gefunden hast, was du dir wünschst. Nur an den vermeintlichen Niederlagen erkennst du, ob etwas richtig oder falsch für dich war. Du kannst daran sehen, was du dir wünscht, was weg muss, um deine Ziele neu auszurichten. Stecke dir neue Ziele und definiere neue Wege. Suche aktiv danach. Sieh‘ das Positive im vermeintlich Negativen. Warte nicht darauf, dass das Glück an deine Tür klopft. Handele für dich.

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4) Andere haben Schuld daran, dass etwas in meinem Leben nicht so lief, wie ich es mir gewünscht hätte.

Leider nein. Es bist du selbst. So prima es auch wäre, jemand anderen die Schuld, also die Verantwortung für Missgeschicke oder Negatives zu übertragen, so leichtfertig ist es auch. Derjenige kann es nicht tragen. Du bist im Mindestens eigens verantwortlich für deine Gedanken zu allem, was dir geschah und auch für alles, was dir nicht geschieht. Das schließt natürlich höhere Gewalt aus. Wenn du aber in einer Beziehung bleibst, in der du unzufrieden bist oder sogar nebensächlich erscheinst, dann ist es deine Entscheidung, ob du bleibst oder gehst. Wenn du einen Job machst, der dich krank macht, dann ist es deine Verantwortung, ob du dir einen neuen suchst oder den alten behälst. Auch ohne sich gleich zu trennen, kann man für Veränderungen sorgen. Proaktiv ist hier das Zauberwort, was den entscheidenen Unterschied ausmachen könnte.

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5) Andere sind mir (weit) überlegen. Ich habe kein Mitspracherecht. Ich sollte/muss mich fügen.

In Bezug auf dein eigenes Leben und deinen Werdegang, deine Entwicklung und deine Erfüllung von Wünschen und Träumen hast du das volle Recht. Es liegt allein bei dir. Du bist der Entscheider und du bist der einzige Mensch, der anderen erlauben könnte, dass du dein Recht auf Selbstbestimmung aus den Händen gibst. Falls du das tust und dich plötzlich in einer fremdbestimmten Situation wiederfindest, dich als Opfer der Umstände fühlst, bitte ich dich, dich daran zu erinnern, dass du - wie Panik es macht - fliehen kannst. Schnell so wie bei Panikattacken oder ganz ruhig und bedächtig. Aber das Recht auf dein Leben liegt bei dir. Ja, leider bringt das oft die Konsequenz des „Alleingangs“ mit sich, dennoch wird sich dieser Alleingang lohnen. Er wird dir bringen, was du verdienst. Traue dich, alle deine Gefühle zu spüren und sie als teil von dir anzunehmen. So unliebsam sie auch sehen. So unlebenswert wie sie dir auch erscheinen. Je mehr du das Negative lernst zu verstehen und anzunehmen, desto mehr wird sich das Positive im Sack in den Vordergrund drängeln.

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6) Trennungen und Verluste von Freunden und Partner bedeuten, dass ich nicht liebenswürdig bin und nicht gut genug.

Ein schmerzhaftes und kaum positiv zu betrachtendes Thema. Ich versuche es trotzdem:

Erinnere dich daran, wie traurig du warst, als deine erste große Liebe zerbrach. Du dachtest sicher, dass du nie wieder lieben würdest und nie wieder jemanden fändest, der dich so liebt, so sieht wie du wirklich bist. Und dann - einige Zeit später - passierte es, dass du jemanden anderen kennenlerntest, der dir noch schönere und noch größere Gefühle schenkte.

So ist es mit Freundschaften und mit Beziehungen. Sie kommen und gehen. Einige davon waren von Anfang an nur für einen gewissen Zeitraum bestimmt. Andere davon nur dafür, dass du etwas Wichtiges erkennst: am Leben, an dir. Sei dir gewiss: Du bist liebenswürdig. Du bist gut. Und du bist genug. Wenn du dich traust, dazu zu stehen, wie du bist. Solltest du natürlich hintenrum schalten und walten und dich verstellen, dann kann es gut und gern geschehen, dass das Wahre an dir entdeckt würde und du als Täuschung betrachtet wirst. Aber nicht zu dir zu stehen und dein wahres Ich zu verleugnen, ist bereits eine Täuschung deiner selbst. Ent-täusche dich. Ent-täusche alle anderen. Wage es, du selbst zu sein.

Dass andere sich andere Ziele setzten und dich verließen, sagt auch viel über ihre Ziele aus. Sie dürfen andere Ziele haben, so wie du. Lasse die Anhaftung los und erinnere dich an deine Ziele. Beginne erneut, jeden Tag auf’s Neue, mit den Schritten in deine Richtung, hin zu deinen Zielen.

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7) Ich darf nur Freude und Erfolg genießen, wenn die Erlaubnis dafür erhalte, sonst kehrt es sich ins Negative um.

Käse. Aber ich kenne das selbst von mir: Man möchte niemanden verletzen, besonders wenn es liebgewonne Menschen sind, denen es gerade schlecht geht oder denen ein Mangel in ihrem Leben zu schaffen macht. Was hast du damit zu tun? Sehr wahrscheinlich nichts.

Du hast das Recht darauf, dass es dir gut geht und du alles Gute in deinem Leben voll auskosten darfst. Wie oft ist es dir passiert, dass es dir schlecht ging? Und nun könnte es dir besser gehen. Nun könnte das Gute gelebt werden, auch wenn es anderen schlecht geht. Natürlich sage ich nicht, dass du deine Erfolge anderen um die Ohren hauen sollst, ganz unsensibel und verletzend, andere ignorieren solltest und nur noch ununterbrochen von deinem tollen Leben oder deinen großen Erfolgen berichten solltest. Mir geht es hier nicht um Ignoranz, sondern um das Recht, sein Glück spüren und leben und zeigen zu dürfen.

Aber Gefühle sollten geteilt werden und jeder muss lernen, mit Tiefpunkten in seinem Leben umzugehen und dafür die Höhepunkte voll auszukosten. Mit engen Freunden oder Familienmitgliedern kann man darüber reden. Man kann ihnen Verständnis entgegenbringen und dennoch seine Sonne genießen. Mitleiden und Mitfühlen sind verschiedene Schuhe. Erkenne den Unterschied.

Soviel zu den 7 selbstverletzenden Glaubensmustern.  Lange Rede, kurzer Sinn: Hier sind einige Korrekturvorschläge von mir, die als neue Leitsätze und Glaubensmuster in dein Leben Einzug finden könnten. Die lassen sich ergänzen und nach Belieben abändern. Feel free!

7 neue Glaubensmuster und Gedanken, die wirklich-wirklich wahr sind

  • Wenn ich die Anforderungen eines anderen nicht erfülle, sagt das nichts über den Wert meiner Leistung aus, sondern über die Ansprüche des anderen Menschen.
  • Ich bin immer ausreichend. Ich bin genug.
  • Nichts lässt sich steuern oder mit Sicherheit kontrollieren. Ich bin offen für alle Entwicklungen und werde Lösungen für alle Schwierigkeiten finden, falls sich denn welche ergeben sollten.
  • Ich bin verantwortlich für alles in meinem Leben, auch für das, die ich nicht tue oder sage.
  • So wie ich bin, bin ich gut. So wie andere sind, sind sie gut. Auch wenn ich mich nicht mit ihnen verstehe oder sie sich nicht mit mir. Jeder versucht sein Bestes.
  • Hinter Trennungen und Verlusten steht ein Ziel, dass ich (noch) nicht sehe. Sie dienen meinem Wachstum. Ich darf trauern, wenn ich verletzt bin.
  • Ich darf alle meine Gefühle ausleben und genießen. Ich entscheide über meine Freude und meine Angst. Kein anderer, nur ich entscheide.

Fehlt hier etwas in deinem Augen? Ich bin gespannt! Lass‘ es mich wissen.
Welche neuen Gedanken und Glaubensmuster fallen dir noch ein?

Liebe Grüße
Janett

Janett

 

 

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