Das kleine Mädchen Muss: „Ich will nicht mehr allein sein!“ (Nummero 3)

Das kleine Mädchen Muss: „Ich will nicht mehr allein sein!“ (Nummero 3)

 

Das Kleine Mädchen Muss beruht auf eigenen Erlebnissen und Auseinandersetzungen mit meinem inneren Kind, dem man nicht immer alles erlauben und schon gar nicht alles glauben muss. So zickig, wie sie auch sein kann: Sie meint es nur gut mit der erwachsenen Janett, auch wenn sie oftmals vergisst, dass wir keine Kinder mehr sind. Die Regeln der „Großen“, die sie in Schönschrift stets auf einer Papierrolle bei sich trägt, gelten heute einfach nicht mehr. Aber erklär‘ das mal einer 12jährigen, die stets versucht, brav und gehorsam zu sein, um ihre Ziele zu erreichen! 


Neulich datete ich wieder einmal einen Mann. Paul sah gut aus, schien intelligent und nett und war ein paar Jahre älter als ich. Und wie viele Singles in Berlin hatte auch er es recht eilig im Finden der Liebe: Treffen nach fünf oberflächlichen Nachrichten, Knutschen am ersten Abend und diese eine bestimmte Biersorte, die ich seiner Meinung unbedingt! trinken musste - aber nicht trank, was ihm genauso wenig schmeckte wie mir Bier.

Schon bei diesem ersten Anflug von Übergriffigkeit wurde ich vorsichtig. Mein kleines Mädchen Muss aber hatte sich schon in der Vorbereitung auf das Fest unseres Lebens komplett in die Farbe der Liebe gekleidet und sich für Beziehung, Zusammenziehen, Hochzeit, Kinder bereitgemacht. Endlich ein erfülltes Leben!, wie sie fand. Dass ich ihr da einen Strich durch die Rechnung machen würde! In ihren Augen war es ein Verbrechen, einen solchen Mann abzuweisen. Sie verzehrte sich nach Liebe und Aufmerksamkeit, doch vergaß beizeiten gern, sich den jeweiligen Mann etwas genauer anzusehen, bevor wir uns auf ihn einließen.

An jenem Abend, es war gegen 22:30 Uhr, verstand sie die Welt nicht mehr. Und erwartete Antworten. Wir sollten eine der schwierigsten Diskussionen führen, die ich je mit meinem inneren Kind hatte austragen müssen. Wir standen im Wohnzimmer, sie bockig und ich genervt. „Ich kann nicht mit einem Mann zusammensein, der mir diktiert, was ich zu fühlen und zu wollen habe! Und das schon beim ersten Treffen! Also HALLO?“ erklärte ich ihr.

„Was ist das denn für ein Grund, bitte?“ totterte sie und erinnerte mich an all die dummen „Regeln“, die man als Kind so lernt und leider selten wieder vergisst. So auch sie. „Regel Nummero 68: Du musst immer lieb, brav und nett sein. Nur dann mögen dich Menschen. Regel Nummero 68a: Was nicht für dich passt, musst du halt passend machen.“ An ihrem ernsten Blick konnte ich ablesen, dass sie so schnell nicht aufgeben würde. Sie rückte ihre Besserwisser-Brille zurecht, während ihre Stirn in Zorn vor sich hinknitterte.

„Das ist ein sehr guter Grund! Ich suche nämlich einen Partner und keinen Vater.“

Wütend stapfte sie auf den Boden. „Ich will nicht mehr allein sein!“

„Liebe hat aber nichts mit Gehorsam zu tun. Sie ist kein Weg aus der Angst vor’m Alleinsein oder der Einsamkeit, Angst, nicht genug zu sein und Angst vor Trennung und Verlust… Soll ich weitermachen?“

Sie seufzte tief. „Weißt du, was ich glaube, was der Paul gedacht hat? Er wollte nur, dass du einen schönen Abend hast!“ schnödelte sie weiter. „Männer sind da doch ganz einfach gestrickt: Sie wollen die Frau erobern, sie beeindrucken, mit ihrem Wissen, ihrem Aussehen“, belehrte sie mich, während ihr langer, wohlgeflochtener Zopf im Takt ihrer Argumentation wippte. „Und auch mit ihrer sensiblen Seite, ihrem Erfolg und kulinarischen Erfahrungen!“ Sie legte bedächtig ihr Patschehändchen auf meine Schulter. Sie verfolgte ganz offensichtlich einen Plan, wie sie mich doch noch dazu bekam, dass ich Paul voller Freude anrief, obwohl wir nicht zusammenpassten.

„Bier für drei Euro fünfzig in ’ner Weddinger Kneipe? Das ist doch nicht kulinarisch!“ Und er hätte es noch nicht einmal bezahlt, dachte ich mir im Stillen. Ich vergaß, dass sie alle meine Gedanken hören konnte. Sie war eben Teil von mir - so wie so manches Bier zu manchem Mann gehörte.

„Das hätte er bestimmt, wenn du nicht auf deinen blöden Weißwein bestanden hättest!“ prustete sie.

(Immerhin schmeckte der vertraut.)

„Oder nimm diesen ersten! Ähm…wie hieß er denn noch gleich?“ Sie klappte ihre Regelrolle auf. Sie hatte darauf einen dieser gelben Memozettel geklebt und die wenigen Namen der Männer, die ich seit meinem Partnersuchstart im Juni kennengelernt hatte, notiert. Ich lugte verwundert über den Rand der Rolle.

„Meinst du den, der eigens nach ein paar Stunden beschloss, dass ich mit ihm schlafen würde?“

„Ja! Genau…“ Sie hielt kurz inne. „…aber er war SEHR freundlich!“ Ich nickte nur stumm und versuchte ihr mit einem lächelnden Blick zu sagen, dass ich diese Diskussion ganz sicher gewinnen würde, wenn ihre Argumente weiterhin so dünn blieben.

„Oder Nick!“ Ich hätte es ahnen müssen. „Er wollte, dass du zu ihm fährst, aber nein! Du musstest ja lieber mit deinen Freundinnen tanzen gehen!“ Natürlich holte sie die eine Keule heraus, die mich am ehesten treffen würde. Und natürlich heißt er nicht Nick. Einige Mädels aus der Schule nannten ihn nur so, weil er früher so aussah wie Nick Carter. Ich war ihm vor einigen Wochen auf einer Singlebörse „über den Weg gelaufen“ und musste mich unweigerlich daran erinnern, wie schwer ich von der 7. bis zur 11. Klasse in ihn verknallt gewesen war. Das letzte Jahr war er nicht einmal mehr auf der Schule gewesen, aber er wurde trotzdem schmerzlich vermisst. „DEN mochte ICH!“

„Genau. DU mochtest ihn. Das kleine 12jährige Mädchen, das noch nicht einmal einen BH trug, als sie von einem der begehrtesten Jungen der ganzen Schule gemocht wurde! In deinem Kopf stehst du noch immer im Bus zur Schule und klammerst dich an die Haltestange - aus Angst, umzukippen, weil er hinter dir steht!“

Sie schaute mich verblüfft an. „Ja, so war das. Worauf willst du hinaus?“

„Dass ich keine 12 mehr bin und er keine 14. Jeder hat sein Leben. Wir sind erwachsen.“ Als wir für einige Tage sporadischen Kontakt hatten, wurde schnell klar, dass es ihm stresstechnisch nicht so gut ging. Mir ging es selbst sehr verhalten zu der Zeit. „Du erinnerst dich an meine Schlafprobleme? Ich hatte einfach keine Kraft.“

„Aber du hättest doch trotzdem hinfahren können! Du bist doch nur nicht zu ihm, weil du Angst hattest, dich in ihn zu verlieben! Von wegen ‚keine Kraft‘!“

Wie kommt man da wieder heraus?, fragte ich mich. Ich musste mich an all die Männer erinnern, die ähnliche Diskussionen mit mir geführt hatten und partout nicht verstehen wollten, dass Liebe nicht immer in eine Beziehung führt und eine Beziehung eben mitunter auch keine Liebe macht. Egal, wie sehr man in jemanden verliebt war, für die Liebe muss man Platz im Leben schaffen. Aber nicht immer war das so einfach, besonders beim Thema Jugendliebe oder gar Fernbeziehungen.

„Angst muss nicht immer falsch sein. Manchmal ist sie auch sehr nützlich.“ Ich prüfte kurz, ob das in Bezug zu Nick auch stimmte oder nur eine Ausrede war, die in meinem Kopf gut klang. „Wie dem auch sei…“ Ich schüttelte der Einfachheit halber den Rest der Zweifel ab, während mein kleines Mädchen Muss mich angestrengt musterte.

Ich fuhr fort: „Nick mal kurz beiseite! Was die anderen Männer angeht: Wer sich wie ein kleines Mädchen benimmt und auf Teufel heraus von irgendwem geliebt werden will und alles tut, was der potenzielle Partner will, der wird auch wie ein kleines Mädchen behandelt. In unserem Fall heißt das, Süße: Wir kriegen Männer ab, die uns sagen, was wir trinken, essen, denken, fühlen, wollen und tun sollen. Man sollte weder seine Gesundheit noch sein Wohlbefinden für eine Beziehung opfern, nur aus Angst vor’m Alleinsein.“

„Du bist echt die Einzige auf der Welt, die es schafft, eine Einladung oder ein Bier zu einem Thema der Unterdrückung zu machen. Und DU nennst MICH verrückt!“ Sie stapfte wieder auf die Dielen, die unter ihren kleinen Füßen bejahend quietschten.

Ich spitzte die Lippen, um etwas mehr Zeit zu gewinnen. „Touché“, grinste ich ihr schließlich breit ins Gesicht, und gab mich mit der Schwäche geschlagen, mitunter schneller das Handtuch zu werfen als andere.

Sie schnaubte enttäuscht und wurde urplötzlich traurig. „Andere haben wenigstens jemanden, auch wenn sie nicht verliebt sind oder es nicht optimal passt.“

„Und ich wünsche ihnen viel Glück dabei. Aber das ist nicht unser Weg.“ Ich musste kurz ein- und ausatmen. „Ich glaube eben nicht, dass eine Beziehung ein Ersatz für einen Lebensplan ist.“ Immerhin hatte ich zu genüge lernen dürfen, dass Partnerschaften einen weder vor den Unannehmlichkeiten des Lebens noch vor einen selbst retteten. Am Ende war man doch nur mit sich zu Gange, im Guten wie im Schlechten. Wer nicht mit seinen Gefühlen, besonders den fiesen und stechenden, umgehen konnte, der würde auch vor den Tiefs in einer Partnerschaft nicht gefeit sein. Davon war ich überzeugt. Das war mein 11. Gebot. Gäbe es das als Bildspruch, würde es in A0-Format über meinem Bett hängen. Wenn ich mir all die Paare ansah, die aus lauter Angst vor einem Neubeginn oder ihren Gefühle und dem, was NACH einer Trennung kommen könnte, lieber an ihrer kaputten Beziehung festhielten, wollte ich instinktiv immer zum Telefonhörer greifen und meiner Mutter gratulieren, dass sie mir so einen Unsinn nicht beigebracht hatte.

„Manches auf dieser Welt kann man einfach nicht erzwingen. Und Liebe gehört definitiv dazu. Schreib das doch bitte mit zu deinen Regeln…unter Nummer…ähmmm…“ Ich versuchte mich an die letzte Regel zu erinnern, aber meine Kleine hatte so endlos viele.

„Regel Nummero 100: Du musst immer wollen, was andere wollen!“ Sie starrte eine Weile auf diese Regel.

„Merkste selbst, oder?“ lächelte ich vorsichtig, um sie nicht weiter zu enttäuschen.

Sie seufzte, streckte mir ihre kleine, zarte Hand offen hin und signalisierte damit, dass ich ihr einen Stift reichen möge. Ich tat wie verlangt, aber musste unentwegt grinsen, so wie Nick es früher immer getan hatte, wenn er sich über jemanden amüsierte - im niedlichen Stil - mit erhobenem Kopf und einem verschmitzten Blinken in den Augen. Sie holte noch einmal Luft, bevor sie den Stift ansetzte und die Regel durchstrich. Dann schaute sie mich mit großen Fragezeichen im Gesicht an. Sie wollte eine neue Regel. Sofort.

„Wie wäre es mit ‚Ich darf darauf vertrauen, dass zur rechten Zeit der richtige Mensch in mein Leben tritt.‘?'“

„Echt jetzt?“ wütete sie. Ich nickte nur und verschränkte bestimmt die Arme vor der Brust. Sie musterte mich ein paar Sekunden lang und schrieb schließlich gehorsam meine Worte auf. Doch eine letzte Frage brannte ihr noch unter den Fingernägeln:

„Und wie geht’s nun weiter?“

Ich wusste, dass mein kleines Mädchen Muss einen Plan wollte, eine Garantie, und die am liebsten mit Unterschrift und Blutzeichen. Doch für Liebe gibt es nun einmal keine Garantie. Und wie mein Ex Sven immer so schön und richtig zu sagen pflegte: ‚Man kann sich eben nicht aussuchen, wen man kennenlernt.‘

„Was machen wir denn jetzt?“ wiederholte sie ihre Frage etwas drängender.

Ich dachte kurz nach und seufzte. „Weinchen?“ grinste ich sie schließlich an und tätschelte ihr auf dem Weg in die Küche beruhigend die Schulter.

©Janett Menzel

Fotos: New York Zoos and Aquarium

Hier geht’s zur ersten Episode des kleinen Mädchens Muss: >> Das kleine Mädchen Muss: Der innere Kritiker (Nr. 1)
Hier geht’s zur zweiten Episode des kleinen Mädchens Muss: >> Das kleine Mädchen Muss: „Du brauchst einen Mann!“ (Nr. 2)

 

Das böse Mädchen in dir

Das böse Mädchen in dir

 

Das böse Mädchen in dir liebt die Gefahr.
Sie kennt weder Angst noch Schuld oder Scham.
Sie nimmt sich, was sie will,
achtet weder auf die Risiken noch auf den Tag danach.

Sie weiß um ihre dunklen Seiten und Träume,
doch statt sie zu vergraben oder
zu verleugnen, lebt sie sie aus.

Pro Herzschlag ein wissendes Lächeln.
Sie will nichts bereuen und auch nichts vergessen.

Das böse Mädchen in dir
mag keine falschen Kompromisse.
An ihr wird nichts hingebogen,
damit es einem anderen gefällt.
Nur sie zieht ihre Strippen.

Sie ist lebendig.
Stets in Bewegung und sucht ihren Fluss.
Sie geht, wenn sie es will.
Kein Mensch sagt ihr,
was sie darf oder muss.

Peinlich ist ihr wenig.
Sie schaut direkt durch dich hindurch
und sieht, ob du hast,
was würdig scheint für das Glück dieser Welt.
Für sie ist Ehrlichkeit offener,
als jedes schöne Wort
je sagen könnte.

Was nicht passt,
wird auch nicht passend gemacht.
Das böse Mädchen in dir weiß bereits,
dass Kreise und Quadrate nicht ineinander gehören.
Sie kennt die Mathematik ihrer Gefühle,
aber liebt die Kurven des Lebens
- dafür, dass es sie gibt.

Sie weiß selten mit Gewissheit,
was sie tut, was wird. Ihre Intuition
tötet jede Berechnung.
Sie badet in Vertrauen statt Kontrolle.
Sie braucht keine Gründe.
Das Leben selbst ist ihr Grund genug.

Wer da drüben die Augen verdreht
oder hinter ihr den Kopf schüttelt,
spielt keine Rolle.
Sie lebt nicht das Leben eines anderen,
sie stillt ihren eigenen Hunger.

Pro Atemzug
ein herzliches Lächeln.

Diskussionen mit der Realität
lässt sie in den Taschen anderer
stecken.

Das böse Mädchen in dir
will nichts bereuen
und dich nicht vergessen.

 

Das kleine Mädchen Muss: „Du brauchst einen Mann!“ (Nr. 2)

Das kleine Mädchen Muss: „Du brauchst einen Mann!“ (Nr. 2)

 

Das Kleine Mädchen Muss ist eine Erfindung von Janett Menzel (und daher auch urheberrechtlich sowas von geschützt, dass es saumäßigen Ärger gibt, wenn sie jemand in Auszügen oder vollständig klaut oder gar auf die Idee kommt, ihre Energie zu stehlen). Die Episoden beruhen auf eigenen Erlebnissen und Auseinandersetzungen mit ihrem inneren Kind, dem man nicht immer alles erlauben und schon gar nicht alles glauben muss. So zickig, wie sie auch sein kann: Sie meint es nur gut mit der erwachsenen Janett, auch wenn sie oftmals vergisst, dass wir mittlerweile erwachsen sind. Kurzum: Die Regeln der „Großen“ gelten heute einfach nicht mehr. Aber erklär‘ das mal einer 12jährigen, die stets versucht, brav und gehorsam zu sein, um ihre Ziele zu erreichen! 


Freitag, 11:28 Uhr. Die Sonne schien durch mein Balkonfenster und tauchte mein Wohnzimmer in ein warmes, und vor allen Dingen, stilles Licht. Ich saß seit Tagen am Abschluss meines Buches über Einsamkeit und korrigierte die letzten Kapitel.

Mein kleines Mädchen Muss hatte es sich seit kurz nach neun auf dem Sofa gemütlich gemacht und überprüfte die Liste meiner Lebensauflagen, wie jeden Tag. Ich lachte leise, als ich mir meine leere Kaffeetasse schnappte und auf dem Weg in die Küche war.

„Lach nicht! Bei so vielen Aufgaben, muss man gründlich arbeiten. Stell dir nur mal vor, was passieren würde, wenn ich etwas vergesse!“

„Nicht auszumalen!“ rief ich aus der Küche und grinste weiter in mich hinein.

„Solltest du auch mal probieren!“ blubberte sie lautstark. „Ach, und übrigens: Du brauchst einen Mann!

Mit Entsetzen im Gesicht eilte ich so schnell es ging zurück ins Wohnzimmer.

„Bidde?“

„Das heißt: Bitte! Mit t, nicht mit d!“ korrigierte sie mich.

„Ich wohne in Berlin! Da werde ich jawohl noch berlinern dürfen!“

„Du kommst aus MECKLENBURG-VORPOMMERN!“

„Könnten wir dieses nutzlose Gespräch lassen? Ich will heute noch was schaffen!“ sagte ich, setzte mich wieder an den Schreibtisch und korrigierte weiter mein Manuskript.

„Welches Ziel verfolgst du, wenn du einen Mann kennenlernst? Daten, One Night Stands, eine lockere Beziehung, Freundschaft oder die Liebe fürs Leben?“ las sie mit ernster Stimme vor. In ihren kleinen Händchen hielt sie mein Smartphone.

„Was ist denn das für eine Frage?“ Ich blickte kurz von meinem Laptop auf.

„Ich lese gerade einen Beitrag, in dem steht, dass man sich vier Fragen stellen muss, wenn man Liebe finden will. Das ist die erste“, sagte sie ruhig.

„Und genau deswegen dürfen kleine Kinder nicht mit den Sachen der Großen spielen!“ antwortete ich, rollte mit meinem Schreibtischstuhl zur Couch, riss ihr mein Handy aus den Händen und rollte wieder zurück.

„Hey! Ich lese gerade“, schrie sie wütend. Das kleine Mädchen Muss sprang vom Sofa auf und stellte sich provokant neben mich.

„Es handelt sich hierbei um ernste Angelegenheiten. Wir müssen das besprechen! Du kannst nicht ewig vor einer neuen Beziehung davonlaufen!“

„Ich laufe doch gar nicht davon!“ protestierte ich.

„Im Juli 2015 hattest du das letzte Mal…“

„OKAY! OKAY! Ich erinnere mich. Aber entspann dich…“, versuchte ich sie zu beruhigen. „Ich werde schon irgendwann jemanden kennenlernen!“

„Irgendwann? I R G E N D…WANN?“ Ihre Stimme wurde wütend, ihr Atem tief und laut, ihre Stirn schmiss sich in Falten. Ich wusste, das hieß nichts Gutes und lenkte deshalb ein:

„Wie lauten eigentlich die anderen drei Fragen?“

Etwas besänftigt hob sie ihr Kinn:

„Zweitens: Welche Eigenschaften und Verhaltensweisen sind absolut inakzeptabel? Drittens: Welche machen dich stutzig und vorsichtig? Und die letzte Frage lautet: Welche findest du anziehend und begehrenswert?“

Mein kleines Mädchen Muss war hervorragend darin, sich eben Gelesenes perfekt einprägen zu können. Sie starrte mich noch immer mit böser Miene an. Nach gefühlten drei Minuten voller Schweigen und prüfendem Gucken, gab ich nach. Es würde ja doch nichts nützen.

„Ist ja gut!“ Ich dachte nach. „Also ich will definitiv niemanden, der mir den ganzen Tag über sinnlose Nachrichten schreibt, weil ihm langweilig ist. Und ich will auch niemanden, der nie Zeit hat oder nur für Sex vorbeikommt.“

„Das beantwortet meine Frage nicht!“ totterte sie zurück. „Willst du eine lockere, oberflächliche Beziehung oder willst du eine Freundschaft oder willst du nur mal gucken, was es da so gibt oder suchst du nach der Liebe fürs Leben?“

„Muss ich das jetzt entscheiden?“ fragte ich überrascht.

„Selbstverständlich!!! Wann denn sonst?“ antwortete sie wütend.

„Wenn es so weit ist?“, erwiderte ich vorsichtig. Zum Glück erinnerte ich mich an meine Überzeugungen und Werte. „Manchmal lernt man jemanden kennen und verliebt sich einfach nicht. Dafür gibt man aber wunderbare Freunde ab. Und manchmal, wenn man glaubt, nur Freundschaft zu wollen, findet man Liebe. Ich habe noch nie gehört, dass große Erwartungen große Ergebnisse nach sich zogen. Guck dir doch die ganzen Online Dating Singlebörsen an! Immer wenn ich irgendwo angemeldet war, dauerte es nicht einmal 24 Stunden, bis ich mich wieder abmelden wollte.“

„Weil du einfach kein Durchhaltevermögen hast!“

„Warum muss immer ich schuld sein? Manchmal sollen Dinge einfach nicht sein!“ verteidigte ich mich.

„Vielleicht hättest du den Mann deines Lebens getroffen, wenn du nur zwei Tage länger dort geblieben wärst. Aber wenn du immer gleich aufgibst, dann kann das ja nichts werden.“

„Ach, schau dir doch die Männer an, die sich dort tummeln. Die Hälfte ist nackt, weil sie glaubt, dass ein schöner Oberkörper alles sei, wonach eine Frau suchen würde.  Und die andere Hälfte ist so sehr damit beschäftigt, irgendjemanden zu finden, damit sie nicht mehr allein sind, dass sie vollkommen vergessen, dass dieser irgendjemand auch zu ihnen passen sollte. Und beim ersten kleinen Problemchen machen sie sich ins Hemd und dann aus dem Staub!“

Erstaunlicherweise wusste mein kleines Mädchen Muss dazu nichts zu sagen.

„Wie dem auch sei: Wenn du einmal im Jahr für 24 Stunden nach einem Mann suchst, wirst du für den Rest deines Lebens allein bleiben. Wir sollten das schleunigst ändern! Am besten noch heute!

„Wir?“

„Ja, ich werde dir natürlich helfen!“

„Natürlich“, wiederholte ich mit Schrecken in der Stimme.

Ihre rehbraunen Augen begannen zu leuchten und auf ihren kleinen Lippen zauberte sich ein Lächeln.

„Wir legen dir erst einmal ein neues Profil auf allen Singlebörsen an. Und dann musst du einfach nur ein paar simple Regeln befolgen. Erstens: Du…“

„Auf gar keinen Fall!“ Noch mehr Regeln ertrug ich nicht. „Wenn ich mich auf jemanden einlasse, dann weil er mir gefällt und weil ich ihm gefalle, so wie ich bin. Lass uns die traditionellen Wege nehmen.“

„Ach! Und die wären?“ entgegnete sie überheblich.

„Na draußen, du weißt schon, an der frischen Luft, unter dem Nachthimmel, bei einem lauen Lüftchen im Sommer. Im Sommer ist den Menschen vielmehr nach Liebe, als im Winter.“

„Aber es ist Winter!“ antwortete sie lautstark.

„Morgen ist Frühlingsanfang!“ korrigierte ich sie. „Und übrigens ist Alleinsein kein Weltuntergang“, klärte ich sie auf.

Natürlich wusste ich, dass man durch Rückzug keine neuen Menschen kennenlernen würde, aber ich war auch kein Fan vom krampfhaften Suchen nach der großen Liebe.

„Die meisten lernen sich im Job oder durch gemeinsame Freunde kennen. Du arbeitest Zuhause und durch deine Freunde wird das auch nichts. Also scheidet beides aus. Nun dann…“  Sie räusperte sich. „Ich bin gespannt auf deine Vorschläge!“

Dann schnappte sie sich einen Stift vom Schreibtisch, flitzte mit ihrer Papierrolle voller Regeln in der Hand zurück zur Couch und war bereit für Notizen.

„Äh… Okay. Also…“ Ich dachte nach. „Speed Dating, Veranstaltungen aller Art, neue Kneipen oder Restaurants ausprobieren, neue Kontakte knüpfen in der Freizeit, an Kursen teilnehmen oder sich für einen guten Zweck engagieren“, schlug ich vor. „Oder neue Hobbys natürlich und…“ Mir fiel nichts mehr ein. „Und so weiter eben…“

„Und was davon willst als Erstes du tun?“ fragte sie mich gespannt.

Auf nichts davon hatte ich wirklich Lust. Ich atmete tief ein und schaute sie erbarmungsvoll an. Doch ihr Blick blieb ernst und fordernd. Ich schluckte meine Bredouille herunter.

„Speed Dating?“ fragte ich schließlich ängstlich. „Annette und ich hatten letztens überlegt, ob wir das mal ausprobieren.“

Die Augen des kleinen Mädchens Muss wurden groß und füllten sich mit jeder Sekunde, die ich auf ihre Antwort wartete, mit noch mehr optimistischer Vorfreude.

Dann sagte sie ruhig, während sie belehrend ihren Stift in der Luft hin- und herfuchtelte: „Aber das ist kein Spaß! Jemanden kennenzulernen und ihn für sich zu gewinnen, muss gut vorbereitet sein!“ erklärte sie mir. „Du musst einige Regeln einhalten. Ich werde umgehend welche zusammenstellen!“

„Gibt es etwa noch keine Regeln dafür?“ fragte ich überrascht. Ich würde natürlich jede einzelne ignorieren. Aber Manipulation meiner kleinen Kritikerin erschien mir sinnvoll. Immerhin wollte ich heute noch mein Buch fertigstellen.

„Doch, doch! Natürlich! Regel Nummer 1: Du musst immer hübsch aussehen. Regel Nummer 4: Du musst dich anstrengen. Regel Nummer 5: Du musst Sven vergessen. Regel Nummer 11: Du musst…“

„Okay, okay!“ unterbrach ich sie. „Das…sind ziemlich viele Regeln, findest du nicht?“

„Es gibt noch mehr! Oh, aber das hier ist die wichtigste von allen“, sagte sie und schaute ehrfürchtig von ihrer Papierrolle zu mir auf. „Du darfst keine Angst haben!“

„Jeder hat Angst, jemandem, den man mag, nicht zu gefallen!“ korrigierte ich sie.

„Nun, das mag sein, aber sonst ergibt doch Regel 29: Du darfst keine Fehler machen! gar keinen Sinn!“

„Perfektion ist Sache der Götter. Jeder Mensch macht Fehler.“

Sie schaute mich missmutig an.

„Aber Regel Nummer 31: Du musst immer stark sein oder wenigstens so wirken!“

„Wer will denn jemanden, der immer stark ist? Dann muss man ja auch immer stark sein!“

Wieder schaute sie mich perplex an.

„Aber Regel Nummer 36: Du musst immer die Kontrolle behalten!“

„Kontrolle zerstört Liebe. Liebe und Ketten vertragen sich nicht!“

„Aber…“ Sie schaute mich durcheinander an. „Regel 40“, schrie sie. „Du musst Menschen beeindrucken! und Regel 68: Du musst immer lieb, brav und nett sein.“

„Ich glaube, es ist besser, wenn man authentisch ist…“

„Jetzt ergibt ja gar nichts mehr Sinn!“ Sie schien traurig und enttäuscht und ging bestürzt ihre Liste durch.

„Vielleicht solltest du deine Regeln überdenken!“ schlug ich vor.

„Das würde alles durcheinanderbringen! So geht das nicht!“ sagte sie.

„Aber das ist die Realität. In der Liebe ist alles erlaubt! Wir alle fürchten uns, anderen Menschen nicht zu gefallen, nicht zu genügen oder verlassen zu werden. So ist die Welt nun mal.“

Ich hatte mich in meinen Schreibtischstuhl zurückgelehnt und beobachtete mit Freude, wie das kleine Mädchen Muss versuchte, sich darauf einen Reim zu machen.

„Das ist…in der Tat…problematisch“, stotterte sie.

Ich lächelte und wartete geduldig auf ihre Reaktion.

„Und was macht man dagegen?“ fragte sie hektisch, während sie mich mit ihren weit aufgerissenen Augen anstarrte.

Ich zuckte mit den Achseln. „Nichts. Nur durchstehen, hoffen und vertrauen.“

„Nun, vielleicht wäre es gut, wenn ich…einige Anpassungen der Regeln vornehme!“ schlussfolgerte sie und sah mich hilfebedürftig an.

„Das klingt mir nach einer sehr guten Idee!“ grinste ich, drehte mich um und widmete mich endlich wieder meinem Buch.

Das kleine Mädchen Muss starrte noch eine Weile Löcher in die Luft, bevor sie sich mein Smartphone nahm und drei Wörter bei Google eintippte:

Hoffnung und Vertrauen.

P. S. Aus dem Speed Dating kam ich zwar nicht mehr raus. Aber mein Buch habe ich fertiggestellt.

© Janett Menzel, 2017

Bild: New York Zoos and Aquarium

Hier geht’s zur ersten Episode des kleinen Mädchens Muss: >> Das kleine Mädchen Muss: Episode 1 - Der innere Kritiker

Das kleine Mädchen Muss: Der innere Kritiker (Nr. 1)

Das kleine Mädchen Muss: Der innere Kritiker (Nr. 1)

 

Es war einmal ein kleines Mädchen namens Muss. Jeden Morgen stand sie mit mir und meinen zwei Katzen auf. Seit ich im Oktober meinen sicheren und einigermaßen gut bezahlten Job „einfach so“ hingeschmissen hatte, war sie mehr denn je davon überzeugt, dass wir jetzt erst recht viel mussten.

„Wir müssen Geld verdienen. Wenn du erst um acht aufstehst und dann zwei Stunden lang im Schlafanzug auf dem Sofa herumlungerst, wirst du niemals erfolgreich sein!“

„Aber das ist nun mal mein Biorhythmus!“ versuchte ich ihr zu erklären.

Ihr „Ziel“ war es immer gewesen, dass andere Menschen zufrieden mit mir waren. Waren sie aber unzufrieden, hing sie mir stundenlang in den Ohren und erklärte mir die Welt, wie sie „wirklich“ war. Ich musste bei solchen Ansprachen immer etwas lächeln, denn sie trug gelbe Chucks, einen hellbraunen Rock und ein rotes Shirt. Sie sah aus wie ein kleines Mädchen, aber verhielt sich wie eine strenge Mutter. Im Gegensatz zu meiner realen Mutter war sie jedoch 50-mal schlimmer.

„Du musst etwas für deinen Erfolg tun!“ befahl sie.

„Ich mach mir erstmal einen Kaffee!“ sagte ich müde und ging in die Küche. Sie folgte mir.

„Die Sache ist doch ganz einfach, Janett. Wenn wir alles so machen, wie wir es müssen, dann kann uns nichts passieren!

Dabei stand sie mit ernstem Blick wie festgenagelt auf dem Boden. Sie war immer, ernsthaft IMMER, davon überzeugt, dass sie Recht hatte. Im Gegensatz zu mir ließ sie sich niemals von ihren Zielen abbringen.

„Wenn wir alle Aufgaben auf unserer Liste abgehakt haben, dann sind wir endlich gut“, erläuterte sie.

„Hase! Das ist deine Liste, nicht meine“, erinnerte ich sie.

In letzter Zeit ging sie mir gehörig auf den Keks. Ich hatte gekündigt, um fortan weniger zu müssen. Ich wollte mich ausleben, endlich schreiben können, wann ich wollte und was ich wollte. Ich wollte arbeiten, wenn mein Körper und mein Geist dazu bereit waren. Ich wollte nur noch für mich verantwortlich sein und vor allem: Ich wollte mich zurück und aufhören, mich für andere abzubuckeln. Das Schlechte sollte gestrichen werden und das Gute sollte leben.

„Sag ich doch die ganze Zeit! Gute Menschen mögen gute Menschen. Wir müssen uns jetzt nur richtig verhalten!“ Sie verdrehte gern die Tatsachen und noch lieber drehte sie mir die Wörter im Mund um.

„Du meinst das Richtig der anderen Leute, nicht, was für mich richtig ist“, erklärte ich ihr ruhig. „Und was ist mit Menschen, die nicht gut und „richtig“ sein wollen?“ fügte ich hinzu, während ich meine Tasse zur Hälfte mit koffeinhaltigen und zur Hälfte mit koffeinfreien Instantkaffee füllte. Auch so eine Sache, die ich laut dem kleinen Mädchen Muss musste: mehr auf meine Gesundheit achten.

„Wer sollte so etwas wollen?“

„Oh, einige!“ antwortete ich und watschelte schlaftrunken zurück ins Wohnzimmer aufs Sofa.

Sie unterbrach das Gespräch und musterte ihre Liste. Ich schaute ihr seelenruhig dabei zu, wie sie mit ernster Miene und angespanntem Körper ihre handschriftlichen Notizen über das, was Menschen wie ich müssen, durchging.

Ich entschied, dass ich die Zeit nutzen würde, um meine E-Mails zu checken, meine Werbeeinnahmen des gestrigen Tages und schließlich die neuesten Posts auf Facebook. Wie jeden Morgen stellte ich auf meine Facebookseite ein Foto. Noch eine Sache, die ich musste: Wer einen Blog hat und damit Geld verdienen will, der muss auch Social Media-Kanäle pflegen, findet sie. Und das täglich. Ich war damals der Meinung, ich müsste auch Grenzen setzen. Nämlich am Wochenende. Zum Glück kannte das kleine Mädchen Muss ihren Punkt 94: „Du musst dich auch entspannen!“ So stimmte sie mir nach langem Innehalten missmutig zu und entschied, dass Posts am Wochenende gegen ihre Regel verstießen.

Ich hatte gerade das morgendliche Foto gepostet, als sie aufblickte und entschlossen sagte: „Du musst dich irren. „Nicht-gut-sein-wollen steht nicht auf meiner Liste! Wenn das wahr wäre, würde es dort stehen.“

Ihr Blick wurde finster und aus Erfahrung wusste ich, dass er Ärger versprach.

„Du lügst. Du darfst nicht lügen! Das ist Punkt 37 und steht direkt hinter „Du musst immer die Kontrolle behalten!““

Was nicht auf ihrer Liste stand, war auch nicht wahr.

„Oh man.“

Sie nickte siegessicher. „Oh ja!“

Weil es mir zu früh für Diskussionen war, beendete ich das Gespräch mit einem halbherzigen und sehr gelogenen „Hm.“

Die Kleine hatte eine merkwürdige Auffassung davon, was ein Mensch erreichen muss, damit ihn die Gesellschaft als erfolgreich, glücklich und erwachsen betrachtete. Eines Tages zum Beispiel hörte sie im Fernsehen den Spruch: „Was nicht passt, wird passend gemacht.“ Drei Tage lang ging sie ihre Liste durch und versuchte herauszufinden, ob das auch etwas war, was ich musste. Dann beschloss sie, dass es so ähnlich klang wie Punkt 68: „Ich muss immer brav, lieb und nett sein und darf niemanden verärgern.“ Sie vermerkte es als Punkt 68a.

So erweiterte das kleine Mädchen Muss ständig ihre Liste. Ich entschied zu meiner eigenen Sicherheit sehr früh, sie in dem Glauben zu lassen, dass ich mir alle ihre Regeln merkte. Jüngste wortgewaltige und sehr lästige Auseinandersetzungen hatten mich aber an einige ihrer Regeln erinnert.

Hier ein paar Beispiele ihrer Gedanken und Regeln, die besagen:

  • dass ich immer hübsch aussehen muss
  • dass ich reich werden muss
  • dass ich arbeiten muss
  • dass ich mich anstrengen muss
  • dass heute nur noch Egoismus und Härte zu Erfolg führen
  • dass ich mit dem Rauchen aufhören muss
  • dass ich eine Familie gründen muss und Tiere nicht zählen
  • dass ich Sport machen muss
  • dass ich ein Partner finden muss
  • dass ich jeden verstehen muss
  • dass ich meine Wohnung immer ordentlich und sauber halten muss
  • dass ich niemandem Sorgen bereiten darf
  • dass ich weniger Kaffee und Süßes zu mir nehmen soll
  • dass ich immer für jeden Menschen da sein muss, auch, wenn ich nicht kann
  • dass ich mich immer weiterbilden muss
  • dass ich alles wissen muss
  • dass ich alles können muss
  • dass ich alles haben muss
  • dass ich stark sein muss
  • dass ich weniger Angst haben muss
  • dass ich weniger traurig sein muss
  • dass ich meine Gefühle für mich behalten muss
  • dass ich zu allem eine Meinung haben muss
  • dass ich mich zurücknehmen muss
  • dass ich mich durchsetzen muss
  • dass ich bei schönem Wetter rausgehen muss
  • dass ich immer gut gelaunt sein muss
  • dass ich mich immer entschuldigen muss
  • dass ich niemals Fehler machen darf
  • dass ich allen alles verzeihen muss
  • dass ich immer stark sein muss oder wenigstens so wirken muss
  • dass ich weniger Geld ausgeben muss
  • dass ich mich dem mit, was ich habe, zufriedengeben muss
  • dass ich Autoritäten immer ernst nehmen muss
  • dass ich früh zu Bett gehen muss, um morgens wieder früh aufzustehen
  • usw. usw.

„Ich weiß eben, was Menschen wollen!“ erklärte sie mir von Anfang an. Wie mein Leben auszusehen hatte, damit mich andere schätzten und liebten.

Um das zu erreichen, war sie bereit, alles zu tun. Sie machte mich wütend, wenn ich Ruhe wollte, sie diskutierte weiter mit mir, auch wenn ich vehement Nein sagte. Sie flüsterte mir nachts ins Ohr, was ich am nächsten Tag musste und heute nicht getan hatte. An Heiligabend zwang sie mich, bis 20 Uhr zu arbeiten, „weil du in zwei Monaten in die Selbstständigkeit gehst und bis dahin musst du noch sehr viel machen!“

Nur ganz selten sagte sie mir, dass ich mich entspannen musste, dass es egal war, was andere Leute (und sie) sagten, dass ich Freude und Sinn in meinem Leben haben musste. Daran erinnerte sie mich nur, wenn sie „musste“. Die Gelegenheiten waren rar und beschränkten sich hauptsächlich auf Tage, an denen mein Körper unter dem Druck schlappmachte und sich erste Anzeichen von Erkältungen, Migräne, Grippe, Nasennebenhöhlenentzündungen oder hartnäckige Verspannungen mit mieser Laune breitmachten. Sie sagte mir auch nie, dass ich gar nichts musste. Sie lernte lieber von anderen Menschen, als von mir. Mir vertraute sie nicht.

Das sorgte jeden Tag für ordentlich Zoff. Denn während ich der Überzeugung war, dass ich allein über mein Leben entschied, meinte sie, dass mich diese Strategie geradewegs in die Hölle, vorbei am Sozialamt, bringen würde.

„Was glaubst du, wer du bist, unabhängig und frei leben zu dürfen? So läuft das heutzutage nicht!“

„Und wer sollte das besser wissen, als du?!“ paffte ich hämisch zurück und nahm einen weiteren Schluck Kaffee.

„Hör auf, dich wie ein kleines, bockiges Kind zu verhalten! Es ist endlich Zeit, dass du erwachsen wirst. Das ist Regel…“ Wütend sah sie ihre Liste durch, um den Punkt mit der Regel zu finden. „…75.“ Dann schaute sie erhaben zu mir auf, rollte ihre Papierrolle zusammen und klemmte sie unter die Achsel.

„Und was, wenn nicht?“ fragte ich voll kindischem Trotz.

Ihre Augen wurden so groß wie Suppenteller. Da eine meiner Regeln (ohne Nummerierung) lautete, dass ich entschied, was ich musste und was nicht, setzte ich noch einen drauf und erinnerte sie bedrohlicher Stimme:

„Ich sag’s dir mal mit Svens Worten. Jetzt horch mal her! Du bist nur hier, weil es in mir einen Teil gibt, der dich hier haben will. Eines Tages werde ich dich aus meinem Leben verbannen. Wenn du also nicht augenblicklich anfängst, mich auch mal an die schönen Dinge im Leben und all das, was ich eben nicht muss, zu erinnern, passiert ein Unglück.“

Ihr Kopf wurde puterrot. „Sveeeehheeeennnnn? Ich erinnere dich an Regel Nummer 5: Diesen Mann vergessen!

Ich musste lachen. Es war zu leicht, sie mit meinem Ex-Freund aufzuregen. Wir hatten schon seit Jahren keinen Kontakt mehr. Aber es bereitete mir unendlich viel Freude, das kleine Mädchen Muss allein durch die Erwähnung seines Namens zur Weißglut zu treiben.

„Ich geh‘ eine rauchen!“ sagte ich, erhob mich vom Sofa und warf mir meine Netflix-Kuscheldecke um den Körper.

„Es ist 8:15 Uhr!!!“ protestierte sie. „Du bist seit 17 Minuten wach!“

„Deswegen ja. Es wird Zeit“, zischte ich zurück und ging auf den Balkon.

Meine Katze Elli hatte sich hingelegt, kurz nachdem sie mit dem Essen fertig war, und schaute nur kurz unbeteiligt hoch. Sie hielt sich immer raus. Pippi, meine andere Katze, rannte hingegen mit mir auf den Balkon, um mich aufzumuntern. Sie hasste es, wenn ich mit dem kleinen Mädchen Muss aneinander geriet. Wenn ich viel arbeiten musste, hatte ich auch weniger Zeit zum Kuscheln und Spielen.

Ich war kaum zurück im Wohnzimmer, da begann das kleine Mädchen Muss von Neuem: „Ich versuche doch nur, dich zu schützen. Heute ist der 21. Februar. In nicht einmal drei Wochen musst du deine Abschlussarbeit für’s Journalismusstudium abgeben. Du hast noch kein einziges Wort geschrieben. Am 1. März gehst du in die Selbstständigkeit und du hast gerade einmal 2 ½ Kunden gewonnen.“ Sie holte tief Luft und kurz hatte ich Angst, dass sie platzen und in Millionen Blitze zerbersten würde.

„Das mit dem SEO Training für Therapeuten wollte ich nur machen, weil es leicht für mich ist und mir finanziellen Spielraum gibt, um schreiben zu können! Aber Schreiben steht im Vordergrund. Also lass bitte die Kirche im Dorf!“

„Aber deine drei unfertigen Bücher bezahlen nicht unsere Miete!“ entgegnete sie mir.

Ich hasste es, wenn sie Recht hatte. Dennoch, ich wollte standhalten. „Eines ist fertig! Die anderen werde ich schon noch beenden. Kreativität braucht nun mal Zeit. Das kann nichts werden, wenn ich nicht entspannt bin. Studien haben das ausreichend belegt. Schreib das mit auf deine Liste!“

„Nein, das werde ich nicht! Nichts ist fertig! Und ich soll ruhig bleiben?“ Ihr Kopf wurde wieder puterrot.

„Ja“, sagte ich ruhig. „Du musst mir vertrauen.“

Das kleine Mädchen Muss sagte nichts. Sie stand zum ersten Mal einfach nur da und schaute mich an. Pippi schmiegte sich um ihre Beine und sah mit traurigem Blick zu ihr hoch.

„Wenn ich eines aus meiner Angststörung gelernt habe, dann das: Man kann nichts erzwingen.“

„Ja, und seitdem du deine Angststörung nicht mehr hast, schreibst du alle Regeln um!“

Ich ließ sie stehen, ging in die Küche, machte mir einen zweiten, dieses Mal 100 Prozent koffeinhaltigen Kaffee und setzte mich an meinen Computer.

„Was machst du jetzt?“ fragte das kleine Mädchen etwas demütiger. Sie hatte sich aufs Sofa gesetzt, ihre Papierrolle fest in den Händen haltend.

Ich öffnete ein neues Worddokument und tippte:

 

„Eine Kurzgeschichte, die noch heute fertig wird“

Beschreibung: Wie man seinen inneren Kritiker zähmt, festsitzende Glaubenssätze widerlegt, Vertrauen zu sich selbst aufbaut und die Ruhe bewahrt – auch, wenn alles dagegen spricht

Charaktere: Ich, Pippi und Elli, das kleine Mädchen Muss

Lebensraum des kleinen Mädchens: In meinem Kopf, aber, wenn wir allein sind, kriecht sie aus mir heraus.

Erscheinung: Rotes Shirt, gelbe Chucks. Süß, aber das trügt. (Oh, wie das trügt!!!)

Persönlichkeit/Angewohnheiten: Herausfinden, was wir alles müssen, damit andere uns liebhaben und mögen und gleichzeitig noch so sind, wie die Gesellschaft uns will. Erinnert mich stets ungefragt daran und nervt mich damit zu Tode.

Freunde: Menschen, die einem einreden, dass man so und so zu sein hat.

Feinde: Pippi, mich und alle Menschen, die wissen, dass es scheißegal ist, was wer sagt und will, weil es im Leben um Vertrauen und Zufriedenheit geht, nicht ums Funktionieren.

 

„Ist das dein Ernst?“ fragte mich das kleines Mädchen Muss erschrocken, als sie las, was ich geschrieben hatte.

„Selbstverständlich!“

„Du musst mich doch geheim halten! Sonst erfährt doch jeder, wie wir wirklich sind“, stammelte sie ängstlich.

„Nein, das muss ich nicht. Als ich gekündigt habe, wollte ich schreiben, um Menschen daran zu erinnern, dass sie nur aufhören müssen, zu glauben, dass sie irgendetwas müssen. Ich wollte ihnen versichern, dass sie gut sind, so wie sie sind, weil ich gelernt habe, dass ich gut bin, genauso, wie ich bin. Und das heißt im Klartext: Ich entscheide, was ich muss. Nicht du.“

Sie seufzte und wusste: Es würde nichts bringen. „Okay. 1 zu 0 für dich“, sagte sie.

Ich wollte gerade aufstehen, um mir meinen dritten Kaffee zu machen, da fügte sie aufgeregt und neuen Mutes hinzu: „Du musst daraus ein Buch machen! Das wird bestimmt viel besser ankommen, als deine Bücher über Panikattacken und Einsamkeit!“

Ich schaute sie fassungslos an.

„Du könntest eine Geschichte pro Woche schreiben. Sagen wir mal: immer donnerstags!“

Zum Glück begann in diesem Moment die Sonne zu scheinen. Die Strahlen fielen durch das Wohnzimmerfenster direkt auf mein Gesicht.

„Guck mal, da! Sonnenschein… Da gibt’s doch auch eine Regel für. Welche war das noch gleich?“

Pflichtbewusst rollte das kleine Mädchen Muss ihre Liste aus und sah nach: „Ah hier, Nummer 51: Du musst bei Sonnenschein das schöne Wetter genießen und darfst nicht drinnen hocken!“

„Ach, wie schade…“, heuchelte ich. „Dann muss ich jetzt wohl mit dem Arbeiten aufhören. Was für ein Pech“, sagte ich schadenfroh, ging ins Bad und zog mich an.

©Janett Menzel

Fotos: New York Zoos and Aquarium

Das Kleine Mädchen Muss ist eine Erfindung von Janett Menzel (und daher auch urheberrechtlich sowas von geschützt, dass es saumäßigen Ärger gibt, wenn sie jemand in Auszügen oder vollständig klaut oder gar auf die Idee kommt, ihre Energie zu stehlen). Die Episoden beruhen auf eigenen Erlebnissen und Auseinandersetzungen mit ihrem inneren Kind, dem man nicht immer alles erlauben und schon gar nicht alles glauben muss. So zickig, wie sie auch sein kann: Sie meint es nur gut mit der erwachsenen Janett, auch wenn sie oftmals vergisst, dass wir mittlerweile erwachsen sind. Kurzum: Die Regeln der „Großen“ gelten heute einfach nicht mehr. Aber erklär‘ das mal einer 12jährigen, die stets versucht, brav und gehorsam zu sein, um ihre Ziele zu erreichen! 


 

Führungskräfteoptimierung: Die Kraft des Schreibdenkens

Führungskräfteoptimierung: Die Kraft des Schreibdenkens

Führungskräfteoptimierung steht hoch im Kurs. Wie viele Mängel deutscher Führungskräfte schwammen in letzter Zeit durch die Presse: übertriebene Leistungsforderungen, fehlende Mitarbeitermotivation, Kontrollmechanismen jenseits von Gut und Böse. Dabei kann ein etwas unkonventioneller Chef/Leiter/Manager eines Teams entscheidend für die Handlungskompetenz von Unternehmen sein. Eine Methode ist die des Schreibdenkens, eine Art Brainstorming in schriftlicher Form. Entwickelt wurde sie von Ulrike Scheuermann.

Wozu Führungskräfteoptimierung?

Wofür brauchen Unternehmen überhaupt Führungskräfteoptimierung?

Neueste Forschungsergebnisse des LMU Center for Leadership and People Management zeigen, wie wichtig exzellente Kommunikations- und Führungsstrategien für die Motivation der Mitarbeiter und somit den Erfolg eines Unternehmens und seiner Produkte sind. Laut Prof. Dieter Frey, Leiter des LMU Centers, stehen diese in direktem Zusammenhang mit der Zufriedenheit der Kunden und „ist abhängig von der täglichen Leistung der Mitarbeiter. Wenn die Mitarbeiter sich schlecht behandelt fühlen, werden sie auf Dauer keine gute Arbeit abliefern und sich weder mit der Aufgabe, noch dem Chef oder der Organisation identifizieren“, sagte er der Süddeutschen Zeitung in einem Interview.

Wie das Harvard Business Manager Magazin berichtete, würden Mitarbeiter ebenfalls erwarten, dass sie ihre Potenziale einbringen können und mit echten Herausforderungen konfrontiert werden. Das  Team komplexere Aufgaben lösen zu lassen, neue Projekte anzuvertrauen, für die sie ihre Kompetenzen erweitern müssen, und ungewohnte Probleme angehen zu lassen, wären einige Schritte für die Motivation gelangweilter Mitarbeiter.

Immerhin würde nur jeder vierte Deutsche „seiner Arbeit mit Enthusiasmus nach[gehen]. 55 Prozent besetzen täglich ihre Kostenstelle, leisten Dienst nach Vorschrift und fallen weder positiv noch negativ weiter auf“, so Focus Online. Es gebe jedoch diese 20 Prozent, die das Arbeitsklima durch ihre Demotivation derart vergiften, dass sie für das Unternehmen schädlich werden. Dies sei aber das Resultat einer schlechten Führung, so der Autor Steven Sonsino, der in seinem neuesten Buch „Seven failings of really useless leaders“ die No-Go’s für Vorgesetzte beschreibt. „Ganze 49 Prozent der Gesamtleistung (der Mitarbeiter) muss die Führungsetage […] herauskitzeln.“

Die Ergebnisse zeigen, wie essentiell Führungskräfteoptimierung ist - für alle Seiten. Mitunter wirken kleinere Techniken zur Entfaltung der Mitarbeiterpotenziale bereits Wunder. Zum Beispiel würde sich eine Auseinandersetzung mit den Themen Inspiration und Motivation lohnen.

Nur wie kommt man als Vorgesetzter an das verborgene Wissen der Mitarbeiter und an ihre verschüttete Kreativität? 

In dem man sie schreiben lässt.

Schreibdenken als Instrument

Vorgesetzte und Mitarbeiter können Schreiben nutzen, um Dampf abzulassen bzw. sich auf Schwieriges vorzubereiten oder sich damit auseinanderzusetzen. Auch Ideen für neue Produkte oder Weiterentwicklungen bestehender Produkte, Verknüpfungen, Kundenbindungsideen usw. ergeben sich meist „wie von allein“, wenn man Denken im Schreiben fließen lässt. Da eignet sich das sogenannte Schreibdenken, entwickelt von Ulrike Scheuermann. Ich bin ein großer Fan dieser Technik und wende sie gern an. Ich lege sie jedem ans Herz, der

  • sich zu den Introvertierten und Hochbegabten zählt,
  • hochsensibel ist,
  • schüchtern ist,
  • gern selbstständig und eigenständig (auch allein) arbeitet und denkt,
  • längere Zeit braucht, um sich Stärken, Schwächen, Potenziale und Risiken zu verdeutlichen,
  • Schwierigkeiten hat, sich in terminierten Meetings auf die Minute genau Gedanken zu machen und diese dort und dann zu vollenden,
  • Sachen gern mit sich selbst ausmacht oder ausmachen muss, weil das Umfeld es nicht anders hergibt.

Es lassen sich damit auch Konkurrenzdynamiken ausschalten; jeder Mitarbeiter erhält seinen Raum für seine Ideen und Gedanken. Es gibt viele Anwendungsmöglichkeiten, die Frau Scheuermann in ihrem Buch „Schreibdenken – Schreiben als Denk- und Lernwerkzeug nutzen und vermitteln“ benennt. Besonders im Arbeitsumfeld erwies sich ihre Technik als herausragend.

Meine Erfahrungen mit Schreibdenken

Wenn ich Ideen entwickele, kommen mir sofort neue oder abgewandelte Ideen, die ich wiederum mit anderen Projekten verknüpfe. Wenn ich eine aufschreibe, entwickele ich gleich die anderen mit und weiter. Ich denke schreibend.

Aber auch im Bereich des Privaten löst das Schreibdenken viele Knoten auf: Es ist nicht nur eine Form des Entladens bestimmter Gefühle, sondern verknüpft ein Weiterbearbeiten dieser Gefühle mit Problemlösungsstrategien. Im normalen, alleinigen Denken werden wir meist abgelenkt. Aber im Schreiben bleiben wir bei uns.

Wenn man seinen Mitarbeitern oder sich selbst als Vorgesetzter erlaubt, sich Zeit für eine Aufgabe zu nehmen, in dem man sich mit Zettel und Stift vor einem Meeting hinsetzt, die tatsächlichen Ziele und eventuellen Probleme auf dem Weg dorthin schreibend verdeutlicht, erfährt man im Schreibdenken eine Art Katharsis. Welche Blockaden hinter vermeintlichen Schwierigkeiten stecken, was tatsächlich blockiert, wo man im aktuellen Projekt ansetzen sollte u. v. m.: Das enthüllt sich auf dem Papier.

Statt nur zu denken und die nützlichen Gedanken später nicht mehr von den nutzlosen unterscheiden zu können, werden alle Gedanken festgehalten und können sich sowohl entfalten als auch weiterentwickeln.

Mehr zum Thema Schreiben als Werkzeug gibt es hier >>Schreiben für die Psychohygiene, um Gutes & Schlechtes loszulassen

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