Die Arbeit mit dem inneren Kind fällt vielen schwer. Sie finden keinen Zugang zu ihm oder können es nur schwer bändigen. Nur wenige wissen: Briefe an unser inneres Kind zu schreiben gehört zu den wirksamsten Methoden der Schreibtherapie. Es gibt viele andere Wege, besonders kreative, um das Kind in dir zu nähren, zu beruhigen und zu stärken. Doch ich habe bislang kaum eine so nachhaltige Strategie/Methode, um Kontakt zu meinem Kind-Ich herzustellen, gefunden, wie diese.

Dies ist mein zweiter Brief an mein inneres Kind. Den ersten Brief findest du als Link am Ende dieses Beitrags.

 

Die Arbeit mit dem inneren Kind: Über dein Kind-Ich

so funktioniert und gelingt der Umgang mit dem Kind in mirDas innere Kind – das Kind in dir als Persönlichkeitsanteil – strebt nach Erlebnissen, Anerkennung und Zuwendung, Sicherheit und Struktur. Nach der von Eric Berne etablierten Transaktionsanalyse braucht und will es

Reize (Erlebnisse), Struktur (idealerweise harmonisch) und Anerkennung.

Es will gesehen und gehört werden, will sich erproben im Spiel und daraus lernen. Es braucht Personen, die ihm zeigen, wie die Welt funktioniert, die stolz auf seine Ergebnisse sind und ihn dafür loben. Selbst wenn es Fehler macht, wenn es unbequem ist, meckert, schreit, trotzt: Es will dennoch geliebt werden, fern ab von allen Bedingungen. Jede Einschränkung, jedes noch so unbedachte oder ausgesprochene Gebot und Verbot formt den späteren inneren Kritiker. Das Kind in uns hat also gut aufgepasst und Reaktionsmuster aus früheren Zeiten verinnerlicht. Ist es nicht lieb, fleißig, still, brav, süß, gut im Lernen, beliebt usw., gerät seine Sicherheit in Gefahr und diese schwebt wie eine dunkle Wolke über ihm.

Das innere Kind symbolisiert also deine Gefühle. Es sind u. a. die Gefühle Angst, Traurigkeit, Ekel, Überraschung, Scham und Schuld. Es kann Ängste der Eltern übernommen haben und Schamgefühle seiner MitschülerInnen, es kann Schuld gelernt haben, wenn es sich eine Situation nicht erklären konnte. Es will dennoch Liebe und Sicherheit, ohne dass seine Struktur bedroht wird. Es will dennoch Zuwendung in Form von Reizen. Es verabscheut Langeweile, denn es will wachsen und lernen. Je nach Konstitution und vorhandenen Lebensumständen entwickelt es sich sensibler, empathischer, intuitiver oder begabter. Alle seine Talente können sich nur zeigen, so wie seine Stärken, wenn sie sich entfalten können.

Es ist nicht so, wie viele sagen, dass das innere Kind den unwissenden, nicht erwachsenen, uneinsichtigen und quengelnden Ich-Anteil darstellen würde. Kinder sind höchst aufnahmefähig und sehr viel klüger, als wir “Erwachsenen” meinen … oft sogar klüger als so mancher Erwachsener. Es kennt seine Bedürfnisse und pocht auf ihre Befriedigung. Sie lieben sich und andere bedingungslos und erwarten nichts weniger, als dasselbe zu erfahren. Sie sind verletzt, wenn sie auf Ablehnung stoßen (Anerkennung gefährdet), keine Erlebnisse haben (fehlende Reize wegen z. B. Eltern, die sich nicht mit ihnen beschäftigen) und/oder ihre Sicherheit gefährdet ist (destruktive Strukturen innerhalb der Familie).

Noch eine Anmerkung, bevor es zum Brief geht: Sprich die Sprache deines Kindes, wenn du es zu beruhigen versuchst. Erkläre ihm, wie die Welt funktioniert, dass es fühlen darf, aber es auch andere Wege im Umgang mit dem Leben und Gefühlen gibt. Bringe ihm bei, was dir verwehrt wurde. Lehre es, nicht aufzugeben, sondern selbstwirksam zu werden. Sei dem Kind in dir die bessere Version deiner Eltern oder LehrerInnen.

  • “Hab keine Angst!”
  • “Du musst doch keine Angst haben!”
  • “Wovor hast du denn Angst? Es ist doch alles okay!”

ist keine kindgerechte Sprache. Denn sie verbietet das, was das Kind am besten kann und Heranwachsenden später mehr und mehr abtrainiert wird: Gefühle fühlen. Jemand muss ihnen nur beibringen, wie sie den Umgang mit schweren Gefühlen meistern.

Auch wenn du nicht schreibaffin bist, kann dir mein Brief hoffentlich Stärkung und Erleichterung bieten.

 

Briefe an mein inneres Kind: Nr. 2

Liebling,

ich habe einige Bitten an dich.

Du darfst immer traurig sein, wenn dir etwas Schlimmes widerfahren ist. Du darfst so viel weinen, wie du möchtest. Du darfst vor Wut schreien, um dich selbst zu behaupten und vor Angst zittern. Doch erinnere dich währenddessen daran, dass jedes Gefühl immer auch eine Entscheidung ist. Du entscheidest, ob du ihm Raum gibst oder nicht, was du mit deinen Gefühlen machst. Du entscheidest, ob du dich fürchtest oder nicht. So überwältigend das Leben mitunter auch erscheint: Du bist sicher.

Dein Denken ist ein mächtiges Instrument. Nutze es zu deinen Gunsten, nicht gegen dich. Was du früher gelernt hast, kann morgen schon hinfällig sein oder sogar schädlich.

Je älter du wirst, desto wichtiger ist die Erinnerung daran, wie alt du bist: was du bereits alles in deinem Leben gemeistert hast, worauf du stolz sein kannst und welche Fähigkeiten dich besonders machen. Solltest du auch nichts von dem, was dich ausmacht, nutzen – weder für dich noch für die Welt: Es ist nie zu spät, dein Leben zu verändern. Nimm dir ruhig die Zeit, die du brauchst.

Trennungen aller Art wiegen schwer für jeden Menschen – egal, welchen Alters. Du bist nicht allein. Wenn dich jemand verlässt, sei traurig, weil es schmerzt. Hier ist ein Geheimnis: Du kannst es später lernen oder jetzt, dass alles im Leben zwei Seiten hat, du ebenso dankbar sein könntest, einen Menschen weniger in deinem Leben zu haben, der nicht zu dir gehören will. Es geht darum, jene zu finden, die bei dir sein wollen, weil sie zu dir passen und du zu ihnen.

Deshalb: Wenn dich jemand verletzt, prüfe sorgfältig, ob es dein Ego ist, das weint, oder dein Herz. Dein Kopf und Herz sind mit Grund voneinander entfernt. Beide haben ihre Aufgaben, aber nicht immer haben beide Recht. Gedanken und Gefühle munkeln uns nicht selten Böses. Es kann so aussehen, als würdest du bitter leiden, während es nur eine Kränkung deines Egos ist. Es kann sein, dass du meinst, etwas würde dir nichts anhaben, dir nichts ausmachen, während dein Herz leise bricht. Kenne den Unterschied. Kenne dich.

Wenn du abgelehnt wirst – und das wird geschehen – tritt zurück vom Schmerz, nachdem du ihn gefühlt hast, und bleibe positiv und dankbar. Vertraue den Menschen in ihren Ansichten über dich und sich und euer beider Wohl. Wenn sie dich nicht wollen, so ist es ihre Entscheidung. Respektiere sie. Sie ist richtig, weil sie sich richtig für denjenigen anfühlt. Selbst, wenn sie sich für dich falsch anfühlt, so könnte sie doch richtig für dich sein. Manchmal wollen wir erst recht das, was wir nicht haben können. Und viel zu oft wünschen wir uns, was uns nicht guttäte. Ich weiß, du glaubst, miteinander würde dein Leben so viel besser sein. Aber kannst du das mit Gewissheit sagen? Nein. Es nützt dir wenig, dich täglich für einen Hauch gelogene Sympathie aufopfern und zermürben zu müssen. Es ist ein täglicher Kampf, der dich zeichnen wird. Du wirst noch oft genug verletzt werden auf deinem Weg: Hilf nicht noch nach.

Lerne lieber, Menschen zu verlassen und dich aus destruktiven Situationen zu schälen, ganz egal, wie sehr es jemandem wehtun würde. Dein Leben ist dafür da, gelebt zu werden, in maximaler Freude und mit bestem Gewissen und Wissen. Es ist nicht Teil des Lebens, zu leiden, wenn du dieses Leid vermeiden könntest. Und nein, das ist keine Erlaubnis, andere zu hintergehen. Es ist eine Erlaubnis, zu gehen, wann immer du in einer Verbindung keinen gegenseitigen, erfüllten und liebevollen Nutzen erkennen kannst.

Der Tod, wie auch Verlust, ist unvermeidbar. Sei deshalb Zeit deines Lebens gut zu dir, deinem Körper, deiner Seele und anderen Menschen. Verwunde weder dich noch andere im Kleinen, nicht mit Worten, Rache oder Vermeidung, nicht durch Reaktivität oder Angst, Verachtung oder Aufopferung.

Alleinsein will gelernt sein und Konflikte gemeistert. Du bist genauso wichtig wie andere. Andere sind genauso wichtig wie du. Wer dir hier widerspricht, gehört nicht in dein Leben.

Jeder Mensch, der dich verletzt, ist dennoch ein wertvoller Lehrer für dich. Hasse ihn nicht, sei er noch so unbewusst und verletzend. Vergifte nicht dein Wesen mit so unsinnigen Gedanken und Gefühlen wie Hass. Was dich verletzt, sagt etwas über deine Verletzungen, die, die du so sehr zu lindern versuchst – oder gekonnt verdrängst. Sei nicht tätig, Verletzungen zu vermeiden, die Kontrolle zu behalten oder das Leben gar zu manipulieren. Vertrau dich ihm an. Denn du bist sicher, solange du handlungsfähig bist. Gib dich nicht bloßen Gedanken hin, die aus alten Wunden entspringen. Alt ist, was alt ist. Jetzt ist jetzt. Je häufiger du mit dem vermeintlich Schlimmen in Kontakt kommst, desto eher wirst du lernen, ruhig zu bleiben, dir und deinem Leben zu vertrauen und so deine Ängste überwinden.

Was dir andere auch sagen mögen: Ängste sind okay. Sie zeigen dir zwei Sachen:

1.) Was du glaubst, nicht zu dürfen/nicht zu sollen/tun zu müssen
2.) Wo es hakt, wo du eingreifen musst, wo es eine Korrektur geben muss

Sie sind nicht da, um dich zu quälen. Sie sind nicht da, um dich deines Glücks zu berauben oder zu benachteiligen. Ängste sind da, um verstanden und akzeptiert zu werden. Je schneller du deine Ängste kennenlernst, desto näher rückst du an dich selbst heran. Hier findest du die Schranken und Weichen.

wie du mit dem kind in dir sprechen solltestSeien die bewussten Verletzungen von Menschen auch noch so eindeutig: Bleibe ruhig und atme. Besinne dich auf dich. Was sie können, kannst auch du. Manchmal lernt es sich am besten von seinem vermeintlich größten Feind, zum Beispiel, wie du nicht bist oder nicht sein willst, wo du nicht hingehörst oder nicht hingehören willst. Es gibt Menschen, die ein Leben lang nach den Antworten auf diese Fragen suchen. Nimm die Gelegenheiten, wie sie kommen, und packe ihre Lektionen am Schopfe. Das spart dir wertvolle Zeit.

Wer versucht, deine Schwachstellen zu finden, um sie gegen dich auszuspielen, hat ebenso Schwachstellen, die er zu verstecken versucht. Hinter jeder Schwäche steckt eine Stärke, so wie hinter jeder Stärke eine Schwäche steckt. Es ist die Balance, die zählt.

Mitunter sind Angriffe anderer auf dich nicht mehr als der Spiegel ihrer Angst. Finde heraus, was sich dahinter verbirgt, dann übe dich in Verständnis und wähle eine geeignete Strategie. Du bist ein Mensch, keine Fußmatte. Erinnere dich daran und wenn nötig, auch die anderen. Mitunter werden/wurden sie selbst so behandelt und kennen keine anderen, gesunden Wege. Aber du kannst sie ihnen beibringen, wenn sie dich lassen.

Sprich die Sprache deines Gegenübers. Sei sanft zu dir und denen, die Sanftheit verstehen. Sei bereit, hart zu jenen zu sein, die nichts als Härte üben. Die größten Verletzungen, Missverständnisse und Kommunikationsfallen entstammen der Unkenntnis und Uneinsichtigkeit. Bleibe bei dir und begib dich nicht auf anderer Menschen Terrain. Du kennst deinen Platz.

Bleibe trotzdem offen Menschen gegenüber, die Charaktereigenschaften haben, die dir fremd sind. Sie wuchsen anders auf als du. Aber sie sind Menschen, so wie du. Was kannst du von ihnen lernen? Was können sie, was du nicht kannst? Was kannst du ihnen beibringen? Was kannst du, was sie nicht können? Welches gemeinsame Ziel habt ihr? Welche Handlungen würden es euch erleichtern, euer Ziel zu erreichen?

Fehler zu machen, heißt nicht, ein Fehler zu sein. Selbst die härteste Kritik ist nichts weiter als Feedback. Frage stattdessen, was du neben dem Fehler gut gemacht hast. Das lenkt aller Aufmerksamkeit ab – besonders deine. Alles im Leben will gelernt werden und die Besten sind die, die sich dabei Zeit ließen, um es in der Tiefe zu verstehen.

Du wirst dein Leben lang lernen und an dir arbeiten dürfen. Nenne es Persönlichkeitsentwicklung oder Potenzialentfaltung: Niemand kommt fertig auf diese Welt. Und fertig heißt nicht perfekt. Jeder Mensch durchläuft seine eigene Evolution in seinem eigenen Tempo.

Keinen einzigen Tag bist du auf dieser Welt, um zu sein, wie es andere von dir erwarten. Es ist das Miteinander, das zählt, das gegenseitige Füreinander.

Es gibt Menschen, die das nicht akzeptieren.

Übe dich in Konfrontation. Es hat noch niemandem geschadet, für sich einzustehen. Es stärkt dein Bewusstsein für das, was du brauchst: das Wissen darüber, wer du bist und wer du sein willst. Da draußen gibt es so manchen, der dich belügt und von dir abbringen will.

Es werden Zeiten kommen, in denen du nicht weißt, wie es weitergehen soll, in denen dir alles sinnlos erscheint und leer. Fehlt dir ein Sinn, fehlt dir in Wahrheit ein Ziel. Es muss dein Ziel sein, erreicht mit deinen Mitteln, minus dem, was andere wollen. Nur so steht unter dem Strich ein Ergebnis, das dir gefallen wird. So überstehst du alle Hindernisse und Zweifel.

Du hast immer das Recht, jemanden nicht zu mögen, so wie jeder andere das Recht hat, dich nicht zu mögen. Dich zu mögen, ist das oberste Ziel – für dich. Du verpasst es, wenn du dir nur dann gefällst, wenn du anderen gefällst.

Prüfe deine eigenen Gedanken und Ansichten über die Welt. Nicht jeder deiner Gedanken ist wahr und nicht jeder, der von außen infrage gestellt wird, ist falsch. Erinnere dich daran, dass jeder seine Einstellungen braucht. Sie geben Halt und versprechen Ordnung. Je flexibler du bleibst und je weniger Glauben du dem schenkst, was du denkst, desto eher wirst du zu dem, was du sein kannst: dein größtmögliches Ich.

Denn du wirst niemals besser sein, als das, was du von dir glaubst und hältst. Glaube stattdessen daran, dass alles möglich ist und alles kann möglich werden. Beschränke dich nicht selbst, nur weil dir die Gedanken anderer in dir dazu raten. Du kannst viele fremde Gedanken verinnerlichen oder dich an deine Wahrheit halten – wenn du sie kennst. Finde sie. Sie wird dir nützlich sein.

Hinterlasse der Welt etwas, was dir am Herzen liegt. Teile. Gebe. Inspiriere. Sprich über deine Niederlagen. Zeige, wie du sie überwunden hast. Liebe. Verletzlichkeit ist Teil des menschlichen Seins. Niemand kommt um sie herum. Sie zu leugnen, ist eine der größten Lügen.

Deshalb bewerte Menschen nicht auf den ersten Blick. Du kannst niemals wissen, was jemand gerade durchmacht, welche Kämpfe er auszustehen hat, welche Ängste. So mancher lächelt und sagt, alles wäre wunderbar, während er in Wahrheit in seinen vier Wänden verzweifelt. Wir haben alle Sorgen.

Schlussendlich ist hier meine letzte Bitte: Bevor du fällst, falle lieber auf! Auch sein Leben nicht in die Hand zu nehmen, ist eine aktive Entscheidung. Sie lautet: „Ich nehme mein Leben nicht in die Hand, sondern lasse es liegen und mache nichts damit.“ Suche dir Hilfe, wenn du welche brauchst. Frage Menschen, die bereits geschafft haben, was du schaffen möchtest. Gehe einen ersten Schritt und probiere etwas Neues, wenn dich das Alte nicht mehr nährt. Aber handele. Sei dir hier am nächsten und kümmere dich gut um dich. Wenn du das tust, wird sich das Leben dankbar zeigen. Das ist ein Versprechen!

In Liebe,
dein erwachsenes Ich

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“Was unser inneres Kind hätte wissen müssen”

Den ersten Brief an das Kind in mir findest du in einem separaten Blogpost >>

 

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