Schreibblockaden, Kreativblockaden & Schaffenskrisen: Was du als Künstler & Schriftsteller tun kannst, wenn dir Ideen oder Worte fehlen

Schreibblockaden, Kreativblockaden & Schaffenskrisen: Was du als Künstler & Schriftsteller tun kannst, wenn dir Ideen oder Worte fehlen

Als Autorin, Künstlerin und Kreative kenne ich lästige, aufwühlende Schreibblockaden und Schaffenskrisen zu gut: wenn man vor dem leeren, weißen Computerbildschirm sitzt oder man zwar Ideen für sein Werk hat, aber keine (richtigen) Worte, Töne oder Striche findet, um sie auszudrücken. Künstler erleben das im Allgemeinen hin und wieder. Niemand ist gänzlich als kreative Seele vor solchen künstlerischen Krisen gefeit. Kreative Blockaden drücken auf die Seele, wenn das Künstlerische eine Passion ist – man ihn als Weg zum Ausdruck seines Selbst (ge)braucht. Dann tut es weh, nicht zu schreiben, komponieren, malen oder anderweitig künstlerisch tätig sein zu können – denn es fehlt ein Stück des Selbst zum Wohlgefühl und zur Balance, das nach und nach verkümmert.

Wie du als Autor/Schriftsteller, Maler, Komponist, Designer – Künstler – wieder in den Flow kommen und Angst, Frust und Resignation überwinden kannst, zeigen dir eventuell meine Methoden, die ich im Laufe der letzten Jahre für mich als Notfallkoffer zusammengestellt habe.

Blockade beim Schreiben & Schaffenskrisen: Ideen fehlen oder Versagensängste schlagen zu und nichts geht mehr?

Bei jedem Künstler und kreativen Menschen machen sich Angst, Frust und Sorgen breit, wenn man beim Schreiben, Komponieren, Zeichnen oder Erschaffen an sich nicht vorankommt.

Heinrich Böll wurde einst bezüglich einer Neuerscheinung gefragt, ob er als Autor in einer Krise wäre. Daraufhin sagte er, Autor sein und in einer Krise sein sei ein- und derselbe Zustand. Ich sehe das ähnlich, ist doch das Erschaffen, ob nun mit Worten, Pinselstrichen oder auf anderen Wegen, ein Ausdruck einer in sich schlummernden Wahrheit, ein Stück des Selbst, das befreit werden will – oder muss. Es ist verbunden mit einer extrinsischen oder intrinsischen Belohnung, die gleichzeitig auch eine Motivation für das Schaffen darstellt.

Ist man blockiert, fürchtet man entweder, dass diese Belohnung ausbleiben könnte oder man ist aus anderen Gründen demotiviert (das ist meine heutige Meinung nach vielen Jahren des Schreibens und Schaffens). Man sitzt vor dem leeren Blatt oder Textdokument, Striche funktionieren nicht oder Worte fehlen, Ideen kommen nur spärlich oder gar nicht – oder die, die vorhanden sind, wollen sich einfach nicht formieren. Am schlimmsten empfinde ich es, wenn ich eine Idee habe und eine genaue Vorstellung davon, wie sie auszusehen hat, aber ich diese einfach nicht umgesetzt bekomme. Es sieht schrecklich aus oder klingt schrecklich, mein Stil ist zwischendrin verlorengegangen oder ich finde meine Stimme nicht (wieder). Was mir aufgefallen ist: Perfektion, der Anspruch der anderen, wiederholtes Versagen bei jedem neuen Versuch, das Gefühl, es brächte sowieso nichts oder würde eh nicht funktionieren, lässt unser künstlerisches Schaffen dann oft sinnlos und nutzlos erscheinen. Bei vielen ist es eine fehlende Anerkennung oder aber zu viel Anerkennung durch die vorherigen Arbeiten, die Blockaden auslösen – die Angst, dem vorherigen Erfolg zukünftig nicht gerecht zu werden. Andere wiederum benötigen diesen Druck und die öffentliche Aufmerksamkeit als Motivation für ihren Schaffensprozess. Bleibt diese aus, fehlt auch die innere Motivation. Inspiration, Selbstvertrauen beim Schaffen, unaufhörliches Trial-and-Error durch die bewusste Befreiung von Ängsten funktionieren nur leider nicht auf Knopfdruck, wenn man blockiert ist.

Inspiration finden & Motivation schaffen: Meine Wege gegen kreative Blockaden beim Schreiben und Zeichnen

Es ist ein eigenständiges Thema, ob Inspiration von außen kommt oder in uns liegt. Ob wir die Inspiration „verlieren“ oder wie aus anderen Gründen blockiert sind im Schreiben/Schaffen: Ich habe ein paar meiner Wege zusammengefasst, die du ausprobieren kannst, wenn du dich gerade in einer Schreibblockade/Kreativblockade oder gar Schaffenskrise befindest.

Alles rund um das Endergebnis

Mir fiel in den letzten Jahren auf, dass wenn ich das Endergebnis nicht als Klares vor meinem geistigen Auge sehe, dann fällt mir das Arbeiten am Ergebnis schwerer. Wann immer ich uninspiriert oder unmotiviert bin, werkele ich sodann am Buchcover, an Marketingmaterialien wie Social Media Posts oder Begleittexten zum Werk. Das hält meine Motivation oben und gibt mir das Gefühl, dass das Ergebnis zum Greifen nahe ist.

Musik

Ich höre sehr oft (die ganze Zeit) Musik, während ich schreibe und zeichne. Es ist grundsätzlich Musik, die zum jeweiligen Thema passt oder mich in die richtige Stimmung bringt. Wenn ich mich konzentrieren muss, ist es Klassik (fördert die Konzentration). Ich wähle andere Musik, wenn ich in einem speziellen Gefühl sein will oder kommen will, Titel, die dieses Gefühl für mich transportieren. Und es gibt einzelne Songs, die ich speziell für Themen/Bücher/Charaktere auswähle, weil sie für mich einen Zugang zu ihnen herstellen. Sitze ich also an einer Geschichte, erhält fast jeder Charakter zumindest einen solchen Song, wenn nicht sogar eine ganze Playlists. So kann ich meine Ideen und das, was die Figur ausmacht, besser steuern.

Filme und Bücher

Je nach Thema und Genre wähle ich außerdem andere Medien, die mich anregen können, weil sie sich mit etwas auseinandersetzen, worüber ich schreibe. Was ich hingegen nicht mache, ist Konkurrenz zu konsumieren, weil mich das meist zu sehr in die Gedanken- und Schaffenswelt des Anderen versetzt. (Aber das ist jedem selbst überlassen.) Stattdessen konzentriere ich mich auf Fotografien, Studien, Artikel, Dokumentationen, Spielfilme usw. Ich liebe zudem Zitatbilder und Lyrics, die ich mir anhand von meinen  Stichwörtern bei Google, Pinterest & Co. anzeigen lasse. So habe ich einzelne Bildordner und Pinnwände zu einzelnen Büchern/Werken.

Position ändern – Bewegung

Die besten Ideen kommen mir immer noch, wenn ich vom Schreibtisch oder Sofa aufstehe, mich auf den Balkon stelle oder anderweitig bewege. Sport hilft mir auch, aber zieht mich oft körperlich zu sehr in eine Tiefenentspannung/Ausgelaugtheit, in der ich nicht mehr kreativ sein kann – sondern nur noch ausgepowert bin. Kurze Spaziergänge hingegen helfen mir sehr. Die Farbe Grün der Natur beruhigt zusätzlich.

Sonne

Licht und frische Luft entspannt, hebt die Stimmung und regt an. Draußen zu schreiben/zu schaffen, könnte helfen, genauso wie ein kurzer Gang in den Garten oder auf den Balkon, um von Bildschirm oder dem Arbeitsmedium wegzukommen.

Sich mit etwas beschäftigen, was Thema/Figuren angeht

Wer an einem Roman oder Bild arbeitet, der kann sich in seine zentrale Idee (z. B. anhand von Figuren) hineinvertiefen, indem er lebt oder handelt wie sie. Das verringert die Distanz und lässt neue Sichtweisen entstehen – und somit Ideen. 

Das Medium ändern

Manchmal, wenn ich zeichne oder schreibe, stelle ich fest, dass mich die Konstante des Mediums auf einmal blockiert. Dann wähle ich statt des Macbook mein iPhone/Pad und die dortige Schreibsoftware oder verwende für eine Weile eine Diktiersoftware statt zu schreiben.

Wenn ich zeichne, erlebe ich es oft, dass mir das Blatt zu klein oder zu groß wird usw. Also nehme ich eine andere Größe zur Probe oder andere Stifte (Pastell statt Bleistift, schwarzes Papier statt weißes etc.), um mich zu entblocken.

Vergangene Werke zu dir sprechen lassen

Wenn ich es “nicht mehr fühle” oder mir Ideen fehlen, ich das Gefühl habe, etwas stimmt nicht oder sollte anders sein, ich Angst vor dem Scheitern/Versagen/Schlechtsein bekomme, nehme ich mir oft vergangene Werke/Bücher von mir und lasse mich neu inspirieren und vom guten Gefühl mitreißen. Meine Angst, dass ich etwas Schlechtes erschaffen könnte, kritisiert werden würde oder es niemand mögen würde, schwindet recht schnell auf diesem Wege.

Notizen und Schreibmethoden zur Ideenfindung

Am Ende des Tages bin ich immer noch ein Handschriftmensch. Ohnehin hat die Forschung/Wissenschaft hinreichend belegen können, dass sich blockierte Gedanken (auch Gedankenkarusselle) besser durch das Niederschreiben mit der Hand lösen. Hinzu kommt, dass das Aufschreiben seiner angstbesetzten Gedanken die Angst löst (Schreibtherapie-Erkenntnis der 80er Jahre an Angst- und Depressionserkrankten in Großbritannien). Ich erwähne das, weil auch vor Prüfungen (und ich persönlich finde, jeder Schaffensprozess hat etwas Prüfendes an sich) das Niederschreiben seiner Gedanken die Prüflinge besser abschneiden ließ und die Angst nahm. Ich mache alle meine Notizen rund um das, was geschaffen werden soll, Inhalte meiner Kapitel oder was ein Bild transportieren soll, in einem kleinen Notizbuch, was ich eigens dafür besitze. Für grobe Ideen nutze ich immer noch die Notiz-App meines Handys. Aber wenn es um Blockadenlösung und Schaffenskrisen geht, arbeite ich nur noch handschriftlich. Ich verwende vor allem häufig Mindmaps. So vergesse ich nichts und kann gleichzeitig mehrere Lösungswege verdeutlichen, um dann am Ende die beste zu wählen. Es zieht mich bei Büchern auch aus der Angst/der Starre heraus, wenn ich meine, ein Ablauf der Geschichte müsste es sein. Ich kann per Mindmaps stattdessen viele verschiedene Variationen finden. Bei Zeichnungen hingegen doodle ich: Ich skizziere verschiedene Stile, bis ich den gefunden habe, der mir am ehesten zusagt.

Zerstreuung

Zerstreuung muss sein. Nicht nur, weil bewiesen wurde, dass Kreativität/Flow dann am ehesten auftaucht, je entspannter man ist. Es zieht einen auch weg aus dem Lösungs-Zirkel. Wenn ich keine Ideen habe, macht es mich mürbe und ich fühle mich unsagbar schlecht. Lenke ich mich ab, sodass meine Gedanken woanders hingleiten und weg aus dem Bisherigen meines Buches/Werkes, dann gelingt mir das Denken/Entscheiden später oder am kommenden Tag besser.

Empfandest du einen meiner Wege, um Schreibblockaden und Schaffenskrisen besser zu bewältigen, als hilfreich? Dann freue ich mich über einen Kommentar.

Viele Grüße
Janett

Brief an mein inneres Kind oder Eine Erinnerung an dich, falls du vergessen hast, wer du bist

Brief an mein inneres Kind oder Eine Erinnerung an dich, falls du vergessen hast, wer du bist

Was uns im erwachsenen Leben an Schwierigkeiten und Herausforderungen begegnet – emotional und psychisch – findet seinen Ursprung zu oft in der Kindheit. Dort haben wir gelernt, wie Leben vermeintlich geht, wofür wir hier sind und wie unsere Rollen aussehen, was wir sollen und was nicht, wie die Welt tickt und wie wir Teil davon werden (oder bleiben). Nur selten aber decken sich diese Lernerfahrungen mit dem, was wir sein wollen und können. Denn unsere Kindheit ist auch gesät mit Verletzungen, vorrangig die unserer Eltern und Großeltern, die an uns weitergegeben wurden. Wir konnten sie als Kind nicht prüfen, aber im erwachsenen Leben können wir es sehr wohl – mithilfe unseres inneren Kindes. Ist unser inneres Kind verletzt, sorgt es für destruktive Beziehungen und Missstände, die wir vermeintlich nicht loslassen können, wenn wir älter sind. Hier helfen Erinnerungen an unser wahres Selbst, nachdem wir Missliches, was unser inneres Kind glaubt, aufdecken und ausgleichen. Briefe sind ein hervorragendes Instrument, um seinem inneren Kind zu begegnen: Es ist ein bewährtes Mittel der Schreibtherapie, seinem inneren Mädchen/Jungen einen Brief aus der Sicht des Erwachsenen zu schreiben – um ihm den Weg zu weisen, zu korrigieren, zu bestärken und schlussendlich zu heilen.

Hier ist – als Anregung oder Vorlage – mein Brief. Es ist der Zweite. (Den Link zum Ersten findest du am Ende dieses Briefes.)

Brief an dein/mein/unser inneres Kind

inneres kind
Briefe als Instrument, um seinem inneren Kind zu begegnen und es zu heilen: ein bewährtes Mittel der Schreibtherapie

Liebling,

ich habe einige Bitten an dich.

Du darfst immer traurig sein, wenn dir etwas Schlimmes widerfahren ist, aber erinnere dich daran, dass jedes Gefühl – Traurigkeit, Schuld, Scham, Angst, Ekel usw. – eine Entscheidung ist. Du entscheidest, ob du ihm Raum gibst oder nicht. Du entscheidest, ob du dich fürchtest oder nicht. Du weißt, dass du deine Gefühle steuern kannst. Dein Denken ist ein mächtiges Instrument und Gefühle sind deine Freunde. Sie kommen aus der Kindheit und zeigen dir, was du gelernt hast. Was du aber früher gelernt hast, kann heute schon hinfällig sein und morgen schädlich. Viel wichtiger: Was du gelernt hast, kannst du jederzeit wieder verlernen.

Bitte erinnere dich, wie alt du bist, was du bereits in deinem Leben gemeistert hast, worauf du stolz sein kannst und welche Fähigkeiten dich besonders machen. Solltest du auch nichts von dem, was dich ausmacht, nutzen – weder für dich noch für die Welt: Es ist nie zu spät, dein Leben zu verändern. Nimm dir ruhig die Zeit, die du brauchst.

Trennungen aller Art wiegen schwer für jeden Menschen. Du bist nicht allein damit. Wenn dich jemand verlässt, sei traurig, weil es schmerzt, aber erinnere dich daran, dass du ebenso dankbar sein könntest, einen Menschen weniger in deinem Leben zu haben, der nicht zu dir gehören will. Gib das Kämpfen auf. Es geht darum, jene zu finden, die bei dir sein wollen, weil sie zu dir passen und du zu ihnen.

Deshalb: Wenn dich jemand verletzt, prüfe sorgfältig, ob es dein Ego ist, das weint, oder dein Herz. Dein Kopf und Herz sind mit Grund voneinander entfernt. Beide haben ihre Aufgaben, aber nicht immer haben beide recht. Es kann so aussehen, als würdest du bitter leiden, während es nur eine Kränkung deines Egos ist. Es kann sein, dass du meinst, etwas würde dir nichts anhaben, dir nichts ausmachen, während dein Herz leise bricht. Kenne den Unterschied. Kenne dich.

Wenn du abgelehnt wirst – und das wird nicht selten geschehen – bleib dennoch positiv und dankbar. Vertraue den Menschen in ihren Ansichten über dich und sich und euer beider Wohl. Wenn sie dich nicht wollen, so ist es ihre Entscheidung. Respektiere sie. Sie ist richtig, weil sie sich richtig für denjenigen anfühlt. Selbst wenn sie sich für dich falsch anfühlt, so könnte sie doch richtig für dich sein. Manchmal wollen wir erst recht das, was wir nicht haben können. Und viel zu oft wünschen wir uns, was uns nicht guttäte. Es nützt dir wenig, dich täglich für einen Hauch gelogene Sympathie aufopfern und zermürben zu müssen. Es ist ein täglicher Kampf, der dich zeichnen wird. Du kannst ihn jetzt aufgeben und doch dankbar sein für die schönen Zeiten und nützlichen Lehren.

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Lerne ebenso, Menschen zu verlassen oder dich aus destruktiven Situationen zu schälen, ganz egal, wie sehr es jemandem wehtun würde. Dein Leben ist dafür da, gelebt zu werden, in maximaler Freude und mit bestem Gewissen und Wissen. Es ist nicht Pflicht des Lebens, unnötig zu leiden, wenn du dieses Leid vermeiden könntest. Es ist eine Erlaubnis, zu gehen, wann immer du in einer Verbindung keinen gegenseitigen, erfüllten und liebevollen Nutzen erkennen kannst.

Der Tod wird früh genug kommen. Verlust ist unvermeidbar. Sei deshalb Zeit deines Lebens gut zu dir, deinem Körper, deiner Seele und anderen Menschen. Töte weder dich noch andere im Kleinen wie mit Worten, Rache oder Vermeidung, Schweigen, Distanz, Reaktivität oder Angst, Verachtung oder Aufopferung. Alleinsein will gelernt sein und Konflikte gemeistert. Du bist genauso wichtig wie andere. Andere sind genauso wichtig wie du. Wer dir hier widerspricht, gehört nicht in dein Leben.

Jeder Mensch, der dich verletzt, ist dennoch ein wertvoller Lehrer für dich. Hasse ihn nicht. Was dich verletzt, sagt etwas über deine Verletzungen, die, die du so sehr zu lindern versuchst – oder gekonnt verdrängst. Sei nicht tätig, Verletzungen zu vermeiden, die Kontrolle zu behalten oder das Leben gar zu manipulieren. Das alles sind bloße Gedanken, die aus alten Wunden entspringen. Doch alt ist, was alt ist. Jetzt ist jetzt. Je häufiger du mit dem Schlimmen in Kontakt kommst, desto eher wirst du lernen, ruhig zu bleiben, dir und deinem Leben zu vertrauen und so deine Ängste überwinden.

Ängste sind okay, weißt du? Wir alle haben welche. Sie sind da, um dir etwas zu zeigen:

1.) Was du glaubst, nicht zu dürfen oder nicht zu sollen?
2.) Wo es hakt, wo du eingreifen musst, wo es eine Korrektur geben muss?
3.) Was erlaubt dir deine Angst, nicht tun zu müssen?

Ängste sind nicht da, um dich zu quälen. Sie sind nicht da, um dich deines Glücks zu berauben oder zu benachteiligen. Sie sind da, um verstanden und akzeptiert zu werden. Je schneller du deine Ängste kennenlernst, desto näher rückst du an dich selbst heran.

Seien die Verletzungen von Menschen noch so eindeutig: Bleib ruhig und atme. Besinne dich auf ihre Lektionen. Was sie können, kannst auch du. Manchmal lernt es sich am besten von seinem vermeintlich größten Feind, zum Beispiel, wie du nicht bist oder nicht sein willst, wo du nicht hingehörst oder nicht hingehören willst. Es gibt Menschen, die ein Leben lang nach den Antworten auf diese Fragen suchen. Nimm die Gelegenheiten, wie sie kommen, und packe ihre Lektionen am Schopfe. Das erspart dir wertvolle Zeit.

Wer versucht, deine Schwachstellen zu finden, um sie gegen dich auszuspielen, hat ebenso Schwachstellen, die er zu verstecken versucht. Hinter jeder Schwäche steckt eine Stärke, so wie hinter jeder Stärke eine Schwäche steckt. Es ist die Balance, die zählt.

nicht wissen wohin mit meinem leben

Mitunter sind Angriffe anderer auf dich nicht mehr als der Spiegel ihrer Angst. Finde heraus, was sich dahinter verbirgt, dann übe dich in Verständnis und Vergebung. Doch du bist ein Mensch, keine Fußmatte. Erinnere dich daran und wenn nötig, auch die anderen, die diese Erinnerung brauchen. Mitunter werden/wurden sie selbst so behandelt und kennen keine anderen, gesunden Wege. Man könnte auch sagen: Sprich die Sprache deines Gegenübers. Sei sanft zu dir und denen, die Sanftheit verstehen. Sei bereit, sanft hart zu jenen zu sein, die nichts als Härte üben, indem du ihnen deinen Grenzen aufzeigst. Die größten Verletzungen, Missverständnisse und Kommunikationsfallen entstammen dem Schweigen, der Unkenntnis und Uneinsichtigkeit.

So bleibe offen Menschen gegenüber, die Charaktereigenschaften haben, die dir fremd sind. Sie wuchsen anders auf als du. Aber sie sind Menschen, so, wie du. Was kannst du von ihnen lernen? Was können sie, was du nicht kannst? Was kannst du ihnen beibringen? Was kannst du, was sie nicht können? Welches gemeinsame Ziel habt ihr? Welche Handlungen würden es euch erleichtern, euer Ziel zu erreichen?

Fehler zu machen, heißt nicht, ein Fehler zu sein. Selbst die härteste Kritik ist nichts weiter als Feedback. Bleib ruhig und frage stattdessen, was du neben dem Fehler gut gemacht hast. Das lenkt aller Aufmerksamkeit ab – besonders deine.

Du wirst dein Leben lang lernen und an dir arbeiten dürfen. Nenne es Persönlichkeitsentwicklung oder Potenzialentfaltung. Niemand kommt perfekt auf diese Welt. Du bist kein Fertigprodukt, sondern durchläufst deine eigene Evolution in deinem eigenen Tempo. Keinen einzigen Tag bist du auf dieser Welt, um zu sein, wie es andere von dir erwarten. Es ist das Miteinander, das zählt, das gegenseitige Füreinander. Und das beginnt mit der Fürsorge für dich selbst.

Es gibt Menschen, die das nicht akzeptieren. Übe dich in Konfrontation. Es hat noch niemandem geschadet, für sich einzustehen. Es stärkt dein Bewusstsein für das, was du brauchst: dich und wer du bist, wer du sein willst. Dein Potenzial ist seit Geburt her in dir angelegt.

Vielleicht werden Zeiten kommen, in denen du nicht weißt, wie es weitergehen soll, in denen dir alles sinnlos erscheint und leer. Fehlt dir ein Sinn, fehlt dir in Wahrheit ein Ziel. Es muss dein Ziel sein, erreicht mit deinen Mitteln, minus dem, was andere wollen. Nur so steht unter dem Strich ein Ergebnis, das dir gefallen wird. So überstehst du alle Hindernisse und Zweifel.

Du hast immer das Recht, jemanden nicht zu mögen, so wie jeder andere das Recht hat, dich nicht zu mögen. Dich zu mögen, ist das oberste Ziel – für dich. Du wirst es nicht erreichen, wenn du dir nur dann gefällst, wenn du anderen gefällst, du dich nur dann magst, wenn andere dich mögen.

Prüfe deshalb deine eigenen Gedanken und Ansichten über die Welt. Nicht jeder deiner Gedanken ist wahr, so, wie alle, die von außen kommen, sowohl richtig als auch falsch sein können. Erinnere dich daran, dass jeder seine Einstellungen braucht. Sie geben Halt und versprechen Ordnung. Je flexibler du bleibst und je weniger Glauben du dem schenkst, was du denkst, desto eher wirst du zu dem, was du sein kannst: dein größtmögliches Ich.

inneres kind

Denn du wirst niemals besser sein, als das, was du von dir glaubst. Glaube daran, dass alles möglich ist und alles kann möglich werden. Beschränke dich nicht selbst, nur weil dir deine Gedanken dazu raten.

Hinterlasse der Welt etwas, was dir am Herzen liegt. Teile. Gebe. Inspiriere. Sprich über deine Niederlagen. Zeige, wie du sie überwunden hast. Liebe. Verletzlichkeit ist Teil des menschlichen Seins. Niemand kommt um sie herum. Sie zu leugnen, ist eine der größten Lügen.

Deshalb bewerte Menschen nicht auf den ersten Blick. Du kannst niemals wissen, was jemand gerade durchmacht, welche Kämpfe er auszustehen hat, welche Ängste. So mancher lächelt und sagt, alles wäre wunderbar, während er in Wahrheit verzweifelt. Wir haben alle unsere Sorgen, aber nicht jeder zeigt sie.

Schlussendlich ist hier meine letzte Bitte: Bevor du fällst, falle lieber auf! Auch sein Leben nicht in die Hand zu nehmen, ist eine aktive Entscheidung. Sie lautet: „Ich nehme mein Leben nicht in die Hand, sondern lasse es liegen und mache nichts damit.“ Suche dir Hilfe dafür, wenn du welche brauchst. Gehe einen ersten Schritt und probiere etwas Neues, wenn dich das Alte nicht mehr nährt. Aber handele. Sei dir hier am nächsten und kümmere dich gut um dich. Wenn du das tust, wird sich das Leben dankbar zeigen. Das ist ein Versprechen!

In Liebe,
dein erwachsenes Ich

© Janett Menzel

Zum Weiterlesen

“Über die Kunst, allein zu sein” (Janett Menzel, 2016)
“101 Wege aus der Angst” (Janett Menzel, 2018)
“Mein neues Leben ohne Angst” (Janett Menzel, 2020)
“Hör auf! Deine Angst” (Janett Menzel, 2018)

Hier geht’s zum ersten Brief an mein inneres Kind

Meine erste Panikattacke: Wie sie sich anfühlte

Meine erste Panikattacke: Wie sie sich anfühlte

 

Ich kann mich kaum mehr daran erinnern, was ich letzten Freitag zum Frühstück aß oder was ich meiner Freundin am Samstag beim Spazierengehen erzählte. Aber ich weiß noch genau, wie sich meine erste Panikattacke anfühlte, wann und wo sie sich abspielte und wie es mir im Nachhinein damit ging.

Irgendwann 2017 hatte ich einmal kurz den Gedanken, meine gesamte Zeit voller Agoraphobie und Panikattacken (ein Zeitraum zwischen 2008 und 2013) in einen Roman zu verwandeln. Dieser Blogpost war als zweites Kapitel gedacht. Im ersten Kapitel hatte ich Überstunden gemacht, weil ich meiner damaligen Vorgesetzten Aufgaben abgenommen hatte, damit sie nach einem stressigen Tag früher Hause gehen konnte – obwohl es mir genauso dreckig gegangen war.

 

Wie sich meine erste Panikattacke anfühlte

Als ich vor die Tür des Bürogebäudes trete, schlägt mir die Hitze entgegen. Sie versucht, mich zu erwürgen, aber ich schaffe es, sie mühsam herunterzuschlucken. Die Demse ist eine unsichtbare Wand, gegen die ich renne – jede Sekunde einmal stoße ich gegen sie und werde vom Aufprall zurückgeworfen auf mich selbst. Die Autos auf der Torstraße brüllen so laut, als hätten sie Angst, nicht gehört zu werden. Ich möchte schreien, aber es würde nichts nützen. Keiner würde mich bemerken. Meine kleine Stimme würde quiekend verstummen im Getöse der wichtigen Menschen. Ich denke: Ich bin auch wichtig, auch wenn ich nicht so laut bin wie ihr! Aber eigentlich glaube ich mir selbst nicht.

Panikattacke nach einem stressigen Tag mitten im Hochsommer in Berlin - ein ErfahrungsberichtDas Bürogebäude schlägt Schatten. Und ich stehe mittendrin. Mir ist kalt, obwohl die heiße Luft mich einnebelt. Nur dort drüben auf der anderen Straßenseite, wo die Sonne scheint, wo ich nicht bin, da laufen die Menschen ohne Jacke. In der Luft schwirren flimmernde Lichtfäden. Wenn ich blinzele, verschwinden sie kurz. Doch kaum mache ich die Augen wieder auf, sind sie erneut da – nur zahlreicher und tanzender als vorher.

Ich zünde mir eine Zigarette an. Dann lässt sich das Lärm-Hitze-Gewitter leichter ignorieren, vermute ich. Das funktioniert seit Jahren. Wenn ich aus einer Situation flüchten will, die mir die Luft zum Atmen nimmt, in der ich weder geborgen noch willkommen bin, in der ich bin, weil ich sonst nicht wüsste, wohin ich sollte, rauche ich. An meiner Zigarette halte ich mich fest. An meiner Zigarette sauge ich wie an der Brust meiner Mutter, in der Hoffnung, nährende, fürsorgliche Liebe zu erhalten, während sie mich in ihren Armen wiegt. Ich kann ihre Stimme mit jedem Zug hören: Ja, mein Liebling. Ich bin bei dir. Wie schön es wäre, wenn sie jetzt neben mir gehen würde, bei mir wäre. Doch wenn man aus dem Schoß seiner Mutter gekrochen ist, ungefragt in dieses Leben gepresst wird, scheint man den Anspruch auf bedingungslose, immerwährende Liebe – egal, was man sagt, egal, wie man ist – zu verlieren. Ob man es erträgt oder nicht. Andere trinken oder nehmen Drogen, um sich mit diesem erwachsenen Dilemma zu arrangieren. Aber meine Mutter hat mir verboten zu trinken, weil mein Onkel dem Alkohol verfiel und mit 29 an einer Leberzirrhose verstarb. Alkohol ist böse, nur Zigaretten, die sind okay. Die raucht sie auch. Wie gern ich jetzt ein kühles Bier hätte. Ich würde alles dafür geben, um mir etwas einzuflößen, dass mich vom Großstadtlärm und Druck in meinem Kopf ablenkt, jener Druck, der wie ein Schraubstock im Inneren meines Schädels unaufhörlich gegen meine Schädelwände drückt – mehr, mehr, immer mehr. Er gibt nicht auf.

Mein Nacken knackt bei jedem Schritt. Zum Glück kann es niemand hören. Hier auf dem schmalen Bürgersteig ist niemand außer mir. Nur auf der anderen Straßenseite, der Sonnenseite, drängeln sich Menschen. Sie haben es genauso eilig wegzukommen, nur dass sie lachen. Ich kann sie kaum ansehen, so sehr engt mich ihre Freude ein. Ich … will nur meine Ruhe, mein Tempo, völlige Stille, aber mit diesen Menschen hier geht das nicht, auch nicht mit den Autos, nicht mit der Hitze, nicht mit der Weite von Berlins Mitte. Ich will hier weg. Schnell, denke ich.

 

Ich bin doch nicht Jeanne D’Arc

Meine Zigarette ist aufgeraucht und ein warmer Nebel steigt von meinen Füßen hoch in mein Becken, verdunkelt sich, ballt seine gesammelte Energie und schießt mir ruckartig in den Bauch. Mein Magen knurrt und rumort. Hektisch sucht sich der schwarze Nebel Raum in meiner Brust und als mein Herz wild stolpert, rauscht ein Schreck durch meinen Körper.

Was war das denn?

Abrupt bleibe ich stehen und lege eine Hand auf mein Herz, horche in mich hinein, versuche zu verstehen, was gerade geschieht.

Was geschieht hier mit mir?

Meine Knie werden weicher und weicher, als würden meine Beine jeden Moment ihren Job hinschmeißen. Irgendwo neben meiner Angst, in Ohnmacht zu fallen, rast mein Herz, immer und immer schneller, als wollte es einen 100 m-Lauf gewinnen. Als bliebe ihm nichts Anderes übrig, außer als Gewinner aus diesem Wettkampf hervorzugehen. Hier steht etwas auf dem Spiel; ich weiß nur nicht, was. Ich wusste nicht einmal, dass wir es spielen – jetzt, wo ich auf dem Weg nach Hause bin, in meine kühle und stille Wohnung, wo ich ich ich sein kann, mich um niemanden scheren muss, mich um mich kümmern kann, wenn es schon sonst niemand tut.

Ich beschließe, meinen Körper machen zu lassen und einfach weiterzugehen. Hier stehen zu bleiben, bringt ja doch nichts, denke ich. Aber mein Körper scheint Gefallen daran zu finden, sich mit merkwürdigen Empfindungen zu Wort zu melden. Ja, es ist heiß und trotzdem friere ich. Ja, es ist laut und dennoch habe ich das Gefühl, in meinen Ohren würde ein eigenes Lied klingen, lauter als das der Straße und Menschen. Jemand in mir dreht die Anlage hoch; ich halte mir die Ohren instinktiv zu, um den Lärm in meinem Kopf abzustellen. Plötzlich singt meine Vorgesetzte Tina mit und sie schreit zwischen den Strophen und meine Wut brüllt zurück:

Ich hasse dich! Das ist deine Schuld! Das waren deine Aufgaben, wegen denen ich Überstunden machen musste! Das ist dein Leben. Du hättest Nein sagen müssen, als ich dich aus Anstand gefragt habe, ob ich sie machen soll.

Meine Schultern fühlen sich steinhart an, als hätte jemand meinen Muskeln jede Elastizität geraubt. Ich klemme meine Arme eng an meinen Körper, will die Angriffsfläche verkleinern, so wie man es im Winter macht, damit einen der eiskalte Wind nicht so sehr schneidet.

Du musst genauso leiden wie ich! Dir darf es nicht bessergehen als mir! murmelt Tina in mir.

Hätte ich sie doch nur nicht gefragt …

panikattacke erfahrungsbericht einer betroffenenMeine Gedanken verfolgen mich unentwegt mit jedem Schritt, als wären sie ein Mann, der mich im Dunkeln auf menschenleerer Straße jagt, um mich zu missbrauchen oder zu töten, nur so zum Spaß, weil im Fernsehen nichts Gutes läuft oder er seine Mama auch vermisst – während die Anwohner hinter ihren Fenstern auf der Couch sitzen und während Stirb Langsam Chips essen. Sie fühlen sich sicher, weil Bruce Willis im dreckigen Unterhemd gerade die Welt rettet. Nur hier auf der Torstraße ist niemand, der mich rettet. Nur meine Angst und ich, kurz vor sechs im Hochsommer in Berlin. Trotzdem kommt es mir so vor, als würde jeden Moment eine Hand aus dem Himmel greifen, um mich hinaufzuziehen.

Fühlt sich so Sterben an?

Bleib ruhig!
Ruhig bleiben!
Aaaatmeeeeee!
Atmen!
Nochmal!
VERDAMMT! Atme ruhiger!

Nach nicht einmal einem Drittel des Weges bis zum U Rosa-Luxemburg-Platz kauere ich mich vor einem Hausaufgang zusammen. Es ist unmöglich, mich noch länger auf den Beinen zu halten, ohne dass mein Kreislauf kollabiert. Ich ziehe meine Knie eng an meinen Körper und wippe leicht im Takt meiner Angst.

Wie zum Teufel komme ich nach Hause?

Atme!
Gaaaaanz langsam.
Genau.
Ein- und ausatmen.
Bleib ruhig.

Eine Frau mittleren Alters kommt aus dem Haus und erschreckt sich, als sie mich vor der Tür sitzen sieht.

Lass dir nichts anmerken!
Es ist alles in Ordnung!

Sie sagt nichts, sondern schaut nur kurz überrascht, bevor sie einfach an mir vorbeigeht. Hätte ich sie um Hilfe bitten sollen?

Du wirst nicht sterben.
Keine Sorge.

Doch ich sorge mich. Eine Todesangst sitzt mir im Nacken, mit schweißnassen Händen und Füßen, die mich nicht mehr tragen wollen.

Es geht nicht, dieses ruhige Atmen.
Ich werde in Ohnmacht fallen.
Ich werde ersticken.
Ich werde sterben.
Und niemand wird es merken.

Ich sitze sicher auf festem Beton und trotzdem fühle ich mich wie labbriger Schleim, der sich jeden Moment auf dem Boden ergießen wird. Und dann werde ich weg sein. Einfach so. Alles dreht sich in mir. Jede Faser meines Körpers ist weich, jeder Muskel, jeder Knochen ist wie geschmolzene Butter auf einem zu heißen Toast. Ich ertappe mich dabei, wie ich mich innerlich selbst anbrülle: Das ist mein Körper! Scheiße nochmal! Doch wie ferngesteuert macht er sein eigenes Ding. Nichts in mir hört noch auf meine Hilfeschreie und Anweisungen. Und niemand ist da. Ich bin völlig allein damit – allein mit mir.

Okay, höre ich eine Stimme in mir. Was jetzt? Ich versuche, mich zu orientieren und blicke einmal in alle Richtungen.

Da drüben … Schlecker. Ich werde mich da irgendwie hinbringen und mir was zu trinken und zu essen holen. Irgendetwas, vielleicht ein Snickers oder so. Schneller Zucker, damit mein Körper wieder zu Kräften kommt. Ich bin bestimmt nur unterzuckert. Daran wird es liegen. Und getrunken habe ich auch nicht sehr viel. Wasser wird mir guttun. Genau. Dieses verdammte Wetter aber auch. Das tut sein Übriges. Es kommt ja immer alles auf einmal.

Ich suche nach Erklärungen, um mich zu beruhigen. In meinem Kopf reiße ich jede Schublade auf und schaue nochmal in jedes Buch, das ich je gelesen habe, höre auf die Worte meiner Mutter, der Krankenschwester, die mir mein ganzes Leben lang etwas über Gesundheit erzählt hat.

Was ist nur los? Das war doch noch nie so! Ist das wirklich nur mein Kreislauf? Okay, aufstehen, über die Straße gehen und was kaufen. Drei, zwei, eins … los!

Ich hieve mich hoch und gehe langsam mit vorsichtigem Schritt in Richtung Ampel. Ich schaue nach unten, während ich auf jede noch so leise Regung meines Körpers höre und warte. Ich warte darauf, dass etwas in mir etwas tut, worauf ich nicht gefasst bin. Aber ich will es verdammt nochmal mitbekommen, wenn etwas mit mir passiert.

Ich schaffe es schließlich über die Straße. Nur Gott, an den ich nicht glaube, weiß wie. Später im Schlecker sehe ich nicht einmal die Kunden. Ich renne nur an ihnen vorbei, als wäre der Tod direkt hinter mir.

Kaum bin ich wieder draußen, reiße ich meinen Schokoriegel auf und esse ihn hastig, bevor ich einen halben Liter Wasser mit Apfelzusatz herunterkippe. Gleich, gleich geht es dir besser. Du wirst sehen.

Doch nichts passiert. Ich greife mit zittrigen Händen nach meinem Handy und wähle die Nummer meines Freundes. Gestammelte Worte, die nicht einmal in meinem Kopf Sinn ergeben, schlüpfen aus meinem Mund.

„Was? Ich verstehe kein Wort!“ sagt er.

Ich auch nicht. Ich verstehe gar nichts.

„Nochmal von vorn. Aber ruhig!“ fordert er mich auf.

Ich fange von vorn an und gehe währenddessen wie ein Schwerverbrecher, der hofft, nicht entdeckt zu werden, an den Passanten vorbei.

Als ich fertig bin mit Erzählen, sagt er in seiner Seelenruhe: „Gut. Du steigst jetzt in deine Bahn und ich bleibe solange am Telefon, bis du zu Hause bist.“

Johannis ist ein wirklich netter Typ. Er rettet mir mal wieder den Arsch. Das ist nicht das erste Mal. Ich erinnere mich an einen Tag – der Morgen nach seinem 30. Geburtstag – als wir, noch immer sturzbetrunken vom Feiern am Vorabend, aufwachten und mich ein Blick auf den Wecker in wildes Geschrei versetzte. Ich hätte 30 Minuten zuvor im Zug nach Potsdam sitzen müssen, um rechtzeitig in der Uni zu einer Vorlesung zu sein. Wenn ich dort nicht auftauche, erinnere ich mich, bekomme ich keinen Teilnahmeschein und werde nicht zur Zwischenprüfung zugelassen. Doch der Zug war weg. Johannis hatte vorgeplant mitgedacht und sich frei genommen, falls er zu sehr abstürzen würde. Ich wollte gar nicht wissen, wie viel Alkohol er noch im Blut hatte, aber bevor ich mich versah, saßen wir in seinem Auto und rasten über die Autobahn gen Potsdam. Ich betrat eine Stunde und 15 Minuten zu spät den Vorlesungsraum. Mit Ach und Krach und dank einer Kommilitonin, die den Prof lange genug ablenkte, um auf der Anwesenheitsliste noch meinen Kringel zu setzen, bekam ich den Schein.

Nun sitze ich wieder dank ihm irgendwo und komme nur wegen ihm dort an, wo ich ankommen muss, um auch diese Prüfung zu bestehen. Er ist mein Held. Spätestens jetzt bekommt er von mir den Superman-Stempel, ob er will oder nicht.

Nach einer Stunde steige ich aus der Bahn an der S Sundgauer Straße. Noch nie hat sich eine Fahrt so lange angefühlt. Aber langes Unterwegssein in Berlin ist normal, auch wenn ich es abgrundtief hasse. Wie andere das aushalten, ist eines der größten Mysterien für mich.

Johannis ist nicht mehr am Telefon. Auch wenn ich mich in der Bahn genauso schwach gefühlt habe, wie zuvor, fast in die letzte Ecke des Sitzes gekrochen war, damit mich nichts berühren und verletzen kann, sagte ich ihm, den Rest des Weges würde ich schon ohne ihn schaffen. Immerhin wäre ich ja erwachsen, auch wenn ich mich wie ein kleines, hilfloses Kind fühle. Ich setze mich auf die Bank an der Bushaltestelle und trinke den Rest der Flasche Wasser. Es sind nur noch acht Minuten bis nach Hause. Lächerliche acht Minuten, wenn ich schnell gehe, sogar nur sechs.

Ich stehe wieder auf – mutig und ängstlich zugleich – und schaffe es bis in meine Wohnung, hauptsächlich wegen des Apfels, den ich während der S-Bahn-Fahrt in meiner Tasche gefunden hatte. Ich musste vergessen haben, dass ich ihn heute früh eingepackt hatte.

Kaum bin ich zu Hause, ziehe ich alle Vorhänge zu und schmeiße mich aufs Bett. Ich will nichts hören, nichts sehen. Nichts fühlen. In meinem Kopf summt es, aber die kühle, dunkle Stille macht es leichter. Ich bin so müde. Ich gähne seit einer halben Stunde, als wäre jede Energie aus meinem Körper gesaugt worden. Und dann rollen die Tränen in einem Guss über meine Wangen. Meine Augen sind nicht einmal offen. Sie bahnen sich einfach ihren Weg durch die geschlossenen Lider hindurch und landen auf meinem Kopfkissen, das zu einem Meer aus Erleichterung und Traurigkeit wird.

Als ich mich einige Zeit später wieder gefangen habe, rufe ich meine Mutter an. Sie ist keine sehr große Hilfe, obwohl sie Krankenschwester ist. Aber sie arbeitet in der Nephrologie. Hätte ich Diabetes oder sonstwas an den Nieren, wüsste sie mir sicherlich was Beruhigendes zu sagen.

„Das klingt mir wie ein Kreislaufzusammenbruch. Es könnte aber auch etwas Anderes sein. Geh morgen unbedingt zum Arzt.“ Sie ist zu beschäftigt mit ihren Auswanderungsvorbereitungen. Oslo muss es sein. Sie war noch nie dort, aber dort will sie hin.

„Gut!“ stimme ich ein. Gleich bei mir um die Ecke sitzt ein Allgemeinmediziner, Mitte 50, nett und irgendwie frech. Das einzige Mal, das ich ihn brauchte, war nur gut für eine Krankschreibung wegen meiner verpassten Klausur in Latein. Ich googele mit meiner Mutter am Apparat seine Öffnungszeiten und beschließe, gleich morgen um acht vor seiner Praxis zu stehen.

„Ruf mich an, wenn du bei ihm warst!“ sagt sie noch, bevor wir auflegen.

Es vergeht keine Minute, da klingelt mein Telefon erneut. Johannis will wissen, wie es mir mittlerweile geht. Er ist beruhigt und doch verunsichert. Ich glaube, er spürt, wie hilflos ich mich fühle, weil ich nicht weiß, was vorhin mit mir geschehen ist. Doch die Idee mit dem Arzt findet er gut.

„Dann leg dich mal ins Bett und ruh dich aus!“

„In Ordnung. Bis morgen!“ sage ich, so, als wäre alles okay, als wäre das ein Tag wieder jeder andere in Berlin, an dem wir abends miteinander telefonieren. Morgen müsste ich eigentlich wieder zur Arbeit und danach direkt in den Zug zu Johannis. Aber darüber sprechen wir nicht.

„Bis dann, Schatz!“ Er haucht mir noch einen Kuss durch das Telefon ins Ohr.

Der Rest des Abends verfliegt wie in Trance. Alles ist unwirklich. Als gäbe es keine Zeit, die ich freien Willens gestalten könnte. Ich gehe gegen zehn ins Bett und wache morgens, als mein Wecker klingelt, wie eine volle Flasche auf – befüllt mit Steinen statt mit Wasser.

 

Mensch sein – Du selbst sein: Brief an mein jüngeres Ich

Mensch sein – Du selbst sein: Brief an mein jüngeres Ich

 

Dies ist ein Brief an mein jüngeres Ich, in dem es um das Mensch sein – Du selbst sein geht.

Sei nicht so, wie andere dich wollen, nur weil es dir Mühe bereitet, herauszufinden, wer du wirklich bist oder weil es dir schwerfällt, so zu sein, wie du bist. Sich hinter sich selbst zu verstecken, kostet mehr Mühe als mit geradem Rücken seinen Menschen zu stehen. Wenn du Ja sagen willst, sag Ja. Wenn du aus Rücksicht dir gegenüber Nein sagen möchtest, sag Nein. Hauptsache ist, dass du dir gegenüber rücksichtsvoll bleibst.

Wenn du Lust auf etwas Neues hast, auch wenn andere derweil lieber stagnieren, dann mach das Neue allein und lass den Anderen ihren sicheren Stillstand. Wenn du Lust auf Rückzug hast, zu Hause sein willst oder Zeit mit dir verbringen möchtest, dann kuschele dich ein, sei bei dir und schenke dir diese wertvolle Ich-Zeit.

Such dir Bücher, die dich inspirieren, dir das Gefühl schenken, dass du lebst, weil es andere vor dir gab, denen es genauso ging. Lass sie dir ihre Wege vorstellen und entscheide selbst, ob so oder ähnlich deine aussehen könnten.

Lass die Anderen weiterrennen, im Kampf um Wert, Leistung, Liebe. Wenn du keine Kraft mehr hast oder es einfach leid bist, so würdige dieses Gefühl und sei dir etwas wert, ohne etwas zu leisten, toll auszusehen oder reich sein zu müssen, weil die Gesellschaft das diktiert.

Wenn du einmal nicht an deine Sorgen denken willst, deinen Kopf ausstellen willst, dann mach es. Denke nicht erst darüber nach, wann du nicht nachdenken wirst, wann du die Zeit haben wirst, einmal nicht über dein Leben nachzudenken, sondern stelle es einfach ab. Konzentriere dich auf deinen Atem, deinen Herzschlag, deine Fußsohlen, irgendeinen Körperteil und du wirst sehen, dass dir dein Geist folgt. Er folgt dir. Nicht du ihm. Er weiß das. Du darfst es lernen. Erlaube dir diese neue Erfahrung und Erkenntnis und praktiziere sie täglich, bis sie ein Automatismus geworden ist.

Atme den Kummer weg und lass ihn dort, wo er ist, mit sich allein: in deinem Kopf – wegen Menschen, die dich verletzt haben oder die du verletzt hast. Es ist Vergangenheit. Sei ein Mensch, erlaube dir Fehler und anderen dasselbe.

Je mehr du nach Perfektion strebst, fehlerfrei im Handeln und Schein, desto mehr wird dich das Außen zurück auf den Boden der Tatsachen holen. Und dort herrscht ein Chaos namens Leben, gemacht aus Tiefen und Höhen, die beiderseits geschätzt werden wollen. Woher willst du wissen, ob nicht dein größtes Versagen, deine ureigenen Ängste und Sorgen dich genau dorthin führen werden, wo du sein sollst? Du kannst es nicht wissen. Kein Channeling, kein Medium, keine Tarotkarten und kein Horoskop der Welt wird dir die Zukunft vorhersagen. Genauso wenig wird dir Geld, eine Beziehung oder ein aussichtsreicher Job das zurückbringen, was du früher vermisst hast: dass du ohne ersichtlichen Grund wertvoll genug warst, einfach so, wie du bist.

Spüre in deinen Körper, das Gewicht deiner Bedenken und Ängste gegenüber deiner Zukunft, wenn es sein soll. Doch erlaube ihm eine Auszeit, um zur Ruhe zu kommen. Täglich. Sei die Entspannung, die du brauchst und dir so sehr wünschst. Doch wenn du lachen willst, weil es einen Grund oder weil es keinen Grund zur Freude gibt, lache und freue dich, selbst wenn andere ihre Probleme und Bedürfnisse ernster nehmen möchten. Lass ihnen ihre Sorgen und distanziere dich davon. Du bist nicht sie, nicht ihre Lösung. Du bist nicht ihr Geist. Du machst in ihren Leben rein gar nichts gut. Entweder sie handeln oder sie handeln nicht.

Wenn du Lust auf Liebe hast, dich nach Leben und Leichtigkeit sehnst, dich fallenlassen möchtest, ohne darüber nachzudenken, was wohl geschehen könnte, dann genieße den freien Fall und entdecke, welche Macht deine Gedanken haben, wenn sie die Spur wie ein Hund aufgenommen haben. Vertraue deinem Geist und Herzen, dass sie die richtigen Lösungen zur richtigen Zeit finden werden. Wenn du ihnen die Möglichkeit lässt, sich zu Wort zu melden, weil du im Geiste still geworden bist, wirst du sie hören können. Doch wenn du wie jeder andere mit Kompensationen und Ablenkungen die An-Schalter in deinem Körper nicht kurz auf Aus stellst, bleibt er mit den Ablenkungen beschäftigt. Er hat gar keine andere Wahl, als sich mit dem zu beschäftigen, womit du dich gerade beschäftigst. Er ist dir treu. Unterbrich den Strom aus ständigen Informationen, trenne jede Verbindung und gib dir die Möglichkeit, deine eigene Körperweisheit und die deines Herzens hören zu lernen.

Wenn du Bock auf richtig geiles, leckeres, aber leider viel zu kohlenhydrathaltiges oder fettiges Essen hast, dann greif zu. Scheiß auf die paar Kilos mehr. Niemanden interessiert das, nur dich – damit du dir wieder einreden kannst, dass du nur gut genug wärst, weil … In Wahrheit weißt du, welche Gedanken nützlich sind und welche nicht. Du spulst nur lieber die Anderen ab, die, die du schon Dutzende Male gedacht hast, um herauszufinden, was wohl der Grund sein könnte, dafür, dass du X nicht hast. Daran bist du gewöhnt, doch es ist nicht die Wahrheit, sondern nur eine Geschichte, die du dir erzählst.

Vergiss, was du solltest und gelernt hast, zu wollen. Wenn du lieber nur noch natürlich und clean essen willst, der ganzen Konservierungshölle entkommen möchtest, mach es einfach anders und lass die anderen mit den Augen rollen. Wenn du heulen willst, dich bemitleiden willst, mach es. Lass die Gefühle zu, die aus deinem Körper heraus wollen. Wenn sie sich schon einmal „anmelden“, dann mit Grund.

Tue nicht so, als wäre alles wunderbar und als täte nichts weh, wenn dir Menschen und Ereignisse den Boden unter den Füßen weggerissen haben. Weine und weine und lass den Schmerz der Erfahrungen aus deinem Körper entweichen. Aber sieh täglich in den Spiegel und frage dich, ob es das ist, wer du sein möchtest, wie du dich sehen willst und ob deine Tränen deine Zukunft sein sollen. Wenn du dich so nicht mehr erträgst, lass das Selbstmitleid sein, was es will. Dein wahres Ich ist etwas Anderes – wertvoller und entscheidender für deine eigene Zukunft.

Wenn du nicht an ihr arbeitest, dann arbeitet das Außen an dir – es werden Menschen sein, die dir den wenigen Respekt, den du deinem Leben gegenüber zeigst, mitten ins Gesicht drücken, ähnlich respektlos oder gar schlimmer. Auch wenn es netter dir gegenüber ist, anderen die Schuld an dem, was du verpasst hast oder was schief lief, geben zu können, weißt du genau, dass das nur die bequemere Lebensart ist: dass du hast andere entscheiden und handeln lassen, um es selbst nicht zu tun.

Wenn dir Gedanken wie „Ich bin nicht gut genug!“, „Mich will sowieso niemand.“, „Für mich gibt es keinen Platz in dieser Welt.“ oder „Niemand darf merken, wie ich wirklich bin.“ in den Kopf schießen, dann feuert nur deine Vergangenheit und das, was du gelernt hast, zu glauben. Das damalige Ziel, weswegen du dich anpassen wolltest, um doch noch X zu bekommen, liegt in der Vergangenheit. Heute, heute!, ist ein völlig neuer und anderer Tag. Sei ein Mensch. Und wenn du dafür noch einen Beweis brauchst, dann schau dir deine Hände und Füße an. Siehst du keine Strippen, dann heißt das, dass du keine Puppe bist, sondern ein Mensch. Und ganz sicher ein viel wunderbarer und wertvollerer, als es dir deine Sorgen und Ängste je sagen würden.

Wieso sollten sie auch? Sie erfüllen ihre Funktion: Und hier gilt Vorsicht. Was ist mit deiner Freude, deiner Hoffnung, deinem Optimismus? Erlaubst du ihnen auch ihre Funktionen oder willst du weiterhin auf sie einschlagen und sie ihrer Aufgaben entziehen? Gibst du den Dämonen mehr Raum, richtest du ihnen in liebevoller Hingabe ein eigenes Zimmer ein, malst die Wände schön in Schwarz und bestellst noch Geister der Vergangenheit hinzu, die dich täglich heimsuchen. Du bekommst du, was du bestellst hast. Stell dir nur einmal vor, was geschehen würde, wenn du Freude, Hoffnung, Überraschung, Glauben, Optimismus ein viel größeres Zimmer einrichten würdest – als wären sie ein Neugeborenes, herzlich empfangen und so sehnlichst gewünscht. Mensch zu sein bedeutet nicht, zu seinen Ängsten zu stehen oder sie auszuhalten. Es bedeutet vielmehr, dass du erkennst, was es neben diesem Gefühl noch alles gibt: eine Fülle an anderen Gefühlen. Gefühle, die du selbst wegen und für andere stiefmütterlich behandelt hast.

Anderen Menschen sind nicht dein Geist. Sie sagen dir nicht: „Denk jetzt das!“ Sie vermitteln dir vielleicht, was sie über dich denken. Sie kennen diese Gedanken eben, genauso wie du, weil jemand in ihrem Leben genauso über sie dachte oder sie selbst diese Gedanken über sich haben. Aber ob du das denkst oder lieber bei deinen eigenen Gedanken über dich und dein Leben bleibst, entscheidest du. Das ist die ganze Wahrheit. Und sie ist so viel einfacher als alle anderen, die dir durch die Blume vermittelt wurden.

Wenn du einmal ganz ehrlich zu dir bist, wird dir wieder einfallen, wie wenig du solche Menschen leiden kannst und wie so gar nicht du solche Menschen in deinem Leben haben willst. Der Versuch, sie doch noch zu überzeugen (vom Gegenteil), dich zu beweisen, sie dazu zu bekommen, dich wertzuschätzen und zu lieben, ist nur ein wiedergekehrter Versuch von früher, dich selbst von dir und deinem Wert zu überzeugen. In Wahrheit diskutierst du nur mit dir selbst und mit den Geistern deiner Vergangenheit.

Sei der Mann, der du sein willst. Sei die Frau, die du sein willst. Bitte niemanden um Erlaubnis, der nicht in deinen Schuhen steckt und frage denjenigen auch nicht um Rat, wenn er doch gar nicht wissen kann, was es heißt, du zu sein. Erinnere dich an dich. Komm wieder in deine Kraft.

Mach Platz für dich.

Sei der Mensch, der du wirklich bist.

 

Selbsthilfe Schreibtherapie: Ein Brief an mein jüngeres Ich

Selbsthilfe Schreibtherapie: Ein Brief an mein jüngeres Ich

 

Sich einen Brief an das jüngere Ich zu schreiben, ist ein wertvolles Tool der Selbsthilfe. Es nährt die Selbsterkenntnis, die Verarbeitung von aktuellem und noch immer präsentem Schmerz, besonders wegen Ereignissen in der Vergangenheit. Es fördert vor allem die Akzeptanz: deines Ichs und deiner Vergangenheit. Eben deshalb nennt man solche Übungen Schreibtherapie. Wissenschaftliche Erkenntnisse (Studienergebnisse) dazu findest du im Artikel Warum Schreiben das Selbstwertgefühl stärkt und Ängste lindert.

Doch heute soll es einmal nicht um die Wissenschaft dahinter gehen, sondern um die Erfahrung. Als Schreibtherapeutin gebe ich dir gern ein Beispiel aus meiner eigenen Schreibtherapie: 

 

Brief an mein jüngeres Ich

Ich schreibe dir aus der Zukunft einen Brief, der dich erleichtern und beruhigen soll.

Ich weiß, machmal lief es nicht so gut: Nicht so, wie du es dir gewünscht hattest, dass du vieles anders gewollt hast und dass du das eine oder andere Wort bereust. Was du getan und nicht getan hast, all deine ungelebten Träume: Du kannst sie nachholen. Dir bleibt genug Zeit.

Mach’ dir keine Sorgen über das, was du verloren glaubst, um Konsequenzen oder Fehler, um das, was andere bewegt. Jeder Weg, den du beschreitest, führt dich zu anderen Ecken deines Leben, wird dich Neues entdecken lassen und dir erlauben, dich noch tiefer kennenzulernen. Es werden wertvolle Erfahrungen und Lektionen sein. Wisse sie zu schätzen. Ich, heute, 10 Jahre später, muss darüber lächeln, wenn ich an all die Erlebnisse zurückdenke. Ich bin dankbar für jeden vermeintlich falschen Schritt. Ich möchte deshalb, dass du weißt, dass sich alles fügen wird.

Egal, welchen Weg du wählst, er bringt dich ans Ziel. Wir sind in meiner Zeit bereits dort angekommen und haben alles, was du noch vermisst. Du bist schon auf dem richtigen Pfad. Gehe ihn einfach unbeirrbar weiter und hab’ Vertrauen. Deine Zeit wird kommen.

Bis dahin: Bitte zweifele nicht so viel. Verschwende deine Zeit nicht an die Gedanken anderer Menschen. Bleiben werden die, die dich ohnehin schon lieben. Ich kann dir verraten, in deiner Zukunft wird es mehr davon geben. Dafür werden jene weniger, die schlechte Absichten hegen und dich benutzen. Es werden sich noch einige von dir trennen. Lass sie ziehen. Denk’ nicht darüber nach, ob es richtig ist oder falsch. Bleib’ einfach bei dir.

In ein paar Jahren wird dir eines Morgens die wichtigste Erkenntnis in den Sinn kommen. Ich hätte sie fast nicht erkannt, wäre ich nicht gezwungen gewesen, durch Krankheit und viel Negatives in unserem Leben hinzuschauen. Ich will, dass du sie bereits jetzt weißt, um dir wertvolle Zeit und viele Sorgen zu ersparen:

Wenn du erst einmal herausgefunden hast, wer du bist und wer du sein möchtest, gibt es nichts und niemanden mehr, der dich verletzen kann. Deshalb sorge gut für dich und wertschätze deine Visionen. Heilige sie, denn sie werden dich über alles Kummervolle hinwegtragen und dich selbst dann nähren, wenn du glaubst, emotional zu verhungern. Steh’ hinter dir und dem, was in dir nach Ausdruck schreit. Trenn’ dich, wenn nötig, von Menschen, die deine Ideale und Werte nicht teilen. Geh’ an jenen vorbei, die deine Träume missachten oder dich daran hindern wollen, sie zu verwirklichen. Lass dich nicht aufhalten, weil es für andere unbequem werden könnte.

Tue dir Gutes, wenn du es brauchst.

Und tue es täglich.

In Liebe,
dein 10 Jahre älteres Ich

 

Hilf dir selbst und schreibe dir einen Brief an dein jüngeres Ich

Probiere es selbst einmal aus. Du brauchst nicht viel, nur eine ruhige Umgebung, etwas Zeit, Zettel und Stift.

  • Was würdest du deinem jüngeren Ich mitteilen wollen?
  • Wovor würdest du es warnen?
  • Was würdest du aus aktueller Sicht anders machen, wenn du noch einmal die Chance dazu hättest?
  • Was bereust du, getan oder nicht getan zu haben?
  • Was hast du richtig und was falsch eingeschätzt?

Schreibe einfach drauf los. Achte weder auf Perfektion noch auf Rechtschreibung und Grammatik. Gib dich dem Flow hin und lass kommen, was raus möchte und freiwillig hochkommt.

Viel Spaß wünsche ich dir,
Janett Menzel

Janett Menzel Angst Blog