Vor einer Weile habe ich einen Brief des Autors Charles Eisenstein an sein jüngeres Ich gepostet. In dem Brief schrieb er viel über die beruflich-persönliche Barrieren und das Durchhalten und Brechen dieser, um seine wahre Berufung, seinen Weg zu finden und zu leben. „Lass dir nichts sagen!“ scheint sein Motto zu sein. Mir schrieb er aber zum damaligen Zeitpunkt schon etwas zu wenig über die Gefühlswelt von uns „großen“ Kindern, was an Kind in uns Erwachsenen erhalten geblieben ist, weiterleben will, alte Wunden hat und heilen will. Als Kind bezieht man alles, was passiert, direkt auf sich. Es ist leicht, die erwachsenen Herausforderungen und Notwendigkeiten falsch zu verstehen und sich als Schuldige/n zu sehen. Man verliert sich als Kind häufig in Illusionen wie “Wenn ich lieber bin, mag mich Papi bestimmt mehr!” “Wenn ich jetzt brav bin, ist Mama bestimmt besser drauf.” “Wenn ich mich in der Schule richtig anstrenge, mögen mich die Lehrer mehr!” Als Kind versteht man eben nicht, dass das Verhalten der Erwachsenen in seltensten Fällen etwas mit einem selbst zu tun hat.

Vieles davon trägt man ins Erwachsenenleben weiter. Vieles hindert einen später in Situationen, die ähnlich sind oder einen an früher erinnern.

  • Wie wird man die falschen Illusionen und Luftschlösser los – Träume, die man als Kind hatte, die sich nicht umsetzen lassen? (Prinzessin werden oder den Superstar heiraten, immer wichtiger sein oder das Gegenteil: immer hilfreich sein, immer Rücksicht nehmen können, immer stärker sein als andere)
  • Wie können wir verlernen, was wir uns damals als Erklärung für etwas eingeredet haben? (wenn die Eltern böse mit uns waren, wenn jemand aus der Familie einer Sucht erlegen war oder häuslich gewalttätig, wenn uns ein Elternteil nicht zu lieben vermochte, wenn uns jemand zu wenig oder gar keine Aufmerksamkeit schenken konnte/wollte, z. B. durch viel Arbeit und die Not der Finanzierung der Familie usw.)
  • Wie können wir emotionale und psychische Verletzungen durch verbale Hiebe durch unsere Eltern oder Geschwister/Familienmitglieder verzeihen?
  • Wie können wir verlernen, was uns unsere Eltern oder Geschwister/Familienmitglieder beibrachten, zum Beispiel über den Umgang mit Gefühlen, wie Beziehungen auszusehen haben, wie wir uns zu verhalten haben (und wie nicht), wann wir wertvoll wären und wann nicht, was die Gesellschaft von uns erwarten würde, wie wir unser Leben als „normaler“ Mensch zu gestalten hätten …
  • Wie können wir uns dem Hunger und Durst des inneren Kindes nach Liebe, Anerkennung, Aufmerksamkeit und Zuwendung heute als Erwachsene geben?
  • Was können wir tun, um unser inneres Kind zufriedenzustellen?

Meine Antwort ist Verständnis und Akzeptanz, Willkommenheißen und Lassen, Fördern und Verzeihen, Lehren und von ihm lernen.

Eine wunderbare Form der Wertschätzung ist eine Methode aus der Schreibtherapie: Briefeschreiben. Es erscheint vielleicht merkwürdig, dass man seinem inneren Kind, dem kleinen Knirps, der man einmal war, einen Brief widmet. Nichtsdestotrotz kann es wunderbar und hilfreich sein, sich ihm zu widmen und ein wenig Zeit damit zu verbringen. Nicht nur erlaubt es Katharsis, Einsicht in das, was war und einem geschah. Es fördert durch die Reflexion und das Selbstmitgefühl auch die eigene Heilung – das, was so viele von uns brauchen. Besonders wenn wir mit Krankheiten oder schweren Lebensläufen versehen wurden, kann es eine Akzeptanz fördern, sowohl die eigene Stimme zu einem sprechen zu lassen, als auch die, die man eigentlich die ganze Zeit hören wollen würde. Aber zu oft ist es der innere Kritiker, der diese Stimme verstummen lässt.

Das ist mein Brief an mein inneres Kind:

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Meine kleine Süße, Bockige, Lebendige, Traurige, Wissbegierige, Quirlige, Verspielte,

es wird Menschen geben, die die Welt mit anderen Augen sehen als du und dich und deine Wertvorstellungen belächeln, ablehnen und als unvernünftig hinstellen. Bleib dir trotzdem treu und halte an dem fest, was du glaubst. Du bist genauso wichtig wie sie.

Es wird Menschen geben, die mit ihren Worten und Taten in dir Hilflosigkeit und Schwäche auslösen, die mit ihrer Macht spielen und jeden Menschen – nicht nur dich – überrennen würden, um ganz vorn zu sein. Sie haben Angst, zurückzubleiben. Bleib in deiner Kraft, tritt zurück und lass sie ihren Weg gehen, auch wenn du ihn nicht verstehst.

Es wird Situationen geben, die du nicht hast kommen sehen. Gerade dann sollst du auf dich achten, zu dir stehen, dich so lieben, wie du bist und dich an deinen Wert erinnern. Alles geht vorbei, früher oder später. Jeder Gedanke zieht wieder vorüber. Kein Schmerz hält ewig.

Es wird immer – ausnahmslos immer – eine Lösung für jede Schwierigkeit geben. Auch wenn diese Lösungen nicht dem entsprechen, was du dir gewünscht hättest, so wird am Ende des Tages doch jeder haben und bekommen, was er braucht und sich verdient hat. Notfalls auch eine Lektion, an der man wächst.

Es wird Menschen geben, denen Besitz und Ansehen wichtiger ist als alles andere. Sie versuchen dich vielleicht für sich und ihre Leidenschaften zu erkaufen oder mit ihrem Besitz zu beeindrucken. Vielleicht erwarten sie auch, dass du durch ihren Besitz und ihr Image beeindruckt bist, netter zu ihnen bist – sie liebst. Entscheide selbst, ungeachtet dessen, lass ihnen ihren Weg und besinne dich auf deine Werte.

Es wird Menschen geben, die dich verlassen, auch wenn du dich nicht verändert hast oder nichts vorgefallen ist. Verzeihe ihnen und beziehe es nur auf sie und ihre Träume. Dein Wert bleibt derselbe.

Es wird Menschen geben, die dich verlassen, weil du dich änderst oder ändern willst. Verzeihe ihnen und beziehe es nur auf sie und ihre Wünsche. Dein Weg bleibt derselbe. Lass dich nicht aufhalten von den Ängsten oder Wünschen anderer Menschen. Viele Verbindungen dienen nur eine gewissen Zeit.

Es wird Menschen geben, die du durch deine Taten und Worte verletzt. Erinnere dich daran, dass diese Personen und Beziehungen lebendig sind, sie nicht nur verletzt, sondern auch wieder von ihren Verletzungen geheilt werden können. Mach den ersten Schritt.

Es wird Menschen geben, die sich weder für ihre Fehler entschuldigen, noch bedanken können. Für nichts. Für niemanden. Sie können nicht anders. Es bedeutet ihnen etwas, so zu sein und nicht anders. Es ist ihrer Form des Schutzes. Sie können keine weitere Schuld mehr tragen. Sie haben – auch wenn du es nicht sehen kannst – bereits genug auf ihren Schultern. Es bringt nichts, das Verhalten anderer infrage zu stellen. Sie werden wissen, was sie tun und wofür.

Versuche nicht den Geist anderer Personen zu verstehen, nur weil sie sich von dir abwenden. Frag dich nicht, wieso jemand etwas tut oder lässt. Dringe nicht in ihre Gedanken ein, hinterfrage nicht ihre Gefühle. Wenn sie dir etwas mitteilen wollen, werden sie es tun. Teilen sie dir nichts mit, dann weil sie es so wollen.

Versuche nie jemanden davon zu überzeugen, dass du liebeswert bist. Entweder die Person sieht es selbst und liebt dich oder sie sieht es nicht und liebt dich nicht. Deshalb traurig zu sein, verschwendet deine Zeit mit denjenigen, die dich bereitwillig und freiwillig so akzeptieren und mögen, wie du bist.

Steh immer wieder auf, wenn du hingefallen bist. Manche Steine übersieht man, manche Berge glaubt man fälschlicherweise bezwingen zu können. Schäm dich nicht für deinen Versuch. Zucke lieber mit den Achseln und finde heraus, was geschehen ist, dass es so passieren konnte. Probiere dich aus, aber gib nie auf. Mach immer weiter. Nur so erreichst du dein Ziel.

Sei gut zu dir und deinem Körper, nicht nur, wenn du krank bist. Sorge auch in gesunden Tagen für dich. Lerne das Maß aller Dinge und verletze deinen Körper niemals mutwillig. Er schenkt dir das Zuhause für dein Leben auf der Erde. Wenn dein Haus kaputt ist, wird dein Leben nicht lebenswert sein.

Versuche allen Menschen, die dich verletzt haben, einschließlich dir selbst, zu verzeihen. Sie konnten nicht anders. Sie waren in sich gefangen. Sie hatten Angst. Sie hatten einen anderen Weg vor sich. Wenn du jemanden verletzt, erkenne es und entschuldige dich, solange du noch kannst. Je befreiter du von deinem Handeln und seinen Konsequenzen bist, desto freier und unabhängiger wirst du in der Zukunft sein können.

Gehe starke Bindungen ein. Habe keine Angst davor, verletzt zu werden. Scheue dich nicht, deine Gefühle auszusprechen.

Liebe aus vollem Herzen, auch wenn es sich im Nachhinein als Fehler herausstellt. Das werden die Tage sein, an die du dich später erinnerst. So wirst du erinnert werden.

Sei bedingungslos, aber nicht naiv. Lebe durch das Herz eines Kindes, aber mit der Vernunft eines Erwachsenen. Springe herum wie ein Kind, aber verfolge dein Ziel, so wie ein Erwachsener es täte. Bewahre dir deine Leichtigkeit, deine Freude und deine Sehnsucht, aber nutze sie gezielt für das große Ganze, indem du lebst.

Bewahre immer die Interessen der Gemeinschaft. Stimmen sie mit deinen nicht mehr überein, stelle sicher, dass jemand anderes sie an deiner Stelle wahrt und gehe einen neuen Weg zu einer neuen Gemeinschaft. Bring dich mit deinen vielen Ideen und Emotionen in jede Gruppe mit ein. Gib etwas von deinem Können. Nur so beteiligst du dich am Wachstum und findest Menschen, die zu dir passen.

Zu guter Letzt:

Es wird Zeiten geben, die für das Alleinsein da sind, um dich auf dich selbst zurückzubesinnen und wieder Kraft zu tanken. Aber erinnere dich auch daran, dass der Mensch nicht für die Einsamkeit gemacht ist. Gleich, welche Gründe du haben wirst, um allein oder nicht allein zu sein: Sei dir sicher, dass du immer am richtigen Ort zur richtigen Zeit bist. Jede Situation ist wie für dich gemacht, um noch einmal mehr zu wachsen und dich verstehen zu lernen. Bringe immer Verständnis für dich auf. Das ist dein alleiniger Schutzschild in allen noch so schwierigen Zeiten. Aber wisse auch, dass jede Zeit des Kummers und Leides irgendwann dem Lebendigen in dir weichen muss. Akzeptiere den Tod, aber wähle das Leben. Nutze es so gut wie möglich, solange du am Leben bist.

Deine erwachsene Janett!

Was würdest du deinem inneren Kind sagen? Ich freue mich auf deinen Kommentar!