Ein paar Tage ist es her, dass mich ein Mann kontaktierte und Gründe für das Fremdgehen seiner Frau suchte: Was bedeutet es, wenn sie mich betrügt? Will sie nur etwas sexuell Neues ausprobieren? Steckt da mehr hinter? Wie sind deine Erfahrungswerte? Muss ich da etwas hineininterpretieren? Soll ich ihr vertrauen? Wie soll ich mich verhalten?

Er hatte sie nicht auf frischer Tat ertappt, aber war anders dahintergekommen. Wie es eben mit einem heimlichen Seitensprung so ist: Es sind immer dumme Zufälle, die es aufdecken. Dabei spielt es keine Rolle, wer wen betrügt und mit welchem Geschlecht in welchem Alter.

Er hatte – symptomatisch bei aufgeflogener Untreue – seine eigenen Gefühle und Bedürfnisse völlig aus den Augen verloren. Er stand wegen dem Seitensprung, der zu einer heimlichen Affäre geworden war, so unter Schock. Er war nur damit beschäftigt, herauszufinden, ob die Affäre bestehen bliebe, seine Partnerschaft gefährden könnte oder eben nichts zu bedeuten hätte. Er mutmaßte und interpretierte viel, zum Beispiel, dass

  • es nur sexuell wäre
  • seine Frau in ihrer Ehe etwas vermissen könnte
  • es aber auch nicht an ihm liegen könnte
  • seine Frau dazu ermuntert worden sei, sie den sexuellen Kontakt und die nun heimliche Beziehung aber eigentlich gar nicht gewollt hätte, also die Geliebte „schuldig“ sei
  • der bestehende Altersunterschied etwas heißen könnte
  • er selbst – wenn es nur etwas Sexuelles war – Verständnis haben sollte
  • er nicht wusste, ob dies eine Konkurrenzsituation war (und er sich bedroht fühlen sollte).

Und doch beunruhigte es ich ihn massiv. Er spürte seine Verlustangst wie eine Walze, die immer näher rückte und war mit den Gefühlen der Hilflosigkeit und des Kontrollverlusts gänzlich überfordert. Er konnte nichts tun, außer seiner Frau ihre wenigen Worte glauben zu wollen:

 

„Es ist einfach so passiert. Aber es hat nichts zu bedeuten!“

Doch „glauben“ fiel ihm verständlicherweise sehr schwer.

Kann man so einen Ausspruch überhaupt glauben? Kann man annehmen, dass Untreue und besonders mehrfaches Fremdgehen unabsichtlich und bedeutungslos geschehen kann, vor allem sich „einfach so“ zu einer heimlichen Beziehung oder heimlichen Affäre auswachsen kann?

Die Detektei A Plus listete vor einigen Jahren 55 Gründe und Begründungen, weshalb Frauen und Männer fremdgehen. Was den Mann anging, dessen Ehefrau mit einer Frau fremdging, so rangiert der Wunsch nach gleichgeschlechtlichen Erfahrungen auf Platz 19.

Die restliche Liste enthält Fremdgehgründe, bei denen der eine oder andere sicher die Stirn runzelt:

  • Ich wurde so umschwärmt und habe schlussendlich nachgegeben.
  • Ich wurde überrumpelt. Ich konnte nichts dagegen tun.
  • Mein Sextrieb ist einfach sehr groß. Ich war gerade scharf. Meine Hormone waren völlig außer Kontrolle.
  • Ich wollte nichts verpassen. Ich bin doch noch so jung! Ich muss mein Leben leben.
  • Ich war total betrunken und wusste nicht, was ich tat.
  • Die Gelegenheit bot sich einfach und ich habe sie ergriffen.
  • Ich brauchte mal wieder Abwechslung.
  • Untreue gibt mir ein gutes Selbstwertgefühl und stärkt vor allem mein Selbstbewusstsein.
  • Mein Partner hat stark zugenommen und ist nicht mehr attraktiv für mich.
  • Ich wollte einfach meinen Marktwert testen, schauen, ob ich noch jemanden abkriege.
  • Es ging mir bloß um Spaß.
  • Ich wollte mit der Untreue einen ganz besonderen Anlass zelebrieren.
  • Ich wollte mich durch die Untreue und den Sex bei demjenigen bedanken.
  • Ich wollte eine Beförderung und versprach mir berufliche Vorteile dadurch.
  • Es war ein Aufnahmeritual.
  • Ich will reich und berühmt werden und dachte, so ginge es schneller.
  • Durch den Seitensprung glaubte ich, meinen Partner eher schätzen zu lernen.
  • Mein Partner ist beruflich viel unterwegs und oft weit von mir entfernt. Ich konnte und wollte nicht warten, bis mein Partner zurückkommt.
  • Es ist einfach passiert. Ich bin doch auch nur ein Mann.

Ich bin willenlos geworden. Ich wollte mir nicht sagen lassen, was ich erleben darf und was nicht. Ich wollte mich nicht schon wieder kontrollieren. Man muss nehmen, was man bekommt. Langeweile bestimmt meine eigentliche Beziehung. Ich war es leid. Mein Selbstwert und –bewusstsein ist schon allgemein schlecht. Ich dachte, jemand anderes konnte mir ein besseres Gefühl geben. Mein Partner gefällt mir nicht mehr. Ich wollte mich belohnen und wertschätzen. Ich schätze meinen Partner auch nicht mehr. Er ist mir fast egal geworden. Aber das alles liegt nicht an mir persönlich. Ich konnte nicht anders.

meine-frau-betruegt-mich-mit-einer-anderen-frauDie Psychodramatherapeutin Maja Storch, gleichzeitig Autorin des Bestsellers Die Sehnsucht der starken Frau nach dem starken Mann, begründet solche „Ausbrüche“ und plötzliche Härte, Einforderung der Bedürfnisse und ihrer Befriedigung mit dem menschlichen Schatten. Das Wort Schatten stammt von C. G. Jung, Sigmund Freuds Schüler, zudem Vater der Analytischen Psychologie, der ebenso die Tiefenpsychologie weiterentwickelte. Unter Schatten verstehen wir das Unbewusste, Verdrängte und Verbotene, das, was in uns allen schlummert – und irgendwann seinen Weg nach oben sucht. Das Unbewusste ist eine Macht, die als gefährlich empfunden wird, weswegen bestimmte Eigenschaften im Unbewussten auch in den Schatten verbannt werden.

Doch es gibt einen teuflischen Teil in uns, der den Ausbruch plant. Sie schreibt, dass in jedem Feuerwehrmann ein Brandstifter stecke. „Im Schatten … finden sich diejenigen Persönlichkeitsanteile, die im Laufe des Heranwachsens verdrängt oder abgespaltet wurden, weil sie in dem Umfeld, in dem der betreffende Mensch aufwuchs, nicht erwünscht waren. Ein Mensch, der dazu erzogen wurde, immer fleißig und pflichtbewusst seine Arbeit zu erfüllen, hat im Schatten einen pflichtvergessenen Faulenzer.“ (2000, S. 33)

Wie wir sehen, hat das Schattenthema gar nichts mit Geschlecht zu tun. Männer und Frauen verdrängen einige ihrer Seiten. Das alte Klischee, dass die Frauen wegen dem männlichen Sextrieb die betrogenen und leidigen Wesen seien, sind ohnehin lang überholt. Denn auch Frauen haben die obigen Gründe angeführt, um sich für ihren Seitensprung zu rechtfertigen.

Lässt der Schatten die vorhandene Liebe zum Partner und zur Familie schwinden? Oder stellt sich plötzlich das so hochgelobte Thema Selbstliebe von allein ein? Fehlte die Liebe zu sich selbst vorher ganz?

 

Fremdgehen, um sich wieder zu spüren und zu erfahren

Bei den oben genannten Gründen scheint es eher um den Menschen, statt um die Umstände innerhalb der Partnerschaft und die Schwierigkeiten damit zu gehen. Die Ursachen winken bereits mit einem Mangel oder aber sprechen davon, dass Mangel befürchtet, aber Fülle erwünscht ist. Interessant finde ich vor allem, dass sich die Menschen scheinbar in einer Rolle verloren haben, welche gründe gibt es für fremdgehendie sie durch Fremdgehen wieder korrigieren wollen. Als hätten sie den Kontakt zu sich und ihren Wünschen verloren, gehen sie absichtlich einen Schritt, der den Partner oder die Partnerin verletzen wird, dafür aber vermeintlich richtig für sie sei.

Man liest die Lust auf Veränderung, sich körperlich (neu und wieder) erfahren zu wollen, Angst vorm Alleinsein, Begehrtwerden in Form einer wohl dringend nötigen Anerkennung als Frau oder als Mann mit Bedürfnissen, aber auch sich selbst wieder als Frau und als Mann zu erleben, mit Bedürfnissen, die gesehen und erfüllt, statt eingeklagt werden zu wollen.

Auch der starke Drang nach Selbsterfahrung im Sinne von Grenzerfahrungen und Selbstverwirklichung sticht hervor, als Form der verbotenen Frucht und Belohnung, gleichwohl aber auch als Instrument für eigene Kontrolle über sein Leben. Haben sie ihr Gefühl für sich an jemand anderen abgegeben oder sich im Alltag aus den Augen verloren? Schwingt da eine leise, aber dennoch hörbare Beschuldigung des Partners an dem eigenen Leid und der Farblosigkeit des Lebens mit?

 

„Ich wollte nicht fremdgehen! Das hätte alles nicht geschehen müssen! Aber mein Partner…“

Besonders interessant erscheinen mir die restlichen Begründungen, die allesamt eine Unzufriedenheit, Überdruss und Angst in Bezug auf die Partnerschaft zeigen:

  • In der Beziehung hatte es gekriselt.
  • Der Sex und die Lust waren mit der Zeit abgeklungen.
  • Ständige Streitigkeiten belasten die Partnerschaft.
  • Man war sich nicht sicher, ob der Partner wirklich der Richtige war.
  • Man war sexuell unzufrieden mit dem partnerschaftlichen Sexleben, wollte neue Techniken und neue Partner ausprobieren.
  • Man wollte mal etwas Neues im Bett (mit jemand anderem) ausprobieren.
  • Die Frau oder der Mann hatte keinerlei Lust mehr auf Sex. (Die genauen Worte waren hier interessanterweise „frigide“ und „impotent“ geworden, was sehr viel Wut zeigte.)
  • Man empfand Monogamie als überholt und unangemessen.
  • Der Partner war selbst fremdgegangen.
  • Man wollte sich an der Untreue des Partners rächen.
  • Man fühlte sich einsam.
  • Die Beziehung (und rückschließend) das eigene Leben war farblos geworden.
  • Man kannte den Partner schon in- und auswendig. Es gab nichts mehr zu entdecken. Man hätte nur einen Ausweg gesucht.
  • Man brauchte einen Grund, um seine Beziehung zu beenden.
  • Der Partner hätte keine Aufmerksamkeit mehr geschenkt. Durch das Fremdgehen wollte man sich die wiederholen oder dem Partner auf seinen Wert hinweisen.
  • Man wollte nicht selbstverständlich sein.

gibt-es-wege-aus-der-depressionIch frage mich, ob es Gespräche gegeben hatte, um den Partner auf seine Unzufriedenheit hinzuweisen. Weshalb bleiben Menschen in unzufriedenen Beziehungen statt sich zu trennen? Weshalb erträgt man und schweigt, statt zu sprechen und zu handeln? Anscheinend hatte es auch Menschen gegeben, die nur fremdgegangen waren, weil sie selbst durch die Untreue des Partners noch zutiefst verletzt waren.

Verletzen Menschen lieber heimlich, als offen über ihre Wunden zu sprechen und ihnen die Bedeutung zu geben, die sie haben? Ich meine in etlichen Gesprächen rund um das Thema heimliche Affären ein leises “Ich bin mir selbst fremd geworden und habe mich selbst betrogen.” gehört zu haben. Damit wäre die Untreue ein Ausdruck der verletzenden Untreue sich selbst gegenüber.

Oder ist es beängstigend, seine wahren Gefühle und Bedürfnisse auszusprechen, besonders die, die mit „Schwäche“ besetzt sind? Doch weshalb wollten diese Menschen unbedingt vor ihren Partnern ihr wahres Gesicht verbergen? Und wenn ja, wozu? Meinten sie, die Partner würden sich dann trennen, wenn die Rollen innerhalb der Partnerschaft nur noch für einen von beiden in Ordnung waren?

 

Beziehungsidentität und dein wahres Gesicht

Denn auch das Ablegen der Partnerschafts-Rolle – das, was man in der Beziehung mimt oder zu sein hat, um Harmonie aufrechtzuerhalten – findet sich fremdgehen als suche nach sich selbstals Ursache. Einer gab als Grund an, er hätte degradiert und benutzt werden wollen, was u. a. zeigen könnte, dass er in der Beziehung der Starke zu sein hatte: eine Rolle, der er entkommen wollte.

Ich finde es sehr spannend, dass es anscheinend viele Menschen gibt, die ihre Eigenwirksamkeit und ihre Handlungskompetenz aus den Augen verlieren. Viele der Punkte schreien förmlich danach, dass man dem Partner die Schuld, Verantwortung und Pflicht gibt, die man sich selbst gegenüber trägt.

Ist Trennung eigentlich aus der Mode gekommen? Ist die heimliche Geliebte oder der Geliebte die Lösung für alle Beziehungsprobleme? Wie passt die Generation SINGLE da rein und vor allem: Weshalb fällt es Menschen so schwer, sich zu trennen, aber leicht, fremdzugehen?

  • „Was hätte ich sonst tun sollen?“
  • „Die Enge in der Partnerschaft wurde so belastend, dass das Fremdgehen eine Art Flucht und Ausbruch war.“

Maja Storch schreibt passend dazu, ein Rollenspielender „lebt im ständigen Bemühen, sich dem … gesetzten Rahmen anzupassen. [Er] muss in der Rolle zwar vieles erdulden, aber … [sein] Gewinn ist die Reinheit und die Unschuld. Die Schuld für alles, was schief läuft, haben dann immer die anderen.“ (2000, S. 66)

Ich erinnere mich an einen anderen Mann, der ebenfalls fremdging. Als ich ihn fragte, wieso er seine Partnerin nicht einfach verließe, wenn er sich so unwohl mit ihr fühlen würde, meinte er: “Ich will einfach nicht schuld sein.”

Man könnte meinen, dass Untreue eine Strategie gegen Angst vor Selbstverlust und Trennung sei.

 

Plötzlich Liebe – Wenn aus einem Seitensprung mehr wird

Einige Gründe für Untreue zeigten zum Glück noch das romantische Hollywood-Ideal: Man trifft sich, es knistert, lernt sich näher kennen, landet im Bett – und bevor man sich versieht, hat man sich verliebt. Auch die unwiderstehliche Anziehungskraft des neuen Menschen wurde genannt.

Bei den Eigenschaften, die am attraktivsten wirkten, standen Intelligenz, körperliche Schönheit und entgegengesetzte Charaktermerkmale zum eigentlichen Partner übrigens ganz weit oben. Aber haben sie sich deshalb vom eigentlichen Partner getrennt?

Wir werden es nie erfahren.

 

Das könnte dich auch interessieren: