Über die Angst vor Nähe und Verlust gibt es einen treffenden Spruch: “Gefühle sind auch nur noch etwas für die ganz Mutigen!” Das Thema Bindungsangst bzw. Beziehungsangst und Angst vor Nähe spricht meist von Menschen, die emotional nicht verfügbar sind. Sie sind zwar auf Partnersuche oder in einer Beziehung, aber verspüren oft und schnell den Drang, sich wieder zu distanzieren. Gefühle zu zeigen ist für sie schwer. Sie leiden an und unter ihrer Nähe-Distanz-Problematik, einer geballten Verlustangst, die hochkommt, wenn es viel Nähe gegeben hat oder Nähe verlangt/erwartet wird. In solchen Momenten neigen sie als Schutzmechanismus zu Trennungen oder Kontrollsucht. Das liegt an ihrer Unsicherheit im Umgang mit Gefühlen. Denn Liebe und Beziehung wird von ihnen oft gleichgesetzt mit emotionaler Unsicherheit, der Angst, nicht zu genügen, der Angst, etwas zu müssen (z. B. den Erwartungen der Partner zu entsprechen, sonst …) und vor allem der Angst, verlassen zu werden.

 

Angst vor Nähe: Liebe und Kummer, Verlust und Angst

Wenn man beziehungsängstlich ist, besondere Herausforderungen mit Nähe hat, liegt es immer an dem, was man mit Nähe in Verbindung bringt, was man gelernt hat, was Nähe einem abverlangt oder nach sich zieht.

Vorab: Man ist nicht beziehungsängstlich, wenn man bei folgenden Fragen mit JA antworten kann:

  • Kannst du deine Gefühle zeigen und zulassen?
  • Bist du fähig, dich fallen zu lassen, dich einzulassen, dir selbst Gefühle zu erlauben (Wut, offene Traurigkeit, Angst), deine Gefühle auszuhalten, dich jemandem anzuvertrauen, jemandem zu vertrauen?
  • Traust du dir selbst etwas zu? Hast du ein gutes Grundgefühl bei der Welt, Menschen, der Liebe und Beziehungen (aller Art)?
  • Übertrifft dein Gefühl der Geborgenheit bei Nähe die eventuelle Angst, einen neuen Schmerz zu erleiden? Glaubst du trotz negativer Erfahrungen an die Liebe und das Gute in Partnerschaften?

Angst vor Nähe trifft oft frauenMenschen ohne Bindungs- bzw. Beziehungsangst sind in der Lage, an sich, das Gelingen einer Partnerschaft und an die Liebe zu glauben. Sie bringen ein (beinahe unkaputtbares) Urvertrauen mit, wohingegen bindungsängstlichen Menschen dieses Vertrauen fehlt. Sie stehen für Leistung, Perfektionismus, Charme und Anziehungskraft trotz tiefsitzender, meist nicht sichtbarer oder verleugneter Angst. Sie verstecken ihre Unsicherheiten gut, aber haben Schwierigkeiten damit, in Beziehung zu sein und in Beziehung zu bleiben; auftretende Beziehungsprobleme sind für sie ein Signal, dass es eben nicht funktionieren kann. Jede Nähe-Distanz empfinden sie wie eine Walze, die durch ihr Leben rollt … und alles aus dem Lot bringt.

Beziehungen bringen eine neue Unsicherheit mit sich oder gefährden das Leben, wie es gerade ist. Sie halten stattdessen an dem fest, was sie sich aufgebaut haben. Es gibt ihnen Halt. Das können Tiere, Freunde, Familienmitglieder, der Job, die Karriere, Geld usw. sein. Sie suchen daher vor und in einer Beziehung Schutz vor möglichen Unsicherheiten (aka Verletzungen ihres Herzens und Lebens), in dem sie

  • fremdgehen
  • sich immer wieder akut zurückziehen
  • oder kurzzeitig trennen (für eine On-Off-Beziehung, Affäre oder Seitensprung statt Partnerschaft entscheiden)
  • Kontrolle ausüben, um die Bedürfnisse/den Erwartungsdruck des Partners gering zu halten
  • manipulieren.

Menschen mit dieser Form der Beziehungsangst haben EIGENTLICH Angst, nicht liebenswert (genug) zu sein, verletzt zu werden (und erkannt, so, wie sie wirklich sind) und deshalb Trennungen/Verluste zu erleiden. Gleichzeitig haben sie eine Selbstverlustangst. (Sie haben sich ihr Leben oft sehr gut eingerichtet.)

Die Psychologie geht davon aus, dass sie zumeist von ihren Eltern, einem früherem Partner oder anderen Beziehungen gelernt haben,  (oft in Kombination), dass Bindungen nicht stabil seien, emotionale Sicherheit nicht andauern würde oder nur mit großen Opfern auf ihrer Seite aufrechterhalten bleiben könnten. Sie nehmen an, eine Beziehung würde entweder nach einer gewissen Zeit zu Bruch gehen  (wegen ihnen oder dem Partner). Oder sie meinen, dass sie weder lieben könnten noch liebenswert seien.

Ich hatte diese Angst selbst jahrelang (ohne es zu wissen, war ich der leidende Teil der aktiv-passiven Angstpartnerschaften): Daher bitte ich alle betroffene Partner*innen zu verstehen, dass auch “WIR” uns eine gute und harmonische Beziehung wünschen. Es hapert nur – je nach Erfahrungen – an den bestärkenden Erlebnissen. (Wenn wir sie nicht zulassen, können wir sie auch nicht erfahren, aber viele merken das erst später, wenn sie selbst unter ihrer Näheangst leiden.) Sie suchen eine liebebasierte Beziehung (Liebe hier als individuelle Definition) meist etliche Jahre lang nach einem Partner und erleben (wegen ihrer Einstellungen und den Menschen, die sie anziehen) die immer selben Erfahrungen:

Sie werden enttäuscht oder enttäuschen selbst. (Man kann auch sagen: Entweder sie sind in den Augen des Partners nicht genug oder der Partner ist in ihren Augen noch gut genug.) Dabei werten sie oft bei ihrer Partnersuche den Menschen ab, der ihnen Gefühle zeigt. (Ein zwiespältiger Glaubenssatz, der mich selbst jahrelang bewegte: Entweder sie verletzen oder sie werden verletzt.) Auf der Suche nach Antworten, weshalb es ihnen so schwerfällt, sich auf jemandem einzulassen, verharren sie entweder dabei, den anderen zum Problem zu machen und ihm/ihr die Schuld zuzuweisen. Viele kennen ihr eigenes Problem jedoch sehr genau: Sie können nur schwer lieben und sich lieben lassen, weil sie Bindungsbrüche erlebten, die ihnen signalisierten, dass Beziehungen unsicher sind, sie selbst (vielleicht) nicht liebenswert seien über längere Zeit (und der andere auch nicht, immerhin hat er den Beziehungsängstlichen verletzt).

 

Lieben und Lieben lassen fällt Menschen mit Angst vor Nähe schwer

Annehmen zu können als Teilelement des Liebens ist genauso essenziell, wie die eigene Fähigkeit, Liebe zu geben und sie auszudrücken:

  • sich Gefühle weder selbst zu verbieten noch verbieten zu lassen
  • alle Gefühle (besonders die negativen) klar zu benennen, nachdem man sie in der Fülle gefühlt hat
  • sagen zu können, dass man liebt und ohne Angst vor Nähe oder Angst vor Trennung/Abweisung dazu zu stehen
  • zeigen zu können, dass man jemanden liebt.

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Menschen, die an Beziehungsangst im Sinne der Angst vor Nähe und Distanz leiden, sind emotional nicht verfügbar, da sie ihre Gefühle weder spüren noch zur Verfügung stellen möchten.

Auch wenn die Angst vor Enttäuschung dieser Gefühle mitschwingt oder der andere weniger gut im Umgang mit seinen Gefühlen ist.

Menschen mit Angst vor Nähe und Bindungsangst haben Schwierigkeiten, sich auf sich selbst (und der eigenen Gefühlswelt in ihnen) einzulassen und sich zu erlauben, ihre Gefühle auszuhalten, sich selbst zu trauen, neu zu glauben und anderen Menschen zu vertrauen. Bei vielen zeigt sich neben der “normalen” Verlustangst, der Angst, verlassen zu werden, auch Trennungsangst, die Angst, sich zu trennen (und den anderen zu verletzen, schuld sein oder das Gefühl geben zu müssen, dass er “nicht gereicht hat/nicht reicht” – so, wie sich viele von ihnen selbst fühlen).

Die meisten Menschen, die an Beziehungsangst, an Angst vor Nähe und Distanz leiden, sind emotional nicht verfügbar, da sie ihre Gefühle weder spüren noch spüren und offenbaren wollen. Sie fürchten sich davor, dass ihnen ein erneut schmerzhaftes Erlebnis bevorsteht, wenn sie sich auf eine Beziehung einlassen. Beziehungen, die Jahre anhalten, sind meinen Erfahrungen und den Antworten meiner Klientinnen und Klienten nach am schlimmsten: Denn je länger eine Beziehung dauert, desto schwerer fällt es, sich emotional von dem Menschen zu lösen. Und so gerät Partnerschaft und Liebe mit Trennung und Verlust, Schmerz, Fremdbestimmung und Verlassensgefühle in Verbindung. Viele brechen, wenn die Angst zu stark wird, auf ihre eigene Art aus, durch viel Arbeit oder Ablenkung wie Sport, Drogen oder heimlichen Affären. Sie brechen Streitigkeiten vom Zaun oder werden immer stiller und ziehen sich in sich zurück.

Doch sie wollen selten jemanden genauso verletzen, wie sie verletzt wurden. Daher neigen sie weniger dazu, in langjährigen Beziehungen einen Schlussstrich zu ziehen, wenn sie schon so weit gekommen sind. Viele lassen das den Partner/die Partnerin erledigen. Sie wollen nicht schuldig sein und auch nicht dasselbe Schmerzvolle und Enttäuschende weitergeben, was sie selbst erlebten. Hat man Trennungsangst, so ist oft das Gefühl der SCHULD schuld, was vermieden werden soll. Sei es die Schuld des Partners oder die eigene, denn Schuld will getragen werden und wiegt schwer. Geht also ein Mensch mit Angst vor Nähe und Trennung eine Partnerschaft ein, so dauert sie entweder nur kurz oder aber er sorgt dafür, dass er sich Möglichkeiten für den Ausbruch, die Flucht offen hält: Verhältnismäßig oft sind das heimliche Affären, regelmäßiges Fremdgehen und innere Resignation, passive Aggression und die Nicht-Erreichbarkeit als Mensch, Mann/Frau usw. für den jeweiligen Partner.

 

Unsichere Gefühle: Beziehungen in Angst

Splittet man Beziehungsängste auf, so bleibt zum einen Beziehung und zum zweiten Angst übrig. Doch dazwischen liegt ein kleines, unsichtbares Wort, das dem Phänomen der Bindungsangst seine Dimension verleiht: in. Es ist das Wort “in”, was die Problematik erweitert. Menschen mit Beziehungsangst haben auch oder vorwiegend in Beziehungen Angst und Angst davor, Angst zu haben. Statt diese Angst in der Partnerschaft Tag für Tag aushalten zu müssen, entwickeln sie lieber vor der Beziehung Angst, also noch bevor die Beziehung zu einer festen Partnerschaft wird.

SplitShire_9993Hier zeigen sich die Angst, nicht geliebt zu werden, wegen stiller Glaubensmuster,  z. B. nicht liebenswert zu sein, nicht zu genügen, nicht lieben zu können, Nähe und Liebe nicht verdient zu haben. Es erinnert viele an das Trennungsangstgefühl eines Kleinkindes von seinen Eltern, eine Todesangst, und genau daher rührt auch die Bindungsangst.

Es ist ein hilfloses, kindliches Gefühl, was an das “Ich habe etwas falsch gemacht“-Gefühl in der Kindheit und Jugend erinnert, wiederum in Verbindung mit Verlassen-Werden. Angst galt auch damals in der Kindheit und Jugend schon als Motivation und Angst begleitet uns nicht umsonst bis ins Erwachsenenalter, besonders wenn es um Liebe und Anerkennung/Akzeptanz geht. Als Strafe galt auch in jenen Tagen Distanz, Abwendung, Entzug von Liebe und Zuwendung durch die Eltern, Stubenarrest und Sanktionen wie gestrichenes Taschengeld. Wir haben gelernt, dass wir für unsere Fehler bezahlen müssen. Das spiegelt sich gerne im Erwachsenenalter in vielen Situationen wider, in denen uns Fremdansprüche am Erfüllen der eigenen Bedürfnisse hindern.

Ist die Angst vor Selbstverlust oder Einengung, mangelnder Freiheit oder Verlust groß genug, wird es schwierig zwischen zwei Menschen. Die Beziehung zu beenden, bevor es zu tief geht, erscheint vielen Ängstlichen deshalb leichter. Bei Frauen (ich selbst kenne das zu gut) wurde in der Psychologie sogar beobachtet, dass sie einen veränderten Geruch der Männer wahrnehmen. Dieser Geruch ist dann modrig-alt, während es bei Männern ein verändertes Aussehen der PartnerIn ist. Sie erscheinen plötzlich monstergleich, unsymmetrisch und die kleinsten negativen Seiten wirken abstoßend (das Gefühl Ekel soll für Distanz sorgen), klein und ungenügend. Meine Erfahrungen zeigen, dass wiederum die Situation für den jeweils anderen Partner genauso schwer zu ertragen ist, sodass es von beiden Partnern aus zu Trennungen kommen kann.

Beispiele für Angst vor Nähe

Wenn man nach einem Date am Abschluss des Abends dem Mann/der Frau gegenüberstehst oder sitzt, mit diesem handlungsvollen Druck in der Luft, sich jetzt küssen zu müssen: Irgendwie will man es, aber da ist diese andere Seite, die nur wegrennen will. Raus aus dem Auto oder rein in seine gewohnte Umgebung. Vollkommen überfordert zu sein, seine Gefühle schwer aushalten können und gar nicht zeigen wollen, dass man den Gegenüber wirklich mag.

Aber auch genau das Gegenteil kann eine tiefsitzende Angst vor wahrer Nähe, wahrer Intimität (nicht zwangsweise Sexualität oder körperliche Nähe) anzeigen. Wenn also jemand auf einen zustürmt, einen anfangs mit Charme und Aufmerksamkeit überhäuft, unbedingt “haben” will, um sich dann bei Erfolg ruckartig zurückzuziehen, deutet das ebenfalls auf eine Nähe-Distanz-Problematik hin.

Andere Merkmale von Bindungsangst in Bezug zu Nähe sind, wenn:

  • sich Menschen ad hoc nach ersten Annäherungen zurückziehen (als scheinen sie es sich anders überlegt zu haben),
  • sie Sätze wie die Folgenden sagen:
    • Ich will unabhängig sein, frei sein und mich auf niemanden einlassen.
    • Ich will nichts Festes.
    • Ich will mich nicht nach jemandem richten.
    • Ich will mein Leben allein bestimmen.
    • Ich kann dir nicht geben, was du dir wünscht.
  • sie beim Aufwallen von tieferen Gefühlen (eigene und fremde) in eine Starre oder panikartige Verfassung fallen,
  • sie dich abweisen und Ausflüchte finden (mitunter auch lautstark oder emotional geladen),
  • einen Menschen trotz Gefühle abweisen,
  • sie ihre negativen Beziehungserfahrungen auf andere “schieben” (Angst projizieren)
  • sie Gefühle provozieren, um eine gewisse Sicherheit erahnen zu können
  • sich stets rückzuversichern, dass der Partner noch Gefühle hat (durch gespielte Dramen, On-Off-Dynamiken, Eifersucht, Neid, “Jetzt-oder-nie”-Attitüden)
  • sich beim Sex nicht fallen zu lassen (Sex wirkt wie Arbeit)
  • nur Sexkontakte wollen
  • immer Sexy Talk zu brauchen
  • in der Beziehung immer in der “Macht”position sein zu wollen
  • eine klare Abfolge von gemeinsamer Zeit in petto haben müssen
  • bestimmen/kontrollieren, wie Treffen/die Beziehung ablaufen soll/muss
  • Angst vor dem Zusammenziehen oder Urlaube, Freunde kennenlernen
  • Makelhaftigkeit/pingelig sein (in der Wohnung oder am Partner/in Fehler suchen oder “herumbessern”)
  • mangelnder Status oder geringeres Ansehen des Partners bemängeln
  • usw.

All das sind Signale. Das Ziel eines Menschen mit Beziehungsangst ist es, eine gewisse Kontrolle, die der eigenen Sicherheit dient, aufrechtzuerhalten. Geht diese vermeintliche Kontrolle und Sicherheit “scheinbar” verloren, beginnt ein fürchterlicher Sturm. Sofort gehen alle Alarmlampen an und das Gehirn meldet eine anrollende Verletzung, wie eine Lawine. Aber auch die Angst, sich selbst zu verlieren, zu viel opfern zu müssen oder sich in dem anderen Menschen zu sehr zu verstricken, sodass man sein eigenes Leben nicht mehr so leben kann, wie man es möchte, sich nicht mehr spürt, nur noch nach den Erwartungen und unter dem Druck des anderen zu leben, ist dabei präsent. Für Menschen mit Beziehungsangst ist das der blanke Horror; ihre Angst ist gleichzeitig eine Schutzmaßnahme. Erstens konzentrieren sich ihre eigenen Gefühle meist so heftig auf den anderen, sodass nicht nur ihre Erwartungsangst hervorgerufen werden kann: Die eigenen Erwartungen könnten nicht erfüllt werden und auch die Erwartungen des Partners könnten sie enttäuschen.

 

Perfektion aus Notausgang: Lieber Trennung(skummer), als Liebe(skummer)

Lieben bedeutet, ALLES an seinem Partner zu akzeptieren bzw. wenigstens einen Umgang damit zu ermöglichen. Heutzutage allerdings befinden wir uns einer optionalen Partnerwelt. Mehr Menschen denn je sind Single und die Partnerbörsen machen nicht umsonst so eine Heidenasche mit der Vermittlung von Beziehungen, in denen sich hoffentlich Liebe findet. Eine gesunde Beziehung fußt vor allem auf Willen (Bereitschaft zur Liebe und Partnerschaft) und Annahme (der Höhen und Tiefen des Partners/der Beziehung und seine eigenen).

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Lieben bedeutet, alles an seinem Partner zu akzeptieren bzw. wenigstens mit den Ecken und Kanten umgehen zu lernen.

Natürlich kann man nicht alles mögen, was der Partner an sich hat, aber hier ist das stereotype Ideal des Perfekten gemeint. Entspricht es nicht oder nicht länger den (absichtlich) perfekten Ansprüchen, geraten viele Menschen heutzutage leicht ins Grübeln und wechseln ihre Partner nach Lust und Laune oder mahnen solange zur Änderung, bis die Beziehung unerträglich wird. Liebe als Gefühl verbindet jedoch statt zu trennen. Aber Angst vor Nähe (und übermenschlicher Perfektionismus ist ein Signal dafür) trennt per se. Wie soll man lieben oder sich lieben lassen, wenn man Liebe verbietet, sie als Bedrohung sieht, sich selbst weniger oder gar nicht liebt, den anderen nur zu Bedingungen oder jemandem verbietet, einen zu lieben, sich lieben zu lassen?

Des Weiteren ist die geforderte Perfektion des bindungsängstlichen Menschen ein Signal für seinen eigenen Schatten: Er weiß um seine mangelnde Perfektion, um seine Fehler und Macken und mutet sie sozusagen niemandem zu, will sich aber auch nicht zu erkennen geben (sonst könnte er schuld daran sein, dass getrennt von Liebe lebt). Hinter diesem scheinbaren Gefallen steckt allerdings wiederum die Angst vor Trennung und Verlust. Stattdessen hört/spricht man häufig Sätze wie:

  • “Es hat nichts mit dir zu tun!”
  • “Es liegt an mir.”
  • “Ich habe dich nicht verdient.”
  • “Lass uns Freunde bleiben.”
  • “Wenn du mich lieben würdest, dann würdest du xyz tun!”
  • “Ich habe dir von Anfang an gesagt, dass ich keine Beziehung will!”
  • “Ich bin nun einmal so.”
  • “Ich kann nicht aus meiner Haut.”
  • “Ich bin (noch) nicht bereit.”
  • “Ich habe gerade erst eine Trennung hinter mir.”
  • “Sei nicht so.”
  • “Wenn du anders wärst (nicht x und y), dann würde die Sache anders aussehen, aber so …!”

 

Was kann man nun gegen die Beziehungsangst und Bindungangst seines Partners/seiner Partnerin tun? Wie kann man den Prozess des Neu-Vertrauens unterstützen?

Ich denke nicht, dass Beziehungsangst ein emotionales Störungsbild im Sinne einer “Krankheit” ist. Das hatte ich bereits im Teil 1 – Beziehungsangst und Merkmale von emotional nicht verfügbaren Menschen geschrieben. Meist ist es unsere Angst, nicht gesehen zu werden, vergessen zu werden, nicht geliebt zu werden einfach nur menschlich. (Natürlich gibt es Menschen, die wirklich zu wenig lieben, einfach nur eine Beziehung “haben” wollen, um eine zu haben und nicht allein zu sein. Es gibt auch Partner, die Liebe nicht zeigen können.) Wir sind mit dem Vergeben von Stempeln, die in “guten” und “schlechten” Töpfen einordnen sollen, heute zu schnell. Die Angst, die vor, in und nach Beziehungen vorhanden sein kann, lässt sich ändern. Falls du einen bindungsängstlichen Partner hast oder dein Herzenspartner keine Beziehung aufgrund seiner Angst mit dir will, gibt es einige Hebel, die du in dir und an ihm betätigen kannst – ganz ohne jegliche Manipulation.

Es ist außerdem die “Arbeit” an den eigenen Gefühlen, die man lernen kann, auszuhalten. Sich selbst eine neue Chance zu geben, sowie dem bindungsängstlichen Partner (falls er offen für seine eigene Heilung ist), wäre ein wunderbarer Anfang für etwas, was durchaus schön und beiderseitig zufriedenstellend sein könnte. Was man natürlich nur herausfinden kann, wenn man es versucht und sich traut.

Wie empfindest du Angst vor Nähe? Bist du mit jemandem zusammen (oder wärst es gern), den diese Angst betrifft oder leidest gar unter der Angst vor Nähe eines Menschen, dem du gern nah sein würdest?

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Dieser Blogpost ist ein kurzer Auszug aus meinen Buch “Du liebst mich, oder doch nicht? Wie Frauen mit beziehungsängstlichen Partner wirklich umgehen sollten – ohne Manipulieren und Leiden”. Lust auf eine Leseprobe? >>

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