Es ist eine gute Sache, eine Meinung zu haben. Noch besser ist es, wenn man sich bewusst aus vielen verschiedenen eine eigene Meinung bildet bzw. sich das zu trauen und diese auch noch auszusprechen. Meinungen helfen uns, Zugehörigkeit zu empfinden. Sie geben uns Halt, denn sie ordnen uns in bestimmte Gruppen ein. Das sieht man gerade besonders gut bei der politischen Spaltung – nicht nur in Deutschland.

Alle Meinungen sind Wertungen und spiegeln – das Wort sagt es schon – die Werte des einzelnen Menschen wider. Seine Werte verteidigt jeder, außer er hat gelernt, auch andere Werte zu akzeptieren und gelten zu lassen. Aber das können nur wenige heute. Die meisten sind fix damit, andere Menschen wegen ihrer Meinungen anzugreifen und zu tadeln, zu korrigieren und “Besserung” bzw. “Anpassung” zu verlangen. Im Internet finden wir Unmengen an Shitstorms, die genau auf dieser Unfähigkeit zur Toleranz und Akzeptanz fußen. Dabei sind es die, die anderen sagen, sie müssten ihre Meinung ändern, die aus der Situation lernen können. Denn:

Das Verwerfliche an Meinungen ist, dass man sich ihnen gern verschreibt. Destruktiv wird es, wenn man seine Meinung so sehr braucht, dass man Andersdenkende nicht mehr erträgt. Es gibt Menschen, die in solchen Situationen darauf trainiert sind, mit subtiler Manipulation anderen die eigene Meinung aufzudrängen. Das zeigt sich transparent z. B. in Unternehmen, in denen Angestellte unter der Fuchtel einer Führungsperson beinahe gezwungen sind, sogar das Unvernünftigste als universelle Wahrheit zu propagandieren. Auch in Partnerschaften, in denen einer der dominante Part ist, wird diese psychische Beeinflussung bis hin zur Unterdrückung deutlich.

Beeinflussende Menschen spielen mit den Ängsten anderer – gekonnt. Sie wissen, was wir wollen und was wir fürchten, zum Beispiel Trennung oder Kündigung, Abwertung oder Verlust von Anerkennung und Wertschätzung. Das kann keiner leiden, deshalb funktioniert das auch so gut. Die, die manipuliert werden (etwas Anderes ist es nicht), werden angehalten, unter unausgesprochener oder direkter Drohung, zu denken und zu tun, was jemand für richtig erachtet. Das Verhalten der anderen Person ist allerdings das Missliche, weil sie unfähig ist, andere Meinungen zu reflektieren oder zumindest anzuerkennen. Mitunter braucht man seine Sicht so sehr, weil man sonst nicht mehr wäre, wer man sein will oder glaubt, sein zu müssen.

Entsprechend oft sind Menschen zu derben Mitteln bereit: Sie strafen Erwachsene wie Kinder, ob mit Schweigen, Ablehnung oder drohenden Konsequenzen. Solange, bis der andere Mensch klein beigibt: Gut, ich denke das, was du denkst. Oder wenigstens tue ich so. Weil er es nicht länger aushält, wie ein kleines Kind gestraft zu werden, von jemandem, der sich nicht erwachsen benimmt.

Dennoch denken die Manipulierenden, sie wären im Recht. Sie erwarten, dass man sich mit ihnen und ihrer Art identifiziert. In der Psychologie nennt man das Gelingen dieser Strategie Identifikation mit dem Aggressor. Würde jemand unbehelligt mit einer anderen, auch noch logisch klingenden Weltansicht kommen oder gar Nein sagen, käme sofort Angst in ihnen hoch. Es ist ein Stressor. Doch vielen erscheint eine Identifikation leichter, als sich zu behaupten und die eigene Meinung beizubehalten, weil das Durchstehen des Konfliktes schwerfällt.

Wenn niemand mehr Angst hätte, seinen Job zu verlieren oder Konflikten in der Beziehung standzuhalten, sondern ganz erwachsen zu reagieren, würde es spannend werden. Besonders, wenn man weiß, dass der Andere einen braucht. Ich gehöre eher zu denen, die gelernt haben, konsequent zu bleiben und sich Befürworter zu suchen, seien sie auch nur beschwichtigender Natur oder um mir zu helfen, einen Kompromiss zu finden.

Wenn du in deinem Leben einen dominanten Vorgesetzten oder gar offen bzw. subtil manipulativen Menschen in deinem Leben haben solltest (z. B. als PartnerIn), möchte ich dir gern einen Satz mitgeben, der vom Chef meiner Mutter stammt. Sie arbeitet in Oslo in einer Uniklinik. Dort sind viele tätig, die weniger verständnisvoll sind und streng ihren eigenen Regeln folgen. Trotz findet man dort häufig. Immer, wenn die Abteilung eine Sitzung hat, gibt es ordentlich Zoff und das Meeting artet in einen Ego-Krieg aus. Ihr Chef hat im Laufe der letzten 10 Jahre so einige Wege probiert, aber geholfen hat nur einer. Wenn er Kontra bekommt oder seine Mitarbeiter von ihm Einseitiges erwarten, sagt er:

„Ich verstehe, was ihr sagt. Aber ich bin anderer Ansicht.“

Dann zeigt er Vorteile seines Vorschlags auf, die auch die Bedürfnisse der Anderen berücksichtigt, aber ebenso seine erfüllen.

Als meine Mutter mir das zum ersten Mal erzählte, musste ich lachen. Sein Weg war einfach und vor allem gewaltfrei. Man braucht nur noch durchzuhalten und bei der Meinung, die man vertritt, zu bleiben. Das ist der Kern von Konfliktfähigkeit.

So sind es auch die Anderen, die ihre Gefühle aushalten bzw. reflektieren lernen können. So muss nicht man selbst von seiner Meinung und seinem Bedürfnis wegrücken, sondern rückt noch näher heran. Im Nachhinein ist man selbst derjenige und oft auch Einzige, der mehrere Wege vorgeschlagen hat, während der Gegenüber sich nur kompromisslos zeigt. Es ist viel leichter, in solchen Situationen das Verhalten des Anderen darzulegen und dennoch bei seinen Kompromissen zu bleiben. In den meisten Fällen bleibt dem Anderen nur übrig, irgendwann zuzustimmen.

Also: Durchhalten und nicht klein beigeben. Es wird sich lohnen!