Ein Mensch in meinem Leben ermahnte mich über Monate voller Unzufriedenheit in einem Lebensbereich, ich solle endlich optimistisch werden. Bestimmte Dinge, die mir auffielen, könnten und würden sich nicht, nur weil mir das auffiele, schnell oder überhaupt ändern lassen. Das wäre aber kein Grund, nach reiflicher Überlegung aufzugeben und mein Glück dann auch noch mit etwas anderem zu versuchen. Ich müsse lernen, durchzuhalten und positiv zu denken, die Vergangenheit hinter mir zu lassen und Optimismus in meinen Alltag zu integrieren. *Sarkasmus aus*

Ich hatte diese Vorgehens- und Denkweise tatsächlich kurz in Betracht gezogen. Aber nur kurz, denn dann tauchte ein Stimme in mir auf, nein: nicht eine Stimme, meine Stimme: Was für andere gut ist, während sie versuchen, das Negative auszublenden/zu ertragen, kann für dich völlig falsch sein.

Optimisten geht’s nur manchmal besser

Ich war mir (und bin es noch) zu 100 Prozent sicher, dass es ein einziges und alleiniges Mittel gibt, um Balance in einen Lebensbereich zu schaffen bzw. vorhandene Mängel wenigstens zu minimieren. Ist es ein Mann? Ein anderer Job? Mehr Geld? Mehr Sport? Bessere Figur? Größeres Auto?

Nein, für mich ist es Realismus.

Denn Realismus ist ehrlich, authentisch, ziel- und ergebnisorientiert, strukturiert und vor allem wahr. Keine Trick 17 mit Selbstüberlistungstendenzen, keine Manipulationen oder Bruchlandungen nach jahrelanger Bemühung, sondern ernste, ehrliche, klare und wahre Fakten, aus denen man etwas Wunderbares zaubern kann, wenn es die Situation hergibt oder eben auch nicht.

Ich erinnerte mich an mehrere Studien und Artikel über Optimismus und Pessimismus: Wenn es so ist, dass Optimisten das erforderliche Engagement hätten, um zeitweilige Schwierigkeiten ausgeglichener und leichter zu überbrücken, aber bei langwierigen Problemen und Missständen stärker und nachhaltiger mit den Stressfaktoren zu kämpfen hätten, wenn’s dann doch negativ läuft, dann entscheide ich mich gegen Optimismus.

Ich wähle Pessimismus in bestimmten Lebenslagen:

  1. bei einem langwierigen Problem,
  2. bei dem ich als Person wenig bis gar nichts positiv ausrichten kann,
  3. weil jemand anderes die Kontrolle über Möglichkeiten, die Schritte und damit über das Ergebnis hat oder wenn es sich
  4. um eine ungreifbare Situation handelt, die
  5. mit entweder zu vielen Akteuren oder
  6. gar überweltlichen und übermenschlichen Aspekten ausgestattet ist.

 

Pessimisten haben auch ihre guten Seiten

Optimisten seien lediglich die Meister der Verdrängung, so Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer in einem Interview mit der Zeit. Pessimisten hingegen, so erkannte die amerikanische Psychologin Suzanne Segerstrom in einer klinischen Studie, sind vor Stress und seinen Auswirkungen geschützter, als die Optimisten. Ich gebe, in dem ich bewusst zu Mühevolles aufgebe, keinem Stressor, also keinem Aspekt in der leidvollen und unveränderlichen Situation, der mich stresst, die Macht über meine Zufriedenheit. In dem ich sehe, dass ich hier, an diesem Ort, zu dieser Zeit mit meinen Zielen NICHTS ausrichten kann, was mir zuträglich wäre, gehe ich den besseren Weg. Wenn ich nach objektiver Beobachtung alle Bemühungen eher sein lasse, bin ich weniger gestresst, im Vergleich zu denjenigen, die weitermachen, kämpfen, hoffen…

Natürlich hat Pessimismus, wenn man ihn zu vorschnell anschaltet, auch Negatives inne. Wenn wir immer alles sofort wegschmeißen, machen wir eben dieses Alles kaputt. Einschließlich aller positiver Ergebnisse. Deshalb fiel meine Entscheidung auf Realismus.

Wieso? Weil ich zu den Menschen gehöre, die

  • gern wissen, in was für einer Lage sie sich befinden,
  • alle positiven und negativen Seiten kennen möchten, um
  • für sich entscheiden möchten, ob sie mit ihnen umgehen können und möchten,
  • damit sie das Erreichen ihrer eigenen Ziele gewährleisten können.

Und das idealerweise ohne viel Stress, Gemobbe, Lügen oder Intrigen.

Für mich als Mensch und als Frau bedeutet Selbstoptimierung damit Optimismus und Pessimismus in Balance, Inhalt, Struktur und Rahmen, und vor allem Selbstbestimmung. Unsere Gesellschaft mag natürlich keine Menschen, die sich erlauben und sich trauen, eine andere Meinung zu haben, als die, die vorgegeben wurde. Vorsichtig seien die, die diese dann noch auszusprechen wagen! Nichtsdestotrotz UND GERADE DESHALB hat Realismus in meinen Augen echt das Zeug dazu, Optimismus abzulösen.

Der Haken dabei: Man muss sich daran gewöhnen, die Dinge und Menschen so zu sehen, wie sie sind. Und diese Tatsachen entsprechend akzeptieren lernen.

12 Fragen für eine gelungene Selbstoptimierung

  1. Wie ist die Situation wirklich? (IST-Stand, zum Beispiel Arbeitgeber, Beziehung, Freundschaft usw.)
  2. Wie sind die Beteiligten wirklich? (Mitspieler)
  3. Was versteckt sich hinter Fassade von ….. dieser Frau? (Schwächen, Risiken, Verborgenes)
  4. Was gibt diese und jene Situation wirklich her? (Stärken, Potenziale)
  5. Und: Gefällt mir das? (ich)
  6. Wenn nicht, möchte ich damit umgehen? (meine Reaktion, Selbstbestimmung)
  7. Auf einer Skala von 1 bis 10: Wie sehr geht mir das gegen den Strich? (Antwort auf die Frage: Wie viel Leid will ich ertragen?)
  8. Wiegen die positiven Seiten das Negative auf? (Balance, mehr Gewinn als Verlust)
  9. Falls mir Entwicklung wichtig ist, statt bloßer momentaner Bedürfnisbefriedigung, wie viel Potenzial birgt die Situation? (Zukunftsträchtigkeit)
  10. In Verbindung mit mir als Mensch, Frau/Mann, Arbeitskraft: Wo in dem vorhandenen Potenzial sehe ich mich?
  11. Passt mein Wesen dazu? Und wenn ja, wie lange?
  12. Wie hoch muss mein Einsatz sein, um zu profitieren? Wie viel möchte ich investieren?

Natürlich gibt es nie 100 prozentige Gewissheit. Aber man kann bei genauer Beobachtung Wesentliches herausfiltern, was sich wiederum bei ausreichender Selbstkenntnis gegenüberstellen und bewerten lässt.

Seitdem ich das so aufgeschlüsselt habe, fliegt stets viel Altes weg oder kommt neu hinzu. Ich bin mir und meinen Gefühlen sowie Erwartungen näher als je zuvor, kann leichter und klarer Entscheidungen für oder gegen etwas/jemanden fällen. Ich lasse mich nicht mehr bequatschen, um Menschen, die sich wichtiger nehmen, etwas zu geben, was ich ohnehin bei der nächsten heißen Kartoffel, die ich werfen würde, verliere. Ich habe eine völlig neue Einschätzung zu meiner Zeit, meinem Engagement, meinem Weg. Und es passieren gute Sachen…

Mit Realismus gegen die Angst

Viele Psychologen und große Denker raten immer wieder dazu: Wir sollen uns die Fähigkeit aneignen, Hintergründe aufzudecken und das, was ist, zu erkennen und anzunehmen. Ohne darüber mit Urteilen und Interpretationen nachzudenken. Es geht allein um die Frage:

Wo in all dem stehe ich und will ich, hier, weswegen stehen?

Nicht nur erspart diese mehrteilige Frage viel Ärger und Wut, schwierige Diskussionen um Dinge, die sich für dich ändern müssten, sondern es erleichtert auch Entscheidungen. Und wo bleibt das Gefühl in all der Ratio? Das wiederum ist der begrabene Hunde hinter “weswegen”. Wenn ich mir meine Ziele bewusst mache, meine Stärken und Schwächen, ziehe ich damit automatisch meine Gefühle und Bedürfnisse in die Betrachtung.

Bin ich in einem Job, der mir keine Freude macht, aber dafür das Leben meiner Familie und mir sichert, ist das Bedürfnis der Sicherheit hier wichtiger. Wenn ich meine Kollegen total gern habe und mir der Job so richtig viel Spaß macht, steht das Gefühl der Freude im Vordergrund, nicht aber das Finanzielle. Wenn ich schlichtweg keine Lust dazu habe, allein durch’s Leben gehen zu müssen und deshalb eine Beziehung führe, die aber weniger Liebe oder Abenteuer mit sich bringt, ist mir Zughörigkeit wichtiger. Umgekehrt, wenn ich Liebe in einer Beziehung höher halte als Lebensangst, sind mir eventuelle Rückschläge unwichtiger.

Hauptsache ist doch nur, dass du und die Beteiligten damit zurechtkommen.

Sind die wesentlichen 10 Elemente

  • Klarheit über deine Situation
  • Klarheit über die fremde Situation
  • Erkenntnis der anderen
  • Kenntnis deiner Stärken und Schwächen
  • Verständnis für dich
  • Klarheit über fremde Ziele
  • Klarheit über fremde Wege
  • Bestimmung eigener Ziele
  • Bestimmung eigener, umsetzbarer Pläne
  • Deine Handlungsfähigkeit

abgesteckt, erkannt und akzeptiert, kann man sich davorstellen und diese rational betrachten. Statt verlängerter Leidfähigkeit und Angst um mögliche Verluste, kann man sich um seine wahren Bedürfnisse kümmern, die dann wiederum anderen zugute kämen.

LG
Janett

Janett

 

 

Das könnte dich auch interessieren: