Wenn wir wütend werden und in uns der Trotz hochkommt, diese eine unermüdliche und vielleicht auch bockige, zickige, sture und liebefordernde Art, dann ist das „große“ Kind in uns erwacht. Das Kind, das Anerkennung und Aufmerksamkeit für jeden neuen, versuchten Schritt verlangt und sich daran erfreut, ermutigt werden will, statt herabgesetzt und verurteilt. Vieles, was uns in der Kindheit widerfuhr, haben wir verdauen und verstehen können. Es hängt uns heute nicht mehr nach. Doch besonders auf dem Gebiet der Liebe und im Job müssen wir uns oft die Wunden von früher lecken, wenn sie plötzlich wieder aufplatzen:

Wenn sich jemand von uns trennt oder wir unseren Job verlieren, Kritik ernten, obwohl wir uns die größte Mühe gaben, „gut“ zu sein, wenn wir die Liebe von begehrten Menschen gewinnen möchten, aber abgewiesen werden, erfährt das innere Kind einen imaginären Rückschlag, mit dem es fertigwerden muss. Aber erst einmal ist es genauso enttäuscht wie damals.

 

Das Kind in uns: Was es ist und was es will

Je mehr Traumata wir in unserer Kindheit erfahren haben:

  • zeitweilige Trennungen,
  • Scheidung,
  • häufige Abwesenheiten von einem oder beiden Elternteilen,
  • das Aufwachsen ohne Vater oder Mutter,
  • das Versäumnis guter Noten/Bravsein/Gefallen in der Schule usw.,

desto mehr tragen wir diese negativen Erfahrungen im Erwachsenenalter in uns. All diese Erfahrungen lassen unser inneres Kind zu dem werden, was uns später täglich begleiten soll. Ähnliche Situationen holen die Erinnerungen an frühere hervor. Wir tragen die kindlichen Erfahrungen als Verantwortung gegenüber unserem inneren Kind solange auf unseren Schultern, bis es zufriedengestellt ist: sei es, als Vermeidung eines ähnlichen Schmerzes von früher oder als Verbesserungs- und Rechtmachungsideal für das erwachsene Ich.

Man schafft Ersatzeltern (Kollegen, Vorgesetzte, Freunde), Ersatzkriegsschauplätze (Liebe, Beruf), Nebenväter und Nebenmütter, Nebengeschwister – und dichtet ihnen oft eine Menge mehr an Schuld an, als sie trifft. Das innere Kind schreit und brüllt, will in den Arm genommen, bedingungslos geliebt und akzeptiert werden. Aber wer außer uns selbst kann das verstehen?

Gerade in Beziehungen können wir uns nicht durchgehend als die leistungsfähigen, gefälligen und erfolgreichen, vielleicht perfekten Erwachsenen maskieren. An irgendeinem Punkt klappen wir zusammen (oder auf?) und sind einfach nur noch so, wie wir sind. Gute Freunde, gute Kollegen und gute Partner halten das aus. Sie verstehen Schwäche und auch mal Kraftlosigkeit, den Kampf im Alltag und Hindernisse so gut wie sich und ihr eigenes Leben. Wiederum gibt es Menschen, die in unserer Maske das wahre Herz und die eine Seele gesehen haben, und nichts anderes akzeptieren.

Wir alle haben Menschen „an die Realität abgeben müssen“, weil sie uns nur so und so wollten oder mochten. Es tut jedes Mal weh, wenn man einen Menschen an ein Bedürfnis „verliert“, obwohl man es sich anders gewünscht hätte. Diese Momente, in denen man ihnen versucht zu erklären, dass man ihnen nichts Böses möchte, obwohl man an diesem bestimmten Punkt seinen eigenen Weg gehen muss. Diese Momente, in denen sie nur verstehen: So, du liebst mich, aber nicht genug, um zu…?! 

Das Kind ist wach.

 

Schwierigkeiten mit unserem inneren Kind im Erwachsenenalter

Ich lese noch immer Sokol und Carters “Nah und doch so fern: Beziehungsangst und ihre Folgen”, besonders den Teil im Buch, in dem beide Autoren über mögliche Wege hin zum Verständnis und zur Heilung von Bindungsschwierigkeiten, denen wir aufgrund früherer Erfahrungen als Erwachsene begegnen (können), schreiben. Sie gehen im Wesentlichen davon aus, dass Kinder, die unter zu viel Distanz bzw. der häufigen oder langen Abwesenheit von Eltern(teilen) viel in der Bindungsfähigkeit des Kindes kaputt gemacht wird.

Aber auch Kinder, die immer extrem behütet und von den Eltern überängstlich erzogen wurden, sprechen sie mögliche Bindungsschwierigkeiten zu. Eine zu oft durch Fremdansprüche unterbrochene und uneigene Ich-Werdung, Individuation, sprich Erwachsenwerden, kann genauso problematisch werden, wenn wir später Bindungen eingehen oder unter ihnen leiden, weil wir nach Freiheit und uns Selbst streben (und keine oder nur bestimmte Formen von Bindungen eingehen).

 

„Danke, nicht nochmal!“ – Alter Schmerz, alte Wunden

Ich lese zusätzlich das Buch Vatermänner: Ein Bericht über die Vater-Tochter-Beziehung und ihren Einfluß auf die Partnerschaft von Julia Onken und nebenbei auch noch Das Kind in uns. Wie finde ich zu mir selbst von John Bradshaw. Die Thematik der „unbeantworteten Liebe“ in der Kindheit (sei es auch durch existenzielle Schwierigkeiten, die die Eltern zwangen, oft zu arbeiten und dem Kind das Gefühl gaben, dass es mit Einsamkeit für etwas bestraft würde) kann auf Menschen im Allgemeinen bezogen werden, auch wenn teils stark zwischen den Geschlechtern getrennt wird:

Verbrennt man sich als Kind an irgendeiner Eigenart mehrmals oder einmal genug die Finger, meidet man dieses zukünftige Verhalten, ganz klar. Das gehört zu unserem natürlichen Lernprozess. Später, wenn wir erwachsen sind, beziehen wir aber gern solche oder ähnliche Gefahrenpotenziale auf unser Leben, unsere Zukunft. Zwei, drei Mal mehr dasselbe „Schicksal“ erfahren, winkt man lieber gleich ab. Wir sind vorbelastet, natürlich misstrauisch und erlebte oder erzwungene Entbehrungen in der Kindheit und unserer erwachsenen Vergangenheit werden – aus Schutz – schnell zu neuen, potenziellen Kriegsschauplätzen deklariert.

Wer geht da nicht lieber aus der Schusslinie?

 

Hilfreiche Sichtweisen des Buddhismus, von John Bradshaw sowie Chuck Spezzano

1.) Die buddhistische Betrachtung der Liebe und die Unterscheidung in gute, gebende, reiche Liebe und in die schlechte Liebe könnte Verstehen fördern. Die Liebe, die wir kennen und nach der wir streben, ist die, die immer gibt, lässt, ist, sich an dem anderen freut und bleibt. Die schlechte Liebe aber konzentriert sich auf die Liebe des Gestern und Morgen. Sie hat Ansprüche und Bedingungen. Sie engt zugunsten eines Menschen ein, um jemand anderen zu versichern. Sie begrenzt, ist neidisch und eifersüchtig, unterbindet Entwicklung und ist durch Erwartungen und Kontrolle in sich schlecht.

2.) Wenn es verletzt, ist es keine Liebe. Wenn du dich aufopferst oder verlangst, dass jemand anderer es tut, ist es keine Liebe, sondern Angst. Angst vor Weiterentwicklung in beiden Fällen. Laut dem renommierten Psychologen Chuck Spezzano wurzeln Aufopferungen in der Kindheit und stellen eine vermeintliche Schuld jemandem gegenüber dar, der einen enttäuscht hat. Wir sind ärgerlich, weil uns jemand im Stich gelassen hat. Wir verhalten uns dem gegenüber so, wie wir es von ihm erwartet hätten. Wir haben diese Enttäuschung nicht verwunden. Wir begleichen durch unsere Taten seine Schuld, wollen demjenigen helfen, sich zu ändern oder jemanden/etwas retten. Dadurch opfern wir uns auf, versklaven uns und entfremden uns von uns selbst. Wir werten uns selbst ab, um etwas zu umgehen. Aber wir müssen eigentlich fragen, in welchen Bereichen wir eine fremde, vermeintliche Last tragen und was sie uns erlaubt, nicht tun zu müssen bzw. wovon sie uns (glücklicherweise) abhält. Zum Beispiel Weiterentwicklung. Wenn wir etwas nicht mit einem Teil von uns tun, sollten wir es gar nicht tun, da Aufopferungen in Ausgebranntsein und Erschöpfung enden. Wir geben für das Falsche Energie und für uns bleibt keine übrig, wenn wir geben, aber nichts empfangen oder stets um Ausgleich kämpfen müssen. Das endet zwangsläufig in Wettbewerb, in dem es immer einen Gewinner, und einen Verlierer gibt.

3.) Das verletzte Kind in uns wird häufig, laut John Bradshaw, als innere Leere empfunden. Er führt es darauf zurück, dass man als Kind, wie ich oben schon beschrieb, durch Unterbrechung der Persönlichkeitsentwicklung oder Überbehütung ein falsches Ich annehmen musste und sein wahres Wesen zurücklassen oder verheimlichen musste, um es anderen rechtzumachen. Bradshaw nennt das “Loch in der Seele”. Er sagt, auch das Nettsein wäre eine Konsequenz dessen, aber auch alle wahren Gefühle und Bedürfnisse, zu denen wir nicht stehen oder die wir nicht mehr fühlen bzw. glauben, nicht fühlen zu dürfen. So werden wir Schauspieler. Wer das erkannt hat, traut sich ungern, jemals wieder ein Stück seiner Selbst zu geben, aus Angst, dass er es wieder zurücklassen, aufopfern muss. Angst vor Selbstverlust. Diese innere Leere, das verletzte Kind in uns, sorgt für das bekannte Gefühl, dass wir das Leben zwar sehen und erkennen, aber nicht daran teilnehmen. Es sorgt für die bekannte Langeweile und Einsamkeit. Laut Bradshaw müsse man Trauerarbeit um seine kindlichen Entbehrungen und Verluste leisten, es annehmen und sich darum liebevoll kümmern.

Hier ist noch ein schöner, kleiner Vortrag auf YouTube: Das Innere Kind

Liebe Grüße,
Janett