EMDR Therapie: Bei welchen Krankheiten und Störungen es hilft & was EMDR leisten kann

von | Sep 24, 2018 | 3 Kommentare

EMDR ist die Abkürzung für Eye Movement Desensitization and Reprocessing, was übersetzt Desensibilisierung und Verarbeitung durch Augenbewegung heißt. Die Methode stammt aus den USA und wurde von der Psychologin Francine Shapiro erfunden. Die EMDR Therapie gilt als eine Form der Psychotherapie, um Traumata und Folgestörungen bei Kindern und Erwachsenen zu behandeln.

Mittlerweile nutzen viele Therapeuten diese Methode auch in Deutschland. Sie ist seit 2006 vom wissenschaftlichen Beirat für Psychotherapie als Psychotherapiemethode anerkannt. Auch die Wirksamkeit der Methode wurde in Studien mehrfach belegt. Doch was ist EMDR genau? Was geschieht bei einer EMDR-Sitzung? Bei welchen psychischen Herausforderungen hilft sie?

Mein geschätzter Freund und Berliner Therapeut Jojo Weiß beantwortet diese und andere Fragen im Interview.

EMDR-Therapie: Interview mit dem Therapeuten Jojo Weiß

Janett: Jojo, du arbeitest als Hypnotherapeut in Berlin und nutzt ebenso EMDR, um deinen Klientinnen und Klienten zu helfen. Neben der posttraumatischen Belastungsstörung, bei welchen psychischen Belastungen hilft EMDR noch?

Berliner EMDR-Therapeut Jojo Weiß über EMDRJojo: Wie du bereits erwähnt hast, wurde EMDR anfänglich in erster Linie zur Behandlung von PTBS (Posttraumatische Belastungsstörung) bzw. Traumafolgestörungen verwendet. Es geht bei der Methode im weitesten Sinne um das Erlangen einer neuronalen Neubewertung(sprich ums Um-Lernen) und sie wird mittlerweile bei vielen psychischen Störungsbildern und im Coaching eingesetzt. Stell dir vor, du hast ein wirksames Mittel zur erfolgreichen Behandlung einer schwerwiegenden psychischen Störung – bei sachgemäßer Anwendung ohne schädliche Nebenwirkungen. Warum solltest du also die Methode nicht auch auf anderen (weniger traumatischen) Gebieten einsetzen?

Janett: Wann genau würdest du zu EMDR als favorisierte Methode raten?

Jojo: Zum einen, wenn der Patient offen dafür ist. Immer mehr Patienten suchen sich gezielt einen EMDR-Therapeuten/tin, weil sie Gutes darüber gehört haben. Die Erwartungshaltung spielt hier sicher auch eine Rolle. Dafür, dass es eine relativ junge Therapiemethode ist, gibt es bereits eine beträchtliche Anzahl von Studien, insbesondere in Verbindung mit Traumafolgestörungen. Als Hypnotherapeut arbeite ich oft mit tiefen Trancen. Dies ist für stark traumatisierte Menschen (vor allem zu Beginn der Behandlungsphase) des öfteren nicht das erste Mittel der Wahl. Sie brauchen häufig zunächst Stabilisierung, Vertrauen und Sicherheit, um von Trancearbeit profitieren zu können. EMDR kann hierbei gute Dienste leisten. Die Methode wird sowohl als alleinige Behandlung, als auch in Kombination mit anderen Verfahren angewendet. Bei dieser Methode bleibt für den Behandelten ein höheres subjektives Maß an Selbstkontrolle, wie bei der Hypnose.

Um deine Frage noch konkreter zu beantworten: Ich rate Menschen zur EMDR-Therapie, die mit mehr oder weniger erschütternden Ereignissen konfrontiert wurden, die sie nicht in ihr Leben integrieren konnten und dadurch in ihrer Lebensqualität massiv eingeschränkt werden. Es scheint, als ob bestimmte Teile des Geistes „steckengeblieben“ wären, oft ist auch die Rede von „eingefrorenen“ Erinnerungen, Bildern und Filmen, die immer wieder ablaufen. Häufig mit Zuständen von Hilflosigkeit, Ängstlichkeit und Panik oder auch Abgestumpftheit. In vielen Fällen treten Flashbacks und Derealisation auf.

Janett: Bei dem Begriff Trauma hat man das Gefühl, das er in Zeiten des Internet sehr inflationär gebraucht wird. Was genau ist ein Trauma und wann brauchen Menschen eine Traumatherapie?

Jojo: Eine wirklich gute Frage: Wenn wir davon ausgehen, dass Trauma im ursprünglichen Sinn Wunde oder Verletzung bedeutet, hieße das, dass wir alle mehr oder weniger traumatisiert sind, ist es nicht so? Ich könnte dir jetzt ein paar gängige Definitionen runterbeten, die du in der Literatur finden kannst, möchte jedoch lieber eine einfach verständliche anbringen. Sie kann, wie alle Definitionen, nur ein Versuch einer Beschreibung sein. Trauma ist ein Ereignis von außergewöhnlich belastendem Ausmaß, das für den Betroffenen eine psychische Belastung darstellt, welche er nicht integrieren kann und dadurch dauerhaft Einschränkungen in seiner Lebensqualität erlebt. Zum zweiten Teil deiner Frage: Wie bei anderen Problemstellungen auch entscheidet letztendlich der Patient, ab wann eine Traumatisierung für ihn behandlungsbedürftig ist. Denn nur dann kann eine ausreichende Compliance (Bereitschaft zur aktiven Mitwirkung des Patienten) gewährleistet werden.

Janett: Studien belegen, dass 80 Prozent aller mit EMDR behandelten Menschen sich im Nachhinein entlasteter fühlen. Welche Erfahrungen hast du mit EMDR bei deinen Klientinnen und Klienten gemacht?

Jojo: Ich durfte viele positive Therapieverläufe mit EMDR begleiten, insbesondere in Kombination mit der Hypno(se)therapie. Besonders schätze ich EMDR in Verbindung mit dem Malen. Eine Variante der Methode, die wenig verbreitet ist. Sie beinhaltet viele Vorteile. z. B. ein „greifbares“ Ergebnis. Der Patient zeichnet während der Sitzung verschiedene Bilder und nimmt sein Liebstes anschließend mit nach Hause. Das Lieblingsbild kann im folgenden Therapieprozess als Anker oder auch als Ausgangsbasis für weitere Heilungsprozesse verwendet werden. Wichtig ist: Du musst dazu kein PICASSO sein. Diese Variante geht auch für Menschen, die von sich selbst behaupten, dass sie überhaupt nicht künstlerisch begabt wären.

Janett: Hat EMDR als Methode die Macht, in nur einer Sitzung die psychische Herausforderung nachhaltig aufzulösen?

Jojo: Ich würde sehr vorsichtig sein mit derartigen Aussagen. Hier wird es schnell unseriös. Mir wäre es lieber zu sagen: EMDR kann in einer Sitzung zu einer entscheidenden Erleichterung für den Patienten führen. Dies gilt insbesondere im Bereich der isolierten Phobien (z. B. Flugangst, Spinnenphobie, Angst vor Spritzen). Bei komplex traumatisierten Menschen ist es höchst unwahrscheinlich, dass während einer einzigen Sitzung ein komplettes Auflösen ihrer Problematik erfolgt. 

Janett: Bei einer EMDR-Sitzung bewegt der Therapeut seine Finger abwechselnd von rechts nach links und der Behandelte folgt ihnen mit seinen Augen. Was genau geschieht bei einer EMDR-Sitzung mit dem Körper und Geist der Klientin/des Klienten?

Jojo: Letztendlich ergibt sich wie bei vielen anderen Psychotherapieverfahren dieselbe Problemstellung. Die Wirksamkeit von EMDR, über den Placebo-Effekt hinaus, wurde in mehreren Studien nachgewiesen und gleichzeitig können die Wirkfaktoren nicht eindeutig belegt werden. Oft ist in der Fachliteratur die Rede von „Vermuteten Wirkfaktoren“, wie die therapeutische Beziehung, Psychoedukation (Vermittlung von Wissen über die jeweilige Erkrankung) und Ressourcenaktivierung (Aufdecken und Nutzbarmachen von kraftspendenden Ressourcen). EMDR-spezifisch hieße das z. B. 

  • Umlenken des Aufmerksamkeitsfokus
  • erhöhte Stimulation (Aktivierung) und Synchronisation beider Hirnhälften
  • neuronale Neubewertung vergangener Ereignisse
  • Integration des belastenden „Materials“
  • Abstandsgewinnung
  • oft spürbare körperliche Erleichterung (Druck lässt nach, es fühlt sich leichter an, mehr Distanz)
  • vorher belastende innere Bilder und Filme werden neutraler wahrgenommen.

Janett: Was sollten Klientinnen und Klienten vor einer EMDR-Sitzung unbedingt wissen?

Jojo: Es ist hilfreich zu wissen, dass EMDR schon in vielen Fällen helfen konnte. Auch, dass es erwiesen ist, dass nur ein geringes Risiko unerwünschter Auswirkungen durch die EMDR-Methode besteht. Wichtig ist vor allem, dass der Patient geistig in der Lage zur Zusammenarbeit ist und den Anweisungen des Therapeuten folgen kann. 

Janett: Die gesetzliche Grundlage ist mit der Anerkennung des wissenschaftlichen Beirats als wirksame Form der Psychotherapie zwar gegeben, aber noch immer übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen eine isolierte EMDR-Behandlung nicht. Wie viel kostet eine EMDR-Therapie, wenn man sie als Betroffene/r aus eigener Tasche zahlt?

Jojo: Soweit ich weiß, wird EMDR mittlerweile im Rahmen einer Psychotherapie beim Therapeuten mit Kassensitz und entsprechender Qualifikation übernommen. Auf dem freien Markt liegen die Kosten für eine EMDR-Therapiestunde bzw. EMDR-Session meistens zwischen 80 und 150 €.

Das Gespräch führte Janett Menzel. Vervielfältigungen, auch in Ausschnitten, nur mit Genehmigung des Berliner EMDR- und Hypnotherapeuten Jojo Weiß (Mehr auf: www.joweissco.de).

Bloggerin psychische Gesundheit

Verfasst von Janett Menzel

Autorin und Mentorin für Personen mit herausfordernden Ängsten in ihrer psychischen Gesundheit, in Liebe & Beziehung, Job & Karriere. Potenzial- und Strategieentwicklung im Bereich: Hochbegabung bei Frauen, Angstzustände/Panikattacken, Beziehungsängste - erfolgreiche Beziehungen - erfolgreiche Kommunikation, Gehirnforschung, weibliche & männliche Energien, Entspannungstechniken aus aller Welt, Identitätsbildung & spätes Self-Parenting (Selbsterziehung), Auswirkungen der Emanzipation auf das Verständnis zwischen Mann-Frau

Kommentare

3 Kommentare

  1. Aus eigener Erfahrung kann ich nur bestätigen – EMDR wirkt! Verdrängte Erinnerungen an das Trauma, die vorher Panik ausgelöst haben, konnte ich danach neutral wie eine Art „Film“ betrachten. Seitdem sind meine Panikattacken viel seltener geworden, ich kann es nur empfehlen!

    Antworten
    • Liebe Carina,

      das freut mich sehr zu hören. Schön, dass du auch das Thema Panikattacken mit ins Gespräch bringst.

      Alles Liebe weiterhin,
      Janett

      Antworten
  2. Vielen Dank für diesen Beitrag zum Thema EMDR Therapie bei Ängsten. Interessant, dass der Ansatz dieser Therapie ist, Traumata und Folgestörungen aufzuarbeiten. Ich leide seit etwa einem Jahr unregelmäßig an Angstzuständen und möchte eine geeignete Therapielösung für mich finden.

    Antworten

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