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Einer meiner Berliner Kollegen, Michèl Süßmilch, Psychologe, Dozent und Pädagoge, war so nett und stand mir Rede und Antwort zum Thema Prüfungsangst und wie eigentlich der Prüfer seine Prüflinge sieht. Eine wirklich spannende und ermutigende Einsicht!

Janett Menzel: Hallo Herr Süßmilch. Schön, dass Sie Zeit finden, mir Fragen zum Thema Prüfungsangst aus der Sicht eines Pädagogen und Dozenten zu beantworten. Würden Sie kurz etwas zu Ihrer Person erzählen, damit meine Leser Sie besser kennenlernen können?

Michèl Süßmilch: Ich versuche es kurz zu machen. Nach meinem Abi habe ich eine kaufmännische Ausbildung abgeschlossen und nach zwei weiteren Jahren im Job, angefangen Psychologie zu studieren. Meine Schwerpunkte waren Pädagogische und Arbeits-und Organisationspsychologie. In beiden Bereichen bin ich aktuell tätig; als Dozent in verschiedenen Kontexten und Dozentenausbilder.

Janett Menzel: Hat sich Ihr Bild eines Lehrers/Dozenten/Prüfers seit Ihrer eigenen Schulzeit verändert?

Michèl Süßmilch: Oh ja, ungemein – zumindest das Bild eines idealen Lehrers/Dozenten. Ich habe so viele schlechte Erfahrungen machen müssen und leider nur wenig gute. Der „gute Dozent/Lehrer“ geht auf seine Schüler/Studenten/Teilnehmer ein und versucht ihre Bedürfnisse zu berücksichtigen(, d.h. er hat ein Ohr für sie). Er transportiert wichtige Lernziele und –inhalte, gibt aber Freiräume für eine eigene, möglichst praxisnahe, Entfaltung.

Janett Menzel: Hatten Sie auch schon Prüfungsangst?

Michèl Süßmilch: Das ist schwierig. Für mich ist es ein fließender Übergang von „aufgeregt sein“ bis zur Angst. Die Ebene sehr starker körperlicher Erregung, teilweise auch mit Vermeidungstendenzen, kenne ich sehr gut. Das war damals in mündlichen Prüfungen oder aktuell, in neuen Situationen, in denen ich vor vielen bzw. „wichtigen“ Personen spreche, so.

Janett Menzel: Wie fühlt man sich als Dozent und Prüfer? Fühlt man sich so erhaben, wie Schüler/-innen und Student/-innen sich das immer vorstellen?

Michèl Süßmilch: Gar nicht! Schließlich geht es nicht darum, „jemanden eins auszuwischen“. Es geht darum zu erkennen, was wir – im besten Fall gemeinsam – an Wissen und Kompetenzen erarbeitet haben.

Janett Menzel: Wie empfinden Sie Prüfungen aus der Sicht eines Prüfers? Wie gehen Sie an bevorstehende Prüfungen heran, in denen Sie als Prüfer verantwortlich sind?

Michèl Süßmilch: Ich versuche von Anfang an Sicherheit zu geben. Inhaltlich bedeutet das Transparenz in den Lern-/Kompetenz- und Prüfungszielen geben. Auf der persönlichen Ebene versuche ich zu vermitteln, dass wir uns für die Inhalte Zeit nehmen, dass wir gemeinsam durch die Veranstaltung gehen und dass IMMER Platz für Fragen ist, egal ob in der Gruppe oder unter vier Augen. In den Prüfungen, gerade in mündlichen, versuche ich Ruhe auszustrahlen und ein freundliches Miteinander herzustellen.

Janett Menzel: Fällt Ihnen Prüfungsangst häufig auf? Wie hoch ist der Anteil der prüfungsängstlichen Studenten? Können Sie eine grobe Einschätzung abgeben?

Michèl Süßmilch: Extreme Prüfungsangst fällt nicht direkt auf, wie oben bereits erwähnt sind Prüflinge immer etwas, manchmal auch stärker aufgeregt – das ist doch absolut normal, es geht hier schließlich um eine Bewertung der eigenen Leistung. Extreme Aufregung (z. B. starkes Zittern) kommt weniger vor, vermutlich verschieben stark prüfungsängstliche Studenten/Teilnehmer eher die Prüfung. Das sind vielleicht insgesamt 10% – so ins Blaue geschätzt…

Janett Menzel: Können Sie sich an eine oder mehrere Prüfungen erinnern, in dem die klassischen Symptome von Prüfungsangst bis hin zum bekannten und gefürchteten <<black out>> auftauchten?

Michèl Süßmilch: Ehrlich gesagt, nein. Starke Aufregung ja, d. h. schnelles Sprechen bzw. sich verhaspeln oder Hautrötungen.

Janett Menzel: Wie haben Sie sich als Prüfer verhalten? Waren Sie eher ruhig und distanziert oder fühlten Sie sich mit belastet und haben mitgefühlt?

Michèl Süßmilch: Bei starker Aufregung versuche ich Ruhe zu vermitteln und kommuniziere, dass wir hier gemeinsam durchgehen. Ich gebe (glaube ich zumindest) stärkeres nonverbales positives Feedback. Ruhig sein bedeutet für mich nicht automatisch, ich fühle nicht mit, das ist nämlich der Fall, belastend wirken diese Situationen allerdings nicht.

Janett Menzel: Prüfungsängstliche Menschen, die ja häufig auch unter Vorträgen oder Präsentationen mit ähnlichen Symptomen leiden, verfangen sich oft in dem Gedanken, dass Prüfer es schlecht mit ihnen meinen, sie die Erwartungen enttäuschen werden, sie folglich belächelt und verspottet werden, wenn sie einen oder mehrere Fehler machen oder schlichtweg die Antwort auf eine Frage nicht wissen. Ich selbst habe solche Erfahrungen in meiner Schul- und Studienzeit gemacht. Es scheint auch in meinen Augen Pädagogen zu geben, die sich pädagogisch sehr wertlos verhalten. Kennen Sie solche auch und wenn ja, was meinen Sie, woher die schlechte Intention oder Interpretation einer schlechten Leistung kommt?

Michèl Süßmilch: Oh ja, in meiner Schulzeit habe ich einige solcher Lehrer kennengelernt. Vermutlich kommt bei diesen Personen die Betrachtung der Komponente Mensch zu kurz – vielleicht fehlt es an Empathie. Der Fokus liegt dann nur auf der Leistungsebene und einem richtig-oder-falsch-Denken. Ich könnte mir ebenfalls vorstellen, dass Prüfungen – nicht immer bewusst – als Instrumentarien genutzt werden, sich bei Schülern/Studenten/Teilnehmender zu revanchieren. Dies spiegelt vermutlich die Überforderung in der Lehrsituation wider und „hilft“ dem Dozenten/Lehrer, seinen Autoritätsstatus wieder herzustellen. Diese Machtspiele sind äußerst unprofessionell. Das Problem müsste aber bereits in der vorherigen Lehr-Lern-Interaktion, mit der Frage „Wie erreiche ich meine Teilnehmer/Schüler/Studenten“, aufgegriffen werden.

Janett Menzel: In der Schule und auch im Elternhaus spielt die Erzeugung von Angst eine große Rolle für den Aufbau von Motivation und der Erziehung bestimmter, erwünschter sozialer Werte und Verhaltensweisen. Mir scheint, als würde das Spiel mit der Angst mitunter etwas zu weit gehen, wenn ich an meine eigene Schulzeit und mein Studium denke. Wie stehen Sie zum Umgang mit Angst als Erziehungsinstrument, welches oft mit Rüge und Ausschluss, ja Abwertung der Person, als Strafe für ihre Vergehen, ihr Fehlverhalten, ihre Fehler einhergeht?

Michèl Süßmilch: Gezielter Angsteinsatz – z. B. in Form von verbalen Misshandlungen, Drohung, Abwertungen, etc. – als Erziehungsinstrument halte ich für absolut verfehlt. In jeder Form der Bestrafung liegt Angst inne, auch in dem noch so kleinsten „Schimpfen“. Ich selber habe einen kleinen Sohn und kann sagen, dass sich das im Alltag nicht immer komplett vermeiden lässt – besonders im Erlernen von Grenzen. D. h. Ausprobieren und die Welt entdecken ja, Regeln einhalten aber auch – und das ist manchmal ein schwieriges Unterfangen. Ich halte es für wichtig, dem Kleinen zu vermitteln, dass er nicht generell bestraft wird, sondern dass es um ein bestimmtes Verhalten geht. Zum Bespiel kann ich „das Verbot“ erklären.

Janett Menzel: Genauso wie Lehrer und Dozenten dies könnten… In den vergangenen Monaten gab es in den Medien viele lautstarke Meldungen zu Depressionen und Angststörungen, die sich unter den Lernenden Deutschlands breit machen, besonders unter Referendaren und Lehramtsanwärtern. Verantwortlich gemacht wird immer jemand anderes, manchmal die “Geprüften”, oft auch das Schul- und Universitätssystem mit seinen vielen Überforderungen und einem schon fast vorprogrammierten Versagen. Wie stehen Sie dazu? Überfordert Deutschland seine Schüler/-innen und Student/-innen und Referendare?

Michèl Süßmilch: Absolut! Der Druck, der durch die Reformen des Bolognaprozesses aufgebaut wird, ist enorm. Studenten versuchen alles, um einen guten Bachelor zu erhalten, nur damit sie dann einen passenden Masterplatz erhalten.  Dieser starke Notendruck bzw. -fokus verhindert die (selbstgesteuerte) Kompetenzentwicklung ungemein.

Janett Menzel: Was würden Sie jedem prüfungsängstlichen Menschen raten?

Michèl Süßmilch: Suchen Sie sich Unterstützung, nutzen Sie Angebote – beispielsweise wie das von Ihnen Frau Menzel. Es gibt viele Möglichkeiten, aus Ihrer Angst herauszukommen – auch wenn Sie das für sich gerade nicht sehen. Aufgrund der vielfältigen Ansätze gibt es für jeden passende Verfahren – bis jetzt wurde mir von Betroffenen nur Positives berichtet…

Janett Menzel: Sie sind selbst Vater. Wenn Sie merken würden, dass Ihr Sohn in der Schule von Prüfungsängsten geplagt wäre, was würden Sie unternehmen? Was können Sie Eltern von schul- und prüfungsängstlichen Kindern und Jugendlichen raten?

Michèl Süßmilch: Bis zur Schule hat er ja noch etwas. Ich hoffe, bis dahin habe ich ihm beibringen können, sich nicht komplett über Leistung zu identifizieren, eigene Fehler auch mit Humor zu nehmen und als Entwicklungsmöglichkeit zu sehen. Sollte er Prüfungsangst haben, würde ich gemeinsam mit ihm überlegen, was passende Strategien sind, welche weiteren Unterstützungsangebote für ihn in Frage kommen. Ich würde ihm aufzeigen, dass es sich um normales und verständliches Verhalten handelt, um so keinen weiteren Druck aufzubauen.

Janett Menzel: Danke für Ihre Zeit!

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