Es gibt einen Spruch: „Gefühle sind auch nur noch etwas für die ganz Mutigen!“ und er trifft beim Thema Bindungsangst bzw. Beziehungsangst und Angst vor Nähe ins Schwarze. Beim letzten Artikel sprach ich über Menschen, die emotional nicht verfügbar sind. Gefühle zu zeigen ist für sie schwer. Auch sie leiden zumeist an einer Nähe-Distanz-Problematik, einer geballten Verlustangst und neigen zu Trennungen oder Kontrollsucht aufgrund ihrer eigenen Unsicherheit im Umgang mit Gefühlen.

Man ist nicht beziehungsängstlich, wenn man folgende Fragen mit JA beantworten kann:

  • Kannst du deine Gefühle zeigen und zulassen?
  • Bist du fähig, dich fallen zu lassen, dich einzulassen, dir selbst Gefühle zu erlauben, deine Gefühle auszuhalten, dich jemandem anzuvertrauen, ihm zu vertrauen?
  • Traust du dir selbst etwas zu?

Menschen ohne Bindungs- bzw. Beziehungsangst sind in der Lage, an sich, den Partner und die Liebe zu glauben. Sie bringen ein (beinahe unkaputtbares) Urvertrauen mit, wohingegen bindungsängstlichen Menschen dieses Vertrauen fehlt. Sie stehen für Perfektionismus, geballte Anziehungskraft trotz tiefsitzender, meist intransparenter oder verleugneter Angst sowie Schwierigkeiten mit Nähe-Distanz und suchen Schutz in ihrer Angst, nicht zu genügen, verletzt zu werden und Trennungen/Verluste zu erleiden.

Folgende Themen spreche ich in diesem Beitrag an:

  • Angst vor Nähe
  • Angst vor Distanz
  • Verlustangst und Trennungsangst
  • Selbsthilfeforen
  • Video zum Thema „Lebendige Beziehungen“

Liebe und Kummer, Verlust und Angst

Annehmen zu können als Teilelement des Liebens ist genauso essenziell, wie die eigene Fähigkeit, Liebe zu geben und sie auszudrücken: Zeigen können, dass man jemanden liebt und sich diese Gefühle weder selbst verbietet, noch verbieten lässt sowie Gefühle zu benennen,

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Menschen, die an Beziehungsangst im Sinne der Angst vor Nähe und Distanz leiden, sind emotional nicht verfügbar, da sie ihre Gefühle weder spüren, noch zur Verfügung stellen möchten.

sagen zu können, dass man liebt und ohne Angst vor Nähe oder Angst vor Trennung/Abweisung dazu zu stehen. Auch wenn die Angst vor Enttäuschung dieser Gefühle mitschwingt oder der andere weniger gut im Umgang mit seinen Gefühlen ist.

Menschen mit Angst vor Nähe und Bindungsangst haben Schwierigkeiten, sich fallen zu lassen, sich einzulassen, sich selbst Gefühle zu erlauben, Gefühle auszuhalten, sich jemandem anzuvertrauen, ihm zu vertrauen, sich selbst zu trauen, zu glauben: an sich, den Partner und die Liebe. Sie wehren sich so gegen die Angst, verlassen zu werden oder aber selbst zu verlassen. Das Erste wird Verlustangst, das Zweite Trennungsangst genannt.

Die meisten Menschen, die an Beziehungsangst, an Angst vor Nähe und Distanz leiden, sind emotional nicht verfügbar, da sie ihre Gefühle weder spüren, offenbaren möchten. Sie fürchten sich davor, dass ihnen ein erneut schmerzhaftes Erlebnis bevorsteht, wenn sie sich auf eine Beziehung einlassen. Sie verbinden somit Partnerschaft und Liebe mit eventueller Trennung und Verlust, Schmerz, Fremdbestimmung und Verlassensgefühle.

Beispiele für Angst vor Nähe

Wenn man nach einem Date am Abschluss des Abends dem Mann/der Frau gegenüberstehst oder sitzt, mit diesem handlungsvollen Druck in der Luft, sich jetzt küssen zu müssen: Irgendwie will man es, aber da ist diese andere Seite, die nur wegrennen will. Raus aus dem Auto oder rein in seine gewohnte Umgebung. Vollkommen überfordert zu sein, seine Gefühle schwer aushalten können und gar nicht zeigen wollen, dass man den Gegenüber wirklich mag. Menschen mit passiver Bindungsangst handeln so.

Aber auch genau das Gegenteil kann eine tiefsitzende Angst vor wahrer Nähe, wahrer Intimität (nicht zwangsweise Sexualität oder körperliche Nähe) anzeigen. Wenn also jemand auf einen zustürmt, einen anfangs mit Charme und Aufmerksamkeit überhäuft, unbedingt „haben“ will, um sich dann bei Erfolg ruckartig zurückzuziehen, deutet das ebenfalls auf eine Nähe-Distanz-Problematik hin.

Andere Merkmale von Bindungsangst sind, wenn:

  • sich Menschen ad hoc nach ersten Annäherungen zurückziehen,
  • sie Sätze wie die Folgenden sagen:
    • Ich will unabhängig sein, frei sein und mich auf niemanden einlassen.
    • Ich will nichts Festes.
    • Ich will mich nicht nach jemandem richten.
    • Ich will mein Leben allein bestimmen.
  • sie beim Aufwallen von tieferen Gefühlen (eigene und fremde) in eine Starre oder panikartige Verfassung fallen,
  • begehrte Menschen warten, dass der andere Mensch auf sie zukommt, anstatt selbst zu handeln
  • sie einen abweisen und Ausflüchte finden,
  • einen Menschen trotz eventueller Gefühle abweisen,
  • sie ihre negativen Beziehungserfahrungen auf andere „abwälzen“: Ich gerate immer an dieselben Männer! wäre ein klassischer Ausspruch.
  • sie Gefühle provozieren, um eine gewisse Sicherheit erahnen zu können oder sich tatsächlich rückzuversichern, dass der Partner noch Gefühle hat.
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Die Angst vor Beziehungen spiegelt die Angst, sich selbst zu verlieren, zu viel opfern zu müssen, sodass man sein eigenes Leben nicht mehr in der gewohnten Unabhängigkeit leben kann.

Auch die Schwierigkeiten, sich beim Sex fallen zu lassen oder in der Beziehung immer in der „Macht“position sein zu wollen, immer Sexy Talk zu brauchen oder eine klare Abfolge von gemeinsamer Zeit in petto zu haben, Bestimmungen hineinzureichen, wie etwas ablaufen soll/muss, ist ein Signal, so wie Angst vor dem Zusammenziehen oder Urlaube, Makelhaftigkeit, mangelnder Status oder geringeres Ansehen des Partners. Das Ziel eines Menschen mit Beziehungsangst ist es, eine gewisse Kontrolle, die der eigenen Sicherheit dient, aufrechtzuerhalten. Geht diese vermeintliche Kontrolle und Sicherheit „scheinbar“ verloren, beginnt ein fürchterlicher Sturm. Sofort gehen alle Alarmlampen an und das Gehirn meldet eine anrollende Verletzung, wie eine Lawine. Aber auch die Angst, sich selbst zu verlieren, zu viel opfern zu müssen oder sich in dem anderen Menschen zu sehr zu verstricken, sodass man sein eigenes Leben nicht mehr so leben kann, wie man es möchte, ist dabei präsent. Für Menschen mit Beziehungsangst ist das der blanke Horror; ihre Angst ist gleichzeitig eine Schutzmaßnahme, um das nicht (nochmal) erleben zu müssen.

Erstens konzentrieren sich ihre eigenen Gefühle meist so heftig auf den anderen, sodass nicht nur ihre eigene Erwartungsangst hervorgerufen werden kann: Die eigenen Erwartungen könnten nicht erfüllt werden und auch die Erwartungen des Partners könnten sie enttäuschen.

Hat man Trennungsangst, so ist oft das Gefühl der SCHULD schuld, was vermieden werden soll. Sei es die Schuld des Partners oder die eigene, denn Schuld will getragen werden und wiegt schwer.

Ist die Angst vor Selbstverlust oder Einengung, mangelnder Freiheit oder Verlassenwerden groß genug, wird es schwierig zwischen zwei Menschen. Die Beziehung zu beenden, bevor es zu tief geht, erscheint vielen Ängstlichen deshalb leichter. Bei Frauen wurde in der Psychologie sogar beobachtet, dass sie einen veränderten Geruch der Männer wahrnehmen. Dieser Geruch ist dann modrig-alt, während es bei Männern ein verändertes Aussehen der Partner ist. Sie erscheinen plötzlich monstergleich, unsymetrisch und die kleinsten negativen Seiten werden abstoßend. Wiederum ist die Situation für den jeweils anderen Partner genauso schwer zu ertragen, sodass es von beiden Partnern aus zu Trennungen kommen kann.

Unsichere Gefühle: Beziehungen in Angst

Splittet man Beziehungsängste auf, so bleibt zum Einen Beziehung und zum Zweiten Angst übrig. Doch dazwischen liegt ein  kleines, unsichtbares Wort, das dem Phänomen der Bindungsangst seine Dimension verleiht: in. Es ist das Wort „in“, was die Problematik erweitert. Menschen mit Beziehungsangst haben auch oder vorwiegend in Beziehungen Angst und Angst davor, Angst zu haben. Statt diese Angst in der Partnerschaft Tag für Tag aushalten zu müssen, entwickeln sie lieber vor der Beziehung Angst, also noch bevor die Beziehung zu einer festen Partnerschaft wird.

Hier zeigen sich die Angst, nicht geliebt zu werden, wegen der dahintersteckenden Angst, unliebenswert zu sein, nicht zu genügen. Es erinnert an das Trennungsangstgefühle eines Kleinkindes von seinen Eltern, eine Todesangst, und genau daher rührt auch die Bindungsangst. Es ist ein hilfloses, kindliches Gefühl, was an das „Ich habe etwas falsch gemacht„-Gefühl in der Kindheit und Jugend erinnert, wiederum in Verbindung mit Verlassenwerden. Angst galt auch damals in der Kindheit und Jugend schon als Motivation und Angst begleitet uns nicht umsonst bis ins Erwachsenenalter, besonders wenn es um Liebe und Anerkennung/Akzeptanz geht. Als Strafe galt auch in jenen Tagen Distanz, Abwendung, Entzug von Liebe und Zuwendung durch die Eltern, Stubenarrest und Sanktionen wie gestrichenes Taschengeld. Wir haben gelernt, dass wir für unsere Fehler bezahlen müssen. Das spiegelt sich auch im Erwachsenenalter in vielen Situationen wider, in denen uns Fremdansprüche am Erfüllen der eigenen Bedürfnisse hindern.

Perfektion aus Notausgang: Lieber Trennung(skummer), als Liebe(skummer)

Lieben bedeutet, ALLES an seinem Partner zu akzeptieren bzw. wenigstens einen Umgang damit zu ermöglichen. Heutzutage allerdings befinden wir uns einer optionalen Partnerwelt. Mehr Menschen denn je sind Single und die Partnerbörsen machen nicht umsonst so eine Heidenasche mit der Vermittlung von Beziehungen, in denen sich hoffentlich Liebe findet. Eine gesunde Beziehung fußt vor allem auf Annahme.

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Lieben bedeutet, alles an seinem Partner zu akzeptieren bzw. wenigstens mit den Ecken und Kanten umgehen zu lernen.

Natürlich kann man nicht alles mögen, was der Partner an sich hat, aber hier ist das stereotype Ideal des Perfekten gemeint. Entspricht es nicht oder nicht länger unseren perfekten Ansprüchen, geraten viele Menschen heutzutage ins Grübeln und wechseln ihre Partner nach Lust und Laune oder mahnen solange zur Änderung, bis die Beziehung unerträglich wird.

Liebe als Gefühl verbindet, statt zu trennen. Aber Angst vor Nähe (und übermenschlicher Perfektionismus ist ein Signal dafür) trennt per se. Wie soll man lieben oder sich lieben lassen, wenn man Liebe verbietet, sie als Bedrohung sieht, sich selbst weniger oder gar nicht liebt oder jemandem verbietet, einen zu lieben, sich lieben zu lassen?

Desweiteren ist die geforderte Perfektion des bindungsängstlichen Menschen ein Signal für seinen eigenen Schatten: Er weiß um seine mangelnde Perfektion, um seine Fehler und Macken und mutet sie sozusagen niemandem zu. Hinter diesem scheinbaren Gefallen steckt allerdings wiederum die Angst vor Trennung und Verlust. Stattdessen hört/spricht man häufig Sätze wie:

  • „Es hat nichts mit dir zu tun!“
  • „Lass uns Freunde bleiben.“
  • „Wenn du mich lieben würdest, dann würdest du xyz tun!“
  • „Ich habe dir von Anfang an gesagt, dass ich keine Beziehung will!“
  • „Ich bin nun einmal so.“
  • „Ich kann nicht aus meiner Haut.“
  • „Ich bin (noch) nicht bereit.“
  • „Ich habe gerade erst eine Trennung hinter mir.“

 

Zusammenfassend…

Ich denke nicht, dass Beziehungsangst ein emotionales Störungsbild im Sinne einer „Krankheit“ ist. Das hatte ich bereits im Teil 1 - Beziehungsangst und Merkmale von emotional nicht verfügbaren Menschen geschrieben.

Meist ist es unsere Angst, nicht gesehen zu werden, vergessen zu werden, nicht geliebt zu werden als Endinterpretation des eigenen „Ungeliebt-Gefühls“. Natürlich gibt es Menschen, die wirklich zu wenig lieben, einfach nur eine Beziehung „haben“, um eine zu haben und

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Angst ist „nur“ eine Schutzmaßnahme. Lieber Realismus lernen: Ja, es könnte schlecht laufen, aber es könnte auch gut laufen. Schritt 1: sich selbst eine neue Chance geben. Schritt 2: sich erlauben, dass das Gegenteil vom Angenommenen geschehen darf.

nicht allein zu sein. Es gibt auch Partner, die Liebe nicht zeigen können. Bei den oben genannten Klassikern finden wir jedoch eine Projektion der eigenen Schattenseiten auf den Partner: „Ich glaube insgeheim, ich wäre nicht gut genug und deshalb bist du es auch nicht.“

Wir sind mit dem Vergeben von Stempeln, die in „guten“ und „schlechten“ Töpfen einordnen sollen, heute zu schnell. Die Angst, die vor, in und nach Beziehungen vorhanden sein kann, die oben genannten Gründe, müssen nicht zwangsweise therapiert werden. Sie kann auch „nur“ ein Signal dafür sein, dass man noch nicht bereit ist oder sich schlichtweg keine tiefen romantischen Gefühle für eine Person einstellen. Unsere Interpretationstendenzen, herauszufinden, WIESO einem wieder jemand begegnet ist, der „der Falsche“ war, führen uns oft in eine innere Sackgasse. Doch diese Sackgasse zeigt in meinen Augen, dass die Arbeit an einem selbst beginnen muss.

Es ist die „Arbeit“ an den eigenen Gefühlen, die man lernen kann, auszuhalten. Auch, wenn jemand nicht (mehr) mit einem zusammen sein möchte. Niemand wird kommen und einen heil machen. Den Partner so sicher wie möglich zu haben, will jeder Mensch. Und jeder Mensch hat stückweise Angst davor, zu viel geben zu müssen oder verletzt oder gar verlassen zu werden. Fragen zur Reflexion wären:

  1. Ist der- oder diejenige tatsächlich so wie der Mensch, bei dem ich verletzt wurde?
  2. Hat die Person geäußert, dass sie exakt dasselbe (schmerzhafte Ziel) verfolgt? (z. B. nur eine Affäre will oder keine Kinder oder nicht zusammenziehen will oder viel Freiraum benötigt usw.)
  3. Woher kann man die 100 prozentige Sicherheit nehmen, wenn es so etwas überhaupt gibt?

In den meisten Fällen denken wir mehr als Schutzmaßnahme, als dass wir uns erlauben, dass das Gegenteil geschehen darf. Sich selbst eine neue Chance zu geben, wäre ein wunderbarer Anfang für etwas, was durchaus schön und beiderseitig zufriedenstellend sein könnte. Was man natürlich nur herausfinden kann, wenn man es versucht, sich traut, ohne gleich zu heiraten.

Janett

 

 

Weiterführende Links

Forum Beziehungsdoktor
Bindungsangst - Das Beziehungsforum
Psychic: Forum Partnerschaft & Liebe
Das Beraterteam Forum: Kostenloses Forum zu den Themen Beziehung, Ex-Partnerschaft und Singleleben

 

Video zum Thema „Lebendige Beziehungen“

Videotalk mit Andrea Lindau und Anne Heintze

 

 

 

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