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Wer kennt sie nicht? Jene Menschen, die meinen, sie seien das Gold der Welt und man müsse ihnen folgen und so sein wie sie: Narzissten. Wehe, man ist anders und hat eigene Bedürfnisse oder wagt es, diese durchzusetzen oder nur anzumerken. Ich persönlich finde es schwer, bei mir zu bleiben, wenn Menschen mit diesem erwähnten Gedankengut auch nur in meiner Nähe sind. Aber: Diese Menschen findet man im Beruf, in der Partnerschaft, in der Familie, im Freundeskreis. Sie sind zunehmend überall. Sie werden im Blogzeitalter auch gern Energievampire oder Energieräuber genannt. Sie hinterlassen geistige und seelische Erschöpfung sowie Zermürbtheit. Tipps, um mit Narzissmus zurechtzukommen, gibt es wenige.

Narzissten sind Gift pur für sensible oder ängstliche Seelen: Selbst stabile Menschen bekommen bei ihnen Angst

Für viele bedeutet der Umgang mit Narzissten nicht nur Angst, sondern auch Selbstzweifel und ständiger Kampf, es ihnen rechtmachen zu wollen/müssen. Denn es geht Egoisten (der Name sagt es bereits) und Narzissten um ihr Ego.

Doch es drängt sich die Frage auf: Wie kommt man zurecht, wenn man es mit Narzissten oder Energieräubern zu tun hat, aber sie nicht aus seinem Leben entfernen kann? Welche Tipps und Antworten liefert die Psychologie für den Umgang mit narzisstischen Personen?

Eine der wenigen Coping-Strategien (Strategien für einen Umgang mit ihnen), ist für mich der Blick hinter die Kulissen eines narzisstischen Menschen. Denn:

mein partner ist ein narzisstEs geht im Narzissmus um den Schutz des Egos, Selbstbilds, die Verletzungen und Glaubenssysteme der Narzissten. Ihnen geht es um ihre Identität, die sie mühselig aufgebaut haben und die sie mit allem verteidigen müssen: Sonst droht der Zusammenbruch. Eigene Lebendigkeit ist vollkommen abwesend. Sie nähren sich aus Spiegelbildern; sie identifizieren sich mit etwas oder jemandem, der ihnen einst gebot, das sein zu müssen.

Zur Abgrenzung: Es gibt die narzisstischen und toxischen Personen, die von dir erwarten, dass du sie wichtiger nimmst, als dich selbst und Opfer für sie erbringst, die nicht zu rechtfertigen sind. Sie strafen und tadeln dich, falls du das abwehrst. Und es gibt die sensiblen Personen, die dich machen lassen, dir vielleicht mal ihre Meinung zu etwas sagen, die dich loben und fördern würden, völlig gewaltfrei.

Um es mit den Worten von Peter Schellenbaum, einem renommierten Psychologen, zu sagen:

(Narziss ist eine Gestalt der Mythologie und gab dem Begriff Narzissmus seine Bedeutung.) Narziss‘ Lebensschoß verschließt sich aus Lebensangst. Auch narzisstische Menschen gehen auf der traumatischen Spur einer alten (emotionalen) Vergewaltigung. Früh zerstörte rücksichtsloses Eindringen fremder Übermacht ihre Lebendigkeit: Bezugspersonen, die das Kind überwältigten, statt es zu fördern. 

aus: Peter Schellenbaums Buch Nimm deine Couch und geh! Heilung mit Spontanritualen

Dieses Leid hat der Narzisst gelernt und er gibt es weiter: an dich und alle anderen. Narzisstische Personen suggerieren mit ihren Worten und Taten, dass du schlecht und falsch seiest, in allem, was du bist oder tust. Sie loben weder, noch zeigen sie ehrliche, offene und ernst gemeinte Gefühle. Sie fordern mehr, als sie geben. Wenn sie geben, dann meist nur mit Hintergedanken. Sie sind diejenigen, die häufig mit ihren Zielen andere übergehen und mitunter alles täten, um Eigensinnige oder Sensible in ihrer Kraft und ihrem Können zu unterdrücken und klein zu halten, gefügig zu machen und herrisch über sie zu walten.

Das alles staffieren sie mit folgenden Verhaltensweisen aus, die ihre machtersehnte Meinung über dich verstärken sollen, und deine eigenen, schon vorhandenen Selbstzweifel und Ängste schüren:

  1. hochnäsiger, exzentrischer und abfälliger Tonfall
  2. Lachen über deine Empfindungen oder dein Verhalten
  3. ablehnendes Verhalten bei gegensätzlichen Meinungen
  4. Hinter-deinem-Rücken-Gerede, um dich bei anderen schlecht zu machen
  5. falsche Freundlichkeit
  6. Drohungen mit Verlusten und Trennungen und weiteren schwerwiegenden Konsequenzen
  7. emotionale Gewalt durch Aussenden eiskalter Signale und Manipulation
  8. emotional „gewaltige“ Artikulation ihrer Emotionen (hohe Emotionalität und Aggression)

So kann es zum Beispiel im Beruf mit Konkurrenzdenken und sogar in Affären und Beziehungen, in denen „einer die Hosen anhat“ oder „den Ton angibt“, sein. Denn Narzissten erwarten und fordern Liebe, Respekt und Ansehen, ohne dass man den Grund dafür sehen könnte, ohne Rücksicht auf mögliche Verletzungen, Kränkungen oder andere Grenzen. Es zählen nur sie und ihre Ziele auf ihrem Weg. Aber sie selbst erkennen ihr Verhalten nicht.

Sie nehmen sich nicht nur ernster und wichtiger, im Vergleich zu anderen, sondern erlauben nur sich Fehler, aber würden andere dafür abmahnen. Sie zeigen sich gern, präsentieren sich und ihre Leistungen auf einem silbernen Teller, schmettern andere Ideen ab oder klauen sie gar, kennen nur ihre Grenzen und Freiheiten und wollen nur diese durchsetzen. Ein Handeln in ihrem Interesse ist alles, was sie bewegt. Andere Personen mit eigener (und anderer) Denk- und Handlungsweise sind ihnen schier unerträglich, suggeriert man damit doch, dass man sich ihnen weder anpasst, noch anpassen möchte, sie weder wichtiger nimmt als sich selbst, noch vorhat, sich selbst zu vergessen oder zu verbiegen.

Der Narzisst und seine Selbstwahrnehmung

Falls du dir nicht ganz sicher sein solltest, ob du einen waschechten Narzissten in deinem Umfeld hast, so sind hier klassische Verhaltenszeichen, die die Psychologie dem Narzissmus zuordnet:

  1. Die Gesellschaft narzisstischer Menschen ist in ihren Augen ein Geschenk. Wenn der Narzisst dich anhält, so zu sein, wie er dich haben will (er glaubt nämlich, seine Art sei richtig und möchte dich auch so richtig machen wie sich. Seine Richtigkeit steht außer Frage. Er kann nur als Mensch Anerkennung erfahren, wenn du ihm nicht widersprichst oder zuwiderhandelst.). Das Bild seines Selbst ist eben getränkt in Übergröße. Sein Bild lässt „kleinere“ Menschen nicht zu. Nur wer eine ähnliche innere Größe hat wie der Narzisst, darf in seiner Nähe sein. Nicht so zu sein, wie sie es sich wünschen, stellt ihre Bedürfnisse und Persönlichkeit infrage. Nur ein Handeln und Sein in ihrem Sinne lässt sie erkennen, dass sie richtig und gut sind, ergo liebenswürdig und der Größe, die sie in sich spüren (möchten), würdig.
  2. Wenn narzisstische Personen von dir erwarten, das zu tun, was sie wollen, was du tust (denn ihre Ziele und Antworten auf das Leben sind für sie lebenserhaltend. Jeder Bruch und jede Barriere ist ein Hindernis, mit dem sie nicht gerechnet haben.
  3. Ein Mensch im Zeichen des Narzissmus wird dich rügen, falls und wenn du es nicht so tust. Er wird dich zu Gehorsam oder Anpassung hin-biegen wollen, notfalls auch mit verbaler Gewalt. Diese Zeichen lassen auf narzisstische Persönlichkeiten schließen.
  4. Wenn narzisstische Personen  dir nichts zutrauen, sondern dich in deinem Wissen, in deinem Können, deinen Talenten, Stärken oder zwischenmenschlichen Kompetenzen einschränken und stumm schalten wollenBewunderungsmännchen
  5. Als Narzisst geben sie dir gern die Schuld für dein Anderssein, auch wenn dieses Anderssein eigentlich das Normale ist. Sie wollen dir weißmachen, du wärst so, wie du bist, nicht wunderbar, nicht liebenswürdig, nicht respektabel, nicht kompetent. (siehe Punkt 1) Es ist also ein klares Signal narzisstischer Persönlichkeiten, wenn sie dir erzählen, du wärest falsch bzw. müsstest dich (gefälligst) so verhalten, wie sie sich verhalten.
  6. Wenn Menschen dich klein halten, dich verstecken, sich in den Mittelpunkt stellen, immer im Vordergrund tanzen wollen, dir verbieten, dich zu zeigen und groß zu sein/zu werden, deutet das auf Narzissmus.

Erkennt man solche Verhaltensweisen, ist nicht nur Vorsicht geboten, sondern auch zu Rückzug geraten. Totaler Rückzug. Umdrehen der Mechanismen, sodass du dich wohlfühlst, so dass du deine Ziele und dein Wesen - treu dir selbst gegenüber - ausleben kannst.

Der Hintergrund: Die verlorene Identität von Egoisten und Narzissten

Stattdessen steckt hinter dem Bild ihres Selbst und ihren Verhaltensmustern ein ganz einfaches, ja beinahe billiges Prinzip und Ziel: Sie wollen bestätigt sehen, dass sie „richtig“ sind. Sie empfinden ihre Identität im engen Zusammenspiel mit „Dazugehören“ oder „Abgrenzen“. Sie fürchten Abweisung der Gesellschaft und haben ein starkes Gefälle in ihrer Eigenwahrnehmung und ihrem Fremdbild. Identifikation heißt ja zudem, dass man sich mit etwas oder jemandem „identifiziert“. Sie leben die Werte anderer aus, statt ihren eigenen. Sie lehnen fremdartige dementsprechend ab, denn diese stellen ja ihr Wertesystem und ihre Identität infrage. Für identitätsreiche Menschen ist deren Selbstbild also schlichtweg verzerrt. Wenn man sich das bewusst macht, fällt es einem gleich leichter, diese Menschen zu akzeptieren, sie auch in extremen Situationen zu lassen und sich trotzdem treu zu bleiben, statt ihre Worte und Handlungen auf sich zu beziehen. Hier geht es also nur um deren „falsch“ und deren „richtig“.

Daher ist es auch so schwierig bis aussichtslos, Narzissten in einer Therapie zu Verhaltensänderungen anzuhalten. Erstens finden die wenigstens zu einem Therapeuten, da sie gar nicht merken, was mit ihnen nicht stimmig ist. Gehen sie jedoch in Therapie, ist es zumeist ein langwieriger Prozess, Tipps des Psychologen auch umzusetzen. Denn Narzissmus berugt darauf, dass der Mensch bereits übertoll ist. In einer psychotherapeutischen Behandlung ginge es nämlich um die Ent-Täuschung seiner Wahrnehmung. Selbst im Sinne von Sigmund Freud, der sich stark in seiner Psychotherapie auf die Behandlung von Narzissten konzentrierte, war es ein langjähriges Unterfangen. Er prägte den Begriff des Narzissmus erstmals 1909, wobei er zwischen einem primären und sekundären Narzissmus unterschied. Die meisten Menschen, die heute mit dem Begriff Narzissmus in Verbindung gebracht werden, fallen in die zweite Kategorie. Dazu schrieb Freud, dass dieser Zustand häufig nach enttäuschter Liebe und einhergehenden Selbstwertkränkungen auftreten würde. Er stellt in seinen Augen jedoch ein „wichtiges und unverzichtbares Element in der Persönlichkeitsreifung“ dar. (vgl. Narzissmus nach Freud)

Für dich wichtig ist daher zu wissen, dass ihr Verhalten nur etwas über sie aussagt, nicht über dich. Sie nähren sich natürlich an deiner Wut und den Kränkungen, die sie verursachen. Sie provozieren so Gefühl. Wer es schafft, in jemandem Gefühle auszulösen, wird ernst genug genommen, und gesehen. Werden sie aber ignoriert, im- und explodieren sie meist, weil man ihnen so den Nährboden für die dringende Anerkennung und Annahme nimmt.



Glaube nicht blind, was andere über dich denken und andere Menschen dir erlauben. Glaube niemandem, der dich be-wert-et oder ent-wert-et. Niemand bestimmt über den Wert eines anderen Menschen. Du bist gut und ich bin gut. Du bist in Ordnung und ich auch. Aber es gibt Menschen, die erste Sahne darin sind, sich aufzuwerten, indem sie andere abwerten und ihnen Lebens- und Denkweisen diktieren.

Narzissten und EgoistenBewahre dir deine Identität und lasse nicht zu, dass jemand daherkommt und darüber bestimmt, wer du angeblich seiest. Sehe dich und erkenne dich - mit all deine dunklen und hellen - Seiten. Liebe dich selbst, auch wenn Menschen in deinem Umfeld dich als unliebenswürdig hinstellen möchten. Du bist liebenswert. Erkenne fremde Ängste, erkenne ihre eigene Angst, dass du sie nicht liebst, nicht ernst nimmst, nicht anerkennst. Sie tun das mit dir, was sie selbst in sich sehen und am meisten fürchten. Sie stülpen dir ihren Sack über den Kopf, um dich in ihre Situation zu heben, um sich weniger allein zu fühlen, um sich zu fühlen.

Ihre Identität ging irgendwann verloren. Irgendwann geschah etwas, was sie glauben ließ, dass sie nur wertvoll seien, wenn sie so oder so sind. Sie stellten das nicht infrage. Aber du kannst es infragestellen. Du kannst jederzeit für dich entscheiden, dass deine Identität die ist, die du selbst bestimmst. Du kannst dich abgrenzen und dem anschließen, was du für wertvoll erachtest; Umfelder, in denen du deine Werte wiedererkennst, statt fremde Werte simpel und ohne Reflexion zu übernehmen.

Menschen, die aber Mangel und Identitätsleere in sich haben, werden immer auf der Suche bleiben, nach dem, was sie als „richtig“ und „liebe-voll“ gelernt haben. Sich ihnen anzuschließen, es ihnen rechtzumachen, geht an deinem Ziel vorbei.

Jedem das Seine, sagt ein Spruch. In diesem Sinne: auch dem Narzissmus, der nichts mit dir zu tun hat, außer dass du dich ernster nehmen solltest. Dir geht es um deinen Sinn und deine Wahrheit.

Lebe sie, aus vollem Herzen und scheue keine Ablehnung mehr, sondern sieh Ablehnung und Abgrenzung als willkommene Einladung, deine eigene Identität zu erkennen, wiederzufinden und dich von fremden Werten zu entfernen, um deinen eigenen näher zu kommen.

Liebe Grüße,
Janett

Janett

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