In meiner Arbeit als Schreibtherapeutin mache ich mit den Teilnehmern gern eine Schreibmethode, die immer wieder erstaunliche Erkenntnisse hervorbringt. Sie ist ursprünglich von Chuck Spezzano, einem renommierten Psychologen. Sie zeigt sehr deutlich, dass völlig unbewusst, bei jedem ein bereits (fast) fertiges Drehbuch ihres Lebens, dessen sie sich nicht einmal klar waren, existiert. Sei es ein Märchen, ein Film, eine Comicfigur… Wir haben uns alle bereits auf eine Geschichte, eine heimliche Story festgelegt.

Das geheime Drehbuch deines Lebens: So findest du es

In deiner Kindheit gab es sicherlich Märchen, Geschichten, Filme, Sagen, Mythen oder Helden bzw. Heldinnen, mit denen du dich identifiziert hast. Vielleicht waren es Personen aus den Grimm’schen Märchen oder russischen Märchen, vielleicht begann deine Geschichte auch erst im Geschichtsunterricht in der Schule oder mit deinem ersten Lieblings(kinder)film. Auch wenn du dich in diesem Moment nicht daran erinnern kannst (was sehr wahrscheinlich ist, ist, dass du dich an eine andere, populäre oder liebreizende Geschichte erinnern würdest): girl-843076_1920Diese eine Geschichte schwirrt in deinem Kopf herum, schwimmt in deinen Blutbahnen, wohnt in deinem Bauch. Sie ist schon Teil von dir.

Als ich diese Methode zum ersten Mal an mir selbst probierte, dachte ich von vornherein, es müsse definitiv Theodor Stroms “Der kleine Häwelmann” sein. Das war die Geschichte, die ich verschlungen habe und noch heute in meinem Regal steht, genauso wie “Der Zauberer der Smaragdenstadt” von Wladimir Wolkov. Aber nein… (Ich schreibe euch später, was die Geschichte meines Lebens ist.) Es geht bei dieser Methode nämlich nicht um das, was bereits bewusst als Wissen vorhanden ist, sondern was unbewusst, beim Stellen der folgenden Frage, als Erstes in deinen Kopf schießt. Die Frage lautet:

“Wenn es ein Märchen, einen Mythos, einen Helden oder Heldin gäbe, eine historische Persönlichkeit oder eine Legende, die du in deinem Leben nachspielst, dann wäre es mit Sicherheit _________________?”

Nimm wirklich die erste Idee, die dir in den Kopf kommt. Es kann natürlich sein, dass dir mehrere Antworten in den Sinn kommen, aber die, die dich am stärksten anzieht, ist es.

Drehbuch gefunden – Was nun?

Wenn du deine Antwort gefunden hast, denke eine Weile über den Inhalt nach. Versuche dir noch einmal ins Bewusstsein zu holen, was genau in der Geschichte des Helden oder der Heldin, dem Märchen oder dem Mythos vorkam. Was passierte wann und wer war beteiligt? Wie war die Persönlichkeit des Helden/der Heldin? Ohne nachzulesen, nimm dir Papier und Stift und mach dir ein paar Notizen. Wenn du deine Erinnerungen über die Geschichte aufgeschrieben hast, recherchiere die Geschichte im Detail, falls nötig. Mache einen Abgleich mit der wahren Geschichte und deinen vorhandenen Gedanken dazu.goose-908291_1920

Bereits an dem Punkt müsste dir auffallen, dass es eine bestimmte Ähnlichkeit zwischen dir und dem Helden/der Heldin gibt. Diese Ähnlichkeit ist der Mythos, das Drehbuch deines Lebens, das du selbst unter dein Kopfkissen gelegt hast. In der Geschichte dürften sich starke Parallelen zu lebensnahen Themen widerspiegeln, zum Beispiel Geld, Liebe, Familienverhältnisse, Lebensweise usw. Aber auch charakterlich dürften sich Verbindungen zeigen, die sich zum Beispiel im Selbstwert oder Selbstbild äußern könnten.

Besonders, wenn Mythen wie Superman oder Spiderman gewählt wurden, zeigt sich deutlich, dass hier das normale, gehemmte und eingeschränkte Leben einen zweiten Wunschzweig schaffen will. Das, was man ist und das, was man sein möchte (zum Beispiel der starke, bewunderte und mythenumrankte Held) signalisiert ganz deutlich, in welche Richtung man sich entwickeln möchte/muss/soll – und wie lange das schon abgespeichert ist.

Der Hintergrund

Laut Spezzano hat jeder seinen eigenen Mythos, nach dem er lebt. Das können übernommene Werte aus der Familie sein, die sich dann im Widerspruch zum eigenen Wunschleben befinden, oder auch Traumata, die man als Kind erlebt hat. Wir kompensieren eine angebliche Schuld, das vermeintliche Versagen, den aus dem Erlebnis entstandenen Kummer, die tiefe Trauer mit unserem Mythos über unsere Heldin/unseren Helden. Die Rolle deiner Heldin/deines Helden soll beweisen, dass du gar nicht so schuldig, gar nicht so schlecht, gar nicht so klein oder unbedeutend oder fehlerhaft oder oder oder bist. Wir verteidigen uns damit; das Kind in uns ist davon überzeugt, dass die Geschichte stimmt und genauso ablaufen wird.

Das kann nur zu weiteren negativen Glaubenssätzen führen bzw. in die Richtung, in der wir pessimistisch an etwas festhalten, was mal vor Jahren, vielleicht in unserer frühesten Kindheit, war, und mit Sicherheit nur halb stimmte, wenn überhaupt. Wie ich in meinem Artikel Früher wie heute: Wie das innere Kind uns als Erwachsener lenkt schrieb, deuten wir als Kind alles von uns ausgehend und nehmen die Verzweigungen, die Stricke, das große Ganze, fremde Ursachen usw. nicht wahr. Wir denken, wir wären schuld oder hätten einen Fehler gemacht, weswegen jetzt… (Mama wütend ist, Papa weg ist, wir Stubenarrest haben, nicht mehr so geliebt würden). Halten wir an unserem inneren Drehbuch fest, so ignorieren wir dadurch umso mehr, als Erwachsener, dass wir das Potenzial und die Kraft haben, unsere Geschichte zu ändern. Am Anfang, in der Mitte, oder nur den Schluss.

In jedem Fall stellt deine Geschichte ein Schlüsselerlebnis dar, denn du lebst unbewusst danach, spielst die Handlung nach und lässt zu, dass dir die Geschehnisse in der Handlung eventuell jetzt im Weg stehen. Meist beeinflussen die Drehbücher unser momentanes Leben immens. Sie beruhen nämlich auf einer negativen Überzeugung, eine der vielen, die wir uns als Kind illusionistisch einverleibten. Was man gern dabei vergisst, ist: Was ist, wenn das nur eine Geschichte ist, die sich irgendwer ausgedacht hat, die überhaupt nicht wahr ist, sondern nur das Hirngespinst eines Autors? Was ist, wenn wir unsere eigene Geschichte schrieben oder die, die wir für wahr hielten, einfach umschrieben? Was wäre, wenn wir das Drehbuch unseres Lebens nähmen und es zerreißen würden?

Was Dir Dein Drehbuch über Dich verrät

Alle Handlungen, alle Charaktere in der Geschichte, repräsentieren (vielleicht) einen Teil deines Wesens, aber vielleicht auch nur deinen Schatten, deine eben nicht so goldigen Seiten, die jeder Mensch hat. Auch wenn es in deiner Geschichte um ein Opfer geht: In Geschichten und Märchen wird girl-925679_1920stark polarisiert, um die Gefühle zu transportieren. Jeglicher Tod, jede Krankheit, jedes Versagens ist ein Symbol oder eine Metapher für etwas. Zerreiß dein Drehbuch oder schreib es dir nach Herzenslust einfach um, damit es auch dir passt und befreie dich von negativen Glaubenssätzen, die sich in einer Geschichte oder einem Märchen wiederfinden. Du als eigene Person entscheidest, ob du der Held sein möchtest, der am Ende den Kampf (und vielleicht das hübsche Mädchen) gewinnst oder ob du das kleine, trauernde Mädchen bleiben möchtest, die von anderen schikaniert wird, um so von anderen (Lesern wie uns) Aufmerksamkeit und Mitgefühl zu bekommen, die dir seit _______________ so sehr fehlt.

Mein Mythos ist übrigens Aschenputtel. Den Teil mit dem traurigen Mädchen habe ich beendet und schnell ein viel schöneres, sauberes und durchsetzungsfähigeres Handlungsgeschehen geschrieben. Der Teil mit Schuh und dem Prinzen gefiel mir zwar gut, aber… Das Ding bei solchen verträumten Happy Ends, in dem jemand daherkommt und den wahren Wert, deine wahre innere und äußere Schönheit erkennt, und dich so liebt, wie du bist, ist leider genau das, was abgelegt werden muss. Du musst eben doch im Kleid zur Party gehen, auch wenn andere das nicht gern sehen, dir den Prinzen schnappen und gleichzeitig die dummen Hühner noch dümmer aussehen lassen.

Beispiel: Der Aschenputtel-Mythos – und was ich daraus lernte

In Aschenputtel geht es um ein Mädchen, dass durch Krankheit seine Mutter verlor und nur noch mit ihrem trauernden Vater zurückblieb. Dieser lernte irgendwann die baldige Stiefmutter kennen, die vorn herum nett und gut genug gewesen sein muss, sonst hätte der Vater sie ja nicht zu sich und Aschenputtel geholt (lässt man uns jedenfalls glauben). Hinten herum aber war sie kalt und unmenschlich, neidisch und eifersüchtig, innerlich hässlich und gemein. Sie brachte eben solche Töchter mit und hatte – erstaunlicherweise, weil der Vater in seiner Trauer und Kompensation wohl keine Meinung mehr dazu hatte – die Macht, seine einzige Tochter in alte, lumpige und dreckige Kleider zu stecken, sie schuften und neben dem Ofen schlafen zu lassen. Ohne, dass der Vater etwas dagegen unternahm.

Bis sie eines Nachts die Faxen dicke hatte und beim Klang der Worte “Prinz” und “Ball”, entgegen dem neidischen Geplapper ihre feindlichen “neuen” Familie, doch zum königlichen Ball ging. Sie wollte da Spaß haben, sich den Prinzen schnappen und aus ihrem Leben auszubrechen. Das wäre natürlich nie geglückt, wenn sie nicht hilfreiche und magische Freunde gehabt hätte, die ihr beim Linsenzählen und -sortieren halfen. Nur wegen dieser unsichtbaren, kleinen und gütigen Freunde konnte sie es schaffen, die Aufgaben zu lösen und mit Magie das schönste Mädchen im schönsten Kleid des Abends zu werden. Sie hatte so viel Leid ertragen und war ein so guter Mensch, dass wie von Zauberhand Hilfe herbeikam.

Vor allem aber bestach sie durch ihren eigenen Charakter. Das Äußere war ausschlaggebend, aber im Märchen erzählt es sich so, dass Aschenputtel, als die, von der man es nie geglaubt hätte, in der Position, in die man sie gezwungen hatte, im Endeffekt die sein würde, die sich mit eigener Kraft und Willen aus ihrer Situation “rettete”. Und noch dazu den Prinzen bekam: Endlich ein Mann, der sich um sie kümmert, bemüht und quer durchs Land fährt, um sie wiederzufinden. Der alle anderen Frauen, die sich  verstellen oder nur materiell denken oder innerlich hässlich sind, ignoriert und stattdessen Aschenputtels wahre Schönheit erkennt – und nur sie will. Ein nötiger Ersatz für ihren trauernden Vater, der wegen seiner eigenen Leere seine Tochter im Dreck schlafen lässt und sich eben null Komma null um sie kümmert. Sie war ja immerhin abhängig von Haus und Dach. Was hätte sie schon tun können? Bis sie die Rettung im Prinzen sah…

Offen gestanden glaube ich, dass Aschenputtel durch ihr eigenes Trauma ein ähnliches Schicksal mit dem Prinzen widerfahren würde (ginge das Märchen weiter).

Der Lerneffekt:

  • Niemand kommt und rettet dich.
  • Harte Arbeit braucht ein gutes Ziel.
  • Es wird immer “böse Stiefmütter” geben, die dir sonst etwas vom Himmel versprechen, um es dann nicht zu halten.
  • Es wird immer Neider und Eifersucht geben.
  • Wenn dich jemand ignoriert und damit verletzt, warte nicht auf einen Menschen, der es wieder gut macht.
  • Es gibt keine magischen Vögel. Du bist selbst dein Wunder oder du bist es nicht.
  • Tiere können alles für ein Menschenherz sein.
  • Ersatz ist Ersatz und ersetzt niemals das, was du “verloren” oder nicht bekommen hast.
  • Bleib dir selbst treu und glaube an dich, auch wenn andere es nicht tun.
  • Versuche immer, zu vergeben, so drastisch die Lage auch war.
  • Nimm dein Leben selbst in die Hand.
  • Sieh zu, dass du aus dem Dreck anderer Leute rauskommst.

Soviel zur psychologischen Interpretation des Märchens Aschenputtel.

Jeder Mythos hält so einen Berg an positiver, gewinnender Symbolik und Metaphorik bereit, der uns mit unserem Drehbuch dadurch auch anspornen kann, wenigstens einen Teil der Geschichte nachzuspielen, wenn auch nicht alles… Jeder hat sicher Leid erfahren und ertragen, hat keinen Weg gefunden, sich zu befreien und fühlt sich manchmal noch immer in dieser alten Opferrolle wieder, die in der Vergangenheit liegt und scheinbar noch nicht überwunden wurde.

Wichtig ist nur, in meinen Augen, dass man nicht vergisst, dass seine Geschichte eben nur eine Geschichte ist, die man umschreiben kann. Das kann man allein oder in Schreibtherapien – Schreiben als Selbsterfahrungsseminaren. Zum Beispiel online mit mir.

LG
Janett

Janett