Ich liebe Zeiten des Alleinseins. Am Wochenende mal nicht unterwegs zu sein, sondern mit einem guten Buch oder Film die Zeit zu verbringen. Ausspannen, entspannen, Frieden und Verbindung zu mir selbst spüren. Ist das unsozial? Nein. Nur introvertiert. Mich kümmert die Umwelt und ich liebe es, allein in der Natur zu sein, allein am Meer zu sitzen, allein spazieren zu gehen, am liebsten dort, wo niemand sonst ist. Um mit mir zusammen zu sein. Ich will dort keine Gesprächspartner. Bin ich deshalb ein Menschenhasser? Nein. Nur introvertiert. So ist das eben mit Introversion.

Ich habe mit Menschen nur ein Problem, wenn sie unnötig laut sind und mir im wahrsten Sinne des Wortes auf die Nerven gehen. Am liebsten sind mir leise Menschen. Deshalb lege ich mich auch nicht in überfüllte Berliner Parks, wo niemand so recht seinen Platz hat, wo man kaum mehr sein eigenes Wort versteht oder sich nicht ausruhen kann. Deshalb kann ich Flüge nicht leiden, weil meistens kreischende Personen mitfliegen. Ich brauche manchmal einfach Stille. Menschen, die unnötig laut sind, unnötig Aufmerksamkeit wollen oder sich um die Bedürfnisse anderer nicht so kümmern, sind in meinen Augen rücksichtslos. Unnormal? Nein. Nur introvertiert.

Ein Plädoyer für die Introversion, bestückt mit meinen Erfahrungen und Erkenntnissen. Vielleicht helfen sie auch dir!?

 

Introvertierte Menschen sind zwar anders, aber keineswegs schlechter als extravertierte

Introvertierte Menschen sind zwar anders, aber keineswegs schlechter als extravertierteViele extravertierte Menschen rollen über introvertierte Menschen die Augen. Nicht nur im Beruf, auch bei der Partnersuche, scheiden sich hier zumeist die Geister. Mittlerweile hat sich zwar der Begriff „ambivertiert“, also die Mischung aus beiden, etabliert. Aber das hat leider wenig an den Vorurteilen und Bewertungen geändert. Witzigerweise kommen die immer nur von den extravertierten Menschen.

  • „Sei nicht so sensibel.“
  • „Geh doch mal mehr unter Menschen.“
  • „Geh mehr raus.“
  • „Sei nicht so unsozial.“
  • Sei nicht dies, sei nicht jenes.

Ich habe mir in den letzten Monaten schon fast angewöhnt, zu ihnen zu sagen: „Sei nicht ständig unter Menschen.“ „Lerne doch mal, allein zu sein.“ „Schenke dir doch mal selbst die Aufmerksamkeit, die du dir wünschst.“ Aber ich werde komisch beäugt. Sie glauben noch immer, dass ich das gesellschaftliche Problem sei.

„Ich finde, dass meine Art richtig ist und du bist falsch, wenn du nicht so bist. Also ändere dich“, schreien sie innerlich.

Was sie aber nicht verstehen, ist, dass sich introvertierte Menschen nicht nur nicht ändern können. Ihre Gehirne sind anders strukturiert. Sie wollen sich auch in den meisten Fällen gar nicht anpassen. Sie sehen keinen Sinn darin.

Ich aus meiner Warte kann sagen, dass es schon einige Dinge gibt, die ich gern wollen würde, wenn ich sie nur könnte. Ich habe es einige Male ausprobiert, aber bin stets gescheitert. Ich würde gern mal auf ein Konzert in der Waldbühne, wo Tausende Menschen hineinpassen und mich null um die Energie anderer scheren, einfach weil ich sie gar nicht bemerke. Ich würde gern in der Oper ohne Ohropax sitzen, weil es mir nicht zu laut wäre, sondern je lauter, desto besser. Ich wäre gern völlig entspannt damit, wenn mein Nachbar hustet, 200 Flugzeuge am Tag über meinen Kopf hinwegrauschen, draußen die Anwohner grölen und in den Öffis eine Art Privattreffen stattfindet – immerhin weiß ich über einige Fahrgäste nach der Fahrt mehr als über meinen Nachbarn. Ich hätte am liebsten keine Probleme damit. Habe ich aber. Manchmal kann ich mich zwar ablenken und nicht hinhören, aber nur wenn ich gerade im Flow mit mir bin.

 

Introvertierte Sensitivität und Sensibilität

Leben mit extrovertierten und introvertierten Partnern

Die Angst vor Lautstärke (die übrigens, Achtung!, bei ALLEN Menschen angeboren ist), scheint bei introvertierten Menschen stärker ausgeprägt zu sein. Nicht zuletzt weisen sie eine erhöhte Sensitivität auf, was wir spätestens seit Elaine Arons Entdeckungen im Bereich der Hochsensibilität wissen und wissenschaftlich bewiesen anerkennen durften. Unsere Sinne sind schärfer. Das ist eine Wahnsinnssache, wenn man beruflich sinnlich (visuell, auditiv, haptisch, gustatorisch, olfaktorisch) unterwegs ist. Höhen und Frequenzen in der Musik nehmen wir ganz anders wahr. Wir können Tiefgänge in so manchem auch viel tiefer und intensiver wahrnehmen, wo sich andere nur wundern. Deshalb sind Großraumbüros oder ständig klingelnde oder piepsende Handys, Pings der E-Mailprogramme, grelles Licht, abartige Gerüche, die bestimmte Konsistenz eines Nahrungsmittels oder kratzende, zwickende und enge Kleidungsstücke nichts unseres.

Auch in der Sparte der psychischen und emotionalen Sensibilität haben wir andere Vorstellungen als extravierte. Als King Kong im gleichnamigen Film auf dem Empire State Building minutenlang von Flugzeugen beschossen wurde, habe ich zwei Taschentuchpackungen verheult. Wenn ich wütend bin, ist man lieber woanders. Wenn ich brülle, steht die Uhr nicht auf 5 vor 12, sondern auf halb 1. Wenn ich einmal Nein sage, heißt das klar Nein, nicht Vielleicht, nicht „Versuche mich noch weiter zu überzeugen. Ja, bitte! Geh mir auf den Keks!“ Essen, Parfums und Temperaturen können bei mir Wunder bewirken oder eines nötig machen. Freunde sind Familie. Stundenlange, gute Gespräche können Wochen voller Stress wegzaubern. Eine Umarmung oder ein „Wie geht es dir?“ hat eine Bedeutung. Und Sex ist weit mehr als „nur Sex“.

Nicht selten dachte ich, dass Introvertierte per se „komplex“ seien, auch wenn sie wenig oder weniger von sich preisgeben. Sie brauchen einfach ihre Zeit, um Vertrauen zu schöpfen und sich bei jemandem zurücklehnen zu können.

 

Introversion: Sinne und Emotionen in Verbundenheit

Wir haben zudem eine außergewöhnliche Neigung dazu, unsere Sinne mit den Emotionen in Einklang zu einer wahren Pracht zu bringen: Wir fühlen Farben, riechen Angst (oft modrig, schlammig), sehen anderen ihre geheimen Gedanken an der Nasenspitze an und wissen, wie die Jahreszeiten schmecken. In Gesprächen mit Konfliktnatur nehmen wir alles wahr und saugen es auf, speichern es ab und können es später mit unseren Gefühlen und Emotionen erneut in uns aufrufen, wie ein Buch, das wir wieder an einer bestimmten Seite aufschlagen.

Wir fallen oft erst zwei bis drei Tage später aus allen Wolken, weil unser Gehirn erst dann alles verarbeitet hat, bis hin zu kleinsten Notlügen und versteckten Gemeinheiten. Wir brauchen aber nicht aus Unfähigkeit länger; wir haben mehr Informationen aufgenommen und hatten deshalb mehr zu verarbeiten. Ausgeblendet wird bei uns gar nichts. Eine wunderbare Sache, wenn man sich in Gefilden befindet, die von Informationsverarbeitung, -aufarbeitung, Mustererkennung und -verbindung befindet. Wir sind eben die für das große Ganze, während extravertierte meist nur einen Teil bearbeiten. Wir sind – in den meisten Fällen – auch empathisch, wenn nicht sogar hochempathisch, was extravertierte Menschen selten sind. Wir stehen für Gegenseitigkeit, Ehrlichkeit, Freiraum, Individualität.

 

Das nicht so Schöne an der Introversion

Introvertierte Menschen sind oft hochsensibel und empathischAber natürlich gibt es auch Seiten, die wir deshalb weniger draufhaben: Unsere Ideen sind weniger schnell aufrufbar. In Brainstormings brillieren wir entweder nicht schnell genug, gar nicht oder aber sind total genervt, weil wir schon wissen, was zu tun wäre. Weil wir in manchen Dingen unser eigenes Tempo haben, können wir uns in Liebesdingen schnell überrannt fühlen. Extravertierte lassen sich schneller auf jemand Neues ein, wo wir noch darüber nachdenken, wie derjenige wohl diesen einen Satz gemeint haben könnte.

Wir stehen ungern im Mittelpunkt, was bei einigen bis hin zu Prüfungsangst, Redeangst oder Auftrittsangst geht. Wir sind kritischer in Hinblick auf unsere Leistungen, was uns zwar zu wandelnden SWOT-Analytikern (Stärken-Schwächen-Chancen-Risiken-Analysen) macht. Aber wir vertrauen uns oftmals nicht genug. Wir brauchen deshalb auch etwas länger, bis wir zu einer Entscheidung kommen. Besonders im emotionalen Bereich kann oftmals wie Misstrauen oder gar Misanthropie aussehen. In Wahrheit aber grooven unsere Gehirne noch, sind noch nicht fertig mit der Bearbeitung der Situation oder Herausforderung. An überfüllten oder lauten Plätzen findet man uns eher selten. Wir können mitunter Oberflächlichkeit ertragen – kurz. Aber am liebsten sind uns tiefsinnige, weil interessante Gespräche. Gute Small talker sind wir deshalb auch nicht von Beginn an.

Einige dieser Herausforderungen lassen sich antrainieren. Ich habe es ausprobiert. Andere wiederum – schon erwähnt – lassen sich nur ertragen lernen. Das funktioniert am besten, je weniger gestresst man ist. Außenumstände können besonders lästig werden, wenn Introvertierte in ihre Gedanken versunken sind, zum Beispiel arbeiten, schreiben, kreativ sind, sich bewusst entspannen wollen, ihren Gedanken freien Lauf lassen wollen. Jede Unterbrechung kann schnell an die Grenze zum Genervtsein schlagen. Mit Melancholie hat nichts zu tun. Wir empfinden eben alle Gefühle und Emotionen tief und schwimmen da auch gern einmal drin.

Mir fiel in meiner bisherigen Arbeit mit Menschen auf, dass gestresste Introvertierte noch sensitiver und sensibler reagieren auf ihnen leidige Umstände, wenn sie allgemein gerade gestresst waren oder bislang noch keine Möglichkeit hatten, sich wieder herunterzufahren.

Auf Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Treffen zum Beispiel brauchen sie bewusste Zwischendrin-Pausen, bevor sie sich wieder ins Getümmel werfen. Auch mit der neurologisch sinnvollen Frequenz von 90min je Arbeitseinheit, gefolgt von einer Minipause, kommen sie oft nur schwer zurecht. Je nach individueller Konstitution brauchen sie alle 30 oder 45, spätestens aber 60 Minuten eine Pause von mindestens 10-20 Minuten.

Eine noch leidigere Sache bei der Introversion ist, dass introvertierte Menschen es nicht so sehr mögen, zu warten. Sie sind es aufgrund ihres Lebensstils gewohnt, dass sie sich so wenig wie möglich externen Umständen und Menschen anpassen müssen. Bekommen sie also nicht wie üblich schnell Zugriff auf etwas, können sie leichter nervös und gestresst werden. Wenn es zum Beispiel alles, was ich zum Leben brauche, auch in den Berliner Spätis zum selben Preis gäbe, würde man mich nie wieder in einem Riesensupermarkt sehen. Aber zwischen Introvertierten gibt es auch „Niveaustufen“, also Ebenen der Intensität, wie ich erfahren durfte. Einige sehen Umstände, die ich so gar nicht abkam, entspannter als ich, während andere noch viel kritischer sind. In eine einzige Schublade passen wir also nicht.

 

Was Introvertierte noch wissen dürfen

Ich mag etwas extrem sein, wenn es um Anpassung geht. Dennoch habe ich für mich seit langer Zeit einen beiderseits guten Weg gefunden. Wenn zwei sich in ihrer -iertheit unterscheiden und partout keine Kompromisse finden, schadet es der Seele desjenigen, der sich „deshalb“ freiwillig ändert oder anpasst. Lieber Alles Gute wünschen und sich so sein lassen, wie man ist. Auch wenn es bedeutet, dass derjenige dann nicht Teil des Lebens ist oder du Teil seines Lebens, so ist es auf lange Sicht gesünder und wohltuender, weil vorprogrammierte Konflikte gar nicht erst entstehen konnten.

Auf der anderen Seite können Introvertierte einiges von Extravertierten lernen (umgekehrt auch). Begib dich deshalb lieber nicht so schnell in dieselbe Vorurteils- und Bewertungsschublade wie andere. Sondern beobachte, was dir am extravertierten Lebensstil zugute käme. Studiere die Menschen, die mit Bravur und Leichtigkeit etwas können, was du beneidest oder bräuchtest. Schau, ob dein Körper, Geist und deine Seele das willkommen heißt oder ob es sich, wie bei mir und der Lautstärke, um eine Duldungssache handelt. Frage bewusst deine extravertierten Freunde oder Familienmitgliedern, wie sie es machen. Gehe ihn auf den Nerv, bis sie es ausspucken. Oft machen sie es so intuitiv und unbewusst, dass sie nur schwer sagen können, wie sie es tun. Aber wenn man ihnen erklärt, wieso man das wissen möchte oder gar muss, dann öffnen sich viele schnell und gehen in sich.

Beide Seiten bewusst anzugleichen, macht einen zwar noch lange nicht ambivertiert. Denn das hieße in meinen Augen, dass beide inneren Tendenzen eigens als Impulse in dir auftauchen. Aber es ermöglicht auf jeden Fall eine Entwicklung deiner Persönlichkeit und deiner Kompetenzen im beruflichen und/oder sozialen Kontakt. Es bewusst auszubalancieren, bedeutet ja nicht zwingend, dass wir etwas vom Überwiegenden wegnehmen, sondern nur, dass man es ergänzt.

 

Wie man sich selbst als Introvertierter sieht, ist entscheidend

Gott weiß: Ich habe lange Jahre mit meiner Natur gekämpft und meine Introversion nicht selten zum Teufel jagen wollen. Ich wollte alles können, was andere konnten – der Anpassung wegen und um nicht aufzufallen, um alles das zu bekommen, was andere hatten, um immer Teil sein zu können statt allein. Aber ich merkte schnell, dass meine Introversion ihre Vorteile hatte, dass Exklusion und Alleinsein Gutes innehatte. Allein im Erleben und Erfahren des Lebens, innerer Weisheit, Achtsamkeit (wir können das eher) und menschlicher Gefühle, bergen einzelne, wenige Anker so viel Kraft, dass sie dich nähren und über einiges hinwegtragen können.

Nur wenn es sich um Angst, Scham und Schuld handelte, habe ich Schwierigkeiten, mich dort hineinfallen zu lassen. Aber zum Glück durfte ich lernen, dass auch Extravertierte ihre Probleme damit haben. Manchmal sogar mehr als die, die die Weiten ihres Bewusstseins nicht scheuen, sondern lieben. Wenn man sie denn lieben gelernt hat: Eine unbedingte Empfehlung für alle Introvertierten.

Leise Grüße,
Janett Menzel

 

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