“Erst heute
spüre ich die Liebe in mir
die ich so lange vermißt
ohne es zu wissen
erst heute
schau’ ich Dir in die Augen
halte Deinem Blick stand
ohne Angst
erst heute
kann ich “Papa” zu Dir sagen
denn früher warst Du
mir ganz fremd
erst heute (…)”

– Engelbert Schinkel

_________________________________________________

Donnerstag, 14. Mai 2015

Lieber Papa,

ich verwechsele häufig Männer, die ich kennenlerne, mit Dir, gebe ihnen Deine Rolle, Deine Verantwortung und tue so, als wären sie Du, als könnte ich den Schutz, die Zuwendung und Liebe, die ich von Dir gebraucht hätte, bei ihnen finden. Aber ich täusche mich jedes Mal bitter. Ich finde nur vor, was ich damals erlebte und treffe auf Männer, die von Frauen begleitet werden, welche, die meinen mir und dem Mann verbieten zu können, uns zu mögen, zu vermissen, beieinander zu sein. Obwohl meine Idee von Deiner Liebe zu mir vielleicht nur ein Hirngespinst ist… Ich weiß bis heute nicht, ob Du mich aus Frust und Trauer um die zerbrochene Beziehung zu meiner Mutter allein gelassen hast oder ob Du mich wirklich nicht lieben konntest.

In den letzten Jahren erlebte ich Dreiecks-Dauerschleifen unentwegt. Die immer gleichen Elemente. Ein Mann, ich, eine andere Frau. Drohende Entscheidungen. Entscheidungen gegen mich. Trotz tiefer Gefühle. Aus Angst vor Verantwortung. Heimlicher Nonkonformismus, aber offizielle Anpassung. Nichts mit Authentizität. Nur heimliche Wut. Schlechte Zukunftsperspektiven. Angst vor dem Alleinsein. Vergeltung. Es den Frauen rechtmachen, sich brav und vernünftig verhalten. Bloß nichts falsch machen. Lieber NEIN zu mir, als JA zu etwas Neuem, vielleicht Besserem. Angst, sich zu trauen. Angst, einfach zu leben. Immer Frauen, die entscheiden. So wie Mama sich gegen Dich entschied. Und Du Dich gegen mich, weil Dir keine andere Wahl blieb. Dir blieb nur Frust und Wut. Und ein ewiger Kampf gegen ihre Gefühle.

Seitdem durchforste ich die dunklen Ecken meines Geistes, meines Herzens, und stoße immer wieder auf sie: Frauen, die glauben, übermächtig zu sein, obwohl sie Angst vor Verlust haben, und auf Männer, die trotz ihrer Gefühle für mich fünf Schritte zurückgehen, ähnlich schwach sind. Als würden die Frauen über sie herrschen, obwohl statt Liebe nur Angst in der Luft liegt…vor Einsamkeit, Verlust, und Schuld.

Was ich mir von Dir gewünscht hätte: Dass Du zu mir hältst, obwohl Deine neue Frau das aus Angst ablehnte. Dass Du zu mir hältst, um mich kämpfst, obwohl Mama es nicht wollte, Dich für eine Bedrohung für mich hielt. Stattdessen hast Du mich einfach losgelassen, auf mich, Deine Tochter, verzichtet. Ich hätte Deine Liebe gebraucht. Ich hätte Dich gebraucht, gesund und angstfrei.

Aber ich weiß nicht, wie ich an Deiner Stelle reagiert hätte. Würde mich jemand verlassen, würde ich auch versuchen, mein Leben weiter zu leben. Ich würde auch einen neuen Partner ernster nehmen. Ich würde genauso eher meine Zukunft schützen wollen, als meine Vergangenheit, an der ich nichts mehr ändern kann. Trotzdem: Ich hätte Dich und Deine Zuwendung gebraucht. Du hast gefehlt. Der Platz in meinem Herzen ist noch immer frei.

Stattdessen blieb ich mit Mama allein. Mit ihr war ich einsam. Sie musste so viel arbeiten, um uns zu ernähren, dass sie nur selten zuhause war. Noch heute ertappe ich mich, wie früher schon, dass ich zuhause auf sie warte. Dass sie kommt, für mich da ist, mir Zuwendung schenkt, ihre Zeit, ihre Liebe. Aber heute kommt keiner mehr in meine Wohnung. Trotzdem warte ich noch immer. Auf sie. Auf Dich. Auf Eure Gefühlsverantwortung und dass Ihr endlich lernt, Frieden zu schließen. Dass Ihr lernt, zu teilen und zu vertrauen, trotz Eurem Schmerz, trotz Euren Fehlern, trotz Eurer Schwächen.

Es muss ein schönes Gefühl gewesen sein, zu sehen, dass Deine neue Partnerin in den schwierigen Situationen nach der Scheidung zu Dir stand. Diese ganzen Unterhaltsklagen! Aber für mich waren ihre Blicke tödlich. Noch eine Frau, die mich von Dir fernhalten wollte. Als hätte Mama nicht gereicht. Noch als Jugendliche fühlte sich das wie ein Verbot an! „Du darfst ihn nicht lieben! Du sollst ihn nicht wollen!“ schrien mir die Stimmen der Frauen entgegen. Heute weiß ich, dass sie Dich und sich vor mir und Mama beschützen wollte. Aber wie weh mir das alles tat. Und Dein Schweigen inmitten von allem!

Aber Mama brauchte das Geld für uns von Dir. Und ich? Ich war nur ein kleines Mädchen, das von Dir geliebt werden wollte. Und nichts verstand. Als Kind versteht man so etwas nicht. Aber ich kann Deine Wut und Deinen Ärger nachempfinden, und auch ihre Angst und ihren Ärger, weil ihre Beziehung in Gefahr war. Ich weiß heute, dass Du sauer auf mich gewesen bist, dass ich später zu Mama und ihren Ansichten hielt. Du musst wissen, dass ich nicht unterscheiden konnte. Ich hatte gelernt, Dich abzulehnen. Meine ganze Kindheit und Jugend über hatte ich gelernt, dass Du schlecht bist, keine Liebe in Dir trägst, und falls doch, dann nicht für mich. Du hattest auf mich verzichtet. Weil sie auf Dich verzichten wollte.

Ich hatte nur diese „eine“ Wahrheit, die ich erfühlen, ertasten konnte. Ich war so klein, kannte kein “richtig” oder “falsch”, wusste nichts vom Erwachsensein und Trennung. Wie hätte ich Dich verstehen können oder Urteile über Mamas Entscheidungen fällen können? Als Kind kann man das nicht. Als Kind ist man gut darin, Traumschlösser zu bauen und alles Böse, das geschieht, auf sich zu beziehen. Ich habe mir die Schuld gegeben. Und irgendwann nur noch Dir und ihr. Wäre meine Kindheit ein Märchen gewesen, wärst Du der Prinz, Deine neue Frau die böse Stiefmutter und meine Mama? Ihr fehlt noch immer die Rolle. Etwas Dunkles, Unbegreifliches. Das Märchen hätte so geendet: Die böse Stiefmutter wäre durch Deine Liebe zu mir besiegt worden, Mama hätte uns Steine in den Weg gelegt, aber sie hätte ihre Energie umsonst verschwendet, wäre nur eine Wächterin gewesen. Denn Liebe siegt immer. Und wenn wir nicht gestorben sind, würden wir noch heute Zeit füreinander haben. In meinem Märchen gibt es allerdings keinen Alkohol.

Ich habe mich zu Sucht informiert. Die Medizin sagt, dass Kinder von alkoholabhängigen Eltern ab dem Jugendalter eine enorm geringe Funktion der Amygdala haben. Das sind die Orte im Gehirn, an denen Ängste entstehen. Witzig in meinem Kontext. Ich bin Deine Tochter, Du Alkoholiker. Wäre ich bei Dir aufgewachsen, hätte ich heute keine Angststörung hinter mir. Stattdessen hätte ich andere Schwierigkeiten, vor denen ich mich beinahe mehr fürchte, als vor Angst und Panikattacken. Ich wäre vielleicht gänzlich beziehungsunfähig, würde mir jegliche Schuld an dysfunktionalen Beziehungen geben, würde Konflikte entweder vermeiden oder aber herbeirufen, aus dem unerbittlichen Drang, Dir zu gefallen und Deine Aufmerksamkeit zu bekommen. Ich wäre Deine Gefalltochter.

Zu 40 bis 60 Prozent könntest du mir Deine Sucht vererbt haben, was Mama mit dem Stillen eventuell wieder gut gemacht hat, meint die Wissenschaft. Bei mir besteht allerdings allein wegen Deinen Genen das Siebenfache des normalen Risikos, weil wir ersten Grades verwandt sind. Vielleicht würde ich sogar zu den 30 Prozent der Frauen gehören, die in eine Beziehung zu einem alkoholabhängigen Mann gehen. Ich hätte mich eventuell nie von Dir und unserer Familie lösen können, so wie es sich ab irgendeinem Zeitpunkt in meiner Persönlichkeitsentwicklung gehört hätte. Alkoholbeeinflusste Familien seien eben einer sehr starken Isolierung ausgesetzt, die auch nach der Jugend weiter anhalten können. Bei Dir aufzuwachsen, hätte mich laut einschlägiger Literatur ähnlich stark belastet, wie ohne Dich groß zu werden.

Egal, wie man es dreht oder wendet: Es läuft darauf hinaus, dass es ohne Dich besser gewesen zu sein schien. Und trotzdem war da diese unbeschreibliche Leere in mir. All die Jahre der Wut, in denen ich versucht habe, zu verstehen: Wieso ist er nicht da? Wieso wollte er mich nicht lieben? Wieso musste Alkohol einen wichtigeren Platz in seinem Leben spielen als ich? Wozu sollte ich Einsamkeit lernen? Wozu könnte ein kleines Kind diese Lektionen brauchen?

Es hat Jahrzehnte gedauert, bis ich die Zusammenhänge begriff: Dass ich statt Schwäche Stärke lernen sollte, statt angeblicher Einsamkeit das Ertragen von Alleinsein, statt Ärger und Wut über andere meine eigenen Schwächen erkennen sollte. Heute weiß ich, dass ich ohne Sucht und einem kaputten Vaterbild mehr werden konnte, als mit den Belastungen, mit denen ich konfrontiert gewesen wäre. Ja, jetzt verstehe ich! Ich bin heute nur deshalb die Frau, die ich bin, weil Du nicht da warst. Dank Deiner Abwesenheit konnte ich die Freiheit und Weite in mir lernen, statt sie mit Alleinsein und Langeweile zu verwechseln. Keine Pflicht oblag mir, außer der, erwachsener zu sein, als ich war, weniger Kind, dafür mehr Reife. Ich verrenne mich nicht mehr in Gefühle für Männer, die mir weniger zu geben haben, als ich. Ich verwechsele höchstens das Eine mit dem Anderem. Ich versuche nicht mehr, ihnen etwas rechtzumachen, nur in der Hoffnung, dafür etwas mehr geliebt zu werden. Weil Du weg warst, habe ich gelernt, dass ich mich an anderen nicht zu messen brauche. Ich verstehe jetzt, dass alle Mühe und harte Arbeit umsonst ist, wenn es um Anerkennung und Aufmerksamkeit geht: Wenn Dich jemand nicht will, nicht lieben kann, dann muss man ihm Glauben schenken.

Dank Deiner Abwesenheit ruhe ich heute sicherer in mir, als es mit Dir möglich gewesen wäre. Trennungen und Belastungen sind nur noch halb so dramatisch. Ich habe verstanden, wie wenig es nützt, Menschen zu überzeugen, mich zu lieben. Es ist nur ein tagtäglicher Kampf, den man im nächsten Moment verlieren könnte, ohne, dass man es merkt. Und dann das Brauchen!

Ich weiß jetzt, wie schlimm es ist, gebraucht zu werden. Diese Enge aufgrund all der fremden Erwartungen. Dass wir Menschen aneinander immer so viele Erwartungen stellen müssen! Statt uns zu lassen, statt zu erlauben, so zu sein, wie wir sind! Was Abhängigkeit mit einem machen kann, wenn man selbst Loslösung erreichen möchte. Für sich. Aber es gibt zu viele Menschen da draußen, die versuchen, ihr Loch im Inneren mit einem Partner oder etwas anderem zu füllen. Und wenn dann einmal etwas nicht so läuft, wie sie es wollen, heißt es gleich, jemand anderes sei schuldig an der eigenen Unvollkommenheit.

Doch dank Deiner Abwesenheit habe ich gelernt, dass man selbst dafür verantwortlich ist, sich gut zu fühlen. Entweder man kümmert sich selbst um sich und seine Zufriedenheit oder man bleibt im Zweifelsfall unzufrieden.

Was ich nicht alles von Dir gelernt habe, ganz ohne Lehrer…

In stiller Dankbarkeit,
Deine Tochter

______________________________

Du möchtest Deine Geschichte erzählen? Hast Du fiktive Briefe wie diesen oder Gedanken, die Du in die Welt schicken möchtest, weil sie raus wollen, weil sie raus sollen? Dann schick mir Deine Geschichte! Ich erzähle sie gern.

LG
Janett

Janett

 

 

 

 

Das könnte dich auch interessieren: