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Als ich nach Interviewpersonen für “Angst in Verbindung mit Hochsensibilität” in einer Facebookgruppe suchte, kam Katinka, eine selbstständige Praktikerin für die sogenannte Grinberg-Methode auf mich zu und stand mir später für ein Interview über diese alternative Methode, ihre Arbeit und den Bezug zu Angst zur Verfügung. 

Die Grinberg-Methode wurde in den frühen 80er Jahren vom israelischen Avi Grinberg entwickelt und ist ein alternatives Heilverfahren, eine Physiotherapie bei psychischen grinberg-methode gegen angst katinka prignitzProblemen, die sich im Körper manifestieren. Die Manifestation von Angst im Körper kennt wahrscheinlich jeder auf die eine oder andere Weise: Vielleicht sind es die quälenden Kopfschmerzen, die Magen-Darm-Schwierigkeiten, die schlappen oder auch schweren Beine. Oft sind auch die Nacken- und Schultermuskeln verspannt oder es treten grippale oder allergische Reaktionen auf. Bei wiederum anderen Menschen treten Atemprobleme oder Hautreizungen auf, vielleicht sogar Panik. Avi Grinberg ging davon aus, dass es Menschen an der Fähigkeit mangelt, ihre natürlichen Ressourcen zur Selbstheilung zu nutzen, um die negativen Einflüsse bestimmter Umstände, die ihre Lebensqualität einschränken, auszuräumen. Er beschrieb die Methode im Detail in seinem Buch “Fear, Pain and Some Other Friends” (1994). In einem Telefonat erzählte mir Katinka sehr viel über die befreiende Wirkung der Methode und wie sie Angst im Körper der Betroffenen lösen kann:

Janett: Hallo Katinka. Schön, dass du Zeit gefunden hast!

Du arbeitest als Heilpraktikerin u. a. mit der Grinberg-Methode gegen Angst. Was genau kann man sich darunter vorstellen?

Katinka: Die Grinberg Methode ist ein Aufmerksamkeitstraining, welches darauf abzielt, sich selbst ehrlich ins Gesicht zu schauen und die Masken der Scham darüber abzulegen, wer wir sind und was wir fühlen und wollen. Ich bringe meinen Klienten bei, durch Aufmerksamkeit auf ihren Körper zu merken, was sie vermeiden zu fühlen, und wo sie sich von Teilen ihrer selbst abschneiden. Das kann Angst, Schmerz, Ärger und Hass sein, aber auch positiv konnotierte Empfindungen wie Genuss, Neugierde, Aufregung, Liebe und das Bedürfnis nach Nähe sein, die sie gelernt haben, abzuspalten. Sie haben erlebt, dass sich durch den Ausdruck von diesen Gefühlen Situationen entwickelt haben, die zu noch mehr Scham und Überforderungsgefühlen führten.

Ich schaue sehr praktisch darauf, was der Mensch vor mir braucht, um das Selbstvertrauen wiederzufinden, sich ein Leben zu erschaffen, in dem alle Qualitäten und Kräfte zum Ausdruck kommen, sodass die Spirale aus automatischem Schmerz, Verwirrung, dem Gefühl der Ausgrenzung und Überforderung ein Ende nimmt.

Oftmals geht es darum, erlernte Verhaltensmuster wie z. B. Rückzug, automatische Scham-und Schuldgefühle zu identifizieren und zu stoppen. Dazu gehört als Erstes sie zu spüren; wie sie sich im Körper sowie im Leben als eine Limitierung der eigenen Kraft und Empfindsamkeit manifestieren.

Es geht darum verschüttete Kraftquellen wieder zu aktivieren. Eine dabei sehr wichtige Quelle ist die eigene Körperempfindung. Der Vorteil der Grinberg Methode ist, dass durch das neu erlernte, tiefere Körperbewusstsein, der Mensch lernen kann, in der potentiellen Unendlichkeit seines eigenen Empfindens das für ihn Reale wahrzunehmen und sein Leben auf seine Bedürfnisse hin auszurichten.

Janett: Du sprachst in unserem Telefonat von einer “Körperausdehnung”. Welchen wertvollen Nutzen bringt das für Angstbetroffene?

grinberg-methode gegen angst katinka prignitzKatinka: Schon früh geraten Menschen immer wieder in Zeiten großer Angst in einen Zustand der Überforderung, wodurch sie anfangen, sich zu verschließen und ihren persönlichen Umgang mit der Angst als Niederlage oder Versagen zu erleben. Diese alten Erfahrungen der Überforderung tragen sie schließlich als “Angst vor der Angst“- Reaktionen durch ihr Leben weiter. Begegnen diese Menschen im heutigen Leben Situationen des Unbekannten und des Neuen – wodurch neue, frische Angst geweckt wird – werden diese alten Erinnerungen des Versagens mit der Angst aktiviert und verschließen so den Zugang zu neuen, potentiell bereichernden und ihren Selbstwert steigernden Erfahrungen.

In bestimmten Abschnitten konzentriert sich der Grinbergsche Lernprozess daher auf “alte” im Körper gespeicherte Angst. Die Sitzungen werden dazu genutzt, die alte Angst im kontrollierten Raum der Grinberg-Sitzungen aktiv zu erkunden und die durch Überforderung gefangenen “Angstflüsse” (Angst ist eine Art Strom von Energie im Körper) freizusetzen. Dabei lernt der Klient, dass der Körper diese riesigen Mengen an Angst sehr wohl zu verarbeiten weiß. Der Klient befähigt sich, ehemalige, teilweise traumatische, Situationen der Überforderung zu verdauen. Hier wird auch die spezielle Qualität der Grinberg Methode sichtbar: Während unser Selbst (unser Kopf) den Eindruck entwickeln kann, an einer Situation nahezu “zu sterben vor Angst”, ist der Körper – wenn man ihn lässt – durchaus fähig, eine gewaltige Menge an Angst zu verarbeiten. Dieses Zulassen der Angst passiert in der Regel dadurch, dass man der Angst erlaubt, sich im Körper auszudehnen.

Was passiert auf körperlicher Ebene bei diesen “Angst vor der Angst”- Reaktionen?

Angst wird durch die oben beschriebenen Erfahrungen dadurch zu etwas, wogegen die Menschen versuchen sich zu schützen. Sie ziehen sich automatisch zusammen. Es gibt drei Grundmuster, auf Angst zu reagieren: Kämpfen, Flüchten oder Totstellen. Der Hochsensible Mensch beispielsweise tendiert zum Flüchten oder Totstellen. Im Körper drückt sich der eine, wie auch der andere Zustand, darin aus, dass wir uns klein machen und alles zusammen ziehen. Was wir eigentlich versuchen, ist das Gefühl von Angst in unserem Körper weniger deutlich zu spüren und es stattdessen lediglich aus dem Gefühl der Überforderung zu managen.

Das Vermeidungsverhalten führt zu einem realen Energieverlust im Körper, weil wir Energie investieren müssen, um uns zusammenzuziehen und zu halten. Am Ende fehlt genau diese Kraft, um das alt erlernte Gefühl von Überforderung zu überwinden und uns der Angst real zu stellen, dadurch neue Energie und Selbstvertrauen zu gewinnen. Ein Teufelskreislauf entsteht, aus dem es oft unmöglich scheint, auszubrechen.

In der praktischen Anwendung zeige ich, wie und wo Angst und Schmerz im Körper gehalten werden. Ich bringe meinen Klienten bei, wie sie diese individuelle Reaktion auf Angst körperlich halten und auch wie sie sie wieder loslassen können. Der Klient lernt durch eine bewusste Entscheidung, seinen Körper wieder zu spüren und ihn durch seine Aufmerksamkeit und verstärkte Atmung auszudehnen, sich der Angst wieder zu stellen und die darin gehaltene Energie wieder zurückzugewinnen.

Vor der Angst wegzulaufen, macht uns klein und hilflos. Sich mit ihr auszudehnen (und sich in gewissem Sinne mit ihr anzufreunden), gibt uns die Möglichkeit, die “Spirale der Angst vor der Angst” zu verlassen und neue Momente zu erleben, in denen wir zwar spüren, was uns Angst macht, uns aber nicht davon überfordert fühlen. Hier wird deutlich, dass das bewusste Ausdehnen mit Angst auch ein Ausdehnen im Leben bedeutet und ein essentieller Baustein auf dem Weg zu einem erfüllten Leben ist.

Janett: Wie viele Sitzungen benötigt man, damit man mit dieser Methode Ängste nachhaltig auflöst?

Katinka: Diese Frage ist schwer zu beantworten. Je nach Alter und Vorwissen des Klienten sowie der Schwere der Thematik können Lernprozesse zwischen wenigen Wochen bis zu mehreren Jahren dauern. Situationsbezogen können sehr schnell relevante Verbesserungen im Umgang mit Angst erreicht werden. Um jedoch nachhaltig der Thematik auf den Grund zu gehen und verschiedene Lebensbereiche zu berühren, ist eine größere zeitliche Investition nötig. Der Erfolg eines Lernprozesses hängt von der Bereitschaft des Klienten ab, wirkliche Veränderungen in seinem Leben vorzunehmen und mehr und mehr die Verantwortung für das eigene Wohlergehen zu übernehmen.

Janett: Welche positiven Erfahrungen konntest du in der Vergangenheit mit Hochsensibilität, die ja häufig auch Ängste mitzubringen scheint, machen?

Katinka: Ich habe in den sieben Jahren, in denen ich als Praktikerin arbeite, sehr berührende Prozesse mit hochsensiblen Personen erfolgreich abgeschlossen. Erfolgreich heißt in diesem Fall, dass Menschen zu mir kamen, die voller Selbstverachtung und Härte sich selbst gegenüber waren und die gelernt haben, liebevoll für sich Verantwortung zu übernehmen und ihre Schönheit und ihren eigenen Wert zu erkennen. Was ich besonders an der Arbeit mit hochsensiblen Menschen und respektive Menschen mit Ängsten schätze, ist die Bereitschaft, sich voll hinzugeben, sich selber ehrlich ins Gesicht zu schauen und alles für ein Leben voller Integrität und Intensität zu geben.

Janett: Was ist der Vorteil deiner Arbeit im Vergleich zu „normalen“, therapeutischen Verfahren?

Katinka: Der zentrale Ansatzpunkt der Grinberg-Methode ist, dass durch die Einbeziehung des Körpers die neuen Erkenntnisse und Erfahrungen nicht nur verstandesmäßig und damit abstrakt ablaufen, sondern direkt im Leben umgesetzt werden können. Anstatt Verhaltenskonzepte zu liefern, lernt der Klient auf der Basis seiner eigenen Wahrnehmung zu handeln. Für mich ist nach Jahren der Selbsterfahrung der Effekt jeder Sitzung immer noch eine Überraschung. Ich fühle mich jedes Mal wie ein Auto, was aus der Waschanlage kommt, bei dem die Scheiben wieder sauber sind und die Scheinwerfer hell leuchten, mit viel Lust, um Gas zu geben und das Leben voll zu erleben.

Janett: Gibt es etwas, das du den vielen Menschen, die in Deutschland Angst verspüren, mit auf ihren Weg geben willst?

Katinka: Ich denke, dass das größte Problem vieler Menschen ist, dass sie ein Leben ohne Angst fühlen wollen. Mein Rat ist: Die Angst als Freund und Energiequelle für sich lernen zu nutzen.

Janett: Danke für deine Zeit und die wertvollen Einsichten!

Dieses englischsprachige Video zeigt den Erfahrungsbericht eines Klienten, der über mehrere Sitzungen die Grinberg-Methode gegen Angst bei Katinka ausprobiert hat. 

Katinka Prignitz ist qualifizierte Heilpraktikerin, spezialisiert auf die Grinberg-Methode, und Gründerin des KörperRaumBerlin. Sie ist Mitglied im internationalen Berufsverband und arbeitet seit 2008 als selbstständige Praktikerin in Berlin.
Kontakt über www.koerperraumberlin.de