Wie jede andere Angst auch, ist die Kontrollangst nicht einheitlich definiert und tritt bei jedem Menschen in anderer Art und Weise auf. Dennoch kennen diese Angst unzählige Menschen. Meistens geht sie bei ihnen mit Panikattacken einher, welche die Angst weiter befeuern. Es folgen nicht selten Begleitängste, wie etwa Platzangst (Agoraphobie) oder Hypochondrie. Andere Ängste können außerdem die Ursache für die Angst vor dem Kontrollverlust sein. Das Ganze mag ein wenig verstrickt klingen, lässt sich aber recht einfach aufschlüsseln, um Betroffenen ihre Angst verständlicher zu machen.

 

Angst vor Kontrollverlust: Warum wir gerne die Kontrolle behalten

Vermeintliche Sicherheit

wieso wir Angst vor Kontrollverlust haben

Studien zeigen: Die Angst vor Kontrollverlust ist verbreiteter, als man glaubt. Photo: Ben White / Unsplash

Die Angst vor Kontrollverlust im Allgemeinen bzw. die Angst, die Kontrolle in bestimmten Situationen zu verlieren, ist verbreiteter, als man glauben mag. Laut einer Studie des Meinungs- und Wahlforschungsinstituts „Infratest dimap“, in der über 1000 deutsche Bürger im Jahr 2017 zu ihrem Sicherheitsgefühl im öffentlichen Raum befragt wurden, fühlte sich zwar die Mehrheit der Befragten sicher. Doch immerhin 23 Prozent fühlte sich eher unsicher oder sogar sehr unsicher. Würde man diese Studie mit der zehn- oder hundertfachen Menge an Befragten durchführen, käme man wohlmöglich zu prozentual ähnlichen Ergebnissen. Denn ein gewisser Drang nach Sicherheit ist ganz natürlich und gehört zu den Urinstinkten – schließlich möchte man sich selbst und (in gegebenem Fall) die Angehörigen vor Gefahren, Beeinträchtigungen und Risiken schützen.

Gerade im öffentlichen Raum – außerhalb der eigenen vier Wände, in denen alles genau so eingerichtet werden kann, dass es maximale Sicherheit verspricht – lässt sich nicht alles kontrollieren. Hier agieren meist unbekannte Menschen, deren Verhalten man nicht genau kennt, hier fahren schnelle Autos auf den Straßen, passieren Dinge, die sich nicht vorhersehen lassen. Das Sicherheitsgefühl ist geringer als das Zuhause. Die große Frage, die sich abseits davon aber zu stellen lohnt, lautet: Ist Sicherheit nicht immer eine Illusion?

Die Antwort lautet: Jein. Eine gewisse Sicherheit ist möglich und sinnvoll. Etwa, wenn es darum geht, ein Schloss an der Haustür zu haben oder vielleicht auch zwei. Denn somit ist man vor unfreiwilligen Besuchern besser geschützt und fühlt sich auch nachts sicherer. Problematisch wird es, wenn ein imaginäres Schloss vor allem gehängt wird, was einem lieb ist: vor dem eigenen körperlichen Wohl und dem der Familie, vor dem Bankkonto, vor der Freiheit – alles zugunsten der Sicherheit. Dann leiden letzten Endes Geist und Seele, vielleicht ohne, dass man es merkt, und es entwickeln sich „Störungen“, wie etwa die Angst vor dem Kontrollverlust. Alles muss kontrolliert werden, um sich eine vermeintlich permanente Sicherheit garantieren zu können.

 

Die Angst vor dem Unbekannten

Hinzu kommt eine wahrgenommene Sicherheit, die mit der Gewohnheit zusammenhängt. Wer sich in täglichen Abläufen und Strukturen befindet, die funktionieren, fühlt sich in ihnen schnell wohl. In Deutschland funktionieren verschiedenste Abläufe extrem gut. Die berüchtigte deutsche Bürokratie hat den Vorteil, dass das Meiste so läuft, wie es laufen soll. Der Nachteil, der sich dadurch ergibt: Läuft es einmal nicht, wie vorgesehen, bricht oft Panik aus. Plötzlich muss aus dem Gewohnten, Sicherheitsgebenden ausgebrochen werden. Die „Comfort Zone“, die Komfortzone, muss verlassen werden und, wie der Name schon sagt, der Komfort geht verloren. Es ist allerdings oft nur der Komfort der Bequemlichkeit und damit nicht zuletzt auch der Komfort der Müdigkeit.

Kurzum: Das Ungewohnte, Unbekannte und Neue macht vielen, wenn nicht sogar allen, Menschen Angst. Es „passt“ nicht in Erwartungen hinein, die an die Alltäglichkeit gestellt werden. Es gefährdet das Bekannte und die Sicherheit. Diese Denkweise und die Dynamik, die sich daraus ergeben, sind aber in der Regel viel schlimmer als jegliche Gefahren, die das Unbekannte mit sich bringt. Denn die Angst vor dem Unbekannten kann letztlich bei vielen Menschen auch der Auslöser für weitere Denkweisen sein, sei es ein besonderer Lebensstil, Vorlieben, politische Überzeugungen und mehr.

 

Warum Kontrollverlust nicht schlecht sein muss

Das Bedürfnis nach Ekstase

Die Angst vor Kontrollverlust steht gegen den Instinkt, sie loszulassen

Ein natürliches Bedürfnis nach Kontrollverlust und Ekstase ist im Menschen angelegt. fotolia.de © Anja Götz

Nicht nur ist ein stetes Bedürfnis nach Sicherheit, Gewohnheit und Kontrolle ungesund, wenn sie Auswirkungen auf das Verhalten der Betroffenen haben. Sie sind zudem unnatürlich. Denn der Mensch hat ein angeborenes Bedürfnis nach Ekstase, nach Rausch und Kontrollverlust. Nicht grundlos suchen beispielsweise viele Menschen am Wochenende einen Ausgleich zu Studium oder Arbeit, indem sie extreme Sportarten betreiben oder sich in Technoclubs in tranceartige Zustände tanzen oder Drogen konsumieren, die grenzüberschreitende Rauscherfahrungen hervorrufen  – all dies geschieht, um den Alltag zu vergessen, das Sicherheitsgefühl loszulassen und einfach zu „sein“. Dieses einfache Sein ist wohl eine der größten Sehnsüchte, die mit Ekstase und Rausch verbunden ist: die Sehnsucht, „aus sich herauszutreten“, sich einfach gehen zu lassen, alle Zwänge abzugeben. Denn eine stabile Umgebung, die unter bestimmten Regeln funktioniert ist wichtig; manchmal braucht der Mensch, um gesund zu bleiben, aber auch das Gegenteil.

Dass dazu nicht etwa Drogen konsumiert werden müssen, sollte klar sein. Rausch- und Ekstasezustände, aber auch eine geistige Leere, in der das Bewusstsein ruht und Platz für die angstfreie Aufnahme neuer Eindrücke im Geist geschaffen werden kann, sind auch anders zu erreichen. Beispielsweise durch Tanzen oder Musik, Skifahren in naturbelassenen Gebieten, Meditation, Yoga, Extremsportarten oder auch durch sexuelle Abenteuer: All diese Dinge setzen im Körper natürliche Stoffe, darunter Endorphine, Adrenalin oder Endocannabinoide, frei und sorgen für intensives Erleben, Glückszustände und Erholung. Der Mensch muss jedoch, um das Bedürfnis nach ekstatischen Zuständen, geistiger Leere und Co. zu befriedigen, manchmal erst lernen, loszulassen und die Kontrolle freiwillig abzugeben.

 

Die Kontrolle gezielt abgeben

Es gibt viele Situationen, bei denen jeder, wenn er ehrlich zu sich selbst ist, zugeben würde, dass es sinnvoll wäre, die Kontrolle abzugeben. Wichtig ist bei allem, sich vorher glaubhaft zu verdeutlichen, dass es sich bei allem, was dabei passiert, eben nicht um einen Kontrollverlust, sondern um eine Abgabe der Kontrolle handelt. Auf diese Weise kann auch trainiert werden, in ungeplanten Situationen ruhig zu bleiben und die Kontrolle mit Neugier auf das Kommende abzugeben. Dann ist Angst keine überrollende Lawine mehr, sondern pure Aufregung vor einem schönen, neuen Abenteuer.

Drei Beispiele, die wir alle kennen:

1. Die Liebe

Wer schon einmal Hals über Kopf verliebt war, weiß, dass es sich dabei um ein Gefühl handelt, das sich im Grunde kaum kontrollieren lässt. Wir meinen zwar, uns aussuchen zu können, in wen wir uns verlieben. Meistens aber erwischt es uns einfach so und wir haben keine Wahl. Aus irgendeinem Grund wollen wir plötzlich mit diesem Menschen Zeit verbringen, körperliche Nähe teilen, Dinge unternehmen. Wer seinem eigenen Glück und der Befriedigung seines Bedürfnisses nach Verbundenheit, Zärtlichkeit und Nähe nicht im Weg stehen will, muss hier loslassen können.

Wo das den meisten Menschen beim Verlieben und Lieben noch gelingt, taucht bei vielen die Angst vor Kontrollverlust bei körperlicher Nähe und Sex auf. Doch auch die schönste Nebensache der Welt funktioniert nur, wenn dabei der Kopf nicht ständig arbeitet. Dann beginnt man, sich kontraproduktive Fragen zu stellen: Sehe ich gut genug aus? Findet der andere meinen Körper nicht komisch? Ist das nicht seltsam, was wir hier gerade machen? Was, wenn… und so weiter. Wer den Moment genießen will, muss die Kontrolle abgeben und schauen, was passiert.

 

2. Das Spiel

Auch Spiel funktioniert in vielen Fällen nur, wenn die Kontrolle ein Stück weit abgegeben wird. Man denke etwa an die abstrakte Malerei, die ebenfalls ein Spiel mit Farben auf einem Untergrund ist. Viele berühmte Bilder, wie etwa die Bilder Jackson Pollocks, sind durch zufälliges Tropfen der Farbe auf die Leinwand entstanden. Sie haben Kunstgeschichte geschrieben. Hätte Pollock es nicht geschafft, die Kontrolle über seine Arbeit an den Zufall abzugeben, er wäre vermutlich nie erfolgreich gewesen.

Beim Glücksspiel ist es ebenfalls so, dass ein zu starker Kontrollzwang u. a. zu einem ungesunden Spielverhalten führen kann – bis hin zur Sucht. Aber auch nicht suchtgefährdete Menschen, die das Spiel und sein Ergebnis übermäßig steuern wollen, stören durch den Kontrollzwang das Ergebnis des Spiels. So hat etwa das Automatenspiel einen Reiz auf viele Menschen, eben weil es nicht völlig kontrolliert werden kann. Hier macht die Hoffnung auf einen Gewinn, durch die Zufallsanordnung der Walzen und die gleichzeitige Angst, den Einsatz zu verlieren, sogar den Reiz des Spiels aus. Wer denkt, er könne durch Kontrolle und Spielstrategien sein Spiel verbessern, obwohl er nur teilweise Einfluss auf das Spielgeschehen hat, wird kaum Spaß am Spiel haben. Ob am Pokertisch, beim Mau Mau, Skat oder 17 gewinnt: Die Wahrscheinlichkeit, dass bestimmte Karten auf den Tisch kommen, lässt sich zwar berechnen, wie sich die anderen Spieler verhalten, jedoch nicht. Nur wer die Kontrolle abgibt und sich auf den Zufall des Spielverlaufs einlässt, kann Freude daran haben.

 

3. Prüfungen

Ob es sich um das Abitur, die Zwischenprüfungen in der Uni, die Verteidigung der Dissertation, Bewerbungsgespräche oder Vorträge und Präsentationen vor den Kollegen handelt: Besonders in Prüfungssituationen empfinden immer mehr Menschen eine erhöhte Angst vor dem Verlust der Kontrolle über die eigenen Leistungen und die Anerkennung durch Andere. Beides ist wertebezogen und regelt so unsere Motivationen. Was wir erwarten, zu erhalten (= Werte), gepaart mit der Wahrscheinlichkeit, es zu bekommen, zum Beispiel im Ansehen vor anderen zu steigen oder uns selbst unseren Wert zu beweisen, steht oft in direkter Verbindung mit aufkommender Angst. Das wiederum führt zu Blackouts, Angstzuständen, körperlichen Symptomen wie plötzliche Krankheitserscheinungen oder Magen-Darm-Problemen. Es belastet uns, weil durch die Angst vor dem Verlust und Misserfolg Stress ausgelöst wird. Stresshormone fluten durch den Körper. Geben wir ihm nicht die Möglichkeit, sie wieder zu senken, sondern erleben die Angst und den Stress über längere Zeit, kann der Verlust sogar manifest werden, zum Beispiel in Form von Panikattacken.

 

Wenn Kontrollverlust zu Panikattacken führt

Oftmals ist der Kontrollverlust an sich nicht der eigentliche Punkt, vor dem viele Menschen Angst haben. Ist die Kontrolle verloren, muss sich jedoch neu orientiert werden:

  • Was mache ich jetzt?
  • Ist es schlimm, dass die Kontrolle nicht mehr da ist?
  • Kann ich mich an jemanden wenden, der mir hilft, die Kontrolle zurück zu bekommen?
  • Muss sie überhaupt zurückerlangt werden?

Wer einmal mit diesen Fragen konfrontiert wurde und erfahren hat, dass sie in Situationen des Kontrollverlusts teilweise alle auf einmal und innerhalb unkontrollierbar schneller Zeit auf einen einprasseln, der entwickelt vielleicht eine Furcht davor. Denn nicht alle (und vielleicht sogar keine) der Fragen lassen sich sofort beantworten. Die Kontrolle kommt also nicht immer sofort zurück.

Das kann Panik auslösen und selbst bei einmaligem Erleben zu einer Angststörung führen. Nicht selten bezieht sich die Angst bei Betroffenen dann auf diverse Situationen. So kann eine Angst davor entstehen, bei einem Kontrollverlust nicht nur die Kontrolle über das aktuelle Geschehen und das Bewusstsein über das, was gleich passiert, zu verlieren, sondern auch über das eigene Verhalten. Man hat  Angst davor, sich selbst oder andere zu verletzen oder etwa anzuschreien, verrückt zu werden oder Ähnliches. Das wiederum kann die Angst mit sich bringen, sich in große Menschenmengen, auf öffentliche Plätze oder in öffentliche Verkehrsmittel zu begeben (Agoraphobie). All diese Ängste als Konsequenzen und negative Folgen der Angst vor dem Kontrollverlust können verhindert werden, indem trainiert wird, diese Angst abzulegen oder sie zumindest anzunehmen.

 

Mit der Angst umgehen lernen oder sie überwinden

Angst vor Kontrollverlust überwinden

Wer sich nicht mehr nur auf das Kontrollieren konzentriert und sich der Angst stellt, erfährt sicher etwas Spannendes und Neues. fotolia.de © Jacob Lund

Der erste Schritt auf dem Weg zum Umgang mit der Angst vor Kontrollverlust sollte, wie in vorigen Abschnitten deutlich geworden sein sollte, die Akzeptanz dessen sein, dass nicht alles kontrolliert werden kann. So seltsam es klingen mag: Rein theoretisch kann jederzeit ein Meteorit, der aus dem All angeflogen kommt, das eigene Haus zertrümmern. Die Chance ist extrem gering, aber sie besteht. Kontrolliert werden kann dieses Risiko nicht – es besteht jederzeit. Ähnliche Ereignisse können – natürlich in abgeschwächter Form, ohne vergleichbar dramatische Ausmaße – einem im Alltag begegnen. Wer ein gesundes, ausgeglichenes und freies Leben führen möchte, kann lernen, die Kontrolle abzugeben. Insbesondere, wenn er das Haus verlässt und wenn er sich entspannen, Spaß haben oder lieben will.

Die Abgabe der Kontrolle kann also gelernt werden – gerade, wenn traumatische Erfahrungen zu einer Angst vor Verlust geführt haben. Eine Verinnerlichung der Tatsache, dass die Einstellung die Gefühle bestimmt und dass es nicht die Umstände sind, markiert zudem den gesunden Umgang mit Angst. Letztlich kann es helfen, sich vorzunehmen, die Bewertung des Kontrollverlusts umzudrehen: Wer nicht mehr immer alles kontrollieren muss und akzeptiert, dass sich viele Dinge dem Einflussbereich entziehen, muss nicht mehr auf bestimmte Dinge achten, sie beobachten, studieren. Dadurch ergibt sich die Freiheit, sich auf Anderes konzentrieren zu können, Neues zu entdecken, Rausch zu erleben und die Kontrolllosigkeit sogar genießen zu können.

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Dieser Artikel entstand in Kooperation mit dem externen Redakteur Niko Fohr.